Altwerden in der Dorfgemeinschaft unter südlicher Sonne

Eine alte Steineiche bildet den Mittelpunkt eines 200 Einwohner zählenden Dorfes im Hinterland der italienischen Riviera. Ab 10 Uhr vormittags treffen sich die Alten des Dorfes unter dem Schatten spendenden Laubbaum mit einer Holzbank drumherum: Omis mit Strickzeug, andere, die den Enkel im Kinderwagen wiegen, Singles wie Maria, mit ihren 72 Jahren noch immer eine faszinierend schöne Frau, die zu stolz oder der keiner gut genug war zum Heiraten, wie die anderen immer noch hinter vorgehaltener Hand flüstern. Und Marco trifft man an, den 92-jährigen Dorfältesten, die lebende Chronik des Dorfes, den man zu allen Ereignissen ab dem Ersten Weltkrieg befragen kann. Wenn einer der Altenrunde bis 10 Uhr nicht erschienen ist oder seinen Fensterladen noch nicht geöffnet hat, dann steht einer auf und sieht nach. Keine Chance, dass hier eine Leiche bis zur Verwesung unentdeckt liegen bleiben könnte. Die  jüngeren Dorfbewohner, die in der Stadt arbeiten, kommen auf ihrem Weg zur Bushaltestelle vorbei und fragen, ob sie etwas vom Supermarkt mitbringen können.

Dieses und ähnliche Dörfer brauchen kein Altersheim und keinen Kindergarten, denn hier stimmt die Kommunikation unter den Dorfbewohnern, dem verlängerten Arm der Familie,  hier steht man noch nachbarschaftlich zusammen.

Beispiel Süd-Spanien

 Es wurde viel verbaut an den Küsten Spaniens, das ist wahr, es stehen viele Bauruinen leer. Aber es gibt auch kleinere, legale, sogenannte Urbanisationen mitten in Gemeinden und nicht weit außerhalb am Stadtrand angesiedelt, mit 20 bis 200 Appartements, altersgerecht gebaut ohne Schwellen, mit Aufzügen auch bei drei Stockwerken und vor allem mit gemischt internationaler Belegung von einheimischen Spaniern, von Engländern, Skandivaiern und Deutschen. Ein  funktionierendes Europa im Kleinen! Die Älteren sitzen schwatzend um den Swimmingpool und bieten jedem Vorübergehenden ein Gläschen Tinto de Verano oder Gin tonic an. Hier muss man nicht verzweifelt allein in der Wohnung von TV-Programm zu TV-Programm zappen. Der Gärtner der Anlage, Ende 40, begrüßt die deutsche Witwe Maria, 77, bei ihrer Ankunft immer überschwänglich mit Küsschen links und Küsschen rechts auf die Wange und flirtet ungeniert mit ihr. Das sind die Latin Lovers: charmant zu jeder Frau jeden Alters, und das weckt die Endorphine auch mit 77 wieder auf.

 

Der dritte Lebensabschnitt: die Genießer-Jahre

In Spanien kennt man den Begriff "Senior", der in Deutschland so einen Beigeschmack hat, gar nicht, man spricht viel eleganter von "tercera edad", dem "dritten Lebensabschnitt". Die ersten Lebensjahre sind die lernenden, dem die arbeitenden folgen, und mit dem letzten sind nun die genießenden gemeint. Auch wenn man nicht so übertreibt wie die Amerikaner mit ihrer "political correctness" und "old" nicht mehr als akzeptabel gilt, sondern "chronologically gifted" (altersmässig begünstigt") dafür anzuwenden ist!

Übrigens wird Maria in ihrem südlichen Appartement mit Gästezimmer plötzlich auffallend oft von den Kindern und Enkeln besucht, öfters als seinerzeit in Deutschland, als sie nur 55 Kilometer entfernt wohnte!

Rentnerehepaar

 

Stirb schneller Rentner?!

Welch ein Kontrast zu den unverschämten Kommentaren junger und mittelalter Abgeordneter, die scheinheilig empört vorrechnen, dass die Rentner in Deutschland zu lange leben und dafür finanziell bestraft gehören. Ich wünsche denen inbrünstig, dass sie zur Strafe sehr,sehr alt werden in Deutschland, wo kaum mehr einer in einer U-Bahn einer 77jährigen Dame wie meiner Mutter einen Sitzplatz anbietet, wo sie auf der Straße angerempelt wird und man sagt: "Paß doch auf Grufti!".

Man kann in Würde altern im mediterranen Raum, das beobachte ich schon lange, dort, wo man sich freut, wenn man hierher übersiedelt und seine Rente ausgibt. Wo Schüler im Bus noch selbstverständlich aufstehen für eine ältere Dame. Die südliche Wärme tut außerdem nicht nur Knochen und Gelenken gut, erwiesen ist heute auch statistisch, dass Rentner im Süden Europas im Durchschnitt fünf Jahre länger leben – sehr zum Ärger der Erben in Deutschland.

Bildnachweis: Roger Bates, Gabriele Hefele

 

Arlequina, am 13.10.2011

Kommentare


Arlequina am 16.10.2011
Ein Freund von mir sagte mal: Lasse Dich dort nieder, wo Wein wächst und Karneval gefeiert wird!
KreativeSchreibfee am 14.10.2011
Es ist schon erstaunlich, dass das Altern in Würde in anderen Ländern nicht so problematisch ist, wie hier in Deutschland. Nächstenliebe und Achtung vor dem Alter sind sicherlich zwei Voraussetzungen dafür, die hier mehr und mehr verkümmern. Nur das Geld zählt noch, weniger der Mensch. http://pagewizz.com/wenn-eltern-alt-werden-alte-eltern-erwachsene-kinder-im-konflikt/ Schöner Artikel, dafür mein Däumchen. LG Kerstin
Alma am 14.10.2011
Die Deutschen sind im Gegensatz zu den Südländern zu sehr auf Distanz. Zu formell. Wenn in den südlichen Länder die Nachbarin unverhofft in der Tür steht, fragt, ob sie etwas helfen kann, oder auch nur um etwas über ihre Familie zu erzählen, wird das freudig angenommen. In Deutschland wird das leider mit Aufdringlichkeit und Neugierde verwechselt. Alma
AngelaFehr am 14.10.2011
Ein sehr interessanter Artikel und den drei vorhergehenden Kommentaren ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen.
Textdompteuse am 13.10.2011
Die Idee, künftig Renten nicht mehr ins Ausland zu überweisen, ist zum Glück noch ein ungelegtes Ei und bleibt es hoffentlich auch. Es kann ja wohl nicht angehen, dass Rentner so in ein Gefängnis ohne (sichtbare) Gitter kommen. Stimmt aber zum Glück, dass man zumindest in Europa bzw. der EG freies Wohnsitzrecht hat. Außerdem: Wieviel Kaufkraft wäre das, wenn bei Menschen die Rente "zu wenig zum Leben, zum Sterben zuviel" ist? Und in anderen Ländern mit niedrigerem Preisniveau können solche Rentner einen lebenswürdigen Lebensabend verbringen. Überspitzt gesagt: Einerseits wird alten Leuten ihre Existenz vorgeworfen. Wollen sie gehen, ist es auch nicht recht. Da stimme ich voll zu: Die Landessprache ist ein Muss! Sprachenlernen ist dazu gut fürs Hirn und besser als bemühtes Gehirnjogging.
Arlequina am 13.10.2011
Danke,danke Textdompteuse für diese wundervolle Ergänzung! Das mit nur in Deutschland Renten ausgeben wusste ich noch gar nciht- aber wie soll das gehen? Dann läßt man halt auf ein deutsches Konto überweisen und hebt im Ausland mit der Karte ab! Außerdem gibt es europaweit die rechtlich garantierte freie Wahl des Wohnsitzes! Übrigens lebt man in vielen der von mir geschilderten Länder- wenn man nicht gerade die Touristenhochburgen wählt - von den Lebenshaltungskosten her billiger, kann auch auf dem Balkon drei Gemüseernten hintereinander einfahren . Ganz wichtig aber: man sollte die Landessprache lernen!
Textdompteuse am 13.10.2011
Ein sehr wohltuender Artikel, der vieles, was hierzulande im Argen liegt, auspackt und direkt Lust aufs Auswandern macht. Es ist schlimm und menschenverachtend, wie negativ in Deutschland das Alter gesehen und behandelt wird. Selbst bin ich zwar noch nicht so weit, aber ich mache mir trotzdem viele Gedanken dazu. Da las ich neulich über Pläne, Renten nicht mehr ins Ausland zu überweisen, denn die Rentner sollen in Deutschland bleiben und hier ihr Geld ausgeben. Woanders sinngemäß "Schluss mit dem Faulenzen im Alter". Wer noch einigermaßen fit ist, hat gefälligst ehrenamtlich anzupacken. Nichts gegen Ehrenämter, doch sollte das jeder individuell entscheiden, und es interessieren sich ja auch viele dafür. Andere müssen dagegen mit bezahlter Arbeit magere Renten aufstocken, sofern sie gesund genug sind und geeignete Jobs finden. Die sollten das dann auch tun dürfen, und wenn sie sich damit sogar ein wenig Luxus außer der Reihe leisten, sei ihnen der gegönnt. Ich sehe schon kommen, dass sich Rentner, die deutlich über das statistische Maß hinaus leben, dafür rechtfertigen sollen. Hier wird so viel über die finanzielle Verwertung alter Menschen nachgedacht. Sie sind ein Wirtschaftsfaktor für alle möglichen Interessen, bei denen die alten Menschen selbst oft auf der Strecke bleiben. Nachbarschaftshilfe gibt es gern, wenn bekannt ist, dass ein alter Mensch finanziell gut gestellt ist. Damit meine ich gar nicht mal die drastischen Fälle, in denen alte Menschen regelrecht ausgeplündert werden. Oft genügt es, wenn so ein Mensch Gefälligkeiten sehr spendabel entlohnt. Dann wird ihm falsche Freundschaft vorgegaukelt und gerade vereinsamte Personen werden von ihren "Freunden" finanziell peu à peu gemolken, gerade so, dass es noch nicht kriminell ist. Ärmere alte Menschen bekommen selten Nachbarschaftshilfe, obwohl es z. B. doch kein großes Ding ist, ihnen beim Einkauf ein paar Dinge mit zu besorgen. Meine Hoffnung besteht darin, dass die Generation der Alten immer zahlreicher und damit mächtiger wird.


Bildquelle:
Kuscheltier (Tunnel-Menschen - ein Leben in Dunkelheit)
Fotografie Kerstin Schuster (Jahresrückblick 2012 - was im Jahr des angeblichen Weltuntergangs a...)

Autor seit 2 Jahren
169 Seiten
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