Inhaltsangabe: Stadt Mahagonny und Ankunft der Holzfäller

Willy der Prokurist, der Dreieinigkeitsmoses und Leokadja Begbick wollen die Küste entlang nach Norden, wo Gold gefunden wird. In der Wüste bleibt ihnen allerdings der Wagen liegen. Wenn sie nicht zum Gold kommen, muss das Gold eben zu ihnen kommen: Begbick beschließt spontan die Gründung einer Stadt. Mahagonny soll sie heißen, die Männer mit Frauen und Whiskey locken und um ihre Ersparnisse bringen. Der Traum vom Paradies zieht leichte Mädchen und allerlei Unzufriedene an, unter ihnen die vier Holzfäller Jakob, Joe, Heinrich und Paul. Wie viele andere will auch Paul Ackermann die Stadt bald wieder verlassen. Ihm ist es zu ruhig in Mahagonny, das durch Verbote regulierte Laster reizt ihn nicht. Seine Freunde überreden ihn zum Bleiben. Derweil sorgt eine Nachricht für Angst und Entsetzen.

Paul Ackermann und das Auge des Hurrikans

Ein Hurrikan und ein Taifun rasen auf die Stadt zu. Paul sieht in den nahenden Naturgewalten das ungebändigte zerstörerische Wesen des Menschen. In einer Rede beschwört er die Kürze des Lebens, das man in vollen Zügen schlürfen müsse, da hinterher nichts komme. Vor dem Angesicht der Katastrophe überzeugt er die Menge: Begbick hebt ihre Verbote auf, sie sollen tun was ihnen beliebt. Unaufhaltsam bewegt sich der Hurrikan auf Mahagonny zu und macht alles auf seinem Weg dem Erdboden gleich – um kurz vor der Stadt einen Haken zu schlagen. Die Menschen wurden verschont und pflegen fortan Pauls Lehrsatz dieser Nacht: "Du darfst."

Jakob der Vielfraß, Alaskawolf-Joe und Jenny

Ein Jahr nach der Gründung herrschen Amoral und Maßlosigkeit im anwachsenden Mahagonny – an erster Stelle steht das Fressen, gefolgt vom Liebesakt, dem Boxen und Saufen. Jakob frisst sich denn auch zu Tode, Joe wird in einem Preisboxen von Dreieinigkeitsmoses erschlagen. Paul wiederum kann seine Zeche nicht bezahlen. Da weder sein verbliebener Begleiter Heinrich noch seine Geliebte Jenny für ihn bezahlen, kommt es zur Gerichtsverhandlung. Unter Leitung der drei Stadtgründer verkommt die Justiz allerdings zur Farce: Ein Mörder wird freigesprochen, da er genug Bestechungsgeld bezahlen und der Geschädigte sich naturgemäß nicht melden kann.

Das Gericht in Mahagonny verhängt die Todesstrafe

Jenny tritt als angeblich Verführte gegen Paul auf. Zudem wird ihm vorgeworfen, während des Hurrikans die Ruhe und Eintracht der Stadt gestört zu haben. Zwar erinnert Heinrich daran, dass Paul damals die Gesetze der Glückseligkeit entdeckt habe, nach der die Männer von Mahagonny leben. Dem Vorwurf, Paul habe Joe wegen des Wetteinsatzes beim Preisboxen geopfert, begegnet er mit dem Verweis auf den Totschläger. Dennoch kommt es zum Urteil: Das Strafmaß für indirekten Mord, Ruhestörung und Verführung fällt gering aus. Das Singen verbotener Lieder schlägt bereits mit zehn Jahren Kerker zu Buche. Wegen dreier Flaschen Whiskey und einer Stange Tabak jedoch wird Paul zum Tode verurteilt: Mangel an Geld stellt das größte Verbrechen dar.

Das Spiel "Gott in Mahagonny" und Chaos in der Stadt

Seine Henker führen das höhnische Spiel von Gott in Mahagonny vor. Paul erkennt seine Schuld und die Sinnlosigkeit seiner Freuden. Er war es, der sie zum rücksichtslosen Egoismus animiert hat, und: "Die Freude, die ich kaufte, war keine Freude, und die Freiheit für Geld war keine Freiheit. Ich aß und wurde nicht satt, ich trank und wurde durstig." Er endet auf dem elektrischen Stuhl. Abschließend herrscht Chaos in Mahagonny. Die Stadt brennt, Demonstrationszüge marschieren umher: Auf ihren Schildern fordern sie den Fortbestand des Goldenen Zeitalters – charakterisiert durch die ungerechte Verteilung der irdischen Güter, den Kampf aller gegen alle, die Freiheit der reichen Leute, die Ehre der Mörder etc.

Interpretation: Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft und Geldherrschaft

Der anarchische Gestus des Stücks und die Beschwörung ungezügelten Genusses knüpfen an Brechts Baal-Stück an. Im Unterschied zu diesem betont Brecht jedoch nicht die triebhaften Leidenschaften eines Individuums, sondern kritisiert die bürgerliche Gesellschaft und ihre ausschließlich auf Geld beruhende Ordnung. Da es für Geld alles und ohne Geld nichts gibt, stellt Geld den einzigen Maßstab in Mahagonny dar.

Alles obliegt dem Diktat des Geldes: Das Recht, das Leben und in letzter Instanz das Recht zu leben. Wer über genügend Finanzen verfügt, der darf sich den maßlosen und letztlich sinnlosen Genüssen hingeben.

Berotlt Brecht: Werteverfall und Gier im Kapitalismus

Das Essen verkommt dabei zum Fressen, die Liebe zur Dienstleistung und Gewalt zur Unterhaltung. Freundschaft und Partnerschaft verlieren an Bedeutung. Brecht demaskiert in seinem Wildwestszenario – das zugleich eine Parodie auf biblische Inhalte beinhaltet – die Mär vom Kapitalismus. Der entpuppt sich als gnadenloser Kampf aller gegen alle, in dem alle Werte verfallen und die Gier obsiegt. Im Niedergang von Mahagonny wird die Kernaussage Brechts deutlich: Ein Gemeinwesen ohne Solidarität hat keinen Bestand, der sich selbst verzehrende Raubtierkapitalismus keine Zukunft.

Brechts Theaterkritik – Unterhaltung versus episches Theater

Das Stück beinhaltet zugleich eine massive Theaterkritik Brechts. Indem er den sinnlosen, zur Ware degradierten Genuss selbst zum Thema macht und mit der klassischen Tradition bricht, geißelt er die ausschließliche Unterhaltungsfunktion der Oper. Diese soll sich an seinen Maßstäben des epischen Theaters orientieren – der aktive Zuschauer als distanzierter Betrachter, dem die Entwicklungsfähigkeit des Menschen im gesellschaftlichen Kontext vor Augen geführt wird und der dadurch mithilfe seiner Vernunft Zusammenhänge erkennt und Entscheidungen trifft.

Auch Weill kritisiert die seinen Worten zufolge "kulinarische" Oper: "Sie dient dem Genuß, auch wo sie Bildung verlangt oder vermittelt."

Musik von Kurt Weill – musikalische Zitate und der Alabamasong

Die von Kurt Weill – mit dem Brecht bereits bei der Dreigroschenoper zusammengearbeitet hatte – komponierte Musik harmoniert mit Wort und Bild, bricht dabei gewohnte Strukturen auf und leistet ihren Beitrag zu der von Brecht angestrebten Verdremdung. Durchsetzt von Anspielungen und Mehrdeutigkeiten weist sie einerseits zahlreiche Zitate der klassischen Musik auf, beispielsweise aus Webers "Freischütz", aber auch aus der "Internationale". Andererseits spielen Elemente der zeitgenössischen Unterhaltungsmusik eine große Rolle – zum Beispiel greift Weill im Alabama Song auf den Blues zurück.

Übrigens: Der Alabama Song tauchte bereits in Brechts "Hauspostille" (1927) auf und wurde in den siebziger Jahren häufig gecovert, unter anderem von "The Doors", Mike Westbrook und Marilyn Manson.

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