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Selbstständigkeit

Arbeiten in England

Ein Erfahrungsbericht über das Arbeiten als Selbständiger in England. Unter der Berücksichtigung einiger formalen Sachen, ist es leicht in Grossbritannien als Kleinunternehmer zu starten.

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1. Kleinunternehmer

Nicht nur Grossunternehmen, wie Tesco, John Lewis oder Sainsbury existieren in der UK, sondern auch jede Menge kleine Unternehmen.

Damit sind Kleinunternehmen wie Taxifahrer, Fensterputzer und Gärtner gemeint. Aber auch Menschen, die ihr Hobby zum Beruf gemacht haben.

Ein Kleines Mini-Unternehmen davon war ich. Und über diese Erfahrung möchte ich hier gerne berichten.

Während meiner Zeit in England war ich für kurze Zeit selbstständig. Auch wenn es sich nicht zu einem super profitablen Unternehmen entwickelt hat, habe ich jede Menge gelernt, tolle Menschen getroffen und möchte die Zeit auf keinen Fall missen.

Hinzu kam, dass ich finanziell abgesichert war und somit keinen Existenzdruck hatte.

Kurz zu meiner Tätigkeit:
Selbst hergestellte Sachen werden in England als "Craft" bezeichnet. Dabei kann es sich um aufwendiges Kunsthandwerk, aber auch um selbst gebastelte Karten oder Schmuck handeln.
Um mich zu beschäftigen, habe ich zu Hause ein paar Töpfe, Holztabletts etc. mit Servietten beklebt. Als mir der Platz ausging, habe ich an einem "Spring Faire" teilgenommen, wo mir die Sachen regelrecht aus den Händen gerissen worden sind.
So habe ich herausgefunden, das Serviettentechnik bei den Engländern zwar nicht bekannt ist, aber sehr gut ankommt.
Damit hat alles angefangen. Ich bin mit meinen Töpfen auf verschiedene Veranstaltungen und Märkte gegangen und habe sie dort verkauft.
Und nach einiger Zeit bekam ich sogar die Gelegenheit selbstgemachten deutschen Kuchen auf dem Country Markt zu verkaufen.

1.1 Gründung eines Unternehmens

Anmelden bei den Behörden

Um keinen Ärger mit dem Finanzamt zu bekommen, habe ich mein Hobby als Business angemeldet. Dafür waren folgende Schritte notwendig.

National Insurance Number
Als erstes habe ich mich beim Jobcenter für eine NIN beworben. Ohne Probleme habe ich relativ schnell meine National Insurance Number erhalten.

Meldung beim Finanzamt
Auch die Meldung beim Finanzamt war formlos und unkompliziert.

National Insurance Contribution (Sozialabgaben)
Durch die Meldung beim Finanzamt war ich automatisch für die NIC gemeldet. Vierteljährlich wurde ein Betrag von ca. £ 30 ( £ 2,50 / Woche) fällig, der mir eine Berechtigung auf die staatliche Rente, NHS (Krankenversicherung) und Arbeitslosengeld gab. Auch wenn die Sozialabgaben in England sehr gering erscheinen, muss man bedenken, dass die staatliche Rente und das Arbeitslosengeld genauso gering ausfallen!

Food Hycienic Certificate
Um Kuchen an die Öffentlichkeit zu verkaufen brauchte ich ein Food Hycienic Certificate. Der 1-tägige Kurs hat damals £ 13 (ca. 15 Euro) gekostet. Dieses Zertifikat ist 4 Jahre gültig bevor es erneuert werden muss.

Haftpflicht
Ausserdem habe ich freiwillig noch eine Art Haftpflicht ( ca. £ 100 / Jahr.) abgeschlossen. Gedeckt waren damit Unfälle, die durch meinen Stand (z.B. jemand fällt darüber!) verursacht werden oder eventuelle Lebensmittelvergiftungen - verursacht durch den Verzehr meines Kuchens.

1.2 Der Verkauf

In England gibt es sehr viele "Craft Fairs", Summer Festivals, Schulfeste (Sommer + Christmas) und andere Veranstaltungen, die von Organisationen, Kommunen, Schulen oder Privatpersonen organisiert werden. Diese Events sind optimal, um Ware zu verkaufen, da die Standmieten recht gering sind. Event im Milestone Museum / Basingstoke

Hier ein kurzes Beispiel, wie so ein Event abläuft:

Etwa eine Stunde vor Beginn wird der Veranstaltungsort für die Aussteller geöffnet, damit der Stand und die Verkaufsware aufgebaut werden kann.

Während des Aufbaus wird (typisch englisch) meistens eine Tasse Tee oder eine Tasse Instant Coffee gereicht.

 

Event im Milestones Museum / Basingstoke

Häufig gibt es auf diesen Fairs eine Verlosung, wo man spannende Sachen wie z.B. eine Dose Cola, einen Schokoriegel oder ähnliches gewinnen kann.

Um die Verlosung etwas attraktiver zu machen, werden oft die Aussteller gebeten einen Artikel zu spenden. Das macht auch jeder, da es sich ja um höfliche Engländer handelt.

Wenn nicht genug Lose an die Besucher verkauft worden sind, werden die restlichen Lose wiederum den Ausstellern zum Verkauf angeboten. Und die höflichen Engländer haben somit die Chance ihre gespendeten Sachen wieder zurück zu gewinnen :-).

Wird eine Veranstaltung gut besucht, wie Schulfeste, Christmas Fairs, spiegelt sich das im Umsatz wieder. Aber es kommt auch schon mal vor, dass die Besucherzahlen sehr gering sind und die Teilnahme sich finanziell nicht gelohnt hat.

Hauptsaisons der Veranstaltungen sind die Vorweihnachtszeit und der Sommer.

1.3 Country Market

Parallel zu meinen Craft Business, war ich Mitglied des "Country Markets" in Hartley Wintney. Country Markets gibt es in ganz England, Wales und auf den Kanalinseln. Aber jeder einzelne ist für sich selbstständig. 

Jeden Freitag vormittag von 10.00 - 11.00 Uhr wurde in der Village Hall (Dorfgemeinschaftshaus) in Hartley Wintney selbsthergestellte Erzeugnisse, wie Kuchen, Marmelade, Chutneys und Meatpies, aber auch Produkte aus dem Garten wie Gemüse, Obst und Pflanzen verkauft. Und natürlich "Craft" - Artikel, wie selbstgemachte Karten, Strickwaren und meine Serviettentechnik.

Klingt alles sehr old fashion - und das war es auch, aber unheimlich liebenswert.

Am Anfang habe ich dort nur meine Blumentöpfe angeboten. Doch dann wurde ich gefragt, ob ich auch Lust habe Kuchen zu backen. Also habe ich auch deutschen Kuchen, wie Donauwelle, Bienenstich, Sachertorte und Marmorkuchen verkauft.

Es muss dazu gesagt werden, dass der Country Market nicht mit einem deutschen Wochenmarkt zu vergleichen ist, wo jeder seinen eigenen Stand hat. Bei dem C.M. gibt es nur einen Kuchenstand, einen Marmeladenstand usw. Die Verkäufer, meistens Hausfrauen, der Ware stehen zusammen an einem Stand und helfen beim Aufbauen, Verkaufen und Abbauen. Der Country Market ist eine Gemeinschaft, die sich gegenseitig unterstützt und zusammen arbeitet. Da liegt die Vermutung nahe, dass die Einnahmen alle in einen Topf wandern. Das ist aber nicht der Fall. Jeder Hersteller erhält, abzgl. einer kleinen Provision, seinen Erlös.

Die Freitage habe ich immer sehr genossen. Die Mitglieder des Country Market und auch die Kunden haben mich herzlich aufgenommen. Wenn sich der erste Kundenansturm gelegt hatte, wurde die obligatorische Tasse Tee getrunken und über Gott und die Welt geredet.
Wer etwas über englische Traditionen und Bräuche lernen will, sollte auf jeden Fall einen Country Market besuchen.

1.3.1 Hartley Wintney / Hampshire

1.4 Fazit

Sicherlich hat jeder schon einmal daran gedacht, ein Geschäft oder ein Café zu eröffnen oder mit dem Hobby seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Wer das tatsächlich durchgeführt und erfolgreich geschafft hat, dem kann man nur gratulieren.

Gerade die Sache, die ich ausgewählt hatte, war nicht mehr als ein bezahltes Hobby. Grosser Zeitaufwand, viel Arbeit - minimale Gewinnspanne.
Trotzdem bin sehr dankbar, dass ich die Erfahrungen machen durfte und die Frage

"Kann ich mit meinem Hobby / Leidenschaft tatsächlich meinen Unterhalt verdienen?" klar beantworten kann.

Mein persönlicher Eindruck ist, dass es in Grossbritannien einfacher ist, sich selbstständig zu machen.
In Deutschland erschien es mir komplizierter und aufwendiger, aber anderseits gibt es finanziell mehr Unterstützung, wie z.B. den Gründungszuschuss. Eine gute Recherche bzgl. Fördergelder kann viel Geld sparen.

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Kommentare

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Simon
(Online)
Simon sagte:
am 24.07.2010
Hi Sonja,
vielen Dank für Deine persönlichen Erfahrungen. Momentan zieht es mich zwar - insbesondere wegen dem vielen Regen - nicht sehr nach England, aber die Selbständigkeit ist trotzdem sehr verlockend und da bin ich über solche Berichte immer dankbar :) Schön zu hören, dass Selbständigkeit in anderen Ländern durchaus machbar scheint - Eine Option, die ich im Hinterkopf behalten werde.

Ich drücke dir die Daumen, dass doch noch etwas mehr daraus wird als ein "bezahltes Hobby" :)

VG Simon


UrsulaOrtmann
(Online)
UrsulaOrtmann sagte:
am 24.07.2010
Hallo Sonja, da hast Du leider recht, in Deutschland sind die Formalitäten zu aufwendig und umständlich, das erschwert das Selbstständigmachen. Dein Bericht gibt einen guten Einblick in die Gepflogenheiten in anderen Ländern, in diesem Fall England. Dafür **** Stars.
LG
Ursula


Veröffentlicht: 24. Juli 2010
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