Vor ungefähr anderthalb Jahren nahm ich im Rahmen einer Weiterbildung an einem Train-The-Trainer-Seminar teil. Wie der Name schon sagt, ist es Ziel derartiger Veranstaltungen, den Teilnehmern Kommunikations- und Methodenkompetenzen zu vermitteln, die sie selbst zur Durchführung von Trainings und Seminaren befähigen.

 

Idee (Bild: Rita Köhler / pixelio.de)

In der erste Woche bekamen wir jeden Tag die Aufgabe, abends nach der eigentlichen Veranstaltung eine kleine, fünf- bis zehnminütige Präsentation für den jeweils folgenden Seminartag zu entwerfen und vorzustellen. In Punkto Thematik und Ausgestaltung ließ uns die Seminarleitung dabei völlig freie Hand. Unkonventionelle, kreative Konzepte waren ausdrücklich erwünscht. Am ersten Tag bereitete mir die Themensuche zunächst großes Kopfzerbrechen. Doch dann, nach langem Hin- und Her-Überlegen, beschloss ich, genau dieses Problem - die Suche nach einem geeigneten Thema - zum Gegenstand meiner Präsentation zu machen. Und den Wunsch nach Kreativität wollte ich ebenfalls erfüllen. Das Ergebnis? Ein Märchen, das nicht ganz so ernst genommen werden sollte:

 

Es war einmal eine Germanistin, die sich entschieden hatte, an einem Train-The-Trainer-Seminar teilzunehmen. Das machte ihr großen Spass. Sie traf nette Leute  und lernte auch viele interessante Dinge. Aber eines Tages kam großes Unheil über sie, ein Unheil, das so groß war, das selbst die Gebrüder Grimm nicht in der Lage gewesen wären, dieses in Worte zu fassen.

Sie musste…….eine Geschichte erzählen!

Die Bank an der Eiche

Die Bank an der Eiche (Bild: Rainer Sturm / pixelio.de)

Da grämte sich die Germanistin und jammerte: Oh weh, oh weh! Worüber soll ich denn nur erzählen? Und was mache ich nur, damit es den anderen dabei nicht langweilig wird!

Nachdem sie lange Zeit über den Inhalt ihrer Geschichte nachgedacht hatte und ihr immer noch nichts eingefallen war, entschied sie sich, erst einmal etwas frische Luft zu schnappen und einen Spaziergang zu machen. Vielleicht würde ja dabei irgendetwas Erzählenswertes passieren. Denn die besten Geschichten schreibt ja bekanntlich das Leben.

Also machte sie sich auf den Weg……zuversichtlich, hoffnungsfroh, voller Tatendrang….und landete einsam und verzweifelt auf einer Parkbank, da ihr immer noch nichts eingefallen war.

Während sie so da saß und bitterlich weinte, kam plötzlich ein kleines Mädchen vorbei. Das hatte eine rote Kappe auf dem Kopf und trug einen Picknickkorb bei sich

Rotkäppchen (Bild: Lizzy Tewordt / pixelio.de)

Da das Mädchen von seiner Mutter gelernt hatte, immer zu allen Menschen lieb und freundlich zu sein, blieb es stehen und fragte, ob es vielleicht helfen könne. Da klagte die Germanistin dem Mädchen ihr Leid und das Mädchen sagte: "Also, meine Großmutter, die erzählt immer ganz besonders tolle Geschichten. Ich bin gerade auf dem Weg zu ihr, um ihr ein Stück Kuchen und eine Flasche Wein zu bringen. Wenn Du möchtest, kannst Du gern mit mir kommen. Sie kann dir bestimmt weiterhelfen."

"Warum nicht" sagte die Germanistin, "etwas besseres als meine Einfallslosigkeit finde ich überall". Also machten sich die beiden auf den Weg.

Doch schon nach ein paar Schritten blieb das Mädchen plötzlich stehen und sagte: "Sieh mal dort hinten, die schönen Blumen! Davon muss ich unbedingt einen Strauß für meine Großmutter pflücken!" Kaum hatte sie das gesagt, liess sie auch schon ihren Korb an Ort uns Stelle stehen und rannte los. Die Germanistikstudentin, der das ganze mittlerweile irgendwie unheimlich bekannt vorkam, wollte dem Mädchen folgen als plötzlich……ein Rascheln……direkt hinter ihr………war das ein Knurren?

Sie drehte sich um…da...schon wieder….dort aus dem Busch!

Um sich selbst zu beweisen, dass sie noch nicht dem Wahnsinn verfallen war, nahm sie allen Mut zusammen und beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen. Sie schaute nach.

Und sie fand…..nichts.

Also hatte ihr doch nur ihre Fantasie einen Streich gespielt.

Doch jetzt war plötzlich auch das Mädchen verschwunden. Einzig der Korb stand noch genau an der Stelle, an der er von dem Mädchen abgestellt worden war.

Mond (Bild: Andrea Kusajda / pixelio.de)

Die Germanistin schnappte sich den Korb und fing an, nach dem Mädchen zu suchen. Doch sie fand es nicht. Mittlerweile war es dunkel geworden und sie beschloss, einfach nach Hause zu gehen und ihren Frust im Alkohol zu ertränken. Zum Glück hatte sie ja den Korb mit dem Wein mitgenommen.

Aber Moment…….war diese ganze Sache hier nicht genau das, was sie gesucht hatte? Für ihre Geschichte? Jetzt musste sie sich nur noch überlegen, wie sie das Ganze richtig anordnen und spannend erzählen könnte.

Während Sie so nachdachte, hörte sie plötzlich jemanden singen. Da sie zwar nicht neugierig war, aber immer alles wissen wollte, folgte sie der Stimme und fand ein kleines, merkwürdig aussehendes Männlein, das singend um ein Feuer herumhüpfte.

Nun trieben sich in Parks bei Dunkelheit für gewöhnlich so allerlei merkwürdige Gestalten herum und die Germanistin zog es jetzt, da die erste Neugier gestillt war, vor, sich klammheimlich wieder davon zu schleichen.

Doch das Männlein hatte sie längst bemerkt und rief: "He da, wohin so eilig des Weges? Was gibst du mir, wenn ich dir den roten Faden für Deine Geschichte spinne". Da entschied die Germanistin, dass Alkohol manchmal eben doch eine Lösung sein könne und bot dem Männlein den Wein aus dem Korb des Mädchens an.

Spinnrad

Spinnrad (Bild: Anna Meister / pixelio.de)

Da seufzte das Männlein und sprach: "Früher hätte es für diese Dienstleistung wenigstens noch ein Halsband, einen Ring oder sogar mehr gegeben. Aber nun gut, bei dieser schlechten Auftragslage will ich mal nicht so sein. Aber wer so mies bezahlt, muss selber ran." Und während es dies sprach, deutete es auf ein Spinnrad, das der Germanistin bisher noch gar nicht aufgefallen war.

Da das Ganze ja nun eh´ nicht mehr verrückter werden konnte, wollte sie ihr Glück versuchen. Da der richtige Umgang mit dem Spinnrad allerdings bereits seit geraumer Zeit nicht mehr zum universitären Lehrplan gehörte, stach sie sich an der Spindel und fiel darauf in einem tiefen Schlaf.

Als sie erwachte, lag sie in ihrem Bett.

Alles, was sie noch wusste, war, dass sie heute eine Geschichte erzählen musste.

Aber …verdammt nochmal……worüber?

Und wenn sie nicht gestorben ist, dann überlegt sie noch heute.

E N D E

Auch Kreative mögen´s manchmal gern schwarz-weiß - So, wie auf diesem Poster

A Great Idea (Bild: Chaloner Woods / AllPosters)

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Dieses "Märchen" habe ich dann am nächsten Tag im Seminar "präsentiert" bzw. - wie es sich für ein Märchen gehört - im Stuhlkreis sitzend den anderen Seminarteilnehmern erzählt. Zugegeben, eine eher unübliche Vorgehensweise. Das Feedback war aber positiv. Und der Einstieg für die in den nächsten Tagen vorzubereitenden Präsentationen ( diese dann aber auch zu durchaus "ernsthafteren" Themen) war gemacht.

 

Ich hoffe, ich konnte mit meinem kleinen Plädoyer für kreative Problemlösungen nicht nur unterhalten, sondern auch motivieren ;-)

kreaTexta, am 11.01.2012
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Autor seit 3 Jahren
14 Seiten
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