Tätigkeit
und Gedanken
im Dialog
Der Juli neigt sich in erlösenden Regentagen
seinem Ende zu, im Klarapfelbaum rufen die Äpfelchen, wie weiland bei Frau Holle "wir sind schon alle reif", lassen sich einfach fallen oder hängen mit großen Faulstellen im Gezweig. Vereinte Kräfte und schnelles Handeln leeren den Baum, aber ganz oben im Wipfel verbleibt ein Rest für die Vögel.
Ein ganzer Tragekorb mit den geliebten Klaräpfeln will verarbeitet sein:
Saft, Mus, Gelee und Kuchen - das volle Programm. Der erste Arbeitsgang: Äpfel schneiden, Stiel, Blüte, Schadstellen entfernen - aber nicht die Kerne und das Gehäuse. Entsaften, gelieren, zermusen, backen...
Die Hände verrichten lange geübte Tätigkeiten, die Gedanken hängen nach:
Der Apfel, lateinisch "malus", althochdeutsch "apful", soll eigentlich aus Zentralasien und dem Kaukasus stammen. Hm, war wahrscheinlich ursprünglich auch nur
so ein Wald/Holzäpfelchen wie ich sie noch aus meiner Kindheit kenne: Eine Konsistenz wie weiches Holz, Geschmack wie reine Galle. Im vorderen Orient sollen die frühen Arten der heutigen Äpfel gezüchtet worden sein, zwischen Euphrat und Tigris (dort soll zumindest das Paradies gelegen haben, während in der Saar-Pfalz allerdings behauptet wird, es lag im Westrich), die Ägypter taten das Ihre dazu und die Römer (weil sie die Äpfel als Aphrodisiakum betrachteten) sorgten für die Verbreitung. ..
So, die erste Portion ist geschnitten - mehr geht nicht in den Topf - die Hälfte an Gewicht Wasser dazu - es wird entsaftet!
Evas Apfel - wenn es denn diese Frucht war, die Adam zum verhängnisvollen
Biss verführt hat - (manche "wissenschaftlich Erkennende" meinen, es müssten Feigen gewesen sein, andere eher ein Granatapfel - siehe Verführung der Persephone durch Hades) müsste dann die erste Tageslicht-taugliche Neuzüchtung zwischen Euphrat und Tigris gewesen sein, vielleicht leuchtend rot wie die weihnachtliche Sternrenette. Kein Wunder, dass Adams Rippe so versessen auf diese Köstlichkeit war. Wenn beide auch achtkantig aus dem Paradies flogen, Evchen hat - man darf Adams zweite Frau so
einschätzen - sicher ein paar von den roten Dingerchen unter dem blättrigen Lendenschurz versteckt als Wegzehrung und die Butzen justament irgendwo in die Prairie geschmissen...
So, der Saft ist jetzt abgelaufen. Na, er schmeckt etwas herb. Da gibt's keinen Zimt dazu. Ich nehme lieber gemahlenen Anis und Vanille (aus der Schote) zu dem Gelierzucker (3 + 1 plus, angeblich mit rein pflanzlichen Pektinen), einrühren und leicht wallen lassen (Apfel länger als Beerenobst etwa 1/4 Stunde)...
Vielleicht hat Klein-Seth mit den ersten Äpfelchen von den Bäumchen - aus
Evas Butzen gewachsen - Fußball gespielt ... nein, wie niedlich, Eva ist entzückt, nimmt das zerknallte Obst - Adam soll's ja nicht merken - und kreiert das erste Mus. Ja, ja - die lieben Kinderchen. Abel lebt nicht mehr; Kain, sein Bruder und Mörder streunt in der Weltgeschichte herum, nur der Kleine ist Evas ganze Freude. Sie erinnert sich noch an den Fluch: "Unter Schmerzen sollst du gebären ..." Fluch oder Segen? Eva grübelt. Eigentlich war es ein Fluch - der Fluch der Fortpflanzung...
Genug gewallt, wenig Schaum hat sich gebildet, der nun abgeschöpft und zur Gelierprobe auf ein Tellerchen gegeben wird. Die Eva in mir kann's nicht lassen: Die Spitze des kleinen Fingers in den schon gelierenden Schaum tauchen und ...schwupps landet er im Mund. Lecker! Wie gut der Anis zum Apfel passt und gut, dass die Äpfel noch fest und daher säuerlich waren. Jetzt kann der Gelee in die Gläschen gefüllt werden.
Die Fortpflanzung ein Fluch, die materielle Welt ein Werk des Bösen, nur die Geisteswelt ein Werk des liebenden Gottes, so sahen die Katharer, die "Reinen" (von etwa dem 9. Jhdt bis zur endgültigen Ausrottung im 14. Jhdt.) - auch
Albigenser genannt - ihre Welt. Es durfte nichts gegessen werden, was der Fortpflanzung entsprungen war, kein Tier, kein Vogel, auch keine Milch oder Eier, Butter, Käse... Fische waren erlaubt, aber nur während der Fastenzeit und freitags, weil man damals noch der irrigen Meinung war, Fische würden nicht durch Fortpflanzung entstehen. Montags und mittwochs durfte man nur Wasser und Brot zu sich nehmen.
Sie erkannten keine Obrigkeit, auch nicht die weltliche Gerichtsbarkeit, an; denn alle - Kaiser, Könige, Papst, Fürsten, waren keine Katharer und standen daher im Dienste Satans (wie die Geschichte oft genug bewiesen hat), den sie durch ihr arbeitsames Leben in Armut und Genügsamkeit und das Consolamentum, das einzige Sakrament der Katharer, zu überwinden suchten.
Sexualität, Geburt und Zeugung galten als widerwärtig - auch in der Ehe - und als Werk des Teufels. Schon das Begehren der eigenen Frau war Sünde, es war besser die Frau zu verlassen, als dem Begehren nachzugeben. Der einfache Gläubige dagegen durfte heiraten und auch Kinder haben; denn irgendwie mussten sich auch die Katharer vermehren, ihre Lehre sollte sich verbreiten, denn die Seelen der Engel, die sich in die menschlichen Körper verirrt hatten, sollten wieder zu dem liebenden Gott der Geisteswelt zurückfinden.
Die Geleegläschen sind gefüllt und beschriftet, an ihren Kellerplatz verfrachtet. Die weichen Apfelreste aus der Entsaftung werden nun passiert, Apfelmus heißt das Zauberwort.
Das arbeitsame Leben der Katharer wurde nicht durch die Abgabe des "Zehnten" belastet, ihre Einnahme beruhte auf dem Spenden-Prinzip. Es gabe keine Hörige, Bedienstete, ein Umstand, der von kirchlichen und weltlichen Würdenträgern der katholischen Kirche mit Sorge betrachtet wurde. Die starke Abwanderung zu den Katharern, besonders im Süden Frankreichs, im Languedoc, schmälerte die reichen Pfründe erheblich.
Das Töten von Tieren war verboten, die Tötung eines Tieres galt als Mord; die Katharer glaubten an Seelenwanderung. Bei Ihnen durften aber schon damals Frauen das Priesteramt ausüben. 3 Jahre Noviziat waren zuvor erforderlich; dann erhielt der Priester das Consolamentum eine Art Taufe und Priesterweihe zugleich (in einer Art "Handauflegen"). Aber auch die Priester, die "Vollkommenen" genannt, mussten normalen "bürgerlichen" Berufen zum Broterwerb nachgehen, auch Adelige (nach dem Gebot Christi an seine Jünger, sich nicht für Lehre und Heilung bezahlen zu lassen, sondern dort wo sie predigten, für die nötige Nahrung tatkräftige Hilfe als Gegenleistung anzubieten). Beging ein Gläubiger Verfehlungen musste er zur Läuterung Priester werden. Die Taufe der Kinder wurde abgelehnt, da Kinder noch nicht das nötige Wissen und damit auch keinen Willen zur Entscheidung haben konnten. Ein erwachsener normaler Gläubiger erhielt das Consolamentum (in diesem Falle Taufe und letzte Ölung) kurz vor seinem Tode, aber noch bei bestem Bewusstsein. Danach wurde die Ernährung eingestellt und nur noch Wasser gegeben, auch wenn sich die Gabe des Consolamentum bzw. der baldige Tod des Empfängers als Irrtum herausstellte (der Gläubige entschied sich meistens dazu, diese Entscheidung geschah ohne Druck von außen)!! Die Feigheit galt als Sünde, Folter und Tod konnten nicht schrecken; denn die Seele aus dem Reich des liebenden Gottes wurde aus ihrem körperlichen/materiellen = satanischen Gefängnis befreit
So das wäre geschafft. Alle Äpfel sind passiert, nur noch Schalen und Kerngehäuse sind im Sieb verblieben. Das so gewonnene Mus kommt "in Dialog" mit Zimt, Zucker (hab' noch kein Stevia erwerben können), Cardamom und Koriander. So ist die ganze Angelegenheit in einem kurzen Aufwallen verfeinert.
Der Kampf des Katholizismus gegen den Katharismus fand 1329 sein Ende als die letzten Katharer in dem Feuersturm des letzten Scheiterhaufens in Carcassonne untergingen.
Der zeitweilige Erfolg der Katharer hat wohl viel damit zu tun, dass ihre dualistische Glaubensdoktrin eine einfache und plausible Antwort auf die Frage gibt: "Warum lässt der
allmächtige und allgütige Gott zu, dass ich armer Mensch so schrecklich leiden muss ?" Die Antwort des Katharismus lautet ungefähr so: "Dein Körper ist, ebenso wie die ganze sichtbare Welt, vom Teufel erschaffen. Er ist für all Deine Leiden verantwortlich. Der liebe Gott ist nur für den Himmel zuständig, und der ist vollkommen. Wenn Du alles Irdische und Unreine (alles Körperliche) von Dir abstreifst und nur noch aus dem Geist der reiner Liebe bestehst, dann kannst Du in das Reich Gottes eingehen."
www.frankreich-experte.de/
Das Mus ist abgekühlt - ich fülle es in Beutelchen ab und friere es ein. Ein Teil wird im Kühlschrank aufgewahrt, es soll noch Kuchen gebacken werden.
Ziemlich extrem, diese Katharer, sozusagen Extrem-Veganer - ihre Geschichte füllt eine Unzahl von Büchern. Aber irgendwie ist mir ihre Welt nicht unsympathisch, u. a. auch im Sinne von Fortpflanzung "als Fluch".
Wenn man bedenkt, dass durch die Überproduktion von Fleisch vor allem zur Ernährung der westlichen Hemisphäre - die dafür erforderlichen riesigen Viehherden - zu 51 % an der globalen Erwärmung beteiligt sind, Reis, ein Hauptnahrungsmittel (bei 50 % der Weltbevölkerung), als höchster Methanproduzent aller Getreidearten gilt (10 % der gesamten Methanproduktion) im Jahre 2050 - falls die Geburtenraten auf weltweit durchschnittlich 2,5 Kinder pro Familie (wie hat man sich ein 0,5-Kind eigenlich vorzustellen - Rätsel) reduziert würden, immerhin 11 Milliarden Menschen ernährt werden müssten (UN glaubt an 9,1 Milliarden Menschen im Jahre 2050).
Wenn auch www.innovations-report.de berichtet, dass im "Glasglocken-Versuch", eine bessere, weniger Methan-produzierende Reissorte erfolgreich gezüchtet worden wäre (zu beachten: Experiment, kein Freilandanbau, Frage Gen-manipuliert?), so gibt es dazu widersprüchliche Meinungen aus berufenem Munde: Durch diese neue Reissorte würden wichtige, den Boden durchlüftende Bakterien vermindert. Doch der Bedarf an Reis wächst ständig. Die Produktionen reichen längst nicht mehr aus bzw. deren Auslieferung wird verhindert, um den Reispreis weiter in die Höhe zu treiben, wie von Thailand praktiziert, das sich eine "goldene Nase" mit Reis verdient. Der Marktwert des Reises ist dort mittlerweile höher als Gold, für Menschen, die meistens unter der Armutsgrenze von 1,25 $ pro Tag leben, nicht mehr erschwinglich.
Circulus vitiosus: Angebliche Hilfe für die Armen, angebliche Nahrungsmittel-Produktion gegen den Welthunger (mittlerweile von 8 Mill. Hungernden auf über 10 Mill. gestiegen) entwickelt sich rasch zu einer weiteren Ausbeutungs-Innovation. Ob das edle Bemühen, den Hunger in der Welt bis 2025 abzuschaffen von Erfolg gekrönt ist, kann man mit Fug und Recht bezweifeln. Tanz der Teufel!
Nein, Kinder sind schon lange nicht mehr des armen Mannes Reichtum!
Evas Apfel ist zum "Big Apple" mutiert.
Und ich frage mich, ob der Welt, die Evas Kinder kreieren und im Neuerfinden ständig zerstören, wenigstens ein Hauch von Katharismus zuträglich wäre.
Aus einem Gebet der Katharer:
Heiliger Vater, gerechter Gott der guten Geister, der Du niemals fehlgehest, niemals lügest, niemals in der Fremde irrest noch zweifelst - wegen der Todesfurcht, die man in der Welt des fremden Gottes auf sich nehmen muss, da wir ja nicht von dieser Welt sind und die Welt nicht von uns, gib uns zu erkennen, was Du kennst, und zu lieben, was Du liebst...
suprememastertv.com/de/
Kommentare
Augenblick sagte:
am 31.07.2010ich möchte um Himmels Willen nicht, dass der Eindruck entsteht, dass ich ein Verfechter des Katharismus bin, deshalb habe ich auch geschrieben "ein Hauch von Katharismus". Wenn man bedenkt, dass in der Welt, in der sie damals lebten, durch die Feudalherrschaft dem normalen Sterblichen, sprich Bauer, durch die ganze Hierarchie der Herrschenden, die alle den Zehnten wollten, zum Schluss nichts mehr übrig blieb und er sich als Höriger oder Leibeigener verdingen musste, so war der Katharismus eine wohltuende soziale Variante des Christentums. Alle mussten sich am gemeinsamen Werk beteiligen, niemand herrschte über den Anderen, es gab keine Abgaben oder sonstiges, man unterstützte sich gegenseitig. Es war keine Neidgesellschaft, ein Priester mit Unterstützung von 2 Diakonen leitete - und zwar im Wechsel - die Gemeinschaft. Jeder Priester musste einmal mit der Leitung der Gemeinschaft betraut werden. Mir gefällt auch die Achtung aller Lebewesen. Mit der Leibfeindlichkeit der Katharer habe ich nichts am Hut, aber mit einer weltweiten Geburtenbegrenzung und der dadurch entstehenden weltweiten Begrenzung des Fleischverzehrs (und des dadurch bedingten Methanausstoßes).
(Während in Deutschland der Geburtenindex auf 2,3 Kind steht, ist er in Afrika beispielsweise noch bei 5 Kindern im Durchschnitt). So will ich eigentlich diesen "Hauch Katharismus" verstanden haben.
Zum Abschluss noch ein kleines Bonbon aus mittelalterlichen Gesetzen: "So ein Höriger stirbt, muss man seinem Herrn aus dem Stall das Besthaupt geben. So er keins hat, soll man ihm das Bett unter dem Arse wegziehen.".
Kein Wunder, dass die Katharer großen Zulauf hatten (auch von Adeligen, die aus lauter Sorge um ihr Seelenheil durch die ewigen Spenden an Klöster und Kirchen oft bettelarm wurden) und kein Wunder, dass die katholische Kirche die Katharer vernichtete.
Danke für Deinen freundlichen Kommentar und
herzliche Grüße
Augenblick
Klaus_Radloff sagte:
am 31.07.2010Das sind freundlich wohltuende und entspannende Gedanken, die du beim Mosten deines Apfelsaftes hattest. Danke dir dafür. Gedanken, die sich ein Lebensmittelchemiker bei der Herstellung von Apfelsaft aus naturidentischen Aromastoffen (hergestellt aus absolut natürlichen Hobelspänen aber ohne Äpfel), nicht macht.
Die Katharer passen da m. E. nicht so ganz ins Bild. Was habe ich überlesen? Sie erinnern mich an die Puritaner Sylvester Graham (der mit dem Grahambrot) und John H. Kellogs (der mit den Cornflakes), die auch der Meinung waren, dass jegliche Freude am Leben ein Ding des Teufels sei. (Das ist übrigens ein Grund für mich kein Grahambrot zu essen und auf Cornflakes zu verzichten.)
Danke für den interessanten, bipolaren Bericht.
Viele Grüße Klaus
Augenblick sagte:
am 30.07.2010ein ganz herzliches Dankeschön!
Mit meinem Wahlspruch "omnia vincit amor"
wünsche ich Euch schöne Tage
Augenblick
IBurger sagte:
am 30.07.2010ich möchte mich hier nicht über die Problematik dieses Artikels auslassen. Ich möchte einfach nur meine Bewunderung äußern über die geniale Verquickung von Tun und Denken, dass perfekte Vermitteln von Wissen und Information. Alles verpackt in einer humorigen Art, ohne erhobenen Zeigefinger aber mit gestalterischer
Finesse :-)
Da gibt es für mich nur Eins: lernen und nacheifern !
Liebe Grüße
Ina
AnnaFelicitas sagte:
am 30.07.2010ich habe deinen Artikel mit besonders großem Vergnügen gelesen und danke dir dafür! Neulich durfte ich übrigens lernen, dass alle unsere heutigen Tafeläpfel einen gemeinsamen Vorfahren haben: Malus siversii. Dieser wächst noch wild und in großer Vielfalt in den Gebieten um Kirgistan, Kasachstan und China.
Alles Liebe
Anna
UrsulaOrtmann sagte:
am 30.07.2010Und völlige Gleichheit kann es der vielen Unterschiede wegen nicht geben. Der Mensch denkt in hierarchischen Strukturen und das können nur die Schul- u. Bildungssystem verändern.
Alles Gute
Ursula
Augenblick sagte:
am 30.07.2010Von den Katharern wäre zu lernen: Gleichheit in der Gesellschaft, Bedürfnisse einzuschränken (nicht diejenigen, die es sowieso schon tun), Achtung vor dem Leben, Geburtenbeschränkung, damit der Planet nicht noch weiter durch die Nahrungsmittelproduktion zerstört wird.
Gruß Augenblick
UrsulaOrtmann sagte:
am 30.07.2010L.G.
Ursula