Der Drehbuchautor und Dokumen­tarfilmer Hermann Delacher hat sich mit der Neugier des leidenschaftlichen Stadtwan­derers auf die Suche nach den Ursprüngen unserer Alltagskultur gemacht und ent­deckte dabei Kurioses, Skurriles und Schräges aus der versunkenen Welt des alten Wien.

Die meisten Wiener glauben, ihre Stadt zu kennen. Sie wissen, wo es die besten Schnitzel und den süffigsten Wein gibt, in welchen verschwiegenen Ecken man sich unentdeckt romanti­schen Gefühlen hingeben kann und an welchen Orten das pralle Leben lockt, wann Hermann Leopoldi das letzte Mal den „Stillen Zecher“ gesungen hat und wie lang der Watschenmann im Wurstelprater schon auf den Held der Vorstadt wartet.

Umso erstaunlicher, dass erst ein Salzburger kommen musste, um den Wienern zu zeigen, dass ihre heiß geliebte Stadt noch mit zahlreichen kuriosen und bizarren, schrulligen und extrav­aganten Alltags-Geschichten aufwarten kann, die kaum ein Einheimischer kennt, geschweige denn ein „Zuagroaster“ oder ein Tourist.

Oder wussten Sie, dass die ersten Straßenlaternen, die 1688 unter Kaiser Leopold I. „zur Abwendung und Verhütung nächtlicher Ungelegenheiten“ entzündet wurden, so unbrauchbar-trübe Funzeln waren, dass die Wiener spotteten, man zünde sie nur an, „damit man sieht, wie finster es ist.“? Dass die erste Frau am Wiener Galgen eine Gattenmörderin war, die bei ihrer Hinrichtung 1809 auf der Richtstätte bei der Spinnerin am Kreuz für einen „unbeschreiblichen Zulauf des Volkes sorgte, da man in Wien noch keine Weibsperson hatte hängen sehen“, wie die zeitgenössischen Tageszeitungen zu berichten wussten? Oder dass es knapp nach der Jahr­hundertwende bereits 59 öffentliche Bedürfnisanstalten mit 434 Wasserklosetts gab, die aller­dings aus unerfindlichen Gründen nicht von einem Wiener, sondern von einem Berliner Unternehmen errichtet worden waren?

Die Entwicklung Wiens und der Umbruch zur Moderne ist gepflastert mit derartigen Kuriositäten und Attraktionen, die allerdings in vielen Bereichen die Basis für jene Standards im Transport und bei der Energieversorgung, im Gesundheitsbereich und in kulturellen Belangen bilden, die wir heute für selbstverständlich halten.

Ein typisches Beispiel ist der „Zeiselwagen“, von seinen Benutzern liebevoll „Linienschiff“, „Luftbiskotten“ oder „Lemonikraxn“ genannt. Als gegen Ende des 18. Jahrhunderts in Wien die sonntäglichen Visiten aufs Land in Mode kamen, zwängten sich so viele Ausflügler auf die Holzbänke dieser erstmals für jedermann erschwinglichen Transportmittel, dass die Kutscher mit ihren typischen weißen Hüten, vulgo „Pinsch“, auf den Deichselstangen sitzen mussten. „Durch diese Fuhrwerke ist es auch der ärmsten Klasse möglich, sich am Sonntag auf dem Land zu unterhalten und dort tiefste und nachhaltende Beglückung der Seele nach dem grauen Alltag des Großstadtlebens zu finden“, notierte ein sozialromantischer Wienbesucher anno 1833.

Um ihr Seelenleben ging es den Ausflüglern damals allerdings ebenso wenig wie den Heuri­genbesuchern heute: Was sie suchten (und fanden) waren kulinarische Genüsse und boden­ständige Unterhaltung. Im Paradeisgartel auf der Mölkerbastei promenierte man zwischen Springbrunnen und Salettln oder trank im Kaffeehaus des einstigen Spions Pietro Corti Limo­nade und Mandelmilch, in Schönbrunn besuchte man die exotischen Elefanten, im Augarten ließ man sich vom Hoftraiteur Jahn die besten Weine und Liköre servieren, und wer viel Zeit hatte, machte zuerst eine kurze Pilgerfahrt um den Kalvarienberg und delektierte sich anschließend bei den fliegenden Händlern an Brezeln und türkischem Honig, gesponnenem Zucker und picksüßem Marzipan.

Absoluter Hauptanziehungspunkt war aber – damals wie heute - der 1766 von Joseph II eröffnete Prater, wo Dutzende „bürgerliche Gast­geber und Kaffeesieder“ für gastronomische Vielfalt sorgten. Wer nicht mit einem eigenen Picknickkorb kam, konnte beim Salmutschi einkaufen, sich vom Radimann einen Rettich kunstvoll in Lampionform schneiden oder sich von der Znaimerin saftige Gurkerln aus dem Fass fischen lassen. Die besten Backhendln gab es im Wirtshaus „Zum grünen Paperl“, die beste Musik beim „Swoboda“, und wer vom vielen Ringelspielfahren schwindlig wurde, kehrte beim „Walfisch“ auf ein Wienerschnitzel ein.

Für Unterhaltung war ebenfalls gesorgt: Die Vorgänger der modernen Eventkünstler und Aktionisten, der Straßenmusiker und Bühnen-Stars waren reisende Schausteller und Kunst­reiter, Eskamoteure und Voltigeure, Akrobaten und Artisten. Mitte des 19. Jahrhunderts besaß ein Herr Heinrich Schreyer im Prater sogar ein echtes Affentheater, und wer 12 Kreuzer auf den Tisch legte, konnte in der Jägerzeile einen ausgewachsenen Stier bewundern, der wegen seiner „Frömmigkeit“ zu Ruhm und Ehren gelangt war. In den Abendstunden sorgte der begnadete Feuerwerker Johann Georg Stuwer dann dafür, dass der Himmel über der Leopold­stadt in Flammen aufging. Ein Spektakel, das bis zu 40.000 Zuseher in seinen Bann zog – mehr, als so manches moderne Event vorweisen kann.

Die Wiener waren allerdings nicht nur begei­sterte Genießer, sondern auch begeisterte Zeitungsleser, vor allem, nachdem in der Stadt „das Licht angegangen“ – und die staatliche Kontrolle abgeschafft worden war. Das geschah am 14. März 1848 mittels eines amtlichen Posters, auf dem verlautet wurde, dass „seine k.k. Apostolische Majestät die Aufhebung der Zensur und die alsbaldige Veröffentlichung eines Pressegesetzes allergnädigst zu beschließen geruht haben.“ Prompt brach ein Zeitungsgrün­dungsfieber aus, das innerhalb eines Jahres mehr als 300 periodische Druckschriften zur Folge hatte – darunter seriöse Tageszeitungen wie „Die Presse“, deren Konzeption, Aufmachung und Gestaltung einem französischen Vorbild folgte, aber auch so skurrile Boulevardblättchen wie eine Zeitschrift namens „Die Geheimnisse von Wien“, die ihren interessierten Lesern skandalöse „News“ aus der feinen Gesellschaft enthüllte.

Sein und Schein, Skandale und Skandälchen prägten allerdings nicht nur den Blätterwald, sondern auch das Wiener Baugewerbe. Es wurde vorgetäuscht, was nur vorzutäuschen war. Naturstein beispielsweise, der in Form von Simsen und Zierleisten, Perlenbändern und „lau­fenden Hunden“ (Wasserwellen), Kymatien (Blätter) und Ochsenaugenbändern „gegossen“ und von Architekten als Meterware geordert werden konnte. Oder falscher Marmor, der mittels „Stuccolustro“ erzeugt wurde, einer Maltechnik, die billigen Gips wie teuren Kalkstein aussehen ließ. Die Wiener hatten nichts dagegen, von Meisterhänden hinters Licht geführt zu werden. Ihr Motto lautete – wie auch in vielen anderen Bereichen – schlicht, einfach und „echt wienerisch“: Hauptsache, es kostet nicht allzu viel – und schaut trotzdem gut aus.

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Wien und Kaffee – das klingt nach einer (fast) unendlichen Geschichte.

Es wird ein Wein sein und wir werden nimmer sein.

Die sichtbarsten Spuren von Dichtern und Dichtung in Wien sind Gedenktafeln, Büsten, Monumente und natürlich die Grabmäler am Zentralfriedhof.
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