Das Palazzo in Mannheim
von Christine
Varieté der besonderen Art. Muss man erlebt haben, kann man nicht beschreiben. Ich versuch's trotzdem.
Eine Sensation, verborgen in einem zeltartigen Spiegelpalast
Magier, Akrobaten, viel nackte Haut und ein Vier-Gänge-Menü schaffen eine zauberhafte Atmosphäre
Eigentlich war ich gar nicht eingeladen - ich habe mich einladen lassen. Zu groß war die Neugier, was im Palazzo vor sich geht, das jedes Jahr von November bis Februar in der Nähe des Planetariums aufgebaut wird. So in etwa hatte ich eine Vorstellung, aber die wurde bereits um ein Hundertfaches übertroffen, als ich kurz nach 19.00 Uhr in das Zelt trat, das in seiner Ausstattung mit schummrigem Licht, Spiegeln und schweren, weinroten Plüschvorhängen an die "Roaring Twenties" erinnert. Nostalgie pur, ein Sektempfang, die Aussicht auf eine kulinarische und visuelle Entdeckungstour, ein lauschiges Logenplätzchen, und ich habe mich sofort wohlgefühlt.
Jeder Gast wird vor Beginn des Programms einzeln und in der Tischgruppe fotografiert. Das war ein bisschen merkwürdig. Doch wer möchte, kann die Porträts gegen 0.30 Uhr auf einer Wand als Souvenir an einen sensationellen Abend erstehen.
Das Menü von 3-Sterne-Koch Harald Wohlfahrt ("normal" oder vegetarisch) wird vorbestellt , die Getränke kann man auswählen. Auch aus logistischer Sicht ist diese Show ein Wunderwerk - jeder Gast wird nahezu von eine Garde Kellnern gleichzeitig bedient, kein Gericht (bis auf das Dessert) kommt kalt auf den Tisch, und hin und wieder erkundigt sich der für die jeweilgen Tische zuständige Ober nach Wünschen und Zufriedenheit der Gäste. Unserer hieß Manuel und war uns mit seinem Geständnis, es sei für ihn das erste Mal, sofort sympathisch, hatten wir damit doch etwas gemeinsam.
Der Conferencier, ein unglaublich charmanter und schlagfertiger Zauberkünstler, der mich ein wenig an Helge Thun erinnert hat, bindet das Publikum in seine Tricks mit ein, um zu beweisen, dass alles mit "rechten Dingen" zugeht. Über ihn und seinen Partner, den Pantomimen Herr Rießling, habe ich so herzlich gelacht wie schon lange nicht mehr. Auch die Fähigkeit, sich die Namen seiner unfreiwilligen Teilnehmer bis zum Ende der Show merken zu können und auf witzige, aber nicht beleidigende Art mit ihnen zu scherzen, war sehr eindrucksvoll.
Das Drei-Sterne-Menü von Herrn Wohlfahrt
Meeresfrüchte, Fisch, Kalbsfilet und Ananas-Carpaccio
Zugegeben: wenn ich gewusst hätte, dass der erste Gang Tintenfisch, Muscheln und Hummer beinhaltet, hätte ich wahrscheinlich die fleischlose Variante bevorzugt. Aber ich war mutig und habe probiert, nur um festzustellen, dass Glibberzeug im Mund nicht so wirklich meine Spezialität ist. Schwamm drüber - die frittierte Garnele und der zweite Gang eine Stunde später haben das wieder gutgemacht. An den am Gaumen schmelzenden Lachsschnitten auf Kürbisschaum mit Ingwer und Muskat habe ich mich so lange wie möglich verweilt, obwohl keine Portion groß bemessen war, sondern genau richtig, um zu so später Zeit nicht wie Wackersteine im Magen zu liegen. Selbst das später gereichte Fleisch (Kalbsbäckchen und -filet auf getrüffeltem Kartoffelwirsingstampf) bereitet keine Probleme. Allerdings blieb mein kulinarischer Favorit der Lachs.
Das eisige Dessert (Ananas-Carpaccio in Zitronen-Vanille-Marinade mit Sorbet von exotischen Früchten und Kokosschaum) fand ich persönlich allerdings nicht gar so passend, nachdem sich durch das Zusammenspiel von dekorativ servierten Gerichten, akrobatischer und magischer Darbietung und atemberaubenden schönen Muskeln eine wohlige Wärme im Bauch breitgemacht hatte. Aber das soll nur ein kleiner, wirklich klitzekleiner Kritikpunkt meines verirrten Geschmacks sein.
Die Künstler
Die Crème de la crème aus aller Herren Länder
Wenn ich entscheiden müsste, welche Darstellung mir am besten gefallen hat, wäre ich überfordert. Alles war einfach traumhaft, und das Programm in seiner Vielfalt wohl einzigartig. Sicher, viele Zaubertricks wiederholen sich, und auch die noch so kunstvollste Hebefigur hat man vielleicht schon das ein oder andere Mal im Fernsehen gesehen. Das wirklich Tolle daran war, hautnah dabei zu sein, wenn der finnische Magier Jay Niemi ein weißes Tuch in Bruchteilen von Sekunden in eine Taube verwandelt, Herr Rießling um ein Haar mit einen Luftballon zum Zeltdach entschwebt und die beiden knackigen Buben Shcherbak & Popov als Bauarbeiter in luftiger Höhe zu "Singin' in the Rain" die wohlproportionierten Muskeln spielen lassen oder die junge Russin Natalya Netselya verblüffende Sandbilder auf einem Projektor malt. Nicht zu vergessen die schöne, und während der Essenszeiten unaufdringliche Musik zwischen Pop, Jazz und Evergreens und die leicht bekleideten, feschen Tänzerinnen. Da hat selbst frau gern hingeschaut.
Die Atmosphäre und das Ambiente tragen dazu bei, einfach zu staunen, zu genießen und sich viereinhalb Stunden lang ein bisschen wie ein VIP in "Stars in der Manege" zu fühlen.
Apropos VIP: Wer vorher mitteilt, dass im Zelt Geburtstag gefeiert wird, bekommt eine Torte mit Kerzen an den Tisch und ein Ständchen geträllert. Schade, dass wir dafür keinen Termin mehr ergattert haben - bis Weihnachten ist das Palazzo ausgebucht.
Wer die Gelegenheit hat, sich das Spektakel anzuschauen, sollte es sich auf keinen Fall entgegen lassen. Auch eine weite Reise lohnt sich. Vergleichbares habe ich noch nie gesehen und war am Ende wie berauscht (dabei hatten wir nur zwei Flaschen Wein für sechs Personen). Ich glaube, nächstes Jahr bin ich wieder mit von der Partie. Und dann nehme ich ein IPad oder Handy mit, das Fotos machen kann...
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Kommentare
Spannnend! Die Atmosphäre ist toll beschrieben! Daumen zück!
LG v Ruth
Das wäre auch was für mich! In Gedanken konnte ich ein bisschen teilhaben. Natalya Netselya mit ihren erstaunlichen und wunderbaren Sandbildern habe ich schon mal irgendwo gesehen - ich glaube, im Zirkus Flic Flac.
Da turnt gleich mal mein Daumen hoch.