Eine Weihnachtsgeschichte: Mit Blinddarm unterm Weihnachtsbaum
An Heiligabend muss nicht unbedingt ein Baum bereitstehen. Aber die Kinder, die sind unverzichtbar … Eine wahre Weihnachtsgeschichte, die, Christkind sei Dank, ein gutes Ende nahm!

Zwei Dinge finde ich nicht so schön an Weihnachten: dass Christbäume so teuer sind und Kinder ihre Wunschzettel mit Bestellformularen verwechseln. Für beides aber kenne ich die Lösung: Geschenke früh (Pfingsten sind sie unter Dach und Fach) und Tanne spät. Den Christbaum kaufe ich am liebsten dann, wenn die Händler fürchten, auf ihrer Ware sitzen zu bleiben: am 24.12., 14 Uhr.
Auch in dem Jahr, in dem unsere Weihnachtsgeschichte ihren Ausgang nahm, lagen die Geschenke bereits seit Monaten versteckt hinterm Schrank. Moritz wollte zusätzlich „Die Siedler von Catan“, mir aber war das Spiel zu teuer. Die schlankeste und preiswerteste aller Nordmanntannen stand noch beim Händler. Ich wollte eben aufbrechen, da rief meine Ex-Frau an. Sie sei in Eile, ob ich Moritz und Paula bei ihr abholen könne? Unsere Kinder sollten Weihnachten bei mir und Karin feiern – Karin, mit der ich alles teile: unsere Haushaltspflichten, meine Sorgen, ihr Geld. Ich fuhr los.
Moritz kam mir gekrümmt auf der Treppe entgegen: Bauchschmerzen. Tränen liefen meinem Jungen übers Gesicht. Unser prächtiger Weihnachtsbaum im sanft fallenden Schnee, er musste warten.
Zu Hause runzelte Karin die Stirn. Sie trocknet nicht nur Tränen, sie weiß auch Zeichen zu deuten wie Winnetou den Rauch. Und wenn Tränen der Rauch sind, dann loderte in Moritz’ Bauch ein heftiges Feuer. Ein Medizinmann musste her.
Der Notarzt tat, was alle Notärzte tun, wenn man auf sie wartet: Er ließ auf sich warten. In Gedanken schmückte ich unser Tännchen. Das half zwar nicht, vertrieb aber die … ah, es klingelte. Der Arzt räusperte sich und schob das Thermometer unter Moritz’ Zunge. „In die Ambulanz“, sagte er, „vorsichtshalber.“ Ein Blick auf die Uhr: Es würde gerade noch reichen für den Markt …
Strich durch die Rechnung
In der Ambulanz. Gott sei Dank, der Oberarzt persönlich untersucht Moritz, das lässt noch hoffen auf den größten aller Bonsais! Doch irgendwie habe ich wohl nicht richtig zugehört. „Sofort!“, hat er soeben gesagt, der Oberarzt, und „Blinddarm“! Na gut, dann kommt mein Kind eben kurz in den OP und ich geh’ in der Zwischenzeit – Mooo-ment! Mein Kind soll unters Messer? An Heiligabend? „Genau“, sagt der Oberarzt.
Als Moritz durch die OP-Tür geschoben wird, bleibt die Zeit stehen.
Ein, zwei Ewigkeiten später. „Alles in Ordnung“, sagt der Arzt, und ich eile zu Moritz in die Aufwachstation. „Du kriegst alles, was du dir je gewünscht hast“, verspreche ich mit gefalteten Händen. „Werde nur gesund!“
Nachtrag zur Weihnachtsgeschichte
Montag früh nach den Feiertagen. Ich stürzte in den Spielzeugladen. Kurz darauf hockten Karin, ein glücklicher Moritz und ich in der Besuchsecke der Kinderstation, vertieft in die Abenteuer derer von Catan. Moritz hatte bekommen, was er wollte: sein Spiel, und alle warn’s zufrieden. Ich muss ihm bei Gelegenheit nur mal sagen, dass er nicht immer solch einen Aufwand zu treiben braucht für seine Wünsche.
PS: Tannen kaufe ich mittlerweile im Herbst. Man weiß ja nie, was so alles dazwischenkommt.
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