Mysteriöses Sterben bei "Micro Technologies"

In einem Büro in Honolulu werden drei Männer tot aufgefunden. So weit nichts besonderes, wären die Umstände ihres Todes nicht dermaßen rätselhaft: Das Büro war abgeschlossen, keine Anzeichen gewaltsamen Eindringens können festgestellt werden, und offenbar haben sich die drei Männer ihre eigenen Kehlen mit rasiermesserscharfen, nicht auffindbaren Werkzeugen durchgeschnitten.

Derweil wirbt der Hochtechnologiekonzern Nanigen Micro Technologies um einige in ihren Spezialgebieten herausragende Studenten an der Harvard Universität. Unter den Studenten befindet sich Peter Jansen, dessen Bruder eine führende Position bei Nanigen eingenommen hatte und erst kürzlich tödlich verunglückt war..

Peter ist es auch, der eine Kette verhängnisvoller Ereignisse in Gang setzt: Bei einer Führung durch die Nanigen-Labors konfrontiert er Geschäftsführer Vincent Drake mit seinem Verdacht, dass sein Bruder ermordet wurde und Nanigen den Mord wie einen Unfall aussehen ließ. Ein schwerwiegender Fehler, denn mit der Kaltblütigkeit des stets beherrscht wirkenden Managers hatte Peter nicht gerechnet.

Kurzerhand simuliert Drake einen Notfall und lockt die Studenten in jene Kammer, die das große Geschäftsgeheimnis Nanigens darstellt: Mit Hilfe von Magnetfeldern können Maschinen, wie auch Menschen auf Ameisengröße geschrumpft werden. Peter, sechs andere Doktoranden und ein in Ungnade gefallener Nanigen-Mitarbeiter sehen sich plötzlich in einer Mikrowelt gefangen, in der hinter jedem Grashalm tödliche Gefahren lauern können..

"Micro" Crichtons Unvollendete von Richard Preston abgeschlossen

Man sollte Rezensionen nicht mit persönlichen Anmerkungen beginnen. In diesem Falle muss ich jedoch eine Ausnahme dieser Regel machen: Michael Crichton war für mich nicht einfach irgendein Schriftsteller, sondern der beste High-Tech-Thriller-Autor überhaupt.

Nicht nur deshalb, weil die meisten seiner Bücher spannend geschrieben waren und meist originelle Szenarien aufwiesen, sondern auch deshalb, weil ich aus ihnen die eine oder andere für mich völlig neue wissenschaftliche Information auf denkbar unterhaltsame Weise aufschnappte. Sein wohl nicht nur für mich überraschender Tod im Jahr 2008 schlug eine literarische Lücke, die kein anderer Autor zu füllen vermochte.

Der 2011 posthum veröffentlichte High-Tech-Thriller "Micro" stellte für einen ausgewiesenen Michael-Crichton-Fan eine klare Pflichtlektüre dar. Freilich: Ungetrübt konnte das Lesevergnügen schon auf Grund dessen nicht sein, dass nur ca. ein Drittel des Romans tatsächlich von Crichton selbst stammte, der das Manuskript nicht mehr beenden konnte.

Diese Aufgabe fiel Richard Preston, der unter anderem die Vorlage zum Wolfgang-Petersen-Blockbuster "Outbreak – Lautlose Killer" verfasste, zu. Kann es funktionieren, das fragmentarische Manuskript eines verstorbenen Autors in einen gelungenen Roman ohne allzu offensichtliche Stilbrüche zu verwandeln?

Buchtrailer zu Michael Crichtons "Micro"

Micro-Charakterisierungen

Erfreulicherweise lässt sich diese Frage im Fall von "Micro" bejahen. Bereits nach wenigen Seiten ist jegliche Skepsis ebenso über Bord geworfen, wie der Bruder eines der späteren Protagonisten. Unentwegt wird Spannung erzeugt, die beim Leser Neugierde erzeugt und ihn zum Weiterlesen förmlich zwingt. Beispielsweise sterben drei Leute gleich zu Beginn einen mysteriösen Tod, dessen Hintergründe man unbedingt herausfinden möchte. Und wie es bei einem guten Thriller Usus ist, werden nicht einfach quälend lange Erklärungen wie bei einem Geschichteunterricht in der Schule vorgetragen, sondern es werden regelrechte Bilder im Kopf erzeugt.

Käfer in "Micro"Einer der häufigsten Kritikpunkte an Crichton-Romanen betraf die mangelhaften Charakterisierungen. Diese Schwäche zieht sich auch bei "Micro" wie der sprichwörtliche Rote Faden durch die Handlung: Protagonisten werden holzschnittartig charakterisiert und finden meist mit wenigen Attributen - der Böse, der Anständige, die Streberin, die naive Opportunistin - das Auslangen.

Mitunter segnet die Figuren jedoch auch allzu früh das Zeitige, um ihnen mehr Tiefe zu verleihen. Und hierbei dürfte die Handschrift von Preston durchschimmern: Glaubt der Leser zu Beginn noch, die Reihenfolge der unfreiwillig abtretenden Figuren bestimmen zu können, erweist sich dies etwa ab der Hälfte des Romans als Trugschluss. Liebgewonnene Figuren scheiden auf meist grausige Weise völlig überraschend dahin, was erfreulich unkonventionell ist.

Action in Michael Crichtons Micro-Welt!

Ab und an wird etwas zu viel Info-Dumping betrieben, was die entsprechenden Dialoge unnatürlich erscheinen lässt. Da wird etwa im Angesicht einer tödlichen Gefahr über Insekten referiert, sodass der Leser unwillkürlich die Augen verdreht. Zum Glück sind derartige Passagen, inklusive des typischen Antagonisten-Fehlers, seine Feinde nicht einfach umzulegen, sondern einer vermeintlichen Todesfalle auszusetzen und unbeaufsichtigt zu lassen, selten und stören den Lesefluss nur unwesentlich. Dafür erwartet den Leser eine spannende Handlung mit vielen überraschenden Wendungen.

Ameisen in Michael Crichtons "Micro"Zugegeben: Die Plotidee ist alles andere als neu und erinnert an billige Science-Fiction-Filmchen aus früheren Jahrzehnten. Andererseits ist die Herangehensweise erfrischend originell, sie in eine Umgebung zu verpflanzen, die bei normaler Körpergröße kaum wahrnehmbar ist, sich allerdings als evolutionäres Schlachtfeld erweist, sobald man klein wie eine Ameise ist.

Dabei wird, wie von einem "echten" Crichton nicht anders zu erwarten, auch auf scheinbare Kleinigkeiten eingegangen, beispielsweise den veränderten Metabolismus der "Micro-Menschen" oder die Interaktion mit den plötzlich ungeheuer großen Insekten.

An Action mangelt es natürlich nicht, und mehr als nur einmal wird eine Figur regelrecht in Stücke gerissen. Dabei sorgt die meist emotionslose Jagdmethodik der Insekten und Spinnen für Schaudern, nachdem wir an tierische Jäger mit zwei Augen und berechenbaren Verhaltensweisen gewöhnt sind. Die schier gesichtslose Masse angreifender Ameisen, die zudem keinen Selbsterhaltungsinstinkt im Sinne eines Säugetiers kennen, wirkt ebenso bedrohlich, wie fremd.

Mikro- statt Makro-Monster

Ein Roman wie "Micro" hätte analog zu "Jurassic Park" noch in den 1980er Jahren praktisch als unverfilmbar gegolten. Dank ausgetüftelter CGI-Technik sollte einer Leinwandadaption nichts im Wege stehen und es wäre gewiss höchst interessant, einen gewissermaßen in zwei Dimensionen - der "normalen" Welt und der Mikro-Ebene - spielenden Film zu sehen.

Solange der Film zum Buch auf sich warten lässt, kann der Roman allen Freunden gediegener High-Tech-Thriller, die vor einigen unappetitlichen Szenen nicht zurückschrecken, nur wärmstens empfohlen werden. "Micro" geht tatsächlich als ein echtes Michael-Crichton-Werk dar und hinterlässt schlussendlich ein Gefühl der Wehmut, dürfte es doch die letzte "Neuveröffentlichung" unter seinem Namen darstellen.

Darin liegt wohl auch eine gewisse Ironie: In seinem letzten Roman begab sich der Gigant des Thriller-Genres ausgerechnet in die mit freiem Auge kaum wahrnehmbare Mikro-Ebene. Ein interessanter Kontrast zu seinen kolossalen "Jurassic Park"-Kreaturen - und vielleicht Michael Crichtons stiller Abschied von den Dinosauriern, derer er letztendlich überdrüssig geworden war.

Originaltitel: Micro

Autoren: Michael Crichton, Richard Preston

Veröffentlichungsjahr: 2012

Seitenanzahl: 544 Seiten

Verlag: Karl Blessing Verlag

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rainerinnreiter, am 01.05.2012
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Bildquelle:
Karin Scherbart (Asterix bei den Pikten – Rezension)

Autor seit 4 Jahren
746 Seiten
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