Gefallener Star NASA

Am 6. August 2012 um 7:31 Uhr MEZ landete der Mars-Rover "Curiosity" wohlbehalten auf dem Mars. Bei der NASA herrschte Jubelstimmung, der wahlkämpfende US-Präsident Obama platzte fast vor Stolz und sprach ganz patriotisch von einer wissenschaftlichen Vormachtstellung der USA. Derselbe Präsident übrigens, der vor einem Jahr das Space-Shuttle-Programm einmotten ließ, mit der Konsequenz, dass die USA derzeit aus eigener Kraft keinen Astronauten in den Orbit bringen können.

Bereits kurz nach der Landung funkte "Curiosity" erste Bilder vom Mars zu Erde, die auf der NASA-Website bestaunt werden können. Die wichtigste Mission des Roboters besteht darin, dem Boden Proben zu entnehmen und diese zu analysieren - natürlich insbesondere in Hinblick auf früheres oder sogar noch existentes Leben am Mars. Was einst für sattes Interesse der Weltöffentlichkeit gesorgt hätte, ruft mittlerweile meist eine bestimmte Reaktion hervor: Derlei Missionen seien unverantwortliche Geldverschwendung angesichts drängender Probleme auf der Erde, und solange Kinder in Afrika verhungern, sei es pervers, Miliarden für völlig sinnlose Weltraumforschung zu verpulvern.

Festzuhalten bleibt, dass das Interesse an der Erforschung des Weltraums stetig abgenommen hat. Dafür gibt es mehrere Gründen, zu deren wichtigsten wohl folgende zählen:

  1. Auslaufmodell Space ShuttleIn der Euphorie der ersten Mondlandung 1969 wurden allzu kühne Weltraumvisionen gesponnen, die weder finanziell, noch technisch durchführbar waren, beispielsweise riesige Städte im Weltall, Terraforming unwirtlicher Welten oder bemannte Flüge zum Mars. Tatsächlich stellte die Mondlandung nur die erste Etappe zum eigentlichen Ziel dar, der Landung auf dem Nachbarplaneten.

    Im Zuge von Budgetkürzungen und Umwidmung ehrgeiziger Vorhaben, erlebte die Weltraumfahrt stetige Rückschritte: Keiner Nation wäre in absehbarer Zeit die Rückkehr zum Mond möglich. Dies stellt einen technologischen Sonderfall dar, führte doch jede neue Technologie auf anderen Gebieten zu ständigen Weiterentwicklungen. Zwischen dem ersten Motorflug der Gebrüder Wright und Überschallflugzeugen liegen nur wenige Jahrzehnte, ebenso zwischen den ersten Automobilen und der Massenfertigung oder der rasanten Verbreitung von Telefonen, Radiogeräten oder elektrischer Beleuchtung. Hingegen blieb das ohnehin nie gänzlich ausgereifte Space Shuttle drei Jahrzehnte (!) lang das Flaggschiff der NASA, was natürlich auch daran lag, dass die Weltraumbehörde ein quasi-Monopol an der Weltraumfahrt inne hielt. Faktum ist: Sie vermochte die Öffentlichkeit nach dem Mondflug-Hype nie wieder zu begeistern und enttäuschte zuletzt 2010 mit einer Pressekonferenz, bei der eine Sensation verkündet werden sollte, die sich letztendlich als ernüchternd unspektakulär (und in Fachkreisen umstritten) herausstellen sollte.

  2. Bis in die 1950er Jahre hinein wurde über Leben auf den Planeten unseres Sonnensystems spekuliert. Neben dem Mars schien die Venus ein geeigneter Kandidat hierfür zu sein. Doch die ersten Bilder von den lebensfeindlichen Landschaften der Nachbarplaneten zerstörten diese Hoffnungen und schienen die Annahme zu festigen, dass Leben, zumal intelligentes Leben, nur auf der Erde existiert bzw. existieren kann. Das einst romantische Weltall avancierte zur bedrohlichen Einöde.

  3. MIt dem Ende des Kalten Krieges endete auch die technologische Nabelschau des Westens. Der ideologische Feind war (vermeintlich) besiegt und die hierfür zur Verfügung gestellten Mittel konnten fortan in andere Kanäle verteilt werden.

Folglich scheint es aus Sicht von Kritikern kostspieliger Weltraumforschung logisch, die Akte Weltall mehr oder weniger zu schließen. Zumindest in unserem eigenen Sonnensystem erwarten uns außerhalb der Erde lebensfeindliche Planeten und Reisen zu anderen Galaxien sind nach derzeitigem Stand der Wissenschaft ein Ding der Unmöglichkeit. Weshalb also weiterhin Milliarden Dollar in Bilder von der Oberfläche trostloser Welten stecken, wo doch Millionen Menschen hungern, keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben oder an Krankheiten sterben, die im Westen für ein paar Dollar kurierbar wären?

Aus meiner ganz persönlichen und damit streng subjektiven Sicht sind unter Androhung von Gewalt erzwungene Geldmittel, und um nichts anderes handelt es sich bei Steuern, ohnehin moralisch nicht vertretbar. Doch lassen wir diesen Ansatz, der bei den meisten Lesern Befremden auslösen dürfte, außen vor und konzentrieren wir uns auf den Kern der Diskussionen.

Bilder vom Mars... oder von meinem GartenZunächst müssen die finanziellen Aufwendungen in vernünftige Relation gesetzt werden. Das Budget des US-Militärs betrug 2011 etwa 700 Milliarden Dollar und somit ein Vielfaches der 2,5 Milliarden Dollar, die in "Curiosity" flossen. Natürlich hinkt ein solcher Vergleich trotzdem, handelt es sich doch bei der Marserforschung um ein ziviles Projekt, während das US-Militär jährlich tausende Menschen tötet, verwundet oder verstümmelt. Dennoch stellen sich angesichts der überwältigenden Feuerkraft der US-Streitkräfte selbst viele US-Bürger die Frage, ob der enorme finanzielle Aufwand tatsächlich notwendig ist, eingedenk der Tatsache, dass sich die USA seit ihrer Unabhängigkeit niemals fremden Truppen auf ihrem eigenen Territorium gegenüber sahen und der "War on Terror" mit konventioneller Kriegsführung nichts zu tun hat.

Gehen wir deshalb auf ein anderes beliebtes Argument ein: Mit 2,5 Milliarden Dollar könnte man viele Tonnen Lebensmittel, Saatgut, Impfstoffe, Nutztiere, etc. kaufen und armen Ländern spenden. Auf den ersten Blick eine formidable und noble Idee, die freilich an der Realität scheitern dürfte. Seit Jahrzehnten fließen alljährlich Milliarden Dollar nach Afrika, ohne dass der an Ressourcen reiche Kontinent davon profitierte. Das Gegenteil ist der Fall: Selbst gut gemeinte Hilfe stützte und stützt Potentaten, korrupte Regierungen und Warlords, womit der Schuss nach hinten losgeht. Lokal mag diese Hilfe kurzfristigen Erfolg bringen. Auf längere Sicht gesehen profitieren die Menschen in den Entwicklungsländern höchstens marginal. Die Problematik ist gleichermaßen simpel, wie kaum lösbar: Zum einen behindern korrupte Regierungen, Warlords und islamistische Fanatiker jegliche Entwicklung. Während in den Industriestaaten das Recht auf Eigentum besteht (auf Enteignungen zum "Allgemeinwohl" und legitimisierten Diebstahl in Form von Steuern und Inflation soll wiederum nicht eingegangen werden), was das Betreiben von Landwirtschaft oder Investieren in Unternehmen ermöglicht, sieht dies in weiten Teilen Afrikas gänzlich anders aus. In Simbabwe etwa wurden tausende weiße Farmer kurzerhand enteignet, mit der Folge einer Hungersnot in einem der fruchtbarsten Staaten des Kontinents.

Ein ebenso drängendes Problem ist die enorme Fertilitätsrate. In den meisten afrikanischen Staaten bringen Frauen durchschnittlich 6 - 8 Kinder zur Welt. Was selbst wohlhabende westliche Staaten in Bedrängnis bringen würde, erweist sich in den ärmsten Ländern der Welt als Katastrophe: Trotz trister Lebensmittelversorgung wird ein Kind nach dem nächsten gezeugt. Das Ergebnis ist bekannt, und hierbei darf die Schuld nicht wie üblich dem Westen zugeschoben, sondern muss bei den Müttern und Vätern angesetzt werden. Solches Verhalten ist nicht einfach dumm, sondern grausam dem eigenen Nachwuchs gegenüber. Selbst die Umleitung sämtlicher finanzieller Mittel der NASA - diese sollen 2013 rund 18 Milliarden Dollar betragen - änderten am Elend der Entwicklungsländer kaum etwas.

Welche Gewinne stehen aber nun diesen Ausgaben gegenüber? In klingender Münze werden die Steuerzahler wohl nicht bezahlt werden. Allerdings sind der Wissenszuwachs und die forschende Neugierde mit Geld nicht aufzuwiegen. Ein paar Fotos vom Mars oder Bodenanalysen mögen viele Menschen keinen Deut interessieren und somit wie ein sündhaft teures Hobby verstaubter Eierköpfe wirken. Doch hierbei wird vergessen, dass Forschung so gut wie nie auf Anhieb wissenschaftliche oder ökonomische Fortschritte bewirkt. Physikalische Grundlagenforschung etwa, die auch dem Artikelautor wie ein chinesisch sprechender Bahnhof erscheint, ermöglichte erst die Entwicklung jenes Computers, auf dem Sie diesen Artikel gerade lesen.

Das gewichtigste, wenngleich rein emotional begründete Argument pro Weltraumfoschung ist jedoch die Neugierde. Wäre unsere Spezies nicht neugierig veranlagt, hätte sie sich nie aus den Savannen hinausgewagt, hätte nie das Meer bereist und neues Land erschlossen, würde sich heute noch mit anderen Tieren um Aas oder Wasserstellen streiten. Ohne Neugierde und Forschungsdrang verlieren wir einen großen Teil unseres Selbst. Der Hunger nach Wissen hat das Land, die Luft und die Ozeane erschlossen, und irgendwann wird er vielleicht auch den Mars erschließen. Den Grundstein legen Missionen wie "Curiosity", die aus heutiger Sicht wie Geldverschwendung erscheinen mögen, in hundert, tausend oder zehntausend Jahren jedoch den ersten Schritt über unseren Horizont hinaus darstellen werden.

Abschließend darf ich Sie dazu einladen, Ihre ehrliche Meinung zu diesem umstrittenen Thema kundzutun, egal, ob Sie meinen Standpunkt teilen oder nicht. Die ideale musikalische Untermalung liefert natürlich Jeff Waynes geniales Musical "War of the Worlds". Und wer weiß: Vielleicht unterliegen ja auch wir selbst der wissenschaftlichen Beobachtung durch eine weit fortgeschrittene Zivilisation...

rainerinnreiter, am 17.08.2012

Kommentare


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Marcel am 23.02.2014
Weltraumforschung ist keinsfalls herausgeworfenes Geld. Wenn man nicht forscht, wie soll man dann zu neuen Erkentnissen gelangen? Der Mensch definiert sich nicht nur über die reine Lebenserhaltung sondern auch über seinen Geist, dass ist es es was uns von den Tieren unterscheidet. Thesen wie: "Für was soll das gut sein?" machen mich traurig. Wer nicht nach einer weiteren Erkentniss strebt hat aufgehört geistig zu leben. Mit dieser Argumentation kann man nämlich alles relativieren. Für was Filme/Comics/Theater/Videospiele machen und konsumieren, ist doch alles Zeitverschwendung usw. Wissenshunger ist gut und gesund.


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