Daten werden übertragen.

Bitte warten...

 
 

Ignoranz und Arroganz Nichtbetroffener





Ignoranz und Arroganz Nichtbetroffener

Wir leben in einer Zeit, in der das aktuelle Schönheitsideal den schlanken Körper vorschreibt. Trotzdem sehen wir immer wieder und überall füllige Menschen, unter Umständen sogar dann, wenn wir in unseren Spiegel blicken. Dass jemand dem gegenwärtigen allgemeinen Schönheitsideal folgt und den schlanken Körperwuchs bevorzugt, ist jedoch nicht das Ziel unserer Kritik, sondern der Umgang mit den Menschen, die diesem Ideal nicht zu entsprechen vermögen. Bevor sich jemand zu einer diskriminierenden Äußerung über füllige Menschen hinreißen lässt, sollte er auf jeden Fall einiges bedenken. Ob jemand schlank ist, können wir schon nach einem einzigen kurzen Blick beurteilen. Dagegen wird es schwierig, wenn wir die Ursachen für die Abweichung vom heutigen Schönheitsideal finden wollen. Danach zu suchen erscheint vielen Mitmenschen allzu kompliziert, um nicht zu sagen, überflüssig; deshalb verzichten sie von vornherein darauf und bedienen sich stattdessen bekannter Vorurteile: Dickleibige sind maßlos, wenn es um Essen und Trinken geht, charakterschwach, denn sie lassen sich von ihren Gelüsten versklaven, und überdies scheuen sie jede körperliche Anstrengung. Genau genommen wird der schlanke Körper als das Ergebnis einer großen persönlichen Leistung hingestellt. Umgekehrt stempeln diese Vorurteile natürlich den Fülligen zu einem leistungsschwachen Menschen ab. Das Fatale an Vorurteilen ist, dass sie den Anschein erwecken, es gäbe keine offenen Fragen mehr. Ein Vorurteil schlüpft dann in die Rolle eines Urteils, das auf einem umfassenden Abwägen aller Für und Wider beruht. Eben das trifft zu auf die Vorurteile gegenüber den Menschen, die mehr Rundungen aufweisen, als die Vorstellung von einem idealen Körperbau zulässt. Weder fragen wir danach, weshalb jemand mehr isst als andere oder eine Vorliebe für die falsche Nahrung hat, noch interessiert es uns, warum es nicht jeden Menschen in Begeisterung versetzt, sich sportlich zu betätigen. Sogar der Umstand, dass bereits die gesamte Verwandtschaft eines Dickleibigen fülligere Körper hat, erschüttert unsere auf Vorurteilen basierende Meinung nicht: Die Schuld an ihrem Dicksein tragen allein die Dicken selbst.

Wer seiner Veranlagung nach zu schlankem Körperwuchs neigt, wem körperliche Anstrengungen Freude bereiten, wer zudem eine Vorliebe für gesunde und kalorienarme Nahrung hat, kann dem von ihm bevorzugten Lebensstil bedenkenlos folgen … und bleibt schlank. Ein derartig von der Natur begünstigter Mensch erliegt nun leicht dem Fehlschluss, was für ihn gelte, müsse für andere ebenfalls gelten. Folglich überträgt er seine positiven Erfahrungen unreflektiert auch auf die Mitmenschen, die keineswegs in gleicher Weise von der Natur verwöhnt werden. Indem er nun eigene Erfahrungen zum allgemein gültigen Maßstab macht, bereitet er der Ignoranz des Nichtbetroffenen den Weg. Was ihm mühelos zufällt, ist für seinen Mitmenschen vielleicht gar nicht zu erreichen, weil sich bei dessen Voraussetzungen ein schlanker Körper und eine ihm genehme Lebensweise nicht vereinbaren lassen. Die kritikwürdige Ignoranz liegt nun darin, ausschließlich das sichtbare Ergebnis zu werten und wahrnehmbare Probleme allein deshalb nicht zur Kenntnis zu nehmen, weil sie den Urteilenden nicht betreffen.

Die realen Probleme eines Menschen, dessen Körpermaße von der herrschenden Idealvorstellung erheblich abweichen, können Nichtbetroffene vermutlich kaum nachvollziehen. Auf ihr völliges Unverständnis stößt es daher voraussichtlich, wenn eine junge Frau wegen ihrer Körperfülle und wegen der daraus resultierenden Schwierigkeiten bei der Partnersuche psychisch und unter Umständen sogar physisch erkrankt. Als ob der unübersehbare Mangel an Mitgefühl und Toleranz noch nicht deprimierend genug wäre, wird die ohnehin von Kummer überwältigte Frau mit vorgeblich gut gemeinten Ratschlägen zusätzlich gequält. Ist es ihr denn überhaupt möglich, den Ratschlag, doch gefälligst weniger zu essen und sich dafür mehr zu bewegen, tatsächlich als hilfreichen Rat und nicht als verletzenden Schlag zu empfinden?

So zahlreich die Nichtschlanken auch immer sein mögen, sie sind keineswegs die Einzigen, die nicht nur von einem Übel heimgesucht, sondern obendrein noch Opfer der Ignoranz von Nichtbetroffenen werden. Ob jemand in die Abhängigkeit von Alkohol, Nikotin oder anderen Drogen gerät, ob ihn ein unstillbares Verlangen nach Süßigkeiten bedrängt, ob Sucht ihn gnadenlos an Spieltische treibt oder ihn verleitet, völlig überflüssige Dinge zu kaufen, jede Suchtform hat für Betroffene und ihre Umgebung zweifelsohne unterschiedlich schwere Folgen. Auf den subjektiv empfundenen Leidensdruck der Betroffenen wirken sich die Unterschiede zwischen den einzelnen Suchtarten nur in vernachlässigbar geringem Maße aus, oder mit anderen Worten, was wirklich schmerzt, ist die bittere Erkenntnis, der Sucht einen wesentlichen Teil persönlicher Entscheidungsfreiheit geopfert zu haben.

Büßt jemand an Lebensqualität nichts ein, wenn er ohne Alkohol auskommen muss, kann er nicht ermessen, wie schwer ein Alkoholkranker tagtäglich aufs Neue zu kämpfen hat, um einen weiteren Tag trocken zu bleiben, das bedeutet, auf den Genuss jedes alkoholischen Getränks zu verzichten. Er ahnt auch nicht, dass es für eine junge Drogenabhängige unter Umständen das geringere Übel ist, den eigenen Körper anzubieten, falls sie das andere zwingt, auf die erlösende Spritze mit Rauschgift zu verzichten. Jedem zu helfen, der unserer Hilfe bedarf, ist eine Pflicht, die fraglos auch gegenüber den Suchtabhängigen gilt. Allerdings versuchen Nichtbetroffene immer wieder einmal, ihr zu entgehen, indem sie Abhängigen die alleinige Schuld an deren misslicher Lage zuschreiben. Worauf gründet diese Schuldzuweisung? Die Nichtbetroffenen übersehen ganz einfach die Möglichkeit, dass zwei Menschen trotz gleichen Verhaltens zu unterschiedlichen Ergebnissen gelangen können. Ein Adam trinkt nicht weniger Alkohol als ein anderer und wird trotzdem nicht zum Alkoholiker. Statt uns nun selbst unsere eigene Schwäche und Unfähigkeit, dem Süchtigen zu helfen, einzugestehen, ziehen wir es vor, ihn als Schwächling zu diffamieren.

Skeptiker könnten nun einwenden, jeder geistig gesunde Mensch sollte wissen, dass ihn das erste Glas Alkohol, die erste Zigarette oder die allererste Spritze mit Rauschgift möglicherweise in eine Abhängigkeit führt, aus der er sich unter Umständen niemals wieder lösen kann. Wer Suchtmittel nicht meide, gehe leichtfertig ein unkalkulierbares Risiko ein. Das ist richtig, stellt aber nicht die volle Wahrheit dar. Es gibt sehr wohl noch weitere Menschen, die unnötige Risiken keineswegs scheuen, die beispielsweise Ski laufen, Auto oder Motorrad fahren, ja, vielleicht sogar Fallschirm springen oder Drachen fliegen, ohne dass wir daran denken, ihnen unsere Toleranz zu versagen. Zwar bereits gefährdet, aber noch nicht erkrankt, verhält sich ein Suchtkranker zu Beginn seiner Leidensgeschichte keinesfalls anders als ein Drachenflieger: Beide riskieren etwas, hoffen jedoch, dass es für sie ohne negative Folgen bleiben wird. Ohne Zweifel ist es eine vertretbare ethische Forderung, Vergleichbares auch gleich zu behandeln. Warum toleriert die Gesellschaft das Risiko des einen und verurteilt das eines anderen? Die überzeugende Antwort steht immer noch aus, wenn es auch an Versuchen, sie zu finden, sicherlich nicht gefehlt hat. So besteht einer der Versuche darin, die Vergleichbarkeit der risikofreudigen Gruppen zu leugnen, indem ein Suchtkranker als schwach eingestuft wird. Den Drachenflieger und ebenso den Fallschirmspringer bedenken wir dagegen mit Attributen wie stark und mutig. Die Gesellschaft habe wenig übrig für Schwächlinge, so lautet die Argumentation, deshalb sei sie eben nicht bereit, deren Risiken zu tolerieren. Da die Begründung aber auf einer Bedeutung des Begriffs schwach beruht, die nicht haltbar ist – wie sich zeigen lässt –, ist auch die Antwort nicht zu akzeptieren.

Viele Grüße
Wolf-Gero

Das Geheimnis des Präsidenten

Die neuen Gebote

Mit Klick vergrößern


Verwandte Seiten:

Kommentare

Wird nicht veröffentlicht oder weitergegeben




Wolf-Gero sagte:
am 20.01.2010
Hallo Hans!

Warum toleriert die Gesellschaft das Risiko des einen und
verurteilt das eines anderen? Die überzeugende Antwort steht
immer noch aus, wenn es auch an Versuchen, sie zu finden,
sicherlich nicht gefehlt hat. So besteht einer der Versuche
darin, die Vergleichbarkeit der risikofreudigen Gruppen zu
leugnen, indem ein Suchtkranker als schwach eingestuft wird.
Den Drachenflieger und ebenso den Fallschirmspringer
bedenken wir dagegen mit Attributen wie stark und mutig. Die
Gesellschaft habe wenig übrig für Schwächlinge, so lautet die
Argumentation, deshalb sei sie eben nicht bereit, deren
Risiken zu tolerieren.

>>Bergsteigen, Surfen etc. sind alles Sportarten, die man mit >>"Gesundheit" verbindet (egal ob extrem
>>oder nicht). Also frische Luft, Meer, Sonne usw...
>>Denke dies sind mit die Gründe, warum die Gesellschaft das
>>Risiko des einen toleriertt und das eines anderen verurteilt.

Ich nehme an, dass du mit deinem Fazit der Wahrheit über die Gründe für das ablehnende der Gesellschaft ziemlich nahe kommst.

Viele Grüße
Wolf-Gero


Hans sagte:
am 20.01.2010
Hallo Wolf-Gero,

Danke nochmal für Deine tiefgründigen Kommentare :-) Zum Thema Extremsport und mit der Suche nach Anerkennung kann ich Dir nur zustimmen (vor allem wenn man sich die vielen YouTube Videos anschaut). Zudem meine ich, dass dieser Sport bei Jungs viel stärker ausgeprägt ist und vor allem in jungen Jahren verstärkt zum Vorschein kommt...

Evtl. hier noch eine kleine Anregung, worauf ich eigentlich hinaus wollte: Bergsteigen, Surfen etc. sind alles Sportarten, die man mit "Gesundheit" verbindet (egal ob extrem oder nicht). Also frische Luft, Meer, Sonne usw...

Einem extrem Gotcha-Spieler (die rennen mit Gewehren im Wald rum und schießen sich mit Farbkugeln ab) würde ich das Gesundheits-Merkmal eher aberkennen (obwohl die ja auch an der frischen Luft sind, aber der Sport ethisch bedenklich ist) und einen Extrem Dart-Spieler würde ich eher in die Raucher-Ecke stellen, da ungesunde Luft, zu viel Bier, kaum Bewegung etc. mit diesem Sport in Verbindung gebracht werden.

Denke dies sind mit die Gründe, warum die Gesellschaft das Risiko des einen toleriertt und das eines anderen verurteilt.

Viele Grüße,
Hans


Wolf-Gero sagte:
am 20.01.2010
Hallo Hans!

Ich muss gestehen, dass mich dieses Problem „Drogen versus Extremsport“ weiterhin beschäftigt hat, folglich hätte ich mich ohnehin noch bei dir gemeldet. Es ist halt das Wesen einer Diskussion. Der eine stellt Behauptungen auf und untermauert sie mit Begründungen, die seiner Ansicht nach stichhaltig sind. Dann kommt die andere Seite zu Wort und pickt sich die Stelle heraus, die tatsächlich eine Nachbesserung verdient. Als ich die Frage aufwarf, weshalb die eine Gruppe als schwach und die andere als stark angesehen wird, erschien mir meine Erklärung als ausreichend. Wäre es nicht so gewesen, hätte ich sie noch geändert.

Zwischen Drogenkonsum und Fallschirmspringen gibt es tatsächlich gravierende Unterschiede. Bevor jemand mit einem Fallschirm aus einem Flugzeug springt, hat er gut trainiert. Folglich weiß er, was auf ihn zukommt, und vor allem kann er das Risiko ziemlich gut abschätzen.

Für den Drogenkonsumenten gibt es kein Training, und er weiß auch nicht unbedingt, was er seinem Körper im konkreten Fall antut. Er meint vielleicht, er hätte eine relativ harmlose Droge, doch sie wurde möglicherweise von habgierigen Drogenhändlern mit süchtig machenden Stoffen versetzt. Der Konsument kann somit sein Risiko nicht abschätzen. Wer über eine hinreichend große Portion Vernunft verfügt, lässt seine Finger von einer Handlung, wenn er deren Risiko nicht abschätzen kann, zumindest in normalen Zeiten. In Notfällen reagiert er sicher anders. Wenn er glaubt, es sei die einzige Möglichkeit, sein Kind zu retten, würde er vermutlich sogar ohne Training, aber mit Fallschirm aus dem Flugzeug springen.
Doch wie sieht es mit dem Rauchen und insbesondere mit Alkohol aus? Wer sein grundsätzliches Suchtverhalten nicht kennt, weiß auch nicht, wie groß sein Risiko ist, und sollte deshalb gar nicht erst anfangen. Er sieht andere rauchen und Alkohol trinken, ohne dass sie süchtig werden, woraus er dann schließt, dass das Risiko gering sein muss. Sein Freund geht genau den gleichen Weg und wird süchtig.

Wie ist es mit Bergsteigern? Wissen sie die Schwierigkeit einer Besteigung stets richtig einzuschätzen? Wenn sie sich irren und in Not geraten, müssen Helfer kommen und ihr eigenes Leben riskieren.

Wenn wir unsere Aussage auf Drogen und Fallschirmspringen beschränken, müssen wir wohl davon ausgehen, dass es unter keinen Umständen ein Zeichen für Stärke sein kann, wenn jemand Drogen nimmt. Denn bei den harten Drogen ist die Wahrscheinlichkeit, süchtig zu werden, nahezu hundert Prozent.

Eine völlig andere Frage ist es, warum jemand zum Extremsport kommt, was treibt ihn dazu, Fallschirmspringer oder Bergsteiger zu werden? In jungen Jahren habe ich mir selbst gesagt, Fallschirmspringen oder Drachenfliegen wären Betätigungen, die auch mir Freude bereiten könnten. Da ich sehr früh heiratete und dann auch Vater wurde, kam für mich beides nicht infrage. Doch sogar zwischen diesen beiden Möglichkeiten, sich zu beweisen, gab es für mich einen gravierenden Unterschied. Dem Drachenfliegen hätte ich aus reiner Lebensfreude gefrönt. Wie es bereits heißt „… nur das Fliegen ist schöner“. Beim Fallschirmspringen sieht es etwas anders aus. Das hätte ich vermutlich gemacht, um mich zu beweisen, mir selbst zu zeigen, dass ich berechtigte Angst überwinden kann. Vielleicht ging es mir auch darum, anderen zu zeigen, wie mutig und stark ich bin. Das wäre ein klarer Fall von Verlangen nach Anerkennung, anders ausgedrückt: Gier nach Anerkennung und Ehre, also Ehrgeiz.
Die Frage nach dem entscheidenden Moment hinter Extremsport kann wohl nur der Betreffende selbst beantworten.

Viele Grüße
Wolf-Gero


Hans sagte:
am 19.01.2010
Hallo Wolf-Gero!

Nochmal ich :-)

In meinem letzten Kommentar ging es um die Frage:
Warum toleriert die Gesellschaft das Risiko des einen und verurteilt das eines anderen?

Also die meisten Menschen, die Fallschirmspringen, werden noch am Leben sein und sich bester Gesundheit fühlen. Wer einmal Drogen genommen hat oder ab und zu mal einen Haschisch-Keks vernascht, wird ähnlich lange leben.

Trotzdem gibt es einen Unterschied zwischen denen, die ein Leben lang Fallschirmspringen bzw. ein Leben lang Drogen konsumieren. Der Fallschirmspringer wird sich in 99% der Fälle (oder in der Richtung) in bester Verfassung befinden, der Drogensüchtige wird eher etwas blass aussehen und kein allzu tolles bzw. langes Leben führen.

Und genau deshalb - so denke ich - erfolgt die oben beschriebene Kategorisierung. Ich selbst würde einen Menschen auch eher ein Leben lang zum Fallschirmspringen verdonnern als ein Leben lang zum Drogenkonsum... Vor allem auch deshalb, weil der Sport an sich schon etwas "gesundes" ausstrahlt (frische Luft, Bewegung usw.). Drogenkonsum hingegen bringt man in Verbindung mit Rumhängen, abloosen, nichts tun, Diebstahl usw. Und gerade in Bezug auf Diebstahl sind dies ja nicht nur Vorurteile...

In diesem Sinne,
Viele Grüße Hans und weiter so :-)

Bei Deinen genialen Beiträgen muss ich immer 5 mal lesen, um in die Materie vollständig einzutauchen :-)


Wolf-Gero sagte:
am 18.01.2010
Hallo Manuela!

Das ist eine sehr gute Beobachtung von dir. An Märchen- und andere Kinderbücher habe ich noch gar nicht gedacht. Aber es ist richtig, dass Kinder sehr gute Beobachter sind. Sie beobachten sogar, während sie etwas heimlich machen wollen. Meine Großnichte saß im Alter von vermutlich eineinhalb Jahren mit uns am Tisch und hatte von ihrer Mama einen trockenen Keks zu knabbern bekommen. Sie hatte aber auf dem Tisch auch Dominosteine entdeckt, die ihr offensichtlich besser mundeten. Während sie uns nun ganz genau beobachtete und vermutlich auf Reaktionen ihrer Mama wartete, schob sie den trockenen Keks von sich weg, und dafür einen Dominostein zu sich heran, ohne auch nur einmal auf den Tisch zu sehen.

Beobachten und nachahmen, das sind wichtige Lernmethoden. So "lernen" sie bedauerlicherweise auch Vorurteile.

Liebe Grüße
Wolf-Gero


crazytiger sagte:
am 18.01.2010
Viele dieser Vorurteile werdenoft unbewußt schon in der Kindheit vorprogrammiert. Zum Beispiel weil die Mutter lächelt, wenn sie von der schlaken Prinzessin spricht, sich aber Tonfall und Mimik ins Negative verändern, wenn sie von dem bösen Riesen (meist sehr rund abgebildet in Märchenbüchern) erzählt. Ausserdem bekommen Kinder noch viel intensiver die Reaktionen von Erwachsenen auf verschiedene Situationen mit. Später lösen dann genau diese Beobachtungen- manchmal unbewußt-die oben beschriebenen Reaktionen aus. Das zweite Problem ist, dass alle meist so gestresst sind, dass sie sich gar nicht die Zeit nehmen, nachzudenken warum andere anders sind oder was sie unterscheidet.


Wolf-Gero sagte:
am 17.01.2010
Hallo Hans!

Ich begrüße es ganz besonders, dass du dich der unterschiedlichen Toleranz angenommen hast. Der Weg deiner Gedanken ist gut gelenkt.

Du gehst davon aus, dass sich der Fallschirm immer öffnet. Ist das der Fall, dann bleiben die negativen Folgen für den Springer aus. Das ist richtig. Aber wenn er sich einmal nicht öffnet?

Im Grunde machst du die Einteilung von der Höhe der Wahrscheinlichkeit, dass etwas passieren kann, und davon, ob etwas geschieht, abhängig, sofern ich deine Zeile richtig interpretiere.

Es soll auch Drogen geben, die nach einmaligem Gebrauch noch nicht süchtig machen. Ein Oberlandesgerichtspräsident gibt in fortgeschrittener Stunde zu, dass auch er als junger Student einmal Drogen probiert hat. Ich vermute, dass ihm dieser Ausrutscher in der Jugend keine negativen Stimmen, sondern viel eher anerkennende Worte einbringt, umso mehr, als er auf eine große Karriere verweisen kann.

Die zusätzliche Frage ist die nach der Größe des Unterschieds. Wenn jemand auf einen Stuhl steigt, ist er dem Mond näher als der, der neben ihm auf der Erde steht. Ist der Unterschied aber markant genug, um davon Entscheidungen oder Urteile abhängig zu machen?

Wie es bei den Drogen völlig unterschiedlich wirkende Drogen gibt, so könnte man vielleicht auch die Landezonen für Fallschirmspringer kategorisieren: ein ebenes Grasgelände auf der einen Seite und ein gebirgiges mit engen Schluchten auf der anderen.

Um der Einfachheit willen bin ich bei der Beurteilung auch hier für das Prinzip „ganz oder gar nicht“.

Der Ausgangspunkt der Überlegungen ist die zu große Bereitschaft, über etwas zu urteilen, was mich nicht selbst betrifft. Im Zweifelsfalle verzichte ich lieber auf vorschnelle Urteile und gehe damit der Ignoranz wie auch der Arroganz Nichtbetroffener aus dem Wege.

Viele Grüße
Wolf-Gero


Hans sagte:
am 17.01.2010
Hallo Wolf-Gero,

Diesen Artikel musste ich jetzt nochmal durchlesen... Hatte mit Simon darüber schon vor 2 Wochen diskutiert.

Du stellst die Frage:
Warum toleriert die Gesellschaft das Risiko des einen und verurteilt das eines anderen? Die überzeugende Antwort steht immer noch aus, wenn es auch an Versuchen, sie zu finden, sicherlich nicht gefehlt hat.

Nachdem ich nochmals die Kommentare durchgelesen habe, schließe ich mich Simon an: Insbesondere Drogen können ein unkalkulierbares Risiko bergen usw...

Ich denke, dass hierin der Grund liegt, warum in schwach und stark kategorisiert wird: Gehen wir davon aus, des Fallschirmspringer's Schirm geht immer auf (wollte nebenbei nur mal den Genetiv ausprobieren :-), dann wird der Fallschirmspringer durch sein Hobby keine negativen Folgen in seinem späteren Leben haben (eher wird er als Held für seine Jugendtaten gefeiert), der Drogensüchtige wird aber sein Leben lange gekennzeichnet sein.

In dem Du also schreibst: "Beide riskieren etwas, hoffen jedoch, dass es für sie ohne negative Folgen bleiben wird." sehen viele Menschen schon die Folgen für die Zukunft vor ihrem geistigen Auge -> Und dann wird kategorisiert, wie oben beschrieben...

Viele Grüße,
Hans


Wolf-Gero sagte:
am 08.01.2010
Liebe Manuela!

Oft hören wir den Vorwurf: "Alle denken nur an sich!"
Die Antwort: "Das ist doch in Ordnung, denn wenn alle an sich denken, ist doch an jeden gedacht." Das war natürlich ironisch gemeint.

Mit deiner Vermutung, dass es wohl niemanden gibt, der keine Probleme hat, liegst du gewiss richtig. Der nächste Schritt ist dann schon fast vorprogrammiert: „Ich habe mit meinen Problemen genug zu tun, da kann ich mich nicht noch um andere kümmern.“

Liebe Grüße
Wolf-Gero


crazytiger sagte:
am 07.01.2010
Ich glaube bei der Frage "Warum das so ist" sind wir wieder bei dem Thema der Verdrängung und des Egoismus. Denn jeder glaubt nur hat Probleme und das reicht ihm schon und somit haben alle anderen nur wenigere und nichtigere Probleme, also will und braucht man sich darum nicht zu kümmern.
Denn jeder ist sich ja selbst der Nächste ist ja das Motto der meisten Menschen, oder? Zumindest kommt mir das so vor, wenn ich mich mit anderen Menschen unterhalte!


Wolf-Gero sagte:
am 07.01.2010
Hallo crazytiger!

Danke für deine Worte!
Die Vermutung, die Abneigung gegen Suchtkranke habe etwas mit dem Wunsch nach heiler Welt zu tun, halte ich für richtig. Wäre jetzt nur zu fragen, weshalb es so ist. - Bei einer heilen Welt, in der es nur heile und lachende Menschen gibt, brauche ich mir über die aus meiner Verantwortlichkeit erwachsene Pflicht, zu helfen, keine Gedanken zu machen. Ich kann mich bequem zurücklehnen und den Tag genießen. Es steckt folglich auch etwas Trägheit hinter unserer Ablehnung.

Zu meinen Büchern: Wenn du bei Amazon.de unter Wolf-Gero Bajohr in der Kategorie Bücher suchst, werden dir die bereits fertigen Bücher aufgelistet. Ich habe hier zusätzlich die URL angegeben.
http://www.amazon.de/s/ref=nb_ss_b?__mk_de_DE=%C5M%C5Z%D5%D1&url=search-alias%3Dstripbooks&field-keywords=Bajohr%2C+Wolf-Gero&Go.x=10&Go.y=10&Go=Go

Die meisten Zitate stecken in dem Buch "Ein Weg in die Leistungsgesellschaft mit mehr Gerechtigkeit".

Im Augenblick arbeite ich an einem Auszug aus dem vorgenannten Buch. Es soll nur die Regeln enthalten, um ein starker Mensch zu werden. Sie werden nicht ganz so detailliert sein wie in dem oben angeführten Buch. Dementsprechend wird es erheblich dünner und damit kostengünstiger ausfallen.
Wie auch immer, wenn du eins der Bücher lesen solltest, würde es mich freuen, ein Feedback zu erhalten, nicht nur, wenn es positiv ausfällt, sondern auch im anderen Fall, mir liegt an einer ehrlichen Meinung.

Viele Grüße
Wolf-Gero


crazytiger sagte:
am 06.01.2010
Hallo ! dein Artikel ist wirklich super und sehr real! Allerdings fällt mir noch ein grund ein, warum viele Menschen Suchtkranke oder einfach Andersartige mit derartigem verhalten kränken: Es ist doch immer so, dass wir alle eine heile und schöne Welt haben wollen, auch wenn unser Verstand etwas anderes sagt. Vielleicht versuchen viele auf diesem Weg unbewußt die Kränkungen so hoch zu treiben, dass die Andersartigen sich nicht mehr auf die strasse trauen, so nach dem Motto: aus den Augen-aus dem Sinn. Aber eine Schande für zivilisierte Menschen die immer groß über Nächstenliebe reden, bleibt es meiner Meinung nach trotzdem.
Eine frage noch: Wie heisst dein Buch?


Wolf-Gero sagte:
am 03.01.2010
Dann muss ich jetzt wohl in die Tasten greifen, damit endlich wieder ein Buch von mir erscheint.


Hilf_Dir_Selbst sagte:
am 02.01.2010
Beide natürlich, je nach dem, welches Thema zu wem passt.


Wolf-Gero sagte:
am 31.12.2009
Hallo Susanne!

Dass du meine Bücher verschenken willst, finde ich natürlich sehr gut. – Danke!
Mich würde jetzt natürlich interessieren, ob du an die bereits veröffentlichten Bücher denkst oder an die, die noch veröffentlicht werden sollen.

Viele Grüße
Wolf-Gero


Hilf_Dir_Selbst sagte:
am 31.12.2009
Jetzt weiß ich, was ich künftig mit Überzeugung schenken kann, was sonst immer ein großes Dilemma ist: Deine Bücher!


Wolf-Gero sagte:
am 30.12.2009
Hallo Simon!

Du hast völlig recht: Für den Betroffenen unterscheiden sich die Folgen der einzelnen Arten von Suchtverhalten.

Auslöser für meine Gedanken über dieses Thema waren Aussprüche mancher Nichtbetroffener: Dann soll er doch aufhören, einfach nicht mehr trinken, rauchen oder Rauschgift einnehmen.

Über die Motivation dieser Menschen habe ich nachgedacht. Was tatsächlich dahin führt, weiß ich nicht, aber eine Vermutung habe ich schon. Unser tägliches Leben konfrontiert uns häufiger mit Situationen, die von uns Aktivität erfordern. Der Durchschnittsmensch ist folglich häufiger gezwungen, etwas zu tun, was er eigentlich nicht möchte. In diesen Fällen ist es relativ einfach, das Tun zu lassen. Die Folgen bleiben hierbei einmal unberücksichtigt. Es sollte einleuchten, dass es einfacher ist, etwas nicht zu tun, was man ohnehin nicht mag, als etwas zu lassen, was man gern möchte.

In jungen Jahren war ich ein starker Raucher (50 bis 60 Zigaretten pro Tag) und muss zugeben, dass es schon recht schwer war, um der Gesundheit willen auf das Angenehme beim Rauchen zu verzichten.

Viele Grüße
Wolf-Gero


Simon sagte:
am 30.12.2009
Ja, stimmt - Es ist tatsächlich eben schwer zu erkennen, dass so viele verschiedene Suchtverhalten (positiv und negativ Angesehenes: Süßigkeiten, Alkohol, Sport u.v.m.) so ähnliche Beweggründe haben.

Wobei speziell bei Drogen- und Alkoholsucht ist die zu erwartende persönliche Problematik, die sich daraus ergibt, härter als sagen wir beim Extremsport.

Die Beweggründe wie man in eine solche Sucht rutschen kann sind sehr ähnlich, aber das Ergebnis ist meiner Ansicht nach im o.g. Fall (Alkohol, Dorgen) schlimmer, weil man letztlich unglücklich wird und seinen Körper und die Psyche evtl. dauerhaft schädigt. Insbesondere Drogen können ein unkalkulierbares Risiko bergen, denen sich die User häufig gar nicht bewusst sind. Es gibt Drogen, die nach einmaligem Konsum körperlich abhängiug machen (z.B. Crack) - Derartige Extreme gibt es bei den anderen o.g. Suchttypen nicht ... zum Glück!
VG Simon


Wolf-Gero sagte:
am 30.12.2009
Hallo Simon!

Danke für deinen Kommentar. Ich wünschte, es würden sich viele mit dem Thema auseinandersetzen, denn gerade diese besondere Form der Ignoranz oder sogar Arroganz verletzt ziemlich viele Menschen.

Viele Grüße
Wolf-Gero


Simon sagte:
am 29.12.2009
Hallo Wolf-Gero
Wow! Also der Inhalt des Artikels haut mich um - Konzentriertes Lesen absolut notwendig und 100fach lohnend. Allerdings ist die Materie auch so komplex, dass es schwer ist einen angebrachten Kommentar zu finden, insbesondere da ich hier einfach nur respektvoll und komplett zustimmend den Kopf nicken kann!

Insbesondere dem letzten Abschnitt konnte ich eine ganz neue persönliche Sichtweise abgewinnen: So habe ich Extrem-Sportler noch nie gesehen, kann dem aber auch nichts Konkretes entgegen halten, obwohl ich - selbst Extrem-Sportler - das gerne täte :-)

Danke!


Veröffentlicht: 25. Dezember 2009