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Arbeiten dürfen, können, wollen und das jeweilige Gegenteil Auf diesem Gebiet scheint es einige Missverständnisse zu geben. Versuchen wir, sie zu beseitigen. Es beginnt schon mit dem Begriff Leistungsgesellschaft. Von bestimmten Kräften unserer Gesellschaft wird er auf zweierlei Art verwendet: Zum einen dient er als Begründung für überhöhte Einkommen, zum anderen soll er für viele Arbeitnehmer Drohung und Beruhigung zugleich sein. Als Beruhigungsmittel weist die Leistungsgesellschaft die nach mehr sozialer Gerechtigkeit verlangenden Arbeitskräfte auf ihre angeblich gute Lage hin. Doch das Drohmittel folgt sofort, denn die gute Lage könnte sich sehr schnell verschlechtern, wenn die Leistungsgesellschaft auch die Arbeit der einfachen Arbeitskräfte konsequent bestimmen würde. Menschen mit hohen Einkommen werden nicht müde, zu betonen, dass ihr Einkommen von ihrer großen Leistung abhänge. Überdies suchen sie nach Zustimmung für ihre Behauptung, eine Gesellschaft müsse auf Leistung Wert legen, denn ohne Leistung sei die Gesellschaft dem Untergang geweiht. Dagegen stehen die Arbeitskräfte mit geringen und sehr kleinen Einkommen. Sie sehen in der Leistungsgesellschaft die Ursache für ihre bescheidene oder sogar schlechte Lage. Lüften wir das Geheimnis um die Leistungsgesellschaft: Wie ich in meinem Buch Ein Weg in die Leistungsgesellschaft mit mehr Gerechtigkeit Der Begriff Leistungsgesellschaft besagt, dass es sich um eine Gesellschaft handelt, in der Leistung der entscheidende Faktor bei der Besetzung eines Arbeitsplatzes und bei der Gehaltsfindung ist. Doch die Realität sieht anders aus. Beim Einkommen und bei Beförderungen spielt Leistung im günstigsten Fall eine untergeordnete Rolle. Um einem Missverständnis vorzubeugen, sei ausdrücklich festgestellt, dass wir die Leistungsgesellschaft tatsächlich brauchen. Je mehr die einzelne Arbeitskraft leistet, desto besser geht es der Gesellschaft. In meinem bereits erwähnten Buch gehe ich davon aus, dass jeder berufstätig ist, es sei denn, er zählt zu den Ausnahmegruppen: Er ist noch zu jung oder schon zu alt, er nimmt mit Erfolg an einer Bildungsmaßnahme teil oder er ist krank. Inzwischen deutet sich allerdings eine Entwicklung an, die manche in Schrecken versetzt und andere hoffen lässt. Erkennen können wir bereits, dass in unserem Land immer weniger Arbeitskräfte benötigt werden. Maschinen oder Arbeitskräfte im Ausland übernehmen mehr und mehr die Arbeit. Schätzungen gehen davon aus, dass in wenigen Jahrzehnten nur noch zwanzig bis maximal vierzig Prozent der Arbeitskräfte tatsächlich erforderlich sind – oder anders gesagt, die Zahl der Erwerbslosen steigt auf sechzig bis achtzig Prozent. Bisher werden Arbeitskräfte entlassen, was die Kosten der Unternehmen senkt. Die Sozialkassen wie Arbeitslosenversicherung müssen einspringen. Noch einmal zum Mitschreiben: Die Unternehmen streichen Gewinne ein, und die Allgemeinheit übernimmt die Zahlung. Gewinne werden also noch immer privatisiert, und Verluste werden weiterhin der Allgemeinheit aufgebürdet. Das funktioniert noch bei relativ wenigen Erwerbslosen, aber nicht mehr bei sechzig bis achtzig Prozent. Spätestens dann müssen sich die Unternehmen am Unterhalt der Erwerbslosen beteiligen, das Geld ist ja da. Nun gibt es Überlegungen, die auf dem verbleibenden Bedarf an Arbeitskräften aufbauen. Wenn nur noch vierzig oder gar zwanzig Prozent der Arbeitskräfte erforderlich sind, dann könnte man durchaus einen Schritt weitergehen und es jeder Arbeitskraft selbst überlassen, ob sie arbeiten will oder nicht. Das Vorurteil, Angestellte wollten gar nicht arbeiten, hält sich noch immer. Natürlich gibt es Menschen, die nicht arbeiten wollen, aber es gibt auch sehr viele, die sogar gern und viel arbeiten. Die Freude an der Arbeit hängt nach meiner Beobachtung davon ab, wie nahe jemand seiner Lieblingstätigkeit kommt. Wir werden in Zukunft, sofern die Prognosen stimmen, wohl damit rechnen müssen, dass es als eine besondere Vergünstigung ist, arbeiten zu dürfen. Wolf-Gero Bajohr Verwandte Seiten:
Veröffentlicht: 24. Dezember 2009
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Autor Wolf-Gero
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Kommentare
Wolf-Gero sagte:
am 30.12.2009Der fehlende Bezug der Politiker und Manager zum realen Leben scheint tatsächlich ein grundsätzliches Problem zu sein. Das Verrückte daran ist, dass mancher dieser Etablierten während des Studiums auf dem Niveau eines Fließbandarbeiters gearbeitet hat und deshalb um die Realität wissen sollte. Doch kaum ist er die Erfolgsleiter ein paar Stufen gestiegen, vergisst er, wie es unter war.
War nicht die Kulturrevolution von Mao der Versuch, die Etablierten auf den Boden der Realität zurückzuholen? – Doch der Versuch scheiterte letztlich.
Ich fürchte, die Mittel müssen drastischer ausfallen. Empfindlich sind alle beim Geld. Doch einem Manager ein Monatseinkommen zu nehmen, lässt ihn doch ziemlich kalt, denn deswegen braucht er noch nicht unter den Brücken zu schlafen, weil nämlich seine Reserven hoch genug sind, um den aus seiner Sicht geringen Verlust auszugleichen. Jeder, der mit einem Vermögen im Hintergrund einen Ausflug in die "Unterwelt" macht, weiß, dass er wieder auf seinen Platz zurückkehrt. Erst dann, wenn er tatsächlich ohne Hoffnung auf eine Rückkehr in die "Oberwelt" unter den Bedingungen eines Hartz-IV-Empfängers leben muss, beginnt das reale Leben.
Viele Grüße
Wolf-Gero
Hans sagte:
am 29.12.2009Wolf-Gero sagte:
am 24.12.2009Die Politiker sitzen zwar nicht nur am grünen Tisch, aber an dem Leben, das die Subspezies "Volk" leben darf oder muss, nehmen sie im Grunde nicht mehr teil.
Viele Grüße
Wolf-Gero
Hilf_Dir_Selbst sagte:
am 24.12.2009