Erzengel Chamuel - eine Geschichte, die Herzen berührt

von KreativeSchreibfee

Gibt es tatsächlich Erzengel? Die einen schwören fest, dass es die Himmelsboten gibt, andere jedoch zweifeln daran. Doch in tiefster Not ruft manch einer nach den Erzengeln …

Erzengels Chamuel - die Kraft des Herzen Gottes

Chamuel, der Erzengel bin ich. Ich bin da, wenn irgendwo ein Herz zerbricht, wenn dieses dann vor Sehnsucht weint, wenn es nach Liebe oder Erlösung schreit. Wenn ein Mensch auf Erden ist in höchster Not, so ist es für mich das oberste Gebot, ihm beizustehen, nach ihm zu sehen, ihm auch, wenn dem so ist, die letzten Monate, Stunden, Tage oder Sekunden auf der Welt zu versüßen.

 

Wir Engel, ob nun Erzengel genannt oder auch nicht, sind geflügelte Wesen aus dem Himmelsreich. Wir sind Schutzengel, Liebesboten und Tröster in der Not zugleich.

Das Schicksal von Ronny trifft mich sehr, er lebt vielleicht noch ein viertel oder gar ein halbes Jahr. Der Krebs in seinem Körper hat die Macht übernommen. Dennoch ist der junge Mann ungebrochen, ist voller Träume und Sehnsüchte. Als er rief nach mir, im stummen Gebet, habe ich ihn erhört und kam zu ihm.

Sein Mädchen, eine junge Frau, wunderschön, sollte ihn nicht leiden sehen. Sie sollte nicht weinen, nicht hadern, nicht am Schicksal zweifeln und auch nicht daran zugrunde gehen. Voller Liebe und Zuversicht sah er in ihr liebreizendes Gesicht. Doch voller Abscheu hat sie sich abgewandt, als sie sah, dass sein Antlitz vom Krebs bereits zerfressen war. Kurz nur nahm sie Ronnys Blicke wahr, flehend, bittend und vollkommen klar. Jedoch konnte sie Ronnys Stimme nicht mehr hören und auf die Stimme seines Herzens achtete sie nicht.

Ronny, selbst wenn er heute nicht mehr sprechen kann, wenn der Krebs zerfrisst den jungen Mann, ist dennoch ein Kind dieser Welt, was tapfer ist und diese entsetzlichen Qualen aushält. Nach Liebe sehnt er sich, nach Geborgenheit, nach tröstenden Worten in dieser schweren Zeit. Ich kann ihm vieles davon geben, doch vermag ich nicht, ihm zu schenken ein noch langes Leben und auch die Liebe seiner Liebsten kann ich ihm nicht wiedergeben.

Lissy heißt das Mädchen, nach der Ronny begehrt. Jene junge Frau, welche nicht mehr gewillt ist, ihn in der Klinik zu besuchen. Dürften Schutzengel fluchen, so würde ich es an dieser Stelle liebend gerne tun. Doch ich darf es nicht und erlaube mir auch nicht, untätig zu bleiben und friedlich zu ruhen. Denn ich sehe und fühle Ronnys unsägliches Leiden. Ich muss die Frau finden, nach der er sich so sehr sehnt. Ihm seinen letzten Wunsch erfüllen, bevor er für immer von dieser Erde geht.

Ronny liegt in seinem Krankenbett, abgemagert und bleich. Sein Mund, der einst sinnlich war, ist heute kein Mund mehr. Wie ein alter Lappen hängt die Zunge über seinen Lippen, die keine mehr ist, weil der Zungenkrebs wuchert und den jungen Mann von innen mehr und mehr zerfrisst. Ein Mundbodenkarzinom ist schuld daran, dass Ronny dahinsiecht und weder essen noch sprechen kann.Ich bedauere zu sehr diesen jungen Mann. Helfen will ich ihm und kann es doch nicht wirklich tun.

Ich bin kein Halbgott in Weiß, der Krankenakten studiert, Symptome deutet und Menschen „frisiert“ – die dem Tode geweiht sind. Ich bin nur ein Erzengel, ein Schutzpatron. Was ist das schon? Könnte ich, ach, so könnte ich doch nur viel mehr als Herzen kitten, dann gäbe es keine kranken Menschen hier auf Erden, die ewig litten. Doch ich kann es nicht. Ich darf nur da sein, in der Not, kann nicht reichen Salz und Brot, bin nur befähigt, Leid zu lindern. Am Sterben jedoch kann ich keinen Menschen hintern.

Ein Schutzengel hat es nicht leicht. Wenn ihn ein Hilferuf erreicht, ist er zwar stets zu Stelle. Allerdings vermögen wir Engel es nicht auf die Schnelle, wahre Wunder zu vollbringen. Wir sind nur dazu angehalten, auf Erden zu verwalten und zu erhalten, was noch machbar und zu retten ist. Sehe ich allerdings Ronny, den jungen Mann, geht mir der Anblick zu Herzen an. Ich höre seine Gedanken, er muss nicht einmal Worte sprechen. Dies vermag er gar nicht mehr bei seinem Gebrechen, was nicht einmal wirklich eines ist. Krebs kann man nicht Gebrechen nennen, dies ist das falsche Wort.

Ein Engel bin ich, mitunter wäre ich lieber ganz weit fort, in meinem Himmelreich, um das Elend auf Erden nicht zu sehen. Doch als Schutzpatron darf ich mich nicht verstecken. Ich bin da, um Ronny und all die anderen leidenden Geschöpfe zu erlösen von Beschwerden. Gegen Liebeskummer kann ich vieles tun, bei Streitereien kann ich schlichten, doch gegen den Gevatter Tod kann ich nichts ausrichten. Der Sensenmann ist mein Feind, er zerstört die Menschheit. Würde es den Tod nicht geben, herrschte auf Erden ewig Leben.

 

Im hellen Sonnenschein, auf einer Parkbank, sehe ich sie sitzen. Lissy, eine schöne, junge Frau. In ihrem Arm hält sie einen kleinen Jungen, ein Baby noch. So zart, sanft und rein. Ich vernehme sein kräftiges Schreien. Hunger hat der kleine Mann, Lissy legt ihn an ihre Mutterbrust an. Zufrieden nuckelt er daran.

Ein Bild, so blass und dennoch wahr, so zauberhaft und scheinbar unzerstörbar. Doch dauerhaft ist auf Erden nichts. Ich weis es schließlich ganz genau. Mit Worten erreiche ich nicht jene junge Frau, die auf der Bank sitzt und den Säugling stillt. Dennoch bin ich gewillt, ihr den Weg zu zeigen, in die Klinik, die verborgen liegt hinter wilden grünen und dichten Zweigen. Zu Ronny will ich sie bringen. Nur Kraft meiner Gedanken kann ich sie dazu zwingen. Ronny hat einen kleinen Sohn. Wusste er davon schon? Nein, bisher noch ist er ahnungslos.

Ich bin erbost, erzürnt und dennoch kann ich es der jungen Frau nicht absprechen, die gehandelt hat, in ihrem Ermessen. Die verschonen wollte ihren kleinen Sohn. Realität kann so grausam sein. Erneut beginnt Ronnys Sohn zu schreien. Die Brust, mit nährender Muttermilch sieht er nicht. Dafür erblickt er mein Gesicht. Er kann mich sehen, der kleine Mann. Sekundenlang halte ich den Atem an. Selbst Lissy scheint nun irritiert, begreift zwar nicht, was ringsum sie herum geschieht, doch sieht sie den plötzlichen Blätterfall. Eichenblätter fallen, schweben sanft auf den Boden hinab, verfehlen ihre Füße nur sehr knapp. Blätterfall mitten im August, dass dies nicht möglich ist, hat sie sicher schon gewusst.

Sie starrt verzückt auf diese unwirkliche Szenerie und ich schalte und walte. Dank meiner Engelskraft, habe ich es geschafft, dass Ronnys Gesicht im Blätterreigen erscheint. Lissy erblickt es. Kurze Zeit später vernehme ich, wie sie leise weint. Den Säugling, der nun nicht mehr schreit, hält sie schützend in ihrem Arm. Dann steht sie auf, ihr Schritt ist lahm. Sie schleicht dahin. Hatte es Sinn, ihr Ronnys Gesicht zu zeigen, was so gesund aussah in diesem überirdischen Blättereigen? Lissys Schritt wird fester. Schneller schreitet sie voran.

Nur eine Stunde später bin ich Zeuge, als sie am Bett sitzt von jenem tapferen, jungen Mann, der dem Krebs versucht Paroli zu bieten. Mit Tränen in den Augen zeigt Lissy ihm den gemeinsamen Sohn. Der Kleine ist ganz friedlich, lächelt Ronny an. Nun ist es an Ronny, der seine Tränen nicht mehr zurückhalten kann. Zärtlich streicht Lissy über Ronnys Gesicht. Gebannt sehe ich zu, wie sie ihm die Tränen abwischt, bevor das Salz dieser die bösen Krebswunden erreichen kann. Ein Beben schüttelt den geschwächten jungen Mann. Wenn er noch lächeln könnte, würde er es jetzt tun - doch er kann es längst nicht mehr. Erschöpft schließt Ronny seine Augen, um ein wenig zu ruhn. Lissy bleibt noch lange an seinem Krankenbett sitzen, den kleinen Sohn fest im Arm. Ich sehe noch immer die Tränen in ihren Augen blitzen und dennoch ist mir nun ganz warm.

Bald werde ich Ronny ins Himmelsreich begleiten, dort wird es ihm besser gehen. Mit dem Wissen, das ich seinen letzten Wunsch erfüllt habe, denn er konnte noch einmal seine geliebte Lissy und sein Söhnchen sehen.

Ich bin Chamuel, der Erzengel, und wenn auch du mich einmal brauchst, dann rufe mich an. Ich werde dir beistehen und helfen, so gut ich es kann.

 

 

Copyright by Kerstin Schuster

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KreativeSchreibfee, am 26.03.2011
 
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Kommentare


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KreativeSchreibfee am 17.07.2011

Dir auch lieben Dank für die gerne gemachte "Aufnahme" meines Artikels in deiner geschätzten Lyrik-Sammlung, lieber Efes : )
LG Kerstin

Efes am 16.07.2011

Danke für Deinen Vorschlag, die Seite in der Lyrik-Sammlung http://pagewizz.com/lyrik-auf-pagewizz/ mit aufzumehmen. Das habe ich sehr gerne gemacht.

Liebe Grüße
Efes

primapage am 26.03.2011

Herzlichen Dank für die Sinfonie in Worten - es erweitert die Sichtweisen und fordert Zeit zum Innehalten. Zum Nachdenken über das wirklich Wichtige.

LG Johann

chefkeem am 26.03.2011

Danke fuer diese traurige und doch sehr schoene Geschichte, Kerstin. :)



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