Machen wir uns nichts vor: Hinter dem Kindle von Amazon steckt ein Marktkonzept. Während die Verlage in Deutschland noch schläfrig an ihren Pfründen herumreiben und ihre Autoren mit unsinnigen Verträgen behelligen, hat Amazon mir nichts, dir nichts einen Marktplatz eröffnet: „Kauft, liebe Leute, elektronische Bücher. Kauft den Kindle!“ Recht haben sie bei Amazon!
- Neue Autoren werden angelockt (und dabei wird die gesamte Infrastruktur herkömmlicher Verlagsarbeit den Autoren aufgehalst; man muss Amazon im Grunde applaudieren für diesen geradezu genialen Zug der Kostensenkung).
- Bestehende Bücher werden digitalisiert und über den Vertriebsweg Kindle Amazon-Shop erneut angeboten – Mehrfachverwertung as its best! Ein paar einschränkende Anmerkungen dazu:
- Amazon und die anderen Publisher verdienen sich mit dem Kindle eine goldene Nase. Der Grund: Herkömmliche Bücher kommen über Groß- und Einzelhandel zum Leser. Der Handel ist neben dem Druck die kostentreibende Position in der Kette einer Buchproduktion – die jetzt, mit dem Kindle, komplett umgangen wird. Trotzdem kosten eBooks dieselben hohen Preise wie ihre Kollegen aus Papier. Warum? Weil wir (die dummen) Leser es bezahlen.
- Bilder können auf dem Kindle nur sehr begrenzt wiedergegeben werden. Somit scheidet der Kindle komplett aus für eine ganze Reihe von Büchern wie zum Beispiel Reiseführer. Doch gerade hier, bei den Reiseführern, würden die Vorteile der Publikationsart „Kindle“ zu Tage treten: Kommt der Ami oder der Japaner nach, sagen wir mal, Passau, könnte er vor Ort seinen Kindle zücken und sich bebilderte Informationen holen vom Restaurant, vom Hotel, von der Altstadt. Kann er aber (noch?) nicht. (Warum das so ist, beschreibt Ruprecht Frieling in seinem von mir wärmstens empfohlenen Buch „Wie veröffentliche ich ein eBook auf amazon.de?"; Bezugsquelle Amazon siehe am Ende des Artikels.)
- Ein Szenario. Mein Herz spielt verrückt, und ich muss ins Krankenhaus. Und da ich gerne lese, nehme ich mir ein, zwei Bücher mit. Die liegen jetzt schwer neben und auf meinem Krankenbett. Da wäre ich doch froh, wenn ich einen Kindle hätte, oder? Ich müsste mir halt Lesestoff besorgen, und der, siehe oben, kostet. Warum, so frage ich mich, gibt es analog zum Verleih von Filmen kein Konzept für das Leihen von Büchern für den Kindle? Warum kann man den Kindle nicht im Krankenhaus oder für eine Reise leihen (auch das ein Markt für rührige Reiseveranstalter)? Laptops kann ich mir doch auch mittlerweile in Krankenhäusern mieten!
- Der Kindle wird ziemlich nackt geliefert. Gut, man erhält als kostenlose Leseprobe „Alice im Wunderland“, allerdings in einer etwas altertümlichen Version, und gut auch, dass man elektronische Wörterbücher verschiedener Sprachen mitgeliefert bekommt und das Handbuch. Ach ja: Ein USB-Kabel ist auch noch dabei, damit verbindet man Computer und Kindle zum „Tanken“ von Strom oder Lesestoff.
Alles andere muss eigens geordert werden: Hüllen zum Schutz, Leselampe für die Nacht, Netzkabel für die vom Computer unabhängige Stromversorgung. Die karge Ausstattung kann man durchaus als ärgerlich betrachten – andererseits bietet sie natürlich wieder Möglichkeiten des Schenkens oder Beschenktwerdens.
Auch wenn ich nach vierzehn Tagen Test beim Kindle keine Kratzspur auf dem Display finde: Eine Hülle scheint mir unerlässlich genauso wie die Lampe. Da der Akku bei ausgeschaltetem Wi-Fi mindestens einen Monat hält, ist auch das Netzkabel nur wirklich dann erforderlich, wenn mal Monate lang kein Computer zur Verfügung steht. (Das sei unumwunden zugegeben: Der Akku im Kindle arbeitet phantastisch! Ich habe den Kindle ganz bewusst nicht ausgeschaltet, sondern im Stand-by-Modus gehalten, und nach jetzt vierzehn Tagen ist die Batterie gerade erst einmal zur Hälfte leer!)
Kommentare
Hi, ultimapalabra (uff, was fürn Name ;-))
Kennst du dich da aus`? Kann man auch die ebooks von amazon auf dem trekstor-Reader lesen?
Ein guter Artikel! Es gibt durchaus Alternativen zum Kindle, die weniger kosten und/oder mehr können. Der reader von Trekstor z. B. kostet weniger, stellt jedoch auch Farben dar und kann Musik abspielen. Ein iPad muss es übrigens nicht sein, schon für 300 € gibt es brauchbare Tablet PCs mit Android.
Grüße, Angela
Es gibt Bücher zum Ausleihen für den Kindle. Auch gibt es sehr viele kostenlose Bücher. :-)
Warum manche so teuer sind, verstehe ich allerdings auch nicht. Unter 10 Euro, das ist absolut okay, sofern das E-Book mehr als nur ein paar Seiten hat. Aber es gibt auch E-Books für 80 und sogar 100 Euro - das wirkt wie ein schlechter Witz. Und dann gibt es noch viele für weniger als 2 Euro - da verliert man wirklich nichts. ;-)
Ein sehr interessanter Artikel. Danke, Daumen und ein frohes neues Jahr.
LG
Conny
@heitexfa: Du musst nur wie bei »normalen« Abos auch darauf achten zu kündigen. Also: Das Test-Abo endet nicht automatisch, sondern gleitet in ein reguläres Abonnement.
Hallo jofi, nein das wusste ich noch nicht - werd es mal ausprobieren. Danke!
@heitexfa: Heike, du weißt, dass man die Zeitungs-Abos 14 Tage lang kostenlos ausprobieren kann?
Ich finde es gut, dass der Kindl eben nur ein Gerät zum Lesen ist und nicht noch tausend andere Funktionen wie beim IPad nebenbei erfüllt. Bei der ganzen neuen Handygeneration wurde ja auch fast vergessen, dass man damit ja eigentlich auch noch telefonieren will... Sicher steckt der Kindl noch in den Kinderschuhen, aber ich finde den Schritt von Amazon phantastisch und gibt neuen Autoren, mit denen sich die Verlage sehr schwer tun, endlich eine Chance auf den Markt zu kommen. Ein ganz klares Hoch auf den Kindl und einen Daumen für deinen Artikel.
LG Heike
Gefällt mir! Ich hab mir den Kindle gekauft, da ich öfter in der S-Bahn lese und nicht so viel mitschleppen will. Und mich haben die vielen kostenlosen Klassiker bei Amazon gelockt (Tolstoi und was es da noch alles so gibt). In die kann ich nun erst mal so reinlesen, wenn mir mal danach ist. Was ich auch verführerisch finde, sind die möglichen Abos von Zeitschriften, zum Beispiel "Die Zeit". Habs allerdings noch nicht ausprobiert. Die Zeit in Papierform als Abo nimmt einfach viel Platz weg und wird irgendwann weggeschmissen. Auf dem Kindle könnte ich sie alle aufheben. Nicht zuletzt finde auch ich die Möglichkeit gut, mal über ein eigenes e-Book nachzudenken. Und wenn die, die solche auf den Markt bringen wollen, den Kindle nicht selbst nutzen, find ich das komisch.
Gruß und guten Rusch
Heike
Schöner Bericht. :-)
Ich finde den Kindle als Gerät allein schon recht gut, wenn nur nicht die Koppelung an Amazon wäre!
Ich hege die Hoffnung, dass mit Windows 8 ein bißchen Bewegung in den Tablet-Markt kommt...