Das Kulinarische Kino bittet zu Tisch

Das Kulinarische Kino bittet zu Tisch

Die Stummfilmzeit - Von Babys Frühstück zur Schlacht des Jahrhunderts

Die Verbindung zwischen Kino und Küche hat eine lange Tradition, die bis zu den Anfängen der Kinematographie zurückreicht. Am 28. Dezember 1895 wurden von den Brüdern Lumière im Pariser Salon Indien du Grand Café erstmals vor zahlendem Publikum Filme aufgeführt. Unter den zehn gezeigten Filmen war auch der knapp einminütige Streifen Babys Frühstück (Originaltitel: Repas de bébé), in dem ein Baby auf dem Schoß seiner Mutter zu sehen ist, dem das Frühstück in den Mund gestopft wird. Der Abend dieser Aufführung gilt als die Geburtsstunde des (kulinarischen) Kinos.

Seit über 110 Jahren gibt es kaum einen Film, in dem keine Nahrung zu sehen ist. Doch wurde dieser zunächst von den verantwortlichen Regisseuren nur eine geringe Bedeutung zugewiesen und es sollte noch einige Jahrzehnte vergehen, bis die sinnliche Inszenierung in den Mittelpunkt rückte. In der Stummfilmzeit wurde Nahrung vor allem in Form von Sahnetorten als Element der Anarchie eingesetzt. Alle großen Komiker der Stummfilmära waren irgendwann einmal in eine Tortenschlacht verwickelt - von Charlie Chaplin (Dough and Dynamite, 1914) bis Fatty Arbuckle, der im Jahre 1913 im Film A Noise from the Deep in der vermutlich ersten Tortenschlacht der Filmgeschichte zu sehen war. Arbuckle zeigte später zusammen mit Buster Keaton in The Cook (1918), daß auch andere Lebensmittel für Slapstick-Einlagen zu gebrauchen sind.

Höhepunkt und gleichzeitig Schlußpunkt am Ende der Stummfilmära war der Laurel&Hardy-Klassiker The Battle of the Century von 1927.

Ab da war der Tortenwurf nur noch eine Hommage auf die Slapstick-Filme der Stummfilmzeit - so z.B. die längste und größte Tortenschlacht aller Zeiten im Film Das große Rennen rund um die Welt oder in Monty Pythons fliegendem Zirkus, wo gezeigt wird: beim Tortenwerfen kommt es vor allem auf die richtige Wurftechnik an.

Der Mensch ist, was er isst - Essen als Accessoir der Erzählung

Aber Nahrung kann auch wesentlich subtiler eingesetzt werden: Nach dem Motto "Der Mensch ist, was er isst" dient das Essen oft zur Charaktersisierung der einzelnen Figuren sowie der sozialen Klasse, der historischen Epoche und des Kulturkreises, in dem sie leben. So zelebriert Charlie Chaplin als Tramp in seinem Meisterwerk Goldrausch (1925) seine in Schneewasser gekochten Lederschuhe als Festmahl - anschaulicher kann man die trostlose Lage in der er sich befindet aber auch seinen unerschütterlichen Optimismus, das beste aus seiner Situation zu machen, nicht inszenieren. Übrigens bestand der Schuh, der im Film verspeist wird nicht aus echtem Leder, sondern aus Lakritze. Da der als Perfektionist bekannte Chaplin die Szene sehr oft wiederholen ließ, soll es bei Co-Star Mack Swain zu Verdauungsproblemen gekommen sein.

Neben Chaplin haben noch viele andere große Regisseure wie Alfred Hitchcock, Luis Bunuel, Claude Chabrol, Francis Ford Coppola oder Quentin Tarantino Essen als wichtiges Accessoir der Erzählung eingesetzt. Einige der Genannten sind oder waren auch im richtigen Leben als Gourmets bekannt und haben sogar ihre persönlichen Lieblingsrezepte in ihren Filmen verewigt. So bemerkte Luis Bunuel zu seinem Oscar-prämierten Der diskrete Charme der Bourgeoisie: "Und dann war ich noch froh, dass ich in diesem Film das Rezept meines Martini dry unterbringen konnte."

Essen ist auch immer mit einem gewissen Zeremoniell verbunden, bei der Menschen an einer gemeinsamen Tafel zusammenkommen. Was dabei gegessen oder nicht gegessen wird ist von Bedeutung für die Psychologie der Figuren oder der Art ihrer sozialen Bindungen. So erhalten die Zuschauer im Marlene-Dietrich-Klassiker Engel (1937) während eines Dinners - die Herrschaften verputzen Kalbsschnitzel - Informationen über den Status der Liebesbeziehung allein über die Reste der Mahlzeit. Auch ethnische, religiöse, philosophische und gesellschaftpolitische Aspekte können durch Essen kommuniziert werden. Wenn sich in Das große Fressen (1973) dekadente Wohlstandsbürger buchstäblich zu Tode fressen, wird aus dem üppigen Festmahl eine Metapher für die kapitalistische Überflussgesellschaft und ihre Auswüchse.

Cinegastronomie - Köche, Küche und Kulturen

Ab Ende der 70er Jahre enstanden zunehmend Filme, in denen Köche und die Zubereitung der Speisen inklusive genussvollem Verzehr in den Mittelpunkt der Handlung rückten. Beispiele sind u.a. die mit einer Vielzahl von lukullischen Einfällen garnierte Krimi-Komödie Ein Kochtopf voller Leichen (1978) oder der dänische Film Babettes Fest (1987), bei dem ein mehrgängiges Festmahl liebevoll zubereitet und eine Gesellschaft von verhärmten Puritanern verzaubert wird.

Oft sind im kulinarischen Kino der Gastronomiebetrieb und seine Protagonisten Hauptthema des Films - z.B. im Film Big Night - Nacht der Genüsse (1996), einem Film über zwei italienischstämmige Brüder, die in den 50er jahren in den USA ein Restaurant führen,  oder  Hippolytes Fest (1995), der Film rund um das große Abschiedsessen eines traditionsreichen Pariser Feinschmeckerlokals. Das Setting umfasst zumeist eine (Restaurant)küche, Tische im Restaurant oder Eßzimmer oder einfach ein Laden, wo Essen zubereitet und verlangt wird. Zumeist wird nicht nur einfach gegessen und getrunken, sondern eine zusätzliche symbolische Ebene ins Spiel gebracht, wo sich menschliche Verhaltens- und Lebensweisen wiederspiegeln.

Die im kulinarischen Kino zelebrierte Essenskultur steht zumeist in einem erbitterten Kampf gegen die Fast-Food-Unkultur der modernen Industriegesellschaft und den skandalösen Fehlleistungen der Lebensmittelindustrie. So wird in Brust oder Keule (1976), in dem Louis de Funès  als cholerischer Gourmet und Restaurantkritiker glänzt, nicht nur Klamauk geboten, sondern auch ein flammendes Plädoyer für die Cuisine française abgegeben.

Waren es zunächst vor allem europäische Filme in denen das Kulinarische eine besondere Rolle spielt, eroberten spätestens in den 80er Jahren vermehrt Filme aus dem asiatischen Raum, die sich mit diesem Sujet beschäftigten, die Herzen der Kinobesucher. Fast jedes asiatische Land hat eine sehr alte Tradition und darum auch sehr oft eine ausgeprägte gastronomische Kultur, die sich in diesen Filmen widerspiegelt. Regisseure aus Japan, China oder Korea schaffen es mit ihren metaphorisch aufgeladenen Bildern auch dem westlichen Zuschauer eine fremde Kultur nahezubringen. In einem Film wie Eat Drink Man Woman (1994) wird nicht nur Essen, sondern chinesische Kultur selbst zelebriert.

Aber auch der Hollywood-Film hat sich diesem Trend nicht verschlossen. Meist sind es Regisseure mit europäischer oder asiatischer Herkunft, die für kulinarische Themen empfänglich sind. Schon die klassischen Mafiafilme sind ohne die entsprechenden Szenen nicht denkbar. So stärken sich die Mafiosi in Der Pate (1972) mit einer Portion Spaghetti, bevor sie ihre Gegner liquidieren. Das Rezept stammt übrigens direkt von Regisseur Francis Ford Coppola. Er schrieb es ins Drehbuch, damit die Zuschauer im Falle eines Flops an der Kinokasse wenigstens lernen wie man eine leckere Spaghettisoße zubereitet. Wie wir wissen, war diese Befürchtung unbegründet. Der Pate wurde zu einem der kommerziell erfolgreichsten Filme aller Zeiten und erhielt drei Oscars.

Während in den asiatischen Filmen Traditionen in der Kultur und Kulinarik eher bewahrt werden, findet in den amerikanischen Filmen immer eine Auseinandersetzung der kulturellen und kulinarischen Traditionen der Einwanderer mit der amerikanischen Alltagskultur statt. Werden im ersten Teil von Der Pate noch munter Spaghetti, Lasagne und Cannoli gefuttert und die italienische Tradition hochgehalten, gehen diese Traditionen im zweiten Teil - auch was das Essen angeht - zunehmend verloren.

Es sind aber nicht nur die italoamerikanischen Regisseure die interessante Beiträge zum kulinarischen Kino liefern. Auch andere ethnische Gruppen wie die Afroamerikaner (Soul Food, 1997), Mexikaner (Tortilla Soup, 2001) und Asiaten (Das Hochzeitsbankett,1993) oder regionale Vertreter wie die traditionelle Südstaatenküche (Grüne Tomaten, 1991) oder die kalifornische Cuisine (L.A. Story, 1990) haben Eingang ins US-Kino gefunden.

In the Food for Love oder Liebe geht durch den Magen

Bei "Food Filmen" hat die Kamera zumeist den Focus auf der möglichst raffinierten Zubereitung und Präsentation der Speisen, weshalb man neudeutsch auch von "Food Porns" spricht. Und in der Tat ist diese Bezeichnung oft sehr treffend, da es viele Gemeinsamkeiten zwischen der Koch- und Liebeskunst gibt. Diese Gemeinsamkeiten werden filmisch zuweilen sehr platt nach der Formel Essen = Sex umgesetzt. Bekanntes Beispiel ist das Machwerk  9 ½ Wochen, in dem Börsen-Yuppie Mickey Rourke seine Freundin mit Früchten und Eiswürfeln aus dem Kühlschrank buchstäblich vernascht (gekonnt parodiert in der Komödie Hot Shots! der Zucker-Brüder).

Eine filmisch deutlich subtilere Herangehensweise an das Thema findet sich z.B. im erotisch aufgeladenen Menü von Kim Ki-duks Bin-Jip (2004), im von originellen sexuellen Anspielungen durchsetzten Food-Film-Meisterwerk Tampopo (1985) oder in Chocolat (2000), wo Juliette Binoche als Vivianne mit ihren aphrosidierenden Schokoladenkreationen einen ganzen Ort in Aufruhr versetzt.

Oft sind Essen oder gemeinsame Mahlzeiten auch Ersatz für Liebe und Zuneigung, vor allem wenn die Liebenden durch äussere Umstände nicht zusammenkommen können wie in Wong Kar-Wais poetischem Liebesfilm In the Mood for Love (2000). Auch im mexikanischen Spielfilm Bittersüße Schokolade (1992) funktioniert die Liebesgeschichte fast ausschließlich über die Menükreationen von Köchin Tita, die aus Tradition ihren Geliebten Pedro nicht heiraten darf und stattdessen für ihre Mutter Sorgen muß. Um ihr dennoch nahe zu sein heiratet er deren Schwester. Tita findet trotzdem einen Weg, Pedro ihre Liebe zuteil werden zu lassen - und zwar indem sie ihn beim Essen erleben läßt, was sie beim Kochen gefühlt hat.

Give Food a Chance - Food Dokus

Spätestens im neuen Jahrtausend hat das kulinarische Kino auch den Dokumentarfilm entdeckt, um auf die engen Beziehungen zwischen Film, Kultur, Küche und Umwelt aufmerksam zu machen. Die Auswahl an Filmen zu kulinarischen und/oder ökologischen Thema ist mittlerweile beachtlich. Unter anderem werden viele aktuelle Trends der internationalen Spitzengastronomie aufgegriffen wie z.B. die Molekularküche (Decoding Ferran Adria, 2006) oder die Zen-Kochkunst (How To Cook Your Life - Wie man sein Leben kocht, 2007).

Weitere Themen sind die Suche nach besondern Lebensmitteln (Der Foodhunter) oder die Zubereitung und der Vetrieb besonderer Speisen (z.B. Die Schokoladenmacher, 2004) und Getränke (Mondovino - Die Welt des Weines,2004).

Zunehmend wird in den Dokumentarfilmen die Herstellung unserer Nahrungsmittel und die Rolle der Futter- und Lebensmittelindustrie in unserer Gesellschaft kritisch hinterfragt. So ist es kein Zufall, das die Berlinale in ihrer Festivalsektion "Kulinarische Kino" mit der Slow Food Vereinigung kooperiert, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Kultur des Essens und Trinkens zu pflegen und lebendig zu halten. Slow Food fordert u.a. eine verantwortliche Landwirtschaft und Fischerei, eine artgerechte Viehzucht, das traditionelle Lebensmittelhandwerk und die Bewahrung der regionalen Geschmacksvielfalt. Filme wie We Feed The World - Essen global (2006), Food, Inc. (2008) oder Unser täglich Brot (2005) stehen in dieser kritischen Tradition - im Gegensatz zu eher plakativ-spekulativen Filmen à la Michael Moore wie Super Size Me (2004). Es geht um  Ernährung und Globalisierung, Bauern und Fischer, Warenströme und Geldflüsse.

Man isst deutsch

Und in Deutschland? Nun, immerhin gab eine Feuerzangenbowle einem der beliebtesten deutschen Filme seinen Namen und in den 50er Jahren durfte sich Heinz Erhardt zuweilen auch kulinarisch durch Opas Kino kalauern: "Wie heist das deutsche Reichsgericht? Eisbein mit Sauerkraut." Aber abgesehen von Loriot, der die deutsche Küche um Kreationen wie Kosakenzipfel oder Kalbshaxe Florida bereicherte und die Birne Helene wieder salonfähig machte, kam man hierzulande erst Ende der 90er Jahre so richtig auf den Geschmack. Vor allem der Überraschungserfolg von Bella Martha (2001), der in den USA sogar über vier Millionen US-Dollar einspielte und folgerichtig mit Rezept zum Verlieben (2007) zu einem Hollywood-Remake kam, bewieß, daß auch die Deutschen kulinarische Genüsse sinnlich inszenieren können.

Nach dem Zweiten Weltkrieg haben auch Migranten einen erheblichen Einfluß auf die deutsche Eßkultur ausgeübt (und umgekehrt). Es verwundert daher nicht, daß  bei jungen deutschen Regisseuren mit Migrationshintergrund in ihren Filmen das Essen eine wichtige Rolle spielt. So inszeniert der türkischstämmige Regisseur Fatih Akin in Solino (2002) ein Stück deutscher und italienischer Nachkriegsgeschichte in seinem Portrait der Familie Amato, die im Ruhrgebiet die erste Pizzeria eröffnet. Und in Soul Kitchen (2009) gibt er eine - auch kulinarische - Liebeserklärung an Hamburg und seinen multikulturellen Kiez ab.

Seit einigen Jahren sind Kochsendungen im deutschen Fernsehen auf allen Kanälen unglaublich populär. Während die Deutschen bei sich zu Hause immer weniger kochen und lieber auf Fertiggerichte zurückgreifen, wird auf dem Bildschirm ein kulinarisches Feuerwerk abgebrannt, daß es eine wahre Freude (oder der absolute Horror) ist. Doch vor allem die öffentlich-rechtlichen Sender haben nicht nur unzählige Kochshows im Programm, sondern wenden sich zunehmend auch auf seriöse Weise dem Thema Ernährung zu - vor allem die Kultursender arte und 3sat in diversen Filmreihen und Themenabenden. Dabei hat man dann Gelegenheit, viele der hier hier besprochenen Spielfilme oder Dokumentationen zu sehen. Aber auch viele Eigenproduktionen, wie z.B. die Dokumentation Mahlzeit Deutschland (2009) über den kulinarischen Zeitgeist im Nachkriegsdeutschland oder Fernsehfilme wie Es liegt mir auf der Zunge (2008) über die tragisch-komische Lebensgeschichte des ersten Fernsehkochs im deutschen Fernsehen, Clemens Wilmenrod, liefern interessante Beiträge zum Kulinarischen Kino.

Na, auf den Geschmack gekommen? Seit Sommer 2008 gibt es für alle Freunde des Kulinarischen Kinos eine Anlaufstelle unter Schlemmerkino.de. Ob leckeres Ratatouille aus dem gleichnamigen Film, süße Pralinen aus Chocolat oder die blaue Spargelcremesuppe aus Bridget Jones - Schokolade zum Frühstück, bei Schlemmerkino finden Sie jede Menge tolle Rezepte aus bekannten Filmen zum Nachkochen. Zusätzlich gibt es Neuigkeiten zum Thema und alle aktuellen Sendetermine der vorgestellten Filme im Free-TV.

Und immer daran denken: Wenn Essen in einem Film auftaucht, enthält es meist viel mehr als nur ein paar Kalorien.

Schlemmerkino.de

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Mawu, am 17.02.2011

Kommentare


Efes am 19.12.2011
Toller und vor allem auch umfassender Artikel. Keinen Daumen zu geben wäre eine Sünde!!! Liebe Grüße Efes
ipunkt am 18.03.2011
Ich kann mich Simon nur anschließen: ein interessanter Artikel, hervorragend geschrieben! LG Ina
Simon am 17.02.2011
Hier erzählt der absolute Experte, eindeutig :-)) Also das nenne ich mal einen perfekten Artikel!! LG Simon
Peppermint am 17.02.2011
Bis zum Schluß des Artikels hatte ich meinen Kommentar im Kopf, der da lautet: Und heute nerven Tim Mälzer, Christian Rach und Kolja Kleeberg in Kochsendungen rum. Aber selbst darauf wurde hier eingegangen. Daumen hoch - Klasse Artikel



Bildquelle:
M. Steininger - Die Persönliche Note (Wie man kreative Geschenkideen findet - auch für "Härtefälle" und i...)
Amazon (Die 11 besten Filmkomödien der letzten Jahre. Gute Unterhaltung)

Autor seit 4 Jahren
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