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Teil 2 - Der Mensch als Teil der Natur





Der Mensch als Teil der Natur Teil 2 von 3

Lebensform Mensch

Die Lebensform Mensch ist zwar nur eine von vielen mög­li­chen Lebensformen, aber sie ist die Lebensform, der wir an­ge­hören, und das macht sie für uns zu etwas Besonderem. Es ist deshalb nur recht und billig, dass wir uns ihr eingehender widmen.

 

Der Mensch als Krone der Schöpfung

Überzeugt, auf der höchsten Entwicklungsstufe des Lebens zu stehen, halten wir Menschen uns für die Krone der Schöpfung. Bleiben wir bei diesem Bild, dann haben wir in der Gesamtheit allen Lebens das die Krone tragende Haupt zu sehen. Wackelt nun aber dieses Haupt, wackelt unvermeidlich auch die Krone. Vergessen wir also nicht: Wir sind nur ein einzelner unter vielen anderen Versuchen, das Leben zu erhalten, und ohne einen stabilen Unterbau zum Scheitern verurteilt. Die Qualität einer Lebensform ergibt sich außerdem nicht allein aus dem Erreichen der Spitzenposition. Wohl erfordert bereits der Weg dorthin die ständige Anpassung an die sich unaufhörlich ändernden Lebensbedingungen, doch noch schwieriger scheint es zu sein, den Vorsprung gegenüber konkurrierenden Lebensformen zu halten. Der mehr oder minder große Erfolg bei diesem Bemühen bestimmt letztendlich die Zeitspanne unseres Verbleibens an der Spitze der Entwicklung. Die Dinosaurier beherrschten die Erde beachtliche hundertdreißig Millionen Jahre lang. Wie viele Jahre werden wir Menschen unseren Spitzenplatz halten?

Sofern es die Lebensform Mensch nicht gerade selbst ver­eitelt, wird sie sich über den heutigen Stand hinaus wei­ter­ent­wickeln. Eine große Gefahr liegt allerdings im Missverhältnis zwischen dem Machtzuwachs, der sich aus Fortschritten auf technisch-wissenschaftlichem Gebiet ergibt, und der äußerst bescheidenen Weiterentwicklung der menschlichen Per­sön­lichkeit. Um diese Gefahr zu mindern, müsste der Mensch vor allem seine Verantwortlichkeit für all sein Tun und Lassen erkennen und obendrein so viel Charakterstärke gewinnen, dass er schließlich jeder noch so verlockenden Versuchung wi­dersteht, Machtmittel zu missbrauchen. Allgemeiner aus­ge­drückt, sollte die jeweils höchste Lebensform in der Ent­wick­lung ihrer Persönlichkeit stets erfolgreicher sein als bei der Er­weiterung ihrer Macht.

 

Pflicht des Menschen als einer höheren Lebensform

Höhere Lebensformen, wie der Mensch, sollten sich unter an­derem dadurch auszeichnen, dass sie die Vielfalt der Le­bens­formen nicht nur tolerieren, sondern sogar als im wahrsten Sinne des Wortes überlebenswichtig erkennen. Das Grup­pen­denken mit der Ausgrenzung von Gruppenfremden führt lei­der allzu oft dazu, dass nur die Interessen der eigenen Gruppe gesehen und auf Kosten anderer durchgesetzt werden, und das gilt ebenfalls für das Verhältnis der Lebens­formen zu­ein­ander. Sehr schnell sind wir Menschen bereit, Lebens­formen in zwei große Gruppen aufzuteilen, in die für uns nützlichen und in die anderen. Wir übersehen dabei allerdings, dass alle Lebensformen auf unserer Erde in ein Netz von Abhängig­kei­ten eingebunden sind. Stirbt eine Lebensform aus, dann er­möglicht es gerade die Vielfalt von Lebensformen, dass die Lücke bald wieder geschlossen wird. Beschädigt der Mensch jedoch durch seine unüberlegten und von Egoismus mo­ti­vier­ten Eingriffe das natürliche Netz zu sehr, kann das nicht nur den Tod vieler Lebensformen, sondern sogar das Ende der Menschheit bedeuten. Aus der Rechtsprechung kennen wir den Grundsatz Im Zweifelsfall für den Angeklagten[1]. Ent­spre­chend sollten wir mit einer Lebensform umgehen, wenn wir ihren Nutzen für uns nicht erkennen können: im Zweifelsfall für die Lebensform. Zu unserem eigenen Schutz stünde uns Menschen ein wenig mehr Ehrfurcht vor allen Lebensformen gut zu Gesicht.

 

Veränderte Bedingungen zwingen zur Verhaltensänderung

Sehr viele Lebewesen, wie zum Beispiel die Saurier, mussten aussterben, weil sie sich an veränderte Umweltbedingungen nicht anpassen konnten. Wie verhält es sich mit dem ge­gen­wärtig an der Spitze der Entwicklung stehenden Menschen? Reichen seine Fähigkeiten aus, sich an veränderte Le­bens­be­dingungen anzupassen und sein Überleben zu sichern? In der Vergangenheit überlebte vielfach nur, wer seine Interessen rücksichtslos durchsetzte und gegebenenfalls sogar anderes Leben vernichtete. Noch immer handelt die Menschheit nach diesem Prinzip. Offenbar hat sie nicht erkannt, dass das bis­he­rige Verhalten keineswegs mehr dem Überleben der Lebens­form Mensch dient, sondern sogar deren Vernichtung be­wirken kann. Der Mensch muss das Gegen­einander möglichst bald aufgeben, denn den Weg in die Zukunft kann er nur im Miteinander aller bewältigen.

Bereits dem einzelnen Menschen hat sich mit der Ausbildung seines Verstandes die Möglichkeit eröffnet, auf veränderte Be­din­gungen schnell zu reagieren. Manche Pro­bleme sind jedoch inzwischen derart komplex, dass sie selbst außergewöhnliche Fähigkeiten eines Einzelnen bei Weitem überschreiten. Des­halb wird die Lebensform Mensch ihre Spitzenstellung nur dann halten können, wenn ihr die bestmögliche Anpassung gelingt – was sie allein dadurch erreichen kann, dass sie auf das größtmögliche Reservoir an Wissen und Fertigkeiten zu­rückgreift, nämlich auf das der gesamten Menschheit. Hierzu ist es erforderlich, dass wirklich jedem Einzelnen Gelegenheit gegeben wird, all seine positiv zu wertenden Fähigkeiten aus­zubilden und für die Mensch­heit einzusetzen. Das ist aber nur möglich bei vorhandener Chancengleichheit, die wiederum erst in einer von sozialer Gerechtigkeit geprägten Leistungs­gesellschaft verwirklicht werden kann.

 

Ohne Verhaltensänderung keine Gesundung

Ein Mensch, dessen Lebensweise zu einer Erkrankung geführt hat, wird wohl kaum gesunden, wenn er sein Leben nicht ändert. Ähnlich verhält es sich mit der Gewalt, die aus unserer Lebensart erwächst. Erst wenn wir unser Leben so verändern, dass die Wurzeln der Gewalt absterben, ist mit dem Zurückgehen der Gewalt zu rechnen. So unsinnig es wäre, vom Arzt die Gesundung des Körpers ohne jedes eigene Zutun zu erwarten, so unsinnig wäre es, von politischen Entscheidungen, die kein Umdenken des Menschen erwarten, Erfolg im Kampf gegen Gewalt zu erhoffen.

 

Der Kampf gegeneinander ist überholt

Auf uns Menschen lastet eine verhängnisvolle Neigung zu Wettkämpfen. Zu wissen, wie schnell wir laufen, stellt uns nicht zufrieden, wir wollen auch wissen, wie schnell die anderen sind und welchen Rang wir in der Läuferriege einnehmen. Nur wenige machen sich klar, dass dieser Hang zum Wettstreit der Anfang einer Kette von Kämpfen ist, an deren Ende der Krieg zwischen Völkern steht. Wer also wirklich etwas gegen Kriege unternehmen will, muss mit wenig spektakulären Aktionen beginnen, indem er jedem Kampf oder Wettstreit den Glorienschein nimmt, denn sie alle sind kleine, wenn auch meistens relativ harmlose Brüder des Krieges. Wie es jedoch Einstiegsdrogen gibt, die sehr oft zu harten Drogen und zu Abhängigkeit führen, so gibt es quasi als Einstieg den Wettbewerb spielender Kinder, der sich bei Erwachsenen zu Rivalitäten zwischen Völkern ausweiten und schließlich sogar zu Kriegen führen kann.

In allen Bereichen des Lebens handeln wir Menschen nach dem Kampfprinzip, selbst beim Spielen. Wenn sich jemand profilieren möchte, muss er gewinnen. Gewinnt er, dann müssen andere verlieren. Kampfspiele wie Fußball und Tennis erfreuen sich großer Beliebtheit. Vermutlich regt sich nur in wenigen eine leise Ahnung, die beliebten Kampfspiele könn­ten Symptome mangelhafter Anpassung an veränderte Lebensbedingungen sein. Umweltzerstörung, Überbevölke­rung, Hunger und Armut immer größerer Gruppen fordern die Menschheit heraus. Angesichts dieser gewaltigen Proble­me ist sicherlich nicht der destruktive Kampf gegeneinander gefragt, sondern das konstruktive Miteinander aller Men­schen. Noch ist auch nicht einmal ansatzweise zu erkennen, dass die Menschheit ernsthafte Anstrengungen unternimmt, um nach neuen Wegen zu suchen. Trotz ihrer Ausstattung mit leistungsfähigem Verstand besteht für die Lebensform Mensch gegenwärtig wenig Hoffnung auf ein langfristiges Überleben.

 

Die Gesamtheit ist nicht der Diener eines Einzelnen

Ist es denkbar, dass die Natur verschwenderisch ihre Mög­lichkeiten darbietet, um einem Einzelwesen oder einer Min­derheit zu einem Höchstmaß an Selbstverwirklichung zu ver­helfen? Kann das eine Zielsetzung der Natur sein? Wenn wir ihr überhaupt zugestehen, zielgerichtet zu sein, dann doch wohl auf die Erhaltung des Lebens. Hierfür sind Artenvielfalt und das Bemühen jeder einzelnen Lebensform, zu überleben und sich zu vervollkommnen, bewährte Mittel. Vervollkomm­nung bedeutet in diesem Zusammenhang, sich immer besser an veränderte Umweltbedingungen anpassen zu können. We­gen etlicher komplexer Probleme, die selbst für das größte Ge­nie unlösbar sind, ist der Einzelne auf die Gemeinschaft seiner Mitmenschen angewiesen. Die Menschheit wiederum braucht das größtmögliche Reservoir an Wissen und Können, nämlich das aller Menschen. Diese gegenseitige Abhängigkeit ent­spricht im Grunde genau dem, was wir Symbiose nennen, wenn es Artgrenzen überschreitet. Wie wir sehen, gereicht es dem Einzelnen zwar nachweisbar zum Vorteil, der Mensch­heit als Ganzem von Nutzen zu sein, aber nicht, nur einigen wenigen ein sorgenfreies Leben im Überfluss zu ermöglichen und gleichzeitig viele andere zu einem von Unterdrückung und Armut geprägten Leben zu verdammen.

 

Erkennen der Verantwortlichkeit

Nachdem der Mensch vom Baum der Erkenntnis gekostet und dadurch Gut und Böse zu unterscheiden gelernt hat, steht er nicht mehr auf der Stufe eines ohne jedes Schuldbewusst­sein handelnden Tieres; deshalb sollte er die an seinen Auf­stieg geknüpfte Verantwortlichkeit erkennen.

Es wäre bereits ein großer Fortschritt für die Menschheit, hätte jeder Einzelne ein so stark entwickeltes Gefühl für Verant­wortung, dass er seine Handlungen danach beurteilen würde, was für Folgen sie für die menschliche Gemeinschaft haben, und wenigstens alles unterließe, was ihm selbst gar keinen oder nur einen vernachlässigbar kleinen Vorteil einbringt, für die Gemeinschaft jedoch von großem Nachteil ist. Der exzessive Gebrauch des Begriffes Selbstverwirklichung sug­geriert, nur das eigene Wohl wäre von Interesse und die Folgen für die Gemeinschaft könnten unberücksichtigt blei­ben. Selbstverwirklichung heißt aber nicht, dass das zu verwirklichende Selbst egozentrisch sein muss, es kann durch­aus ein sich für das Wohl der gesamten Menschheit verant­wortlich fühlendes Ich sein, das Rücksicht übt, indem es die Folgen seiner Handlungen kritisch betrachtet und auch einmal etwas unterlässt, obwohl es ihm ganz persönlich einen Vorteil einbrächte.

 

Freude als Mittel der Natur

Was hat es nun mit den angenehmen Seiten des Lebens auf sich? Sind sie das Werk finsterer Mächte, wie doch tatsächlich manche meinen? – Keineswegs, sie sind im Grunde erfolg­reiche Tricks der Natur, gedacht, dem Individuum dabei zu helfen, seine Pflichten zu erfüllen, populär ausgedrückt, es zu motivieren. Der Sexualtrieb beispielsweise bewirkt, dass zwei Lebewesen zusammenfinden und neues Leben hervorbringen. Das niedliche Aussehen und die Hilflosigkeit des Nach­wuch­ses erwecken überdies den Pflegetrieb und lassen den auf­opferungsvollen Dienst für andere als etwas Angenehmes er­scheinen.

 

Teil 3 folgt

 

Ein Weg in die Leistungsgesellschaft mit mehr Gerechtigkeit

Mensch und Gesellschaft in der Verantwortung für die Menschheit und das Leben

 

 


[1]  In dubio pro reo


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Veröffentlicht: 09. Februar 2010