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Teil 3 - Der Mensch als Teil der Natur





Der Mensch als Teil der Natur Teil 3 von 3

 

Was sollte als natürliches Verhalten gelten?

Immer noch neigen wir dazu, gedankenlos alles stark zu nen­nen, was sich durchgesetzt hat. Auf welche Weise das gesche­hen ist, versäumen wir allerdings, zu fragen. Mit Hinweis auf vermeintliche Gesetze der Natur bezeichnen wir dann das erfolgreiche Verhalten als natürlich.

Die Nationalsozialisten griffen den 1920 in einer gemeinsamen Schrift eines Juristen und eines Psychiaters geprägten Begriff lebensunwertes Leben[1] auf und versuchten damit, die syste­matische Tötung erwachsener Geisteskranker sowie von Kin­dern mit Gehirnmissbildungen zu rechtfertigen. Der Begriff lebensunwertes Leben ist nicht nur widerwärtig, wenn wir mora­lische Maßstäbe zugrunde legen, er ist überdies irre­führend und deshalb falsch. Jedes Lebewesen, erst recht jeder Mensch, beeinflusst schon allein durch seine Existenz das Geschehen auf der Erde. Das Zusammenwirken aller Lebewesen ist jedoch zu vielschichtig und verzahnt, als dass jemand den Einfluss eines Einzelnen zweifelsfrei bestimmen könnte; daher kann auch niemand vorhersagen, wie sich die Tötung eines angeblich lebensunwerten Lebens auswirkt. Vielleicht veranlasst ein auf die Straße torkelnder vollkommen Schwach­sinniger einen Autofahrer dazu, auf die Bremse zu treten und den Wagen so rechtzeitig zum Stehen zu bringen, dass eine Gruppe Kinder, die ein Stückchen weiter hinter einem Ball her auf die Straße läuft, nicht angefahren wird. Das Gedankenspiel lässt sich noch fortsetzen, indem wir einmal unterstellen, unter den Kindern befinde sich ein noch nicht erkanntes Genie, das der Menschheit durch seine Entdeckungen große Vorteile einbringen wird.

Erst wenn wir Menschen gelernt haben, das für die Mensch­heit nützliche Verhalten als natürlich zu erachten und diesem Verhalten entsprechend zu handeln, und zwar ohne große Anstrengung und innere Kämpfe, erst dann gibt es für die Menschheit eine realistische Überlebenschance. Heute haben wir noch die entgegengesetzte Situation: Das spontane und daher als normal empfundene Verhalten ist vollkommen auf Eigennutz ausgerichtet und nimmt keine Rücksicht auf Gemeinschaftsinteressen; nur unter dem Zwang der Gesetze ist eine gewisse Rücksichtnahme zu erreichen.

 

Charakterstärke als Entwicklungsziel

Eigentlich brauchten wir Menschen nur anständig zu handeln, und sehr bald hätten wir eine bessere Welt, frei von Hass und Gewalt. Kein Fortschritt in Wissenschaft und Technik – schon gar nicht auf wirtschaftlichem Gebiet – macht jemanden zu einem besseren Menschen, allenfalls zu einem gefährlicheren. Gerade der bessere Mensch ist aber gefordert, soll der Mensch­heit ein dauerhaftes Überleben vergönnt sein. Der Mensch muss lernen, seine inneren Kräfte zu entwickeln, um so stark zu werden, dass er seine eigenen Belange objektiv gegen legi­time Interessen der Allgemeinheit abwägen und sich gegebe­nenfalls sogar dann für das Allgemeinwohl entscheiden kann, wenn er selbst Nachteile in Kauf zu nehmen hat. Doch noch verharrt der Mensch in seiner charakterlichen Entwicklung viel zu sehr in der Urzeit, als dass es sinnvoll wäre, auf seiner Charakterstärke eine Gesellschaftsordnung aufbauen zu wol­len. Abzulehnen ist allerdings auch die gegenteilige Vorge­hensweise, Gier nach Besitz und Geltung in den Rang einer Tugend zu erheben, denn das führt eher zu einer Gesellschaft nach dem Muster von Verbrecherorganisationen als zu einer Gemeinschaft, in der ein menschenwürdiges Leben für alle möglich ist. Solange wir Menschen noch nicht zur not­wen­di­gen Stärke unseres Charakters gefunden haben, ist daher zu fordern, dass die gesellschaftlichen Regeln dort unterstützend eingreifen, wo wir es nicht aus eigener Kraft schaffen, unsere Gier zu überwinden und gemeinschafts­dienlich zu handeln.

 

Eingreifen oder auf Selbstregulierung vertrauen?

Viele scheuen jeglichen Eingriff in die bestehenden Gesell­schaftsstrukturen, weil sie resigniert haben oder vielleicht daran glauben, dass sich schon alles von selbst regulieren wird. Auf lange Sicht wird sich vermutlich wirklich alles von selbst regeln … dass das aber im Sinne des Menschen sein wird, ist stark zu bezweifeln. Aus der Sicht der Natur wäre es ein Akt der Selbstregulierung, wenn der Mensch als der größte Schädling der Erde sein Vernichtungspotenzial dazu verwenden würde, seinen eigenen Lebensraum und damit auch sich selbst zu vernichten. Sollte der Mensch seine Resignation jedoch aufgeben und etwas gegen die Kräfte unternehmen, die rücksichtslos Teil um Teil unseres Lebens­raumes vernichten und davon sogar noch profitieren, dann wird er auch den Weg in die Zukunft bewältigen, in eine Zu­kunft, die frei ist von Hass und Gewalt, von Gier nach Besitz und Geltung.

 

Steuert die Menschheit selbstlos auf ihr eigenes Ende zu?

Besonders kritische Beobachter könnten die Frage aufwerfen, ob es überhaupt moralisch gerechtfertigt sei, sich um das Überleben der Menschheit zu bemühen. Wer sieht, wie grau­sam manche Menschen Tiere und selbst Mitmenschen behan­deln, der kommt um die Erkenntnis nicht herum, dass sich der heutige Mensch noch auf einer ziemlich primitiven Entwick­lungsstufe befindet, und zwar einer, die wenigstens teilweise sogar unter der von Tieren liegt … denn Ihresgleichen töten Tiere normalerweise nicht. Wem es aus diesem Grund unsin­nig erscheint, den Fortbestand der Lebensform Mensch mit verbissener Hartnäckigkeit sichern zu wollen, zeigt, dass er wie ein Selbstmörder resigniert hat. Sogar dann, wenn die Vernichtung der Menschheit für das nichtmenschliche Leben auf der Erde augenscheinlich ein Segen wäre, gäbe es für Resignation keinen Grund. Ist nämlich eine Lebensform in ihrer Entwicklung bereits so weit vorangeschritten wie der Mensch, dann gestaltet es sich aus der Sicht des Lebens weniger aufwendig und daher vorteilhafter, die vorhandene Lebensform zu reformieren, als ganz von vorn zu beginnen. Außerdem gibt es keine Garantie dafür, dass ein möglicher Nachfolger des Menschen in seiner Entwicklung nicht die gleichen negativen Phasen durchläuft. Auf jeden Fall sollten wir die Chance nutzen, dass der Gesamtheit des Lebens ebenso am Weiterleben der Menschheit gelegen ist wie uns selbst, und wirklich alles unternehmen, damit es nicht zum Tod der Menschheit kommt. Wir können ihn verhindern, denn schließlich zwingt uns niemand, auf diesem primitiven Ent­wicklungsniveau zu verharren. Die Möglichkeit, sich weiter­zuentwickeln, sie ist uns gegeben – und darin liegt unsere Hoffnung.

 

Was gehört zum Menschsein?

Wenn sowohl Habgier als auch Geltungssucht und in beider Gefolge Hass und Gewalt zum Menschsein gehören, dann muss das Menschsein möglichst bald überwunden werden. In der Vergangenheit haben sich zahlreiche Lebensformen weiter­entwickelt. Warum sollte also die Entwicklung aus­gerech­net mit dem gegenwärtigen Menschen enden? Auch nach ihm wird es weitergehen. Als Menschen sollten wir jedoch hoffen, dass kein Rückfall in vormenschliche Zeiten stattfindet, sondern das Gegenteil geschieht, dass uns nämlich eine Lebensform folgt, die über uns steht, weil sie sich aus der Versklavung durch Gier nach Besitz und Anerkennung befreit hat. Kritiker könnten nun allerdings einwenden, schon der heutige Mensch bedeute keinen wirklichen Fortschritt gegen­über seinen Vorgängern, schließlich diene ihm sein größeres Gehirn nur dazu, die Erde mit größerer Effizienz auszubeuten. Was ist ein eigentlich kostbares Werkzeug wert, wenn es zum Nachteil der Allgemeinheit genutzt wird?

 

Verlängerung des menschlichen Lebens

Zwar kann die Erde sehr viele Menschen ernähren, aber keineswegs unbegrenzt viele. Dass die Anzahl der Menschen, die zur gleichen Zeit auf der Erde leben, explosionsartig wächst, hat wenigstens zwei Ursachen: Erstens werden mehr Kinder geboren, und wegen der medizinischen Fortschritte steigt dann zweitens auch noch die Lebenserwartung des Individuums: ein zweifacher Effekt. Angesichts der großen Gefahr, die im beständigen Wachstum der Erdbevölkerung liegt, erscheint es mehr als dringend geboten, zwischen der Geburtenhäufigkeit und der Zahl von Todesfällen ein Gleich­gewicht anzu­streben; eine Geburtenrate unterhalb der Sterbe­rate wäre sogar noch vorzuziehen, zumindest für eine Über­gangszeit. Die unangenehme Konsequenz wäre allerdings, dass sich mit sinkender Geburten­häufigkeit die Evolution verlangsamt. Ungeachtet dessen, dass die Lebensform Mensch als derzeitiger Höhepunkt irdischer Entwicklung gilt, ist sie noch sehr fehlerhaft und bedarf deshalb unbedingt der Weiterentwicklung. Es ist folglich mehr als zweifelhaft, dass wir mit der Verlängerung des individuellen Lebens etwas Positives für die Menschheit, geschweige denn für die Gesamtheit des Lebens erreichen. Vielleicht sollten wir weit weniger Energie darauf verwenden, das Leben des Einzelnen zu verlängern, und uns stattdessen mehr darum bemühen, die Qualität während der gegebenen Lebensspanne zu verbessern.

 

Zusammenfassung: der Mensch als Teil der Natur

Wir Menschen stehen nicht über der Natur, vielmehr sind wir ein Teil von ihr, eine einzelne Lebensform unter vielen ande­ren und aufgerufen, das Leben zu erhalten.

Die Vielfalt der Lebensformen ist keine sinnlose Verschwen­dung, sondern eine erfolgreiche und weiterhin Erfolg verspre­chende Überlebensstrategie der Natur.

Als unvollkommene Lebensform, die auf jeden Fall der Wei­terentwicklung bedarf, sind wir Menschen gewissermaßen das Bindeglied zwischen unserem Vorgänger und – sofern wir das nicht vereiteln – unserem Nachfolger.

Vor dem Hintergrund, dass der rücksichtslose Kampf gegen­einander sogar zur völligen Vernichtung unserer eigenen Lebensform führen kann, dürfen wir das Attribut fort­schritt­lich erst dann für unsere Entwicklung reklamieren, wenn wir den Weg aus der Aggression her­aus zu einem friedlichen Mit­ein­ander aller gefunden haben.

Viele vor uns liegende Probleme sind so komplex, dass zu de­ren Lösung auf das größtmögliche Reservoir an Wissen und Fertigkeiten zurückgegriffen werden muss, nämlich auf das der gesamten Menschheit.

Zum Nulltarif ist die Verbesserung der gegenwärtigen Situ­ation nicht zu haben, sie erfordert vielmehr radikales Um­denken, vor allem die Abkehr von jeder Glorifizierung des Kampfes zwischen Menschen. Selbst der nach flüchtigem Blick harmlos erscheinende Kampf auf dem Fußballfeld ist ein Bru­der des Krieges.

Das Geschehen auf unserer Erde ist so verzahnt und ver­wo­ben, dass niemand mehr in der Lage ist, alle Folgen seiner Ent­scheidungen und Handlungen zu erkennen. Deshalb muss je­der davon ausgehen, im Zweifelsfall für das Unglück und Elend anderer mitverantwortlich zu sein, und zwar auch dann, wenn er seinen Einfluss nicht nachvollziehen kann.

Überwiegend mit positiver Wertung assoziiert, gebührt das Prädikat natürlich nicht dem, was sich durchsetzt, sondern ein­zig und allein dem, was der Menschheit nützt.

Um unserer Zukunft willen hoffen wir auf den Menschen, der sich durch Charakterstärke auszeichnet, seiner Gier nach Besitz und Geltung widerstehen kann und sowohl Hass als auch Gewalt überwindet.

 


[1] K. Binding, Jurist, und A. Hoche, Psychiater, in ihrer Schrift Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens von 1920

 

Ein Weg in die Leistungsgesellschaft mit mehr Gerechtigkeit

Mensch und Gesellschaft in der Verantwortung für die Menschheit und das Leben

 


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Kommentare

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Wolf-Gero sagte:
am 09.02.2010
Hallo Klaus!

Ich weiß nicht, wie oft ich es inzwischen schon geschrieben habe, aber ich muss es erneut schreiben:
Leider muss ich Dir recht geben.

Anständig zu handeln ist offensichtlich für das Gros der Menschen einfach nicht möglich. Natürlich würden sie es ja gern tun, aber die bösen Nächsten lassen sie nicht.

Doch wäre das eine sinnvolle Entschuldigung dafür, dass wir gar nichts mehr unternehmen, nicht einmal versuchen, die Menschen aufzurütteln?

Viele Grüße
Wolf-Gero


Klaus_Radloff sagte:
am 09.02.2010
Hallo Wolf-Gero

Ich zitiere dich: "Eigentlich brauchten wir Menschen nur anständig zu handeln, und sehr bald hätten wir eine bessere Welt, frei von Hass und Gewalt.".

Erfahrungsgemäß werden aber Menschen, die nach dieser Maxime handeln herabgemacht, nach Möglichkeit über den Tisch gezogen, verleumdet, verfolgt oder gar getötet. Mir fällt dazu u.a. Martin Luther King und der Geschäftsführer von McDonald in Istanbul ein. Sein Name: Ismir Yübel.

Viele Grüße Klaus


Veröffentlicht: 09. Februar 2010