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Feigheit vor dem Freund

3 Bewertungen   |   Seitenrang: 95 / 100

Feigheit vor dem Freund

Feigheit vor dem Feind ist eine Sprachschöpfung des Militärs. Eine praktische Bedeutung kommt ihr im Grunde nur in Kriegszeiten zu; dennoch ist sie uns sehr vertraut. Ungebräuchlich ist hingegen eine entsprechende Wendung für eine andere Form der Feigheit, nämlich die gegenüber einem Freund. Obwohl sie nicht auf Kriegszeiten beschränkt ist, sondern zu allen Zeiten beobachtet werden kann, spricht im Allgemeinen niemand von der Feigheit vor dem Freund. Auch wir würden es nicht tun, wenn sie nicht dem einen oder anderen als willkommene Entschuldigung dafür diente, von notwendigem Kritisieren abzusehen.

Alles zu kritisieren, was wir für unvereinbar mit den moralischen Vorgaben unseres Gewissens halten, das ist die aus unserer Verantwortlichkeit abzuleitende Forderung. Sie unterscheidet nicht danach, ob die kritikwürdige Handlung einem Feind, einem Freund oder uns selbst anzulasten ist. Als verantwortungsbewusste Menschen können wir daher nicht umhin, uns ernsthaft zu bemühen, die überwiegend verkannte Feigheit vor dem Freund zu überwinden. Ein anerkennenswerter Schritt wäre es, würden wir uns vergegenwärtigen, dass das Böse die Kraft zum Überleben keineswegs allein von den Menschen bezieht, die wir selbst für böse halten, sondern auch von denen, die unsere Sympathie genießen.

Mutet es uns nicht seltsam und beängstigend zugleich an, wie leicht es in Kriegszeiten vielen fällt, grausamste Exzesse der eigenen Seite zu übersehen, wenn nicht sogar zu entschuldigen, während jeder Übergriff der Gegenseite zu einem empörten Aufschrei fanatisierter Massen führt? Muss sich nicht jeder fragen, warum das Vergewaltigen von Frauen oder das Hinschlachten von Kindern, selbst von Säuglingen, nur dann Verbrechen genannt werden, wenn sie der Gegenseite anzulasten sind, und weshalb entsprechende Untaten der eigenen Seite häufig geleugnet oder sogar als vermeintlich gerechte Vergeltung angesehen werden?

Die Gelegenheiten, sein eigentlich kritisches Gewissen wegen Feigheit vor dem Freund schweigen zu lassen, reichen von den Fällen, in denen grausamste Verbrechen der Freunde verteidigt werden, bis zu unauffälligen Entgleisungen. Die realen Fälle von Feigheit vor dem Freund liegen zum größten Teil irgendwo zwischen diesen Extremen. Aus Freundschaft nimmt es jemand unwidersprochen hin, dass sein beamteter und vor Arbeitslosigkeit geschützter Freund den Unterschied zwischen arbeitslos und arbeitsscheu leugnet. Unter den Arbeitslosen finden wir zweifellos auch Arbeitsscheue, sie gibt es jedoch unter den Beschäftigten ebenfalls, wie jeder, der nur lange genug berufstätig ist, bestätigen kann. Oder betrachten wir unseren freundlichen Nachbarn. Er bezieht sich auf einen von Ausländern verübten Wohnungseinbruch und informiert uns mit warnender Stimme darüber, dass die Kriminalitätsrate bei Ausländern erheblich höher sei als bei unseren Landsleuten. Sein sympathisch lächelndes Gesicht hält uns davon ab, darauf hinzuweisen, dass sein Vergleich bereits im Ansatz unsinnig ist. Gerade bei Eigentumsdelikten spielt die finanzielle Lage der Täter eine gewichtige Rolle. Folglich setzt eine fundierte Aussage mindestens voraus, dass wir die Gruppe, zu der die ausländischen Straftäter gehören, einer deutschen Gruppe gegenüberstellen, die in vergleichbaren materiellen Verhältnissen lebt?

Schließlich sollten wir noch unbedingt eine alte Tante erwähnen, die als junge Frau zwar Hitler zujubelte, heute aber, Jahrzehnte später, nicht einmal mehr den Anblick demonstrierender Arbeiter erträgt und daher angewidert vom Abschaum[1] der Menschheit spricht. Diese Metapher gehört zu den sehr oft missverstandenen Redewendungen. Der typische Arbeiter ist nicht unbedingt vornehm gekleidet, erst recht trägt er keinen Anzug italienischer Modedesigner. Trotzdem dürfen wir ihn nicht zum Abschaum rechnen, erfüllt er doch eine sehr wichtige Voraussetzung nicht: Er schwimmt nicht oben, wie wir es vom üblichen Schaum und auch vom Abschaum kennen. Anders als erfolgreiche Manager aus der Wirtschaft oder Politik, die trotz oder vielleicht sogar wegen ihres moralisch verwerflichen Verhaltens häufig oben anzutreffen sind, werden Arbeiter im Allgemeinen nur weit unten in der sozialen Hierarchie gefunden, also keineswegs dort, wo der Abschaum ist. Wir lassen es zu, dass die erwähnte Tante so manchen wirklich fleißigen Arbeiter allein seines Äußeren wegen als Abschaum diskriminiert, aber zugleich moralisch fragwürdige Erfolgsmenschen mit hohem Ansehen bedenkt. Es ist hier allerdings nicht nur die Feigheit vor dem Freund, die uns vom Kritisieren abhält, sondern auch Resignation. Zwar ist die Chance, die Ansicht eines alten oder uralten Menschen noch zu ändern, nicht allzu groß, aber wir können vielleicht durch unsere Kritik wenigstens verhindern, dass die alte Dame ihr Gift an andere weiterreicht.

Wie in einem späteren Abschnitt noch zu vertiefen sein wird, erweist sich im Zusammenhang mit der Feigheit vor dem Freund als besonders verhängnisvoll das, was wir im Allgemeinen unter dem Begriff Korpsgeist verstehen: Elitäres Standesbewusstsein und falsch verstandene Kameradschaft führen dazu, dass fehlerhaftes Verhalten von Kollegen verschleiert wird. Als verhängnisvoll bezeichnen wir es deshalb, weil es gerade solche Berufe betrifft, die auf den besonderen Vertrauensvorschuss der Öffentlichkeit angewiesen sind, und dazu zählen neben allen medizinischen Tätigkeiten die Berufe bei der Polizei, der Justiz und dem Strafvollzug. Dem mitunter als übermäßig stark empfundenen Zwang zum Zusammenhalten ausgesetzt, nimmt es der einzelne Angehörige einer solchen Berufsgruppe lieber hin, dass der gesamte Berufsstand in Misskredit gerät, als dass er sich gegen einen Kollegen ausspricht. Mag er dessen Verfehlung auch aus tiefstem Herzen verabscheuen, so wagt er dennoch nur sehr selten, dazu beizutragen, den Schuldigen aus den eigenen Reihen zu entfernen; denn die Gefahr erscheint ihm viel zu groß, dass am Ende er selbst der Ausgestoßene ist.

Der Feigheit vor dem Freund verdanken es nicht zuletzt all die vielen Vorurteile, dass sie nur schwer auszuräumen sind. Jeder kennt irgendwelche netten Menschen, die er aus echter Zuneigung oder auch nur aus reiner Höflichkeit gar nicht oder nicht in ausreichendem Maß zu kritisieren wagt. Nach und nach entsteht auf diese Weise ein unübersehbares Beziehungsgeflecht aus lauter sympathischen Menschen, die ihre Vorurteile ungehindert verbreiten können.

Wolf-Gero BajohrWolf-Gero Bajohr

 


[1] Abschaum: der übelste, minderwertigste Teil von einer Gesamtheit (gewöhnlich von Menschen)
     (Quelle: Duden Das große Wörterbuch der deutschen Sprache Band 1, Mannheim 1976)

 

 

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Kommentare

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Wolf-Gero sagte:
am 27.01.2010
Hallo crazytiger!

>>Ich weiss ehrlich nicht ob man diese Hoffnung nicht Dummheit nennen sollte, <<
Also Dummheit würde ich es auf keinen Fall nennen, es sind der Glaube an das Gute im Menschen und die Hoffnung, einen dieser Menschen zu treffen, die tatsächlich das Gute in sich tragen.
Hoffen ist in Ordnung, aber dort, wo größerer Schaden entstehen kann, sollte man die Vorsicht vielleicht nicht völlig vergessen.

Liebe Grüße
Wolf-Gero


crazytiger
(Online)
crazytiger sagte:
am 27.01.2010
>>Ich fürchte, dass du noch viel zu gut von den Menschen denkst<< Da könntest du schon recht haben! Obwohl ich eigentlich - nach dem was ich schon erlebt habe - klüger sein sollte und keinem mehr vertrauen sollte. Aber ich denke mir halt immer wieder: Vielleicht diesmal ein ehrlicher Mensch...! Ich weiss ehrlich nicht ob man diese Hoffnung nicht Dummheit nennen sollte, aber wenn ich nicht mehr hoffen kann auch ehrliche Menschen zu finden, was soll ich dann noch mit anderen Menschen reden?
Vielleicht muss man nur oft genug einen Versuch starten. Wenn einer von 10000 vielleicht doch mal ehrlicher wird, ist es auch ein Anfang, oder?!
Liebe Grüße


Wolf-Gero sagte:
am 26.01.2010
Hallo crazytiger!

>>Vielleicht wäre ein Anfang, wenn jeder mal daran denken würde ob er lieber angelogen wird oder die Wahrheit hört - also ob er dem Gehörten vertrauen oder misstrauen soll und kann. Vielleicht kommt dann etwas mehr Wahrheit ans Licht. <<

Ich fürchte, dass du noch viel zu gut von den Menschen denkst. Wenn sie wählen könnten, würden sie sich lieber anlügen lassen - was sie dem anderen ohnehin unterstellen -. Werden sie angelogen, haben sie noch weniger Skrupel, auch andere anzulügen. Überdies sind leider viel zu viele gar nicht an der Wahrheit interessiert, sie bedienen sich lieber ihrer Vorurteile. Frage mich nicht, wie oft ich eigentlich schon vor Wut hätte platzen müssen, wenn ich nicht so ein friedlicher Mensch wäre. Du erkennst, dass jemand ein Vorurteil wie eine Kostbarkeit hütet und nicht einmal wissen will, wie es sich tatsächlich verhält. Um dem dann noch die Spitze aufzusetzen, wirst du zum Lügner erklärt, weil du etwas behauptest, was von dem Vorurteil abweicht.
Nein, einfach haben wir es wahrlich nicht mit den Menschen. Noch schlimmer sieht es allerdings aus der nichtmenschlichen Perspektive aus, aus der Sicht der Tiere und Pflanzen.

Liebe Grüße
Wolf-Gero


crazytiger
(Online)
crazytiger sagte:
am 26.01.2010
Du hast den Nagel mal wieder auf den Kopf getroffen! Wobei mir das Beispiel der Österreichischen Polizei einfällt, vor gar nicht allzu langer Zeit....der große Aufschrei....dass ein Drogenboss und Zuhälter gemeinsame Sache mit der Polizei machte...
Zudem diese ganze Lügerei wirklich bei den "kleinen" Leuten anfängt. Mir fällt es immer wieder auf, weil ich halt immer sage, was ich denke. Wenn das dann nicht dem entspricht was die mehrheit oder auch nur der Bekannte/Freund meint, dann kommt das grosse Schweigen gefolgt von dem noch größeren beleidigt sein! Es ist einfach die Angst nicht dazu zu gehören, welche die menschen schweigen lässt und ihnen zum Nicken (wie die Schafe) rät. Denn die Meisten haben Angst vor dem allein sein, oder das wenn jemand verärgert wird, private Dinge ans Licht gezerrt werden - egal welcher Art sie sind.
Vielleicht wäre ein Anfang, wenn jeder mal daran denken würde ob er lieber angelogen wird oder die Wahrheit hört - also ob er dem Gehörten vertrauen oder misstrauen soll und kann. Vielleicht kommt dann etwas mehr Wahrheit ans Licht.
Denn wie dein Beispiel mit den Einbrüchen - stellt man so manche Straftat-Quoten nebeneinander, sind Einheimische und Ausländer gleichermaßen schuldig. Manchmal sind wir schlimmer als die Ausländer....nur haben wir keinen Nachbarn einer anderen Nation neben uns, der aus Mücken gern Elefanten macht - wenn er gerade Lust hat...
Liebe Grüße



Autor  Wolf-Gero

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