Wenn ein Mensch Kaufmann oder Mediziner wird, unterscheidet sich das durch die Dauer und Kosten der Ausbildungen. Der Lehrling erhält von seinem ersten Lehrjahr an, ein Gehalt, während ein Medizinstudent vom ersten Semester an Studiengebühren entrichten muss. Während ihrer Lehre erwerben Auszubildende bereits Anrechte auf Altersversorgung, in deren Genuss Studierende erst nach Abschluss des Studiums und Aufnahme der beruflichen Tätigkeit kommen. 3 - 4 Jahre Lehrlingsausbildung stehen bis zu 14 Jahre Studium gegenüber. Wenn nach so langer Zeit endlich Geld verdient wird, sind viele Ärzte bemüht die einkommenslosen Studienjahre möglichst umgehend aufzuholen.
Trotz kostendämpfender Maßnahmen sind Jahresumsätze in orthopädischen Praxen von 1.000.000 Euro und mehr in Deutschland keine Ausnahme. Der Arzt erhält von Versicherungen eine Pauschalsumme von knapp 20 Euro pro Patient und Quartal. Das, egal wie oft ihn der Patient konsultiert. Um zu Geld zu kommen, werden „3 bis 5 Minuten-Konsultationen“ durchgeführt. Nachvollziehbar, dass dabei wegen Zeitmangel weitergehende Differenzierungen nicht vorgenommen werden. In dieser Pauschale sind Schmerzabschaltungen mit unspezifisch wirkenden Entzündungshemmern und Painkillern enthalten. Dazu kommen Einnahmen aus speziellen Untersuchungen, wie beispielsweise Arthroskopien etc. sofern sie in der eigenen Praxis durchgeführt werden.
Nächste Einnahmequelle die Operation. Der Orthopäde, als selbst operierender Belegarzt einer Klinik verdient sich damit zusätzlich eine Fallpauschale von 300 bis 1000 Euro. Sofern er nicht operieren will oder kann, ist ihm die Dankbarkeit seines Kollegen, an der er überwiesen hat, gewiss. Es ist auch deshalb nicht im Interesse der behandelnden Ärzte eingehende Abklärungen vorzunehmen, von deren Ausgang sich möglicherweise ein Verdienstausfall ergeben könnte. Unabhängige Gutachter sagen, dass bei 87% (!!!) der zur Operation vorgeschlagenen Fälle, die Indikationen nicht vorliegen. (Siehe den beigefügten You Tube Film.)
Weitere Einnahmequellen sind ergeben sich in Deutschland aus den Igel-Methoden. "Igel" steht für Individuell gesundheitliche Eigenleistung und es handelt sich um Leistungen, die vom Patienten selbst zu bezahlen sind. Bei einem Teil dieser Angebote handelt es sich um durchaus sinnvolle Dinge, wie z.B. Atteste, Impfungen, Gesundheitchecks usw., die nicht von den Krankenkassen übernommen werden können. Darüber hinaus werden Behandlungsmethoden zur Linderung der Beschwerden gegen eigene Bezahlung angeboten. Dabei handelt es sich großteils um sog. Außenseitermethoden, die bevor sie zur Igel-Leistung erhoben wurden, von vielen Ärzten als Scharlatanerei abgelehnt wurden. Heute delegiert ein Praxischef diese Arbeiten an sein Personal und erzielt so Stundenumsätze von bis zu 200,- Euro.
Kommentare
Hallo Efes, danke für deinen absolut zutreffenden und zusammenfassenden Kommentar. Was mich am Thema "ver-rückt" macht, ist die Selbstsicherheit mit der Orthopäden physiologischen Blödsinn an ihre Patienten verkaufen und damit im gleichen Maße reicher werden, wie die Versicherungsbeiträge steigen. Du hast Recht, "für´n Appel und ein Ei" lassen sich (zumeist) derartige Problematiken lösen, nur der Patient starrt meist wie ein hypnotisiertes Kaninchen auf den "Herrn Professor Dr. Kistenmacher" und folgt "seinen verdienstorientierten" Empfehlungen.
Sehr guter Artikel, der das Wesentliche auf den Punkt bringt! gerade Orthopäden und Chirurgen leben natürlich vom "Schnippeln", wie der Autoverkäufer vom Autoverkaufen. Da liegt es für die Gewinnmaximierung natürlich nahe, alles zu operieren was in die Nähe des Messers kommt. Sehr beliebt sind dabei Bandscheibenvorfälle (einfach, geht schnell, bringt Kohle), dabei müsste man so gut wie keine derartige Operation machen, da sich Rückenbeschwerden auch dann, wenn tatsächlich die Bandscheiben Schuld sein sollten wesentlich schonender und meist sogar effektiver behandeln. Aber unser Gesundheitssystem "krankt" leider an so vielen Ecken und Enden!
LG Efes
Danke Sissilu für deinen Kommentar und die Ergänzungen. Abgesehen von der Erstellung von Testaten, Checkups etc. findet man unter dem Stichwort "IGEL" alles, was dem Doktor Geld bringt. Auf den Körper zu hören, halte ich ebenfalls für eminent wichtig. Allerdings wissen nur Wenige was es da zu hören gibt. Daran versuche ich auch zu arbeiten.
Ein sehr guter Artikel, der sehr zum Nachdenken anregt. Was mich vor allem aufregt sind die teilweise unnötigen IGEL-Leistungen. Habe vor einiger Zeit mal gegoogelt, welche Privatleistungen Sinn machen und welche nicht. Wenn eine Ärztin für Allgemeinmedizin in ihrer Praxis Botox-Spritzen anbietet, stimmt mich das schon sehr nachdenklich. Auch die finanziellen Leistungen zwischen Krankenhäusern und den niedergelassenen Ärzten sollten erwähnt werden: Wenn ein Arzt an ein bestimmtes Krankenhaus überweist, bringt das auch Vorteile. Eine zweite Konsultation einzuholen ist sehr wichtig: Aber vor allem sollten wir auch gut auf unseren Körper "hören", warum uns diese oder jene Symptome begleiten. Ein mündiger Patient hat durch das Internet viele Möglichkeiten sich umfassend über das diagnostizierte Krankheitsbild zu informieren. Aber Vorsicht ist geboten sich zu viel in Foren zu bewegen, da wollen viele mit ihrem "Halbwissen" brillieren. Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende und sage DANKE für diesen interessanten Artikel.
Erschreckend und deprimierend. Ich hoffe, das dieser Inhalt nicht die Wahrheit ist, befürchte aber mich zu täuschen.
Danke
Vergessen Sie niemals:
Die Ursache für Schmerzen befindet sich nur dann am gleichen Ort, wenn man
mit dem Hammer darauf geschlagen hat!
Ja, nachdenklich und mich wütend, weil mit soviel Oberflächlichkeit auf Kosten und zum Schaden der Versicherten das große Geld gemacht wird.
macht nachdenklich