Die Polgár-Schwestern - Genialität durch Erziehung
von rb
Die drei Polgár-Schwestern sind alle Weltklasse-Schachspielerinnen geworden, weil ihr Vater sie früh gefördert hat. Daran sieht man, was durch Erziehung erreicht werden kann.
Der Vater der Polgár-Schwestern ist der ungarische Pädagoge Lázlo Polgar. Er war überzeugt, dass Begabungen nicht angeboren sind, sondern anerzogen werden können. Um das zu beweisen und um seine Kinder optimal zu fördern, ist er extrem weit gegangen. Er hat das Thema Schach ausgewählt und sich schon vor der Geburt seiner Kinder vorbereitet, sie entsprechend zu fördern. Er soll sogar per Zeitungsannonce eine Frau gesucht und gefunden haben, die bereit war, sich völlig auf seine Erziehungsmethode einzulassen. Er hat mit viel Aufwand vom Bildungsministerium eine Genehmigung erlangt, seine Kinder statt in der Schule zu Hause zu unterrichten und hat sein Leben völlig der Erziehung seiner Kinder gewidmet.
Seine drei Töchter hat er keineswegs nur im Schachspielern gedrillt; auch Musik, Sport, Allgemeinwissen und Geselligkeit soll er sehr gefördert haben, die ganze Familie spricht Esperanto etc. Aber er hat gewiss einen starken Fokus auf Schach gelegt, seinen Töchtern von frühester Kindheit an Freude daran vermittelt. Er hat sie selbst und mit Hilfe anderer guter Spieler trainiert und früh an Wettkämpfen teilnehmen lassen. In diesem Zuge ist er selbst zum Schachexperten geworden und hat mehrere relativ viel gelesene Schachbücher veröffentlicht.
Tatsächlich wurden alle drei Töchter hervorragende Schachspielerinnen. Zsuzsa Polgár und Judit Polgár gehören sogar zu den besten Schachspielerinnen aller Zeiten, Zsófia Polgár gewann in ihrer Jugend mehrmals die internationale Schacholympiade. Die drei Schwestern scheinen aber keinesfalls lebensfremde Schachfreaks geworden zu sein, sie sind alle verheiratet und haben Kinder.
Mich beeindruckt das ganz enorm. Und es macht mir etwas Angst: wenn der Einfluss der Eltern auf den Werdegang der Kinder im Positiven so stark ist, was verpasst ein Kind wenn die Eltern es nicht sorgfältig fördern? Ich bin selbst vor drei Monaten Vater geworden, noch ist es zu früh um das Kind aktiv intellektuell zu fördern. Aber ich überlege sehr intensiv, wie ich vorgehen sollte, sobald die Zeit reif ist. Und welche Richtung ich dem Kind anbieten sollte. Ich würde nicht fest davon ausgehen wollen, dass mein Kind die vorgeschlagene Richtung auch einschlägt. Aber mir scheint, man sollte seine Kinder durchaus gezielt in konkreten Feldern fördern, die man natürlich auch selbst ein Stück weit beherrschen muss. Denn bei weitem nicht jedes Kind schafft es, von alleine eine Richtung zu finden, in der es wirklich gut wird – wie auch, als Kind hat man ja weder den nötigen Überblick noch die geistige Reife dafür. Da man aber nun einmal frühzeitig beginnen muss, um in irgendeinem Thema wirklich gut zu werden, erscheint es mir wichtig, dass Eltern ihren Kindern eine Richtung anbieten. Mit etwas Geschick kann man den Kindern Freude an einem Thema vermitteln, die sie ihr Leben lang genießen können.
Obwohl ich selbst in meiner Kindheit und Jugend ein leidenschaftlicher und einigermaßen guter Schachspieler war, würde ich dieses Thema nicht wählen. Es ist letztlich nur ein Sport ohne echten Nutzen. Zwar ein hervorragendes Geistestraining, aber was soll man mit den gewonnenen Geisteskräften anfangen, wenn man nur Schach spielen kann? Das kann auch sehr schief gehen, wie das Beispiel von Bobby Fischer zeigt (der allerdings in seiner Kindheit das Gegenteil der sorgfältigen Förderung der Polgár-Schwestern erfahren hat). Ich jedenfalls habe mich in meiner späten Jugend entschlossen, mit dem Schachspielen völlig aufzuhören, nachdem ich festgestellt habe, dass es wichtigere Aufgaben im Leben gibt. Außerdem sollte man von seiner Begabung auch leben können, sonst muss man sie früher oder später zugunsten eines Broterwerbs aufgeben. Und von einer Sportart können nur die wenigen leben, die zu den allerbesten gehören – davon würde ich nicht von vornherein ausgehen, dass ich meine Kinder auf irgendeinem Gebiet zu den allerbesten machen kann.
Mir scheint, dass Naturwissenschaften und später vielleicht Medizin gute Spezialisierungen sind, die man aber um manch andere Felder wie Fremdsprachen und Musik ergänzen sollte. Das werden andere Eltern natürlich anders beurteilen und das ist ja auch gut so, es werden Menschen mit den verschiedensten Begabungen gebraucht.
Noch viel wichtiger als Spezialbegabungen ist aber soziale Kompetenz. Die ist zwar leichter zu erlangen als eine Spezialbegabung; wenn man das aber nicht schafft, bleibt ein Mensch sein Leben lang ein seelischer Krüppel, egal welche Geistesleistungen er erbringt. Und umgekehrt kann man auch ohne Spezialbegabung ein erfülltes, gutes Leben führen, wenn die Grundlagen stimmen. Das geistige Potential eines Kindes zu aktivieren ist sehr wünschenswert, aber das ist gewissermaßen das Sahnehäubchen und nicht die Grundlage.



Kommentare
Ja, das ist eine ganz üble Form der Liberalisierung: die Leute sich selbst überlassen (und das als Freiheit feiern). Und zwar auch Menschen, die für sich selbst gar nicht die Verantwortung übernehmen können, die vielmehr auf Anleitung (Regeln) und Unterstützung angewiesen sind, lebenspraktische Unterstützung und nicht Geld oder weichgespülte Floskeln. Was auf Kinder ja ganz besonders zutrifft.
Das Problem in Deutschland ist einfach dass durch die Liberalisierung sich der Gedanke in den Deutschen festgesetzt hat man solle alles den Kindern selbst überlassen ohne eine angemessene Förderung des kindes wird es NICHTS
erreichen wo wären den die Polgars heute ohne den Erziehungsplan ihres Vaters - ... niergenswo
Das ist einfach das kernproblem Deutschlands dass hier Menschen einfach zu viele Rechte haben und dies durch den Rückkopplungseffekt nochmals verstärkt wird
-lieber Sarrazin damit schafft sich Deutschland ab und nicht wegen den Ausländern oder fehlender Integration
Da stimme ich ja in fast allen Punkten zu. Ein Kind dauerhaft zu etwas zu zwingen, weil die Eltern schon einen bestimmten Lebensplan für das Kind gebastelt haben, das geht gar nicht. Und die Neugier von Kindern ist ein Geschenk, genau das muss man fördern, damit die Kinder Freude an ihrer Weiterentwicklung finden. Wenn die Entwicklung nicht in die geplante Richtung geht, aber dem Kind gut tut - super!
Nur dass die Kinder stets von selbst herausfinden können was sie gut für sie ist, da bin ich nicht so sicher. Nach meiner Beobachtung "verlieben" Kinder sich auch in allerlei Unfug (andere Kinder hauen - Kinder können unglaublich grausam sein; Coca Cola; Computerspiele ...), von dem man sie wieder abbringen muss (möglichst sanft). Und umgekehrt scheint mir schon, dass man ihnen Themen anbieten muss. Wenn sie die nicht annehmen, muss man das natürlich respektieren.
Volle Zustimmung: auch "dumme" Menschen können glücklich werden und Überforderung kann nicht gut gehen. Aber die wenigsten Menschen sind von Natur aus dumm und es ist halt einfach schade, wenn das Potential ungenutzt bleibt.
Kinder signalisieren selbst, was sie besonders interessiert. Darauf sollte man aufbauen und versuchen, ihnen weiteres schmackhaft zu machen - falls zum Beispiel das Kind extrem häufig mit Schachfiguren kuschelt. ;o) Kinder sind von Natur aus neugierig, was ihnen leider oft ausgetrieben wird. Statt zu klagen, dass das Kind ihnen Löcher in den Bauch fragt, sollten Eltern dies als Anknüpfungspunkt für intensive Beschäftigungschancen sehen. Schlimm ist es, wenn über vorhandene Interessen und Begabungen hinweggesehen wird.
Den "Eislaufmuttis", die ihren Kindern mit ehrgeizigen Förderungsprogrammen die Kindheit vermiesen, stehen ignorante Eltern gegenüber, die entweder nicht einmal bemerken, dass sie ein Kind mit enormem geistigem Potenzial haben oder die jammern, dass ihr Nachwuchs so anstrengend sei. Diese nicht geförderten oder teilweise sogar angefeindeten Kinder merken irgendwann selbst, was ihnen vorenthalten wurde mit nicht immer glücklichem Ende. Andererseits, sollte ein Kind weniger begabt sein: Auch "dumme" Menschen können glücklich werden, wenn man sie nicht zu Leistungen zu quälen versucht, zu denen sie nicht fähig sind.
Meiner Ansicht nach setzt sich das intellektuelle Entwicklungspotenzial aus naturgegebener Veranlagung sowie entsprechender Förderung zusammen.