Sparsamkeit ist eine Tugend. Bei meinen Mitarbeitern will ich sie nicht immer sehen. Denn bei sparsamen Mitarbeitern zahle ich drauf. Unter Umständen wird materielle Sparsamkeit zur Zeitverschwendung. Arbeitszeitverschwendung, um genau zu sein. Arbeitszeit, die ich als Arbeitgeber teuer bezahle. Bei mir führt das zur Entlassung.

 

Arbeiter auf einem Stahlträger, 1930 (Bild: AllPosters)

Eine ganz einfache Rechnung an einem extremen Beispiel:

Satire

Satire

In jeder Stellenbeschreibung steht von nun an, dass meine Mitarbeiter nicht verschwenderisch sein sollen. Nicht verschwenderisch mit Arbeitszeit, versteht sich!

Der Meyer aus der Buchhaltung. Wenn alte Akten vernichtet wurden, dann hat er die Ordner vom Inhalt befreit und sich aus den losen Blättern noch alle Schwalben, Büroklammern, Klarsichthüllen und Trennblätter gepult.

Das hat er dann alles feinsäuberlich in seine Schubladen sortiert. Bei den Trennblättern hat er vorher noch alle Beschriftungen mit Papierstreifen überklebt.

 

"Das sei vorbildlich", möchten jetzt die Ökos jubeln. "Das ist mein Ruin", schreie ich! Und die Entlassung für Herrn Meyer. Der Meyer kann das gerne in seiner Freizeit tun. Davon hat er jetzt ja genug. Von mir aus kann er sich eine Ecke in unserem Keller frei räumen und da seiner Leidenschaft nachgehen. Aber in seiner Arbeitszeit macht der das jetzt nicht mehr! Ich drücke ihm die Daumen, dass er eine Stelle findet, an der seine Sparmaßnahmen auf Kosten des Unternehmens geduldet werden.

 

Ich habe das mal nachgerechnet. Wenn der Meyer eine Stunde braucht, um Büromaterial im Wert von 5 € einzusparen, dann bezahle ich ihm für diese Stunde einen Lohn von 20 € zuzüglich Steuern und Sozialversicherung.

Die Beständigkeit der Erinnerung, ca. 1931 (Bild: Salvador Dalí / AllPosters)

Weiche Uhr im Moment ihrer ersten Explosion, ca. 1954 (Bild: Salvador Dalí / AllPosters)

Um Büromaterial wieder zu verwenden, das in der Neuanschaffung gerade einmal 5 € kostet, habe ich also Ausgaben, die das Vielfache der 5 € kosten! Nicht mit mir, Freunde! Da flattert die Entlassung knallhart ins Haus!

 

Der Meyer ist geflogen und jeder Nachahmer wird ihm folgen.

 

Schon viele Personaler riefen bei mir an, weil sie wissen wollten, welche Bedeutung hinter diesem einen Satz in Meyers Arbeitszeugnis steckt: "Meyer setzte seine ganze Arbeitskraft ressourcensparend ein und erfüllte damit unsere Materialbeschaffung mit tiefster Zufriedenheit."

Entlassung

Entlassung

Ich bin ja dazu gezwungen, ein Arbeitszeugnis immer positiv zu verfassen. Gerne erkläre ich den Anrufern, wie negativ diese verschwenderische Eigenschaft doch zu bewerten ist, die mich zur Entlassung zwang.

Ich habe schon darüber nachgedacht, die über 10 Jahre alten Akten einer Behindertenwerkstatt oder einer ähnlichen Einrichtung zur Verfügung zu stellen, damit dort brauchbares wieder verwendet werden kann. Aber aus Gründen des Datenschutzes habe ich Bedenken. Wieder einmal zieht die Umwelt den Kürzeren. Um Kunden nicht zu verärgern und Kosten einzusparen, ist es am wirtschaftlichsten, den alten Krempel einfach zu vernichten. Bleibt allein der Trost, dass die Verbrennung Energie erzeugt und Metall aus Ordnern, Schwalben, Büroklammern und so weiter eingeschmolzen und wieder verwendet werden kann.

 

Ich jedenfalls bleibe bei meinem Standpunkt: Ein Mitarbeiter, der ein Paket Büroklammern klaut ist nicht so schlimm wie jemand, der Zeit verschwendet. Beides zerstört das Vertrauensverhältnis. Und es haben schon Mitarbeiter anderer Unternehmen die Entlassung kassiert, die Material in Höhe von Centbeträgen haben mitgehen lassen. Ein Stundenlohn für Gämmelei mit Büroklammern und anderem Büromaterial kostet mich noch viel mehr!

 

Ein Mitarbeiter erzählte mal den Witz über Bill Gates, der sich nach einem Hundertdollarschein nicht zu bücken braucht, wenn ein solcher vor seinen Füßen auf der Straße liegt. Bill Gates würde durch sein immenses Vermögen in der Sekunde des Bückens mehr verdienen als die 100 Dollar.

 

Ich frage mich, was daran witzig sein soll. Es ist bittere Realität, dass sich meine Mitarbeiter nicht um die verbrauchten Büromaterialien kümmern sollen. In der gleichen Zeit könnten sie sinnvoll ihrer Arbeit nachgehen und damit für das Unternehmen mehr Werte schaffen, als die geringe Einsparung von Kosten für Büromaterial ausmachen würde.

Wie steht es mit der Realität?

 

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textpressi, am 08.05.2011

Kommentare


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ReadMeJones am 18.07.2011

Ich bin der Meinung, dass, wenn der Verlust nicht so immens ist, wie in dem genannten Beispiel, sollte ein Chef so tolerant sein und die "paar Euros" für Mutter Natur schon übrig haben. ;-)
Verhält sich genauso, wie mit dem Kraftstoff E10. Gleicher Literpreis wie Super, gegenüber diesem jedoch Mehrverbrauch, also zahlt der Kunde pro Kilometer drauf. Die Leute tanken es aber dennoch, weil es "angeblich" die Umwelt schont.

ipunkt am 09.05.2011

Hallo Peer,

Chefs geben bekanntlich Anweisungen. Darauf verstehen sie sich bestens. Und auf Prinzipienreiterei! Verstehen sich sich auch aufs Kommunizieren? Was das ist? Miteinander sprechen, sich austauschen. Das muss nicht zu einem stundenlangen Meeting ausarten. Aus dem Affekt heraus zu agieren, ist weder sinnvoll noch menschlich. Warum sprichst Du nicht mit Deinen Mitarbeitern? Der Meyer fällt dümmlich durch sein pedantisches Gehabe auf? Als Buchhalter keine negative Eigenschaft. Warum tut er nicht einfach eine Arbeit, die seiner Qualifikation entspricht? Peer, das ist Chefsache! Anstatt diese Sache zu korrigieren und mit ihm zu reden, setzt du ihn an die Luft! Glückwunsch zu dieser ... Entscheidung!

Ich wette mit Dir: Wenn der Meyer sich zu dieser überflüssigen Arbeit herab gelassen hatte, dann nur, weil ihm irgendein hoch qualifizierter Depp diese Hilfsarbeitertätigkeit abverlangte. Natürlich vor Deiner Zeit.

In dem Haus, in dem ich jahrelang meine Brötchen verdiente, war es gang und gäbe, dass Altordner aussortiert und wiederverwendet werden. Jedes Ordnungsmittel wurde wiederverwendet, soweit es sich wiederverwenden ließ. Einen Ordner aussortieren dauert wenige Sekunden: Hebel auf, Papier in die Tonne, Ordner ins Regal bzw. in den Müll. Ein Ordner kostet ca. 4 EUR. Bei 50 "entsorgten" Ordnern würdest Du locker 200 EUR in die Tonne kloppen. Das sehe ich als ein Minus von 200 EUR in nicht mal einer Stunde, freilich pi mal Daumen. Die meisten Ordner waren tadellos und konnten noch viele Jahre genutzt werden. Das rechnet sich auf alle Fälle. Im Übrigen trifft das auch auf Trennblätter zu.

Was meinst Du, was passiert wäre, hätte ich gegen diese bestehende Ordnung gehandelt? Dreimal darfste raten!

Lege im Vorfeld die Tätigkeiten Deiner Mitarbeiter fest und rede mit ihnen, teile ihnen mit, wie Du es gerne hättest - gleich zu Beginn und nicht erst, wenn Dir etwas negativ auffällt! Dann natürlich auch. Mitarbeiter sind keine Hellseher.

Ina
PS: Ich habe meinen Job selbst gekündigt. Bin ich froh, mein eigener Chef zu sein!

Inforitter am 09.05.2011

Das mit der Ökonomie ist so eine Sache.
Ich kann die Sicht des Unternehmers verstehen, aber auch die des Angestellten.
Auch wenn es etwas Arbeitszeit kostet, so denke ich stellt recycling von Büromaterial eine Variante der Müllvermeidung dar. Ist also langfristig für unsere Umwelt besser.
Leider gibt es bei "richtigen" Kapitalisten keinen Platz für die Belange der Angestellten und der Umwelt. Und langfristige Überlegungen werden weniger.
Es spielt nur noch das schnelle Geld von Heute eine Rolle...leider. :-(

Danke für den Denkanstoß :-)

Apropos Träumereien: Wenn ich keine Kreativität bei meinen Angestellten wünsche, lasse ich auch keine Zeit-Räume für "Träumereien und sinnfreien Kinderquark".
Diese Menschen werden ihre Arbeit auf Dauer nicht befriedigend finden!
Olaf

Achatnia am 08.05.2011

Also, wer bei uns pennt, fällt relativ schnell auf. Für Träumereien und sinnfreien Kinderquark haben wir alle keine Zeit.

Traumfaenger am 08.05.2011

Hallo Peer,
das Verhalten des Chefs will ich gar nicht be- oder verurteilen. Aus meiner Sicht handelt er wenngleich überzogen, so doch wirtschaftlich. Aber aufgemerkt: den Meyer kenn ich!!! :))))) Genau genommen sogar einige von der Sorte.
@achatnia: Ja, solche Mitarbeiter gibt es. Deren Pedanterie kann einem wirklich auf den Zeiger gehen. Deine Meinung zur Führungsebene teile ich voll und ganz!
LG an euch beide

Achatnia am 08.05.2011

Hallo Peer,
ein netter Artikel. Gibt es solche Mitarbeiter? Bei uns wird alles am Computer erledigt, da kann man keine Büroklammern o.ä. "retten".
Ich denke vor der Entlassung kommt immer ein klärendes Gespräch. Wenn Mitarbeiter Zeit haben Plastikhüllen und sonst für Kram fein säuberlich zu sortieren, läuft meist auch in der Führungsebene irgend etwas nicht ganz rund. Ich würde denken, die Prioritäten sind nicht richtig geklärt - oder erklärt.

Wie immer gut und unterhaltsam geschrieben. Gefällt mir.

Liebe Grüße und natürlich einen Daumen von mir
Achatnia



Autor seit 4 Jahren
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