Wie sieht der HSP seine Welt?

Da bei meinem Sohn und mir Hochsensibilität diagnostiziert wurde, kann ich hier aus eigenen Erfahrungen sprechen.

Fast alle Sinneseindrücke können intensiviert auftreten, wobei die Ausprägung bei allen HSP unterschiedlich sein kann.

Während mein Sohn sehr empfindlich auf Licht reagiert, liegt meine Ausprägung im Bereich Geräusche. Schon das stundenlange Surren eines Computers kann mir furchtbar auf die Nerven gehen.

Farben werden viel intensiver wahrgenommen, fast keine Gemütsregung beim Gegenüber bleibt unbemerkt (auch dann nicht, wenn wir demjenigen nicht unbedingt auf die Nase binden, dass wir ihn durchschaut haben). Temperaturunterschiede werden oft schwer verkraftet. Sehr oft ist der Sommer einfach zu heiß (wie bei meinem Sohn) oder der Winter zu kalt (wie bei mir).

Höhe wird höher, Enge wird enger, Nähe wird näher, Tiefe wird tiefer.

Solche intensive Sinneseindrücke können Ängste auslösen. Und damit sind wir beim nächsten Thema.

Welche Auswirkungen hat Hochsensibilität?

Die Auswirkung, die im Vordergrund steht, ist die Reizüberflutung. Jeder Mensch hat einen begrenzten Speicher für Sinneseindrücke. Ist dieser Speicher voll, müssen die Eindrücke verarbeitet werden. Da HSP aus jeder Situation mehr und intensivere Sinneseindrücke aufnehmen, ist dieser Speicher natürlich schneller voll. Daher wirken sie auf die Umwelt oft als weniger belastbar. Tatsächlich sind sie aber genauso belastbar und gehen sehr oft über ihre Schmerzensgrenze hinaus.

Was passiert bei Reizüberflutung? Zuviele Reize bedeuten Stress. Dementsprechend werden die Hormone Adrenalin und Noradrenalin vermehrt ausgeschüttet. Es sind Alarmstoffe, die den Körper schneller machen. Entscheidungen können schneller getroffen werden. Der Körper wähnt sich in einer Gefahrensituation und ist zur Flucht bereit.

Zieht sich der HSP nicht aus der Reizüberflutung zurück und es kommt zu mehrerem Adrenalinausschüttungen, wird das Hormon Cortisol ausgeschüttet. Cortisol eng verwandt mit Cortison ist ein weiterer Notfallstoff. Normalerweise wird er nur unter großer Belastung ausgeschüttet.

Haben wir beispielsweise ein sehr krankes Kind zu Hause, dass wir pflegen, befähigt uns Cortisol dazu, in diesem Zeitraum unsere eigenen Bedürfnisse komplett hintenan zu stellen. Ich denke, es braucht kaum betont zu werden, dass dies eine gefährliche Überbeanspruchung des gesamten Organismus darstellt.

In diesem Dauerzustand befinden sich HSP eigentlich ständig. Selbst nach langen Ruhephasen, können im Blut von HSP stark erhöhte Cortisolwerte festgestellt werden.

Hat dies gesundheitliche Auswirkungen? Natürlich. Intensivere Reize, Reizüberflutung und die ständige Alarmbereitschaft des Körpers können zum Teil irrationale Ängste auslösen, Depressionen, Diabetes, im fortgeschrittenen Stadium Muskelschwund.

Auch Burn-out Syndrom ist keine Seltenheit bei HSP'lern, da sie im Innern wahre Gefühlsstürme aushalten müssen. Reizintensität bezieht sich nicht nur auf den Äußeren, sondern auch auf den Inneren Bereich.

So stellt Streit für HSP meist eine Qual dar, da er wie eine Kriegserklärung aufgefasst wird. Liebe wird zur unfassbaren Idealisierung. Leider auch sehr oft zum Trauma, da kaum ein Mensch diese Gefühlsqualität widerspiegeln kann.

Nervöse Magen-Darm-Beschwerden sind für viele an der Tagesordnung.

Schlafstörungen gehören zum Alltagsbild.

Gibt es auch positive Auswirkungen?

Ein deutliches Ja! HSP verfügen sehr oft durch ihren erweiterten Blickwinkel über eine kreativ künstlerische Ader. Im Wissenschaftsressort sind sie wegen ihrer präzisen Arbeitsweise und ihrer Gabe, übergeordnete Zusammenhänge schneller zu erkennen, nicht mehr wegzudenken.

Viele HSP sind grade auf der psychologischen Schiene besonders erfolgreich.

Haben HSP gelernt mit ihrer Besonderheit umzugehen, sind sich fast alle darin einig, sie als besondere Gabe anzusehen. Ein Vorrecht, dass uns erlaubt, in einer Gefühlsintensität zu leben, die 80-85% der Menschheit nie erreichen werden.

 

Wie sieht die Welt HSP

Dies ist ein Problembereich, den wir HSP versuchen anzugehen. Erst seit ungefähr zehn Jahren beschäftigt sich die Psychologie mit dem Phänomen Hochsensibilität. Deshalb ist es uns besonders im Bereich unserer Kinder wichtig, für Aufklärung zu sorgen. Leider ist Hochsensibilität noch immer in vielen Kindergärten und Schulen kein Thema.

Es geht hier nicht um die Verzärtelung irgendeiner Gruppe von Menschen, sondern darum, dass allgemeine Bewusstsein zu sensibilisieren, dass es Menschen gibt, deren Belastungsgrenze nicht mit üblichen Normen zu messen ist. Deshalb sind wir weder unnormal noch komisch - nur anders.

HSP werden oft als schüchtern angesehen. Schüchternheit hat jedoch andere Ursachen. Wir sind nicht schüchtern, wir verarbeiten die äusseren Reize, bis wir adäquat handeln können.

Kinder mit angeborener Hochsensibilität sind oft Schreikinder, manchmal sind sie hyperaktiv. Die Vorliebe für Körperkontakt zu der vertrauten Bezugsperson hält sich länger als bei anderen Kindern. Und er ist wichtig. Der bloße Körperkontakt beim Kind kann die Pulsfrequenz senken. Das Kind fühlt sich sicher und geborgen.

Anzeichen von Überbeanspruchung bei den Kindern sollten immer ernst genommen werden. Selbst dann wenn man vielleicht nicht die Ursache erkennen kann. HSP sind zwar überempfindlich, aber keine Schauspieler.

Sie haben den Verdacht, dass Sie hochsensibel sind?

Für alle, die den Verdacht nicht loswerden,dass sie hochsensibel sind. Es gibt im Internet einen sehr guten HSP Test.  Es muss an dieser Stelle gesagt werden, dass dieser Test keine Diagnose darstellt. Er zeigt jedoch sehr deutlich eine Richtung. Sie sollten den Test an mehreren Tagen wiederholen, da HSP starken Stimmungsschwankungen unterworfen sind.

Es liegt bei jedem selber, ob er eine Diagnose beim Arzt zusätzlich möchte oder nicht. Hochsensibilität ist keine Krankheit. Oft müssen jedoch die Begleiterscheinungen therapiert werden.

Obwohl es nun offensichtlich nicht zwingend notwendig ist zu wissen, ob eine Hochsensibilität vorliegt oder nicht, beobachten wir oft den sogenannten Gebirgsketteneffekt. Viele HSP'ler merken, dass sie irgendwie anders sind. Deshalb können ihnen ganze Gebirgsketten vom Herz fallen, wenn sie merken, dass keine gravierende Störung vorliegt, sondern lediglich eine andere Wahrnehmung. Zudem erleichtert es das Leben ungemein, wenn man weiß, dass man sich vor Reizüberflutung hüten muss.

HSP und nun?

Vor allem keine Panik. Es mag ein Schock sein, so wie in meinem Fall. Ich habe erst durch meinen Sohn gemerkt, dass irgendetwas anders ist. Da bei mir die Hochsensibilität angeboren ist, habe ich nie den "Normalstatus" kennengelernt und war deshalb ziemlich lange Jahre lang davon überzeugt, dass jeder so tickt wie ich.


Es ist keine Krankheit nur eine Besonderheit. Wenn Sie keine konkreten Probleme in Partnerschaft mit Ängsten oder Depressionen haben, keine körperlichen Beschwerden haben, ist keinerlei Behandlung notwendig.

Hier einige Tipps, zum besseren Überleben:

  • Reizüberflutung: Ziehen Sie sich umgehend aus der Situation zurück, die Ihnen zuviel wird. Selbst wenn Sie einen Menschen, den Sie mögen, einfach stehen lassen müssen. Glauben Sie mir, wer einmal einen HSP im Wutanfall erlebt hat, weil die Rückzugsmöglichkeit verbaut war, ist für alle Zukunft dankbar, wenn Sie ihn das nächste Mal stehen lassen.
  • Nach extremer emotionaler Belastung: Ihr Blut besteht zur Zeit aus Stresshormonen. Normalerweise signalisiert Ihnen Ihr Körper, wie Sie handeln sollten. Die Handlungsweise ist nicht immer gleich. Manchmal kann es erleichtern, sich hinzusetzen und die nächsten zwei Stunden den Absatz der Taschentuchindustrie rapide zu fördern, ein anderes Mal erreicht man die Erleichterung mit einem schnellen Spaziergang durch eine ruhige Gegend, vorzugsweise in der freien Natur. Sobald die Konzentration der Stresshormone nachlässt, werden Sie das Gefühl haben, freier durchatmen zu können. Wahrscheinlich werden Sie sich total erschöpft fühlen. Wenn Sie es einrichten können, sollten Sie sich hinlegen.
  • bei Schlafstörungen: HSP reagieren massiv auf Koffein. Kaffee am Abend ist für viele ein no go. Gewöhnen Sie sich Schlafrituale an. Ein letzter Gang durch den Garten, ein Blick vom Balkon, eine Tasse Tee, ein Bad mit beruhigenden Zusätzen.
  • Beachten Sie, dass Sie vermutlich auch empfindlicher auf Alkohol und Medikamente reagieren.

Viele schwören auf Meditation und Bachblüten. Hiermit habe ich persönlich keine Erfahrungen.

Wenn Sie wissen, dass Sie sich in eine Situation begeben müssen, die unweigerlich eine Reizüberflutung mit sich bringen wird, bereiten Sie sich darauf vor. Es kann hilfreich sein, sich zu sagen, dass man es nur einen Abend ertragen muss. Sie sollten, sofern möglich, ausgeschlafen sein. Tiefschlaf reduziert Stresshormone.

Mittlerweile gibt es viel Internetpräsenz über HSP. Hier können Sie immer wieder nachlesen und sich in Foren Rat holen.

Petra-Janiszewski, am 16.01.2011

Kommentare


HerrDeWorde am 20.08.2013
Ich kann dave678 nur zustimmen. Wie man Kaffee verträgt, hängt stark davon ab, wie viele Rezeptoren man für Koffein angelegt hat - und die werden nach Bedarf vermehrt. Wer sich fast ausschließlich von Kaffee ernährt, bei dem zuckt höchstens noch der Darm von den Reizstoffen ;-) Aber das kann man durch Sortenwahl vermeiden. Bei mir wurde schon vor 25 Jahren "Hypersensibilität des vegetativen Nervensystems" festgestellt. Damals konnte man damit nicht viel anfangen und Statistiken gab es wohl auch noch keine. Und wenn man erst seit 10 Jahren HSP kennt, dann wage ich mal zu bezweifeln, dass das Ende der Fahnenstange schon erreicht ist. Viele psychologische Begriffe verschwinden wieder und werden durch neue und präzisere ersetzt. (Bsp: Borderline-Störung) Und wahrscheinlich wird man die Hypersensibilität aufspalten müssen. Es ist doch ganz klar ein Unterschied, ob ich niedrigere Reizschwellen habe (Qualität, feines Gehör) oder zu viel auf einmal wahrnehme (Quantität, Filterfehler), ob ich zu nah am Wasser gebaut bin (zartbesaitet, harmoniesüchtig, Mimose) oder gewissenhaft, pingelig, hektisch bin und mir schnell der Schweiß ausbricht. Sind viele Gedanken über die Zukunft gleichzusetzen mit vielen Reizen? Müssten auch Gedanken gefiltert werden und ungedacht bleiben? Und wie ist der Gegensatz zu erklären von Ruhebedürfnis und Gerechtigkeitssinn? Ist denn ein jeder "HSP", sowohl derjenige, der so lange diskutiert, bis (er es sich mit allen verdorben hat und) die "Wahrheit" auf guten Argumenten unwiderlegbar dasteht, wie auch derjenige, der abwinkt und sich in der Toilette einschließt? Was ist mit den HSPs, die neugierig jedem neuen Reiz nachstellen und somit das Gegenteil von dem tun, was für sie angeblich gut wäre: Die Abschottung?
dave678 am 11.04.2013
bei mir trifft alles das auch zu asser das mit den kaffee
Hanna am 20.01.2011
WOW... das kommt mir irgendwie bekannt vor! Vielen Dank für deinen Beitrag, ich kann mir vorstellen das du einigen Menschen sehr damit hilfst :) Liebe Grüsse Teufelinchen
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