Selbsthilfe bei Schmerzzuständen mit Wärme oder Kälte?
von Klaus_Radloff
Der Versuch eine logische Entscheidungshilfe bei sog. rheumatischen Schmerzen zwischen der Anwendung von Wärme- und Kälteapplikationen zu bieten.
Wer kennt ihn nicht, den plötzlich auftretenden „Hexenschuss“. Ob die Erste Hilfe „Wärme“ immer richtig ist, soll überlegt werden. Kälte richtig angewendet, ersetzt die entzündungshemmenden Medikamente voll.
Als Grund für plötzlich auftretende Muskel- oder Gelenkschmerzen werden Unterkühlungen angenommen. Es wird vermutet „Zug“ bekommen zu haben und Wärme zur Linderung verwendet. Sofern sich der Zustand dadurch über längere Zeit nicht bessert, wird professionelle Hilfe gesucht.
Üblicherweise gibt der Arzt erst eine Spritze und schmerzlindernde Tabletten, sowie Entzündungshemmer, verbunden mit der Empfehlung die peinigenden Partien warm zu halten. Mit etwas Glück bessern sich viele dieser Beschwerden in einiger Zeit trotz dieser Behandlung. In anderen Fällen jedoch nicht, und es kann so eine „Karriere zum Rheumatiker“ eingeleitet werden.
Unter der Voraussetzung, dass Unterkühlung tatsächlich Ursache ist, ergibt sich bei näherer Betrachtung der körperlichen Reaktionen ein ungewohntes Bild. Unser Organismus ist stets bemüht, sich in der Balance zu halten und, sofern er einen Wärmeentzug erleidet, wird versuchen dieses Ungleichgewicht in kürzester Zeit zu beheben. Dabei tut er meist zu viel des Guten, und legt, scheinbar um weiteren Wärmeverlusten vorzubeugen, ein lokales Wärmedepot an. Wird dort jetzt zusätzlich Wärme zugeführt, steigert sich der ohnehin bestehende Reizzustand u.U. zur massiven Entzündung.
Akut und chronisch
Nachvollziehbar ist, dass bei akutem Geschehen Wärme als kontraindiziert angesehen wird. So wird es beispielsweise zu Recht als „Verbrechen“ angesehen, einen entzündeten Blinddarm mit Wärmflaschen zu traktieren. Bei Lumbalgien oder anderweitigen Muskel- und Gelenkbeschwerden, die sich prinzipiell nicht von einer Appendizitis unterscheiden, wird Wärme in jeder nur erdenklichen Form fast regelmäßig verwendet. Außerdem, wie ist die Einnahme eines Entzündungshemmers, kombiniert mit der Empfehlung betroffene Körpergebiete zu wärmen, zu bewerten?
Jetzt müsste verständlich geworden sein, dass subakute und akute Zustände sich durch Wärmeapplikationen verschlechtern müssen und dass dabei zur Behandlung das Gegenteil, die Kälte angezeigt ist. Chronische Schmerzzustände – Zustände die der sog. Durchblutungssteigerung bedürfen, reagieren dagegen auf Wärme bestens.
Bei der Einschätzung ob ein Schmerz nun chronisch oder akut ist, taucht jedoch die nächste Schwierigkeit auf. So wird beispielsweise behauptet, dass Beschwerden die seit mehr als 6 Wochen bestehen, als chronisch anzusehen sind. Stimmt das auch dann noch, wenn von Anbeginn mit Wärme, antirheumatischen Einreibungen, Moorpackungen, Massage, chinesischen Schüttelmaschinen und elektro-therapeutischen Anwendungen, der Organismus daran gehindert wurde selbst den akuten Zustand normalisieren zu können?
Die Entscheidung – Wärme oder Kälte
Emotionell wird Wärme bevorzugt. Es wird die Ansicht vertreten damit auf keinen Fall schaden zu können, sondern immer Gutes zu tun. Und wenn die Wärme die angestrebte Linderung nicht bringt, ist eben das „Rheuma“ zu stark. Millionen, wenn nicht Milliarden Euro, nach m.E. vermeidbaren Behandlungskosten entstehen so. Dabei ist es einfach zwischen der Verwendung wärmender oder kühlender Anwendungen zu unterscheiden:
Nehmen Sie Eis aus dem Gefrierfach oder der Tiefkühltruhe und legen Sie es auf die schmerzende Stelle. Aber keinesfalls länger als 30 Sekunden(!!!). Sofern Sie unter einem akuten Zustand leiden, ist der Schmerz dadurch umgehend deutlich erträglicher geworden, haben Sie sich so das akute Geschehen bewiesen. Wenn dann nach wahrscheinlich kurzer Zeit der Schmerz erneut auftritt, nehmen Sie das Eis wieder. Sie werden bemerken, dass der schmerzverminderte Intervall von Mal zu Mal länger wird. Das in dem Umfang, wie sich der Entzündungszustand reduziert. Erst wenn sich durch die Eisanwendung keine Verbesserung zeigen, liegen Sie natürlich mit der Wärme, z. B. der Wärmflasche richtig.
Eis, niemals länger als 30 Sekunden!
Bei der Kryotherapie kommt das Eis über mehrere Minuten zur Anwendung. Der damit erzeugte Wärmeverlust zwingt den Körper zu vermehrter Wärmebildung, dem Gegenteil von dem, was bei entzündungsähnlichen Zuständen erreicht werden soll. Langzeitkälteapplikationen sind deshalb indirekte Wärmeanwendungen. Diesen Effekt der sog. reaktiven Hyperämie vermeiden Sie durch kurzeitige aber wiederholte Eisanwendungen.
Noch Fragen?
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Hier eine weitere Seite zum Thema Selbshilfe: Peter Jeker:
Weiterführende Literatur
Klaus Radloff "Die chinesische Medizin kennt keine orthopädischen Krankheiten"
Meine Website:
Orthopädie: Die therapeutische Schnapsidee!
und weiteren Themen
Der Link zur Behandlungsmethode für Therapeut/Innen

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Kommentare
Klasse, Klaus -
dies ist zwar ein älterer Artikel, den ich mir eben einmal angesehen habe, aber die leidige Frage, wann heiß, wann kalt
kann man mit Deinen Ratschlägen gut abklären.
Tschüss, bis bis bald bei Pagewizz
Augenblick
An Peter Jeker und Klaus:
Danke vielmals für diesen Artikel. Als Radloff - Therapeut wurde uns damit wiedermal das Prinzip der Kälte und Wärme so richtig aufgefrischt und in Erinnerung gerufen. Wir haben ja immer mit der eisigen Kälte "von nur 30 Sek." zu kämpfen, da die Medizin das Auflegen mit Eis nach-wie-vor über Stunden !und Tage empfiehlt und die Patienten sehr verunsichert sind.
In m/Praxis muss ich diesbezüglich wirklich viel Aufklärungsarbeit machen.
Nochmals Danke und liebe Grüsse
Pia
Hallo Hans
Bitte sieh mir das Du bei deiner Anrede nach. Auch dir danke ich herzlich für deine gute Meinung über meine geistigen Ergüsse.
Dein Schmerz trat nach dem Aufstehen aus dem (warmen) Bett auf. Es in dieser Situation mit Wärme zu versuchen ist üblich aber unlogisch. Probiere es mal mit Tiefgefrorenem und dann wirst du nach vielleicht zweimal der halben Minute wissen was Sache ist. Übrigens ist erfahrungsgemäß bei solchen Beschwerden wie du sie schilderst zwar die Wirbelsäule betroffen aber oft die Gallenblase oder die Atmungsorgane schuld.
Mit der Wärme oder Kälte beeinflusst du allerdings die Ursache nicht, sondern hilfst „nur“ deinem Körper dabei sich selbst in Ordnung bringen zu können. Dass das bei wirklich massiven Schäden nicht 100% funktioniert, dürfte einleuchten und ein über mehrere Tage anhaltender und sich nicht bessernder Schmerz sollte dann Anlass sein den Arzt aufzusuchen.
Gute Besserung und viele Grüsse
Klaus
Hallo Simon
Danke für das große Lob, dem ich entnehme, dass meine unorthodoxen Ansichten doch von Interesse sind und mich ermutigt es weiter zu versuchen.
Simon, ich glaube mit deiner Frage auch gleich die nächste „Heilige Kuh“ zu schlachten. Vergleiche die Wirbelsäule mal mit einer schiefen Stabantenne, die mit Seilabspannungen (Muskulatur) begradigt werden soll. Viele Therapien wenden sich meist an die „Seilschaften“, statt den Stab gerade zu stellen. Nun sind weiter kaum jemals die Ursachen auch am Ort der Beschwerden zu finden, so dass du mit Klettern sicherlich deine gesamte Muskulatur trainierst und dein Herz- und Kreislaufsystem stärkst. Als Prophylaxe könnte ich dir einen (hirnrissigen) Ratgeber empfehlen. Titel: „Bück dich nicht“.
Unter dem umgangssprachlichen Synonym „Hexenschuss“ wird jeder plötzlich auftretende heftige Muskelschmerz mit Bewegungseinschränkungen verstanden. Wärme oder Kälte können nur dann wirksam sein, wenn es bereits passiert ist.
Viele Grüße Klaus
Hallo Hans,
wie man meinem Profil entnehmen kann: Ich klettere gerne. Dabei habe ich gehört, dass Klettern in gewissem Maße auch therapeutisch gegen Rückenproblemen eingesetzt wird, da es praktisch die gesamte Rückenmuskulatur stärkt.
Ich weiß nicht, ob das *vorbeugend* auch gegen einen Hexenschuss hilft, würde mich aber sehr interessieren. An dieser Stelle ganz herzlichen Dank an den Autor für die fantastischen Artikel!
Gruß, Simon
Hallo Herr Radloff,
das ist genau der Artikel, den ich seit letzter Woche suche. Genau vor einer Woche traten bei mir im Konditionstraining starke Schmerzen im Rückenbereich auf. Davor hatte ich schon Sport gemacht und war - da ich einen Schlüssel holen mußte - für etwa 10 Minuten durchgeschwitzt im Freien gewesen. Der Schmerzzentrum liegt etwas unter dem rechten Schulterblatt. Letzte Woche trat dann eine Besserung ein, bis es mir heute wieder in den Rücken gefahren ist (nicht im Sport, sondern beim Aufstehen).
Allerdings kann ich mich noch bewegen, wobei langestreckt liegen bzw. Aufrecht stehen am Besten ist.
Handelt es sich dabei nun auch um einen Hexenschuss? Das mit der Unterkühlung trifft ja zu, deshalb heute erst mal heiß geduscht.
Und kann ich heute z.B. zum Joggen gehen (da muss ich mich ja nicht bücken) bzw. ab wann sollte ein Arzt aufgesucht werden?
VG Hans
PS: Auch die anderen Artikel von Ihnen sind große Klasse!