Die schlimmsten Atomkatastrophen seit 1950

von schreibmaus

Eine knappe Übersicht der schlimmsten kerntechnischen Unglücke seit 1950 ab INES 5.

 

Atomkatastrophen sind nicht erst seit Tschernobyl bekannt. Bereits viele Jahre vorher ereigneten sich die ersten, von Menschenhand geschaffenen, Unglücke in der ganzen Welt.

Bildquellenangabe: Joujou / pixelio.de
Bildquellenangabe: Joujou / pixelio.de

Experimente führten schon in den 1940er Jahren zu Unfällen, dessen Folgen für den Einzelnen zwar verheerend waren, nicht jedoch für ein gesamtes Volk. In diesem Artikel sollen hauptsächlich schwere Atomkatastrophen, ab INES: 5 beschrieben werden.

Kurze Erklärung: Die Internationale Atomenergieorganisation führte Anfang der 1990er Jahre die INES-Skala ein, welche zur Standardisierung von Störungen und Unfällen in kerntechnischen Anlagen eingesetzt wird. Der INES-Wert gibt die radioaktive Auswirkung eines Vorfalles wieder und beschreibt somit den Schweregrad.

12. Dezember 1952 – Chalk River, Kanada

Am 12. Dezember 1952 ereignete sich der erste schwere Reaktorunfall. Ausgangspunkt war der NRX-Reaktor in der Nähe von Ottawa (Kanada). Als Hauptursache des Unglücks kann von menschlichem Versagen ausgegangen werden – Fehlbedienungen, Fehleinschätzungen, Missverständnisse unter den Mitarbeitern, falsches Handeln. Durch eine partielle Kernschmelze wurde der Reaktorkern zerstört. Mindestens 100TBq an Spaltprodukten sollen in die Atmosphäre freigesetzt wurden sein. Eine Kontaminierung des nahegelegenen Flusses Ottawa konnte nur durch das Abpumpen des kontaminierten Wassers aus dem Keller des Reaktorcontainers, in eine sandige Sickergrube, verhindert werden. Die Aufräumarbeiten dauerten mehrere Monate an. Innerhalb von zwei Jahren nach diesem Unglück ging der Reaktor erneut in Betrieb.

29.September 1957 – Kyschtym, Sowjetunion...

...oder auch das Unglück von Majak

Am 29. September 1957 ereignete sich ein schrecklicher Unfall, der erstaunlicherweise 30 Jahre lang vor der Welt geheim gehalten werden konnte. Und dies, obwohl es sich hierbei um eine der größten Atomkatastrophen weltweit handelt. So explodierte in der sowjetischen Plutoniumfabrik Majak ein unterirdischer Betontank. Dieser Tank war gefüllt mit flüssigen, radioaktiven Abfällen. Die Katastrophe forderte mindestens 1.000 Menschenleben. Weitere 10.000 Menschen wurden verstrahlt.

 

Bis heute sind keine genauen Zahlenangaben vorhanden. Es wird jedoch berichtet, dass ein Landstreifen mit einer Länge von 300 Kilometern und einer Breite von bis zu 40 Kilometern verseucht ist. Heute kann darüber hinaus gesagt werden, dass durch diese Atomkatastrophe erheblich mehr Radioaktivität freigesetzt wurde als bei dem bekannten Fall von Tschernobyl. Auch kann mit Sicherheit gesagt werden, dass noch immer zahlreiche Männer, Frauen und Kinder unter den Spätfolgen des Majak-Unglückes leiden. Bekannt wurde dieser Fall erst im Jahr 1976, mit Hilfe eines emigrierten Wissenschaftlers. Eine offizielle Bestätigung gab es jedoch erst 1990.

 

Trotz dieses verheerenden Unfalles wurde die Anlage bis heute nicht stillgelegt. Stattdessen zählt das AKW heute zu den weltweit größten Fabriken. Außerdem kam es seit dem Unfall 1957 immer wieder zu gravierenden Zwischenfällen, die ebenfalls totgeschwiegen wurden.

7. Oktober 1957 – Windscale, Großbritannien

Die verschwiegene Atomkatastrophe von Majak soll im Jahr 1957 nicht die Einzige bleiben. So ereignet sich im Oktober 1957 auch in dem Kernreaktor „Pile No. 1“ in Windscale ein Unfall. Das Graphit in dem Reaktor fing unbemerkt an zu brennen, wodurch die Radioaktivität innerhalb kürzester Zeit, ungehindert über die Abluftkamine, nach außen gelangen konnte. Insgesamt 750 TBq gelangten in die Atmosphäre. Aufgrund der großen Mengen an Radioaktivität, welche nach Außen gelangte, wurde in einem Umkreis von 520 Quadratkilometern die Milcherzeugung verboten. Dieser Unfall soll für zahlreiche Krebstote verantwortlich sein. Der betroffene Reaktor wurde durch den Unfall zerstört. Der zweite Reaktor soll bis 2012 komplett demontiert werden.

26. Juli 1959 - Simi Valley, Kalifornien, Vereinigte Staaten

Aufgrund eines verstopften Kühlkanals ereignete sich im Santa Susana Field Laboratory eine 30-prozentige Kernschmelze. Unter den radioaktiven Gasen musste überwiegend die Umwelt leiden. Bei diesem Unfall handelt es sich um eine der größten Jod-131-Freisetzungen in der gesamten Nukleargeschichte. Ebenso wie das Majak-Unglück wurde auch dieser Unfall lange Zeit geheim gehalten.

28. März 1979 - Three Mile Island, Vereinigte Staaten

Maschinenversagen und das Versagen von Messsignalen sorgte am 28. März 1979 in einem Kernkraftwerk von Harrisburg zum Ausfall der Reaktorkühlung. Die Folge daraus war eine patielle Kernschmelze, sowie die Freisetzung von 90 TBq radioaktiven Gasen. Bis heute gilt dieser Unfall als Schwerster innerhalb der USA.

September 1982 - Tschernobyl

In der Mitte eines Reaktors von Tschernobyl wurde durch menschliches Versagen ein Brennstoffkanal zerstört. Sowohl über den industriellen Bereich als auch über die Stadt Prypjat wurde eine enorme Menge an radioaktiven Substanzen verteilt.

26.April 1986 – Tschernobyl

Am 26. April 1986 erfolgte eine erneute Atomkatastrophe in Tschernobyl – der bekannte Super-GAU. Infolge einer Kernschmelze kam es zu Explosionen, wodurch enorme Mengen an Radioaktivität freigelegt wurden. Die gesamte Umgebung wurde stark kontaminiert. Unter den Hilfskräfte gab es zahlreiche Strahlenopfer. In zahlreichen europäischen Ländern konnte die Radioaktivität des Super-GAU nachgemessen werden. Ein großräumiges Sperrgebiet und eine Evakuierung sollte die Anzahl der geschädigten Personen minimieren. Doch noch heute leidet ein Großteil der Betroffenen unter den Spätfolgen.

 

Geschmackloserweise dient das, noch heute abgesperrte, Gebiet als beliebtes „Ausflugsziel“ einzelner Urlauber. Zahlreiche Menschen sind bereit, sich freiwillig der noch vorhandenen Radioaktivität auszusetzen, um einzigartige Urlaubsfotos zu erhaschen. Eine Führung durch das verseuchte Gebiet kostet 120 Euro!

März 2011 - Fukushima, Japan

Am 11. März 2011 erschüttert das Tohoku-Erdbeben die Bevölkerung. Nur kurze Zeit später folgt ein verheerender Tsunami. Wären die Schäden und Opfer dieser Naturkatastrophen nicht schon genug, folgt eine Überhitzung der Reaktorkerne in drei von sechs Reaktorblöcken des Kernkraftwerkes Fukushima. Bislang ist unklar, ob es bereits zu einer Kernschmelze gekommen ist, oder nicht. Die Behörden halten sich weiterhin bedeckt, bzw. geben keine eindeutigen Auskünfte.

 

Am 12. März kam es im Block 1 zu einer Explosion. Am 14. März folgte eine weitere Explosion in Block 3 und am 15. März im Block 2. Die äußeren Gebäudehüllen aller drei Blöcke wurden zerstört. Aktuell sind die Reaktorblöcke 3 und 4 von einer Kernschmelze bedroht. Das Militär gibt sich alle Mühe, die Blöcke zu kühlen. Mit Hubschraubern wurde tonnenweise Meerwasser ausgeschüttet. Der Erfolg bleibt jedoch weiterhin ungewiss. Bislang kann nur spekuliert werden, ob ein Super-GAU folgen wird oder nicht.

Einen Überblick über weitere Kerntechnische Unfälle erhalten Sie bei Wikipedia

Dieser Artikel gibt einen Überblick über die Unfälle in kerntechnischen Anlagen, die anhand der Internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse als mindestens „Unfall“ eingestuft worden sind. Der bekannteste Unfall in einer ...
Was denken Sie, wird in Japan ein Super-GAU folgen?

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schreibmaus, am 17.03.2011
 
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Kommentare


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Jop am 15.04.2012

Ich wusste gar nicht, dass es schon so viele A-Katastrophen gab. Interessant ist, dass ganze vier von denen in den 50'ern passiert sind. Anscheinend war die Technik da nicht so ausgereift.

Aber dennoch finde ich sollten wir uns von dieser Atomtechnik komplett entfernen. Es gibt einfach andere Energieerzeugungstechniken, die sauber und ungefährlich sind.

HenningSchuenke am 27.03.2012

Von manchen der Unfälle vor Three-Mile-Island wusste ich auch nichts. Zu Majak war glaube ich mal was auf Phoenix. Dass die Sowjetunion das geheim halten konnte, überrascht mich nicht so sehr, wie dass "The Land of The Free" das Unglück von Simi Valley 1959 erfolgreich verschweigen konnte.

Joshua am 18.01.2012

ich finds gut

Manfred am 07.12.2011

Im Amerika der 50er wurden Abenteuerfilme in entlegenen Gebieten von Nevada gedreht. Das waren Testgebiete für A-Waffen. Daher öde und verlassen.
Die meisten der großen (Western-) Stars, die dort gedreht haben, starben an Krebs. Ein Zusammenhang konnte angeblich nicht festgestellt werden.
Diese Technik ist nicht zu beherrschen. Nur weil man Srahlung nicht sieht, ist sie trozdem vorhanden.
Danke für den Artikel. Macht weiter so.
Manfred R.

ostrich am 21.03.2011

Zur Zeit kommen Tatsachen auf den Tisch, die auch während der früheren Protestbewegung in den Medien keine Rolle spielten. So drohte 2004 in Biblis eine Kernschmelze, weil es nach einem Unwetter ein Stromausfall gab, der auch mit drei Sicherheitssystemen nicht zu überbrücken war. Letztlich sprang dann doch noch ein alter Benzin betriebener Generator ein. Weil nichts passiert war, erhielt der Störfall eine 0 auf der INES-Skala.

Guter Artikel, der Klarheit schafft, wie auch der über den Majak-Fall. Danke für diese umfangreiche Recherche-Arbeit.

ostrich am 21.03.2011

Zur Zeit kommen Tatsachen auf den Tisch, die auch während der früheren Protestbewegung in den Medien keine Rolle spielten. So drohte 2004 in Biblis eine Kernschmelze, weil es nach einem Unwetter ein Stromausfall gab, der auch mit drei Sicherheitssystemen nicht zu überbrücken war. Letztlich sprang dann doch noch ein alter Benzin betriebener Generator ein. Weil nichts passiert war, erhielt der Störfall eine 0 auf der INES-Skala.

Guter Artikel, der Klarheit schafft, wie auch der über den Majak-Fall. Danke für diese umfangreiche Recherche-Arbeit.

susivital am 19.03.2011

Irgendwann nimmt das alles noch mal ein schlimmes Ende. Der Mensch ist so dermassen überheblich und findet sich so supertoll. Die Natur rächt sich irgendwann so, dass es für uns zu spät ist.
Super Artikel!
Gruß Susi

Stehlampen-Petra am 19.03.2011

Hallo Moni,
toller Artikel. Einige der Zwischenfälle waren mir nicht bekannt.
Das Fatale daran ist, dass man schnell vergißt und sich die Grenze für "Schlimm" anscheinend immer weiter nach oben schraubt,
LG
Petra

schreibmaus am 18.03.2011

Hallo Andy,
ja das stimmt, für mich ist es einfach unverständlich, wie solch ein extremes Unglück wie das von Majak so lange geheim gehalten werden konnte und wie die zuständige Regierung es fertig bringen kann, solange den Mund zu halten und die Gefahren einfach ausblendete. Bezüglich des Tschernobyl-Unglücks kann ich nur sagen, dass es bedauerlich ist, dass im Jahr 82 nichts gelernt wurde - hätte man zu diesem Zeitpunkt reagiert hätte 86 vermieden werden können.
LG Moni

Infoblogger am 18.03.2011

@Moni: Klasse Artikel. Ich finde besonders den Mayak-Zwischenfall sehr bedenklich und dass er so viele Jahre unter Geheimhaltung stand. Ich wusste nicht, dass es vor dem Tschernobyl-Unglück bereits vier Jahre zuvor einen schweren Reaktor-Unfall gab. Die Atomkraft ist nicht beherrschbar und sollte endlich eingesehen werden.


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