© Esra Rotthoff

 

 

 

Entdeckung der eigenen Sexualität

Die kindliche Welt der eigenen und fremden genitalen Entdeckung und der selbst erprobten Versuchsanwendungen scheint nahezu unerschöpflich zu sein. Die Figur von Svenja Liesau, später als wissende Studienrätin mit Brille auftretend, will mit 6 Jahren, dass ein Knabe ihre Muschi anfasst, Orit Nahmias spielte als Jüdin "Die Nazis kommen" und Taner Şahintürk performt "Der nackte Turm", bei dem sich die Kids viel zu früh kleidungslos aufeinanderstapeln. Als die Zeit ein wenig vorangeschritten ist, geht es weiter mit der Masturbation auf Promis und Stars, die als Wichsvorlage fungieren. Ob Zucchini, Kuscheltier, Kartoffeln, Batterien oder elektrischer Rasierer – der Einfallsreichtum bei den Stimulanzanregern blüht auf höchst unkonventionelle Weise. Ernster wird es, als Missbrauch thematisiert wird: Svenja Liesau wird als 12-Jährige von ihrem Stiefvater "genommen", für ihn eine saftige Angelegenheit, und die Mutter erzeugt im Bad Geräusche, um bei dem ordinären Spektakel nicht zuhören zu müssen. Eigentlich ist das ein tragisches Kapitel, eine Tragödie, die Empathie und Mitgefühl hervorrufen müsste, aber nichts dergleichen stellt sich ein. Alles wird ins Komische und Unterhaltsame gezogen und Teile des Publikums verlieren dadurch jegliches Einfühlungsvermögen. Offengestanden: Es fällt schwer, bei den ausgelebten Hardcore-Phantasien, beispielsweise anal oder 69, innerlich teilzunehmen, auch wenn sie auf gegenseitigem Einvernehmen beruhen. Klar ist: Nein ist Nein und nicht Ja, fernab ab von sprachlichen Spitzfindigkeiten, die von der England-Expertin Riah May Knight herausgefischt werden.

 

Diskussion über Sex ohne Tiefenschärfe

Der Gesang ist stellenweise wunderschön (Yaniv Fridel, Shlomi Shaban, Ofer Shabi), er bildet zweifelsohne den Höhepunkt des Abends, vor allem der kühne Schwede Lindy Larsson und eben Knight. Die Musik ist eine gelungene Verbrämung von aneinandergereihten Geschmacklosigkeiten, die auf Teufel komm raus unbedingt witzig herüberkommen sollen. Die Dialoge bleiben an der Oberfläche haften, ohne irgendeine Tiefenschärfe zu erreichen. Der Erkenntniswert des Abends geht gegen Null, übrig bleiben einige geradezu herausgeforderte Lacher. Dass Sex auch etwas mit tiefen Gefühlen und Ästhetik zu tun hat, ist der Aufmerksamkeit der Regisseurin offenbar entgangen. Doch halt! Es gibt noch eine Passage von Taner Şahintürk, wo er richtig gefühlig ist und authentisch wirkt. Er redet davon, dass ein Mann bei einer Frau nicht immer funktioniert und auf Knopfdruck geil ist – es gibt auch weniger appetitliche Frauen – doch die Frau erwartet Betttapferkeit, sonst ist Mann, das wird übrigens nicht gesagt, man denkt es nur, schwul oder impotent. Sex erfordert auch Liebe und Emotionalität, eine grandiose Passage. Wenn dieses Stück die ganze Zeit auf dieser Linie ablaufen würde, hätte etwas Feinfühliges, Diskussionswürdiges, ja Großes entstehen können. Bedauerlicherweise geht es nach diesem kurzen Ausflug ins Innerliche gleich wieder weiter mit prallem Trash-Sex: Ein gnadenloser Penis im After als Weg zur Selbstverwirklichung. Manche Zuschauer*innen – 380, das ist das Fassungsvermögen des Hauses - mögen den anschließenden Workshops ferngeblieben sein, weil sie Fäkal-Szenarien wie bei Regisseur Johann Kresnik vermuteten. Es ist eine Inszenierung, die das Publikum spaltet und wohl eher bei jüngeren Jahrgängen gut ankommt. Immerhin, ein Tatort-Kommissar hat sich königlich amüsiert.

 

Yes But No
Eine Diskussion mit Songs von Yael Ronen & Ensemble
Regie: Yael Ronen, Bühne: Magda Willi, Kostüme: Amit Epstein, Songs und Musik: Yaniv Fridel, Shlomi Shaban, Ofer Shabi, Video: Hanna Slak, Licht: Gregor Roth, Dramaturgie: Irina Szodruch.
Mit: Riah May Knight, Taner Şahintürk, Svenja Liesau, Orit Nahmias, Lindy Larsson.

Gorki Theater Berlin, Premiere vom 7. September 2018.
Dauer: 80 Minuten + Pause und Workshops

 

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