Kate Bush in Concert - Die Show beginnt!

Walgesang. Der Vorhang der Bühne in der Jahrhunderthalle wird zur Leinwand, Wellen werden darauf projiziert, im Ausschnitt hinter der Rampe erscheint eine Silhouette: Kate Bush. Beifall brandet auf, endlich, endlich, endlich ist sie da! Armschwingend schreitet Kate Bush die Rampe hinab Richtung Bühne. Hinter dem zur Seite gleitenden Vorhang sieht das aus wie das Winken der Fluken eines Wals. Zart, aber eindeutig. Akkorde vom Klavier tupfen in den Saal: Moving, der erste Song ihres ersten Albums The Kick Inside.

The Kick Inside wurde veröffentlicht, als Kate Bush 19 Jahre alt war, manche Songs des Albums hat sie bereits mit 13 Jahren geschrieben – in einem Alter, da andere noch in der Nase popeln. Moving ist ihrem Tanzlehrer Lindsay Kemp gewidmet.

Kate Bush trägt ein blaues Trikot, rot glänzt ihr Haar im Licht der Scheinwerfer. Von der Band ist niemand sonst zu erkennen, alles ist auf sie zugeschnitten, Lichtführung, Bühnenbild und der Ton. Wahrscheinlich jeder im Saal hat wahrscheinlich jeden Ton der bis dato zwei veröffentlichten Alben im Ohr. Bei mir jedenfalls ist das so. Und ich bin derart hingerissen vom druckvollen und zugleich glasklar-durchsichtigen Sound – eine der Herausforderungen bei jedem Konzert –, dass mir erst so langsam dämmert, was hier gänzlich anders ist als bei allen anderen Konzerten, die ich bisher erlebt habe: Kate Bush singt und bewegt sich über die Bühne, aber sie hat kein Mikrofon in der Hand! Etwa Playback?

Ich bin versucht, noch näher an die Bühne zu gehen, da sehe ich es auf einmal neben ihrem Mund aufblitzen: ein Stab, das Mikro! Klein wie das von Astronauten und – drahtlos!

Zur Erinnerung: Es ist 1979, digital noch Jahre entfernt, und Kate Bush ist die erste Künstlerin, die diese Technik verwendet. Nur deshalb kann sie auf ihrer Tour gleichzeitig tanzen und singen. Eine kleine technische Sache nur – eine große Sensation!

Kate Bush (Bild: AllPosters)

Saxophone Song: zweiter Song auf der Tour of Life von Kate Bush

Moving ist zu Ende, im abgeblendeten Dunkel der Bühne geht Kate Bush zum Flügel. Jetzt spielt sie Klavier, die Walgesänge aus Moving begleiten sie in den ersten zwanzig, dreißig Sekunden, und der Schatten eines Saxophonspielers wird groß auf die Rückwand hinter der Rampe projiziert.

Kleine Kate Bush. Die Fäden, sie laufen bei ihr zusammen, sie hat bestimmt, dass die Tournee nicht bloß eine Abfolge von Konzerten wird. Sie will Tanz, sie will Video, will Schauspiel, Lesung. Sie will Konzentration. Ihre Musik funktioniert als Passepartout für ihren Auftritt. 

Nochmal: Es ist 1979. Es gibt noch keine Lady Gaga, keine Madonna, kein MTV, das uns ersticken lässt im Überangebot an Event. Kate Bush ist Pioneer, sie ist Anfang 20. Und auf der Bühne. Ein Kleiderständer und ein Tisch reichen, um die Illusion einer Bar zu erwecken. Ein Fummel, übers Trikot gestreift in der sekundenkurzen Umbauphase, genügt, und aus der melancholischen Frau am Klavier (The man with the child in his eyes) wird eine Femme Fatale (Them heavy people).

Kate-Bush-Konzert: Magische Momente - Magier Simon Drake erstaunt Publikum

Einer der Umbauten benötigt etwas mehr Zeit. Die Bühne liegt fast vollkommen im Dunkel, die Band spielt eine ausgedehnte Introduction von L'amour looks something like you, und ein Zauberer, Simon Drake, erscheint auf der Bühne. Was nun geschieht, habe ich auch heute, mehr als dreißig Jahre später, noch nicht verstanden. Wie kann es sein, dass Drake seinen Zauberstab über die Bühne schweben lässt? Ihn mit magischen Bewegungen über die Köpfe in den ersten Zuschauerreihen hinweg lenkt? 

Ich kann mich heute nicht mehr an alles erinnern, auch wenn hier der Eindruck entstanden sein sollte. Die Zeit und mein Erinnerungsvermögen, sie hamonieren nicht prächtig. Aber die Gefühle haben ihre Anker tief in mich hinein versenkt. Erinnern heißt für mich: fühlen. Und ich erinnere, ich fühle, dass ab diesem Moment, da Drake den Stab über die Zuschauer schickt, der Abend für mich kippt. Ich bekomme Angst. Angst davor, dass das hier irgendwann zu Ende sein könnte. Was ich nicht will. Das alte, leidige Problem des Dr. Faust: "Verweile doch, du bist so schön", soll er zum Augenblick sagen, geht es nach dem Willen des Teufels. Dann ist Faust – des Teufels.

Kate Bush in concert: ganz gerührt - Das Publikum ist wie verzaubert

Richtig zu mir komme ich erst wieder am Ende des Abends. Als Kate Bush sich vom Publikum verabschiedet. Kein anderes Lied hat hier noch Platz als der einzige, der beste, der magische Song: Wuthering heights, die letzte Zugabe. Trockeneis wabert über die Bühne, das zwischen a-moll sieben und F-Dur schwankende Arpeggio mit dem Glockenglissando verzückt 3.000 Menschen, nochmals kommt wie aus einem Mund der Beifallssturm. Und Kate Bush? 

Kate Bush steigt aus dem Nebel auf. Irgendwie war sie in der Versenkung verschwunden gewesen nach der ersten Zugabe. Nun singt sie, am letzten Abend ihrer einzigen Tournee, das Lied, das sie auf der Welt berühmt gemacht hat und das wie aus einer anderen Welt scheint. Aber etwas ist anders: Ihre Stimme bricht. 

Während die Band den Song weiterspielt, geht Kate Bush rückwärts die Rampe hinauf. Sie winkt ins Publikum, aber sie singt nicht mehr. Ihre Stimme ist am Ende. Die Menschen scheinen gerührt, und es ist eigenartig, wie sich selbst in solch einer großen Masse Gefühle konzentrieren können und spürbar werden. Durch die Jahrhunderthalle schwebt Liebe.

Hinter Kate Bush öffnen sich die Jalousien, aus denen sie zu Beginn getreten ist. Ein letztes Winken, dann bückt sie sich und verschwindet. Und die Band bringt Wuthering Heights zu Ende.

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Trauriges Ereignis zu Beginn der Tour von Kate Bush - Nachtrag

Es wird hell, Menschen schauen sich an mit den geröteten, freudig-erschöpften und staunenden Gesichtern von Kindern, die zu viele Weihnachtsgeschenke haben auspacken dürfen. Manchmal schenkt das Leben wunderbare Momente. Und zeigt einem, warum zu leben sich lohnt.

Was ich erst mehr als dreißig Jahre später erfahren habe

Die Generalprobe der Tournee war für den Abend des 2. April, dem Tag vor dem eigentlichen Eröffnungskonzert in Liverpool, angesetzt. Drei Monate lang, bis zu vierzehn Stunden am Tag hatte das 40köpfige Team, hatten Kate Bush und ihre Familie die Proben absolviert; sie hatten die Journalisten auf Abstand gehalten und alles Menschenmögliche getan für einen Erfolg der Aufführung. Sie waren in dieser Zeit, wie Magier Drake schildert*, zu einer großen Familie mit einem gemeinsamen Ziel geworden.

Die Generalprobe verlief sensationell. Alles hatte tadellos funktioniert – mit Ausnahme einer speziellen Lichtstimmung. Man rief Bill Duffield an, er sollte nach dem rechten sehen. Duffield war ein gefragter Lichtdesigner, unter anderem hatte er für Peter Gabriel gearbeitet. Richard Aimes, der Tourmanager, erinnert sich:

"Wir waren ins Hotel zurückgekehrt, hatten eine unglaublich erfolgreiche Show hinter uns, nahmen ein paar Drinks und waren in großartiger Stimmung. Da erhielt ich einen Anruf aus der Halle, wo wir gespielt hatten. Bill hatte den ‚Idioten-Check‘ gemacht: den letzten Kontrollgang, bevor die Trucks geschlossen werden, damit nichts vergessen wird. Ein Zuschauer hatte auf der letzten und höchsten Stufe ein Brett aus dem Tribünenboden entfernt. Bill war ausgerutscht und fünf Meter Kopf zuerst abgestürzt."*

Bill Duffield starb eine Woche später.

Vielleicht, aber wer kann das schon wissen, hatte Kate Bush die Stimme auch deshalb versagt.

(*zitiert aus: Kate Bush • The Whole Story Kerry Juby with Karen Sullivan. Sidgwid & Jackson, London, 1988. Gebunden, 168 Seiten. Übersetzung: der Autor)

Kate Bush in Concert - Vor dem Konzert am 10. Mai 1979

Die Momente vor dem Konzert
Der Vorläufer zum Bericht auf dieser Seite: die Momente vor Konzertbeginn in der Jahrhunderthalle Höchst.

Autor: Johannes Flörsch

Kate Bush (Bild: AllPosters)

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jofl, am 06.05.2012

Kommentare


jofl am 13.05.2013
Ups – vergessen, dir zu danken. Aber jetzt, mit einem Jahr Verspätung: Herzlichen Dank, Merlin! ;-)
Merlin am 06.05.2012
Tolle Beschreibung, klarer Daumen.


Autor seit 3 Jahren
104 Seiten
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