Literatur in Wien
Die sichtbarsten Spuren von Dichtern und Dichtung in Wien sind Gedenktafeln, Büsten, Monumente und natürlich die Grabmäler am Zentralfriedhof.
Wiener Literatouren
Wien ist voll mit architektonischen „Lesezeichen“, die auf Sprachkünstler von Peter Altenberg bis Stefan Zweig verweisen und nur darauf warten, entdeckt zu werden.
Dass Wien nicht nur aus Stephansdom, Riesenrad und UNO-City besteht, hat sich mittlerweile herumgesprochen, meint die Germanistin und Buchautorin Dr. Claudia Girardi. Was im Repertoire der Kulturmetropole aber nur selten angeboten wird, sind „Literatouren“ – Spaziergänge durch die Hauptstraßen und Nebengassen der österreichischen Dichtung. Ein echtes Manko, fanden auch die Schüler des Sigmund-Freud-Gymnasiums, und machten sich mit Kamera und Literaturlexikon bewaffnet auf die Suche nach sichtbaren „Lesezeichen“ im Wiener Stadtbild. Das war vor einigen Jahren, und als konkretes Ergebnis der Spurensuche wurde ein ebenso informativer wie amüsanter „Reiseführer für Literatouristen“ erarbeitet, der mittlerweile leider vergriffen ist. Geblieben sind das Wissen um die „steinerne Literaturgeschichte“ der Donaumetropole – und zahlreiche Anekdoten, die mit Claudia Girardis Worten „zu einem neuen Sehen und zum Gehen mit erhobenem Blick und wachem Sinn durch diese wunderbare Stadt anregen“.
Dichter auf der Schulbank
Auch den Dichtern Wiens wurden Weisheit und Sprache nicht in die Wiege gelegt. Sie alle mussten erst „in die Schule gehen“, um später „Schule machen“ zu können. Manche Lehranstalten könnten beinahe als „Dichterschmiede“ gelten – beispielsweise das Gymnasium Wasagasse, wo nicht nur Stefan Zweig, sondern auch Felix Braun, Erich Fried und Friedrich Torberg maturierten. Letzterer begann im Winter 1929 an seinem Roman „Der Schüler Gerber“ zu arbeiten, in dem er vom Selbstmord eines Schülers erzählt, der irrtümlich glaubt, bei der Reifeprüfung durchgefallen zu sein. Viel davon dürfte aus seiner eigenen Schulerinnerung in den Roman eingeflossen sein. Auch das Akademische Gymnasium kann mit einer ganzen Reihe prominenter Schüler aufwarten – darunter Johann Nestroy, Franz Grillparzer, Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler und Peter Altenberg. Letzterer gesteht in der literarischen Skizze „Matura“, dass sein Aufsatz: „Inwiefern ist Iphigenie von Goethe ein deutsches Drama?“ mit „ganz ungenügend“ beurteilt wurde. Ob ihm das im Schottengymnasium oder im Gymnasium Schottenbastei ebenfalls passiert wäre? Denn auch dort gab es zahlreiche Absolventen – von Walter von Molo bis Robert Hamerling – denen man heute als literarische „Ehrenschüler“ gedenkt.
Skurrile Bekenntnisse
Vieles weiß man aus dem Leben großer Dichter, sei es nun aus ihren Werken oder aus Biografien. Doch so manches erfährt man nur beim Lesen der zahlreichen Erinnerungstafeln an Wiener Hauswänden. Oder wussten Sie, dass Adalbert Stifter am 8. Juli 1842 aus seiner Wohnung in der Seitenstettengasse 2 eine totale Sonnenfinsternis beobachtet hatte? Zugegeben, das sagt nichts über seine künstlerischen Fähigkeiten aus. Aber liegt der Reiz solcher Informationen nicht eben genau darin, dass sie einen Dichter „herunterholen“ vom Sockel und ihm eine menschliche Dimension verleihen? So erfährt man beispielsweise dank einer aufpolierten Tafel, dass Peter Altenberg die letzten sechs Jahre seines Lebens im Grabenhotel Dorotheergasse 3 gewohnt hat. Wie wohl er sich dort fühlte, belegen die vielen kleinen Stimmungsbilder über Hotels und ihre Atmosphäre, die sich auf sein „einfenstriges Kabinett im fünften Stock“ beziehen. Detektivischen Spürsinn braucht man dagegen, um die Dichter-Tafel vor dem Café Landtmann zu entdecken. Es scheint, als wolle sich heute niemand mehr daran erinnern, dass sich der Salon der Friedenskämpferin und Schriftstellerin Berta Zuckerkandl in ebendiesem Haus befand und sie in ihrer Rolle als Wiener Salonière junge Künstler förderte.
Wiener Dichterköpfe
Das Johann Strauß-Denkmal kennt in der Weltmusikstadt Wien jedes Kind. Der Schillerplatz mit seinen Dichterstatuen von Nikolaus Lenau bis Anastasius Grün ist da schon weit weniger im Bewusstsein der Wiener verhaftet. Und kaum jemand könnte wohl aus dem Stegreif sagen, welche Dichter-Büsten die Fassaden des Burgtheaters oder des Volkstheaters schmücken. Vielleicht eine Anregung für den einen oder anderen Literatouristen, Nachschau zu halten? Man kann es freilich auch mit Grillparzer halten, der die steinernen Dichter-Köpfen nicht wirklich zu schätzen schien und schrieb: „Goethe und Schiller. Was setzt ihr ihnen Bilder von Stein, als könnten sie jemals vergessen sein? Wollt ihr sie aber wirklich ehren, so folgt ihrem Beispiel und horcht ihren Lehren.“











Kommentare
LG Achim