Annika S. war eine lebenslustige, junge Frau. In ihrem Freundeskreis war sie sehr beliebt. Sie war so fröhlich, voller Enthusiasmus, hatte so viele Träume und steckte voller Elan.
Nach ihrer Lehre bekam Annika S. gleich eine Anstellung in einer großen Firma. Sie wurde von der Chefsekretärin Katrin K. persönlich eingearbeitet. Die beiden Frauen verstanden sich, trotzt des großen Altersunterschiedes, hervorragend. Der Chef war sehr zufrieden mit Annikas Leistungen. Er lobte oft ihre Umsicht, ihren Ehrgeiz und ihren Teamgeist. Annika fühlte sich sehr wohl in der Firma und ging voll in ihrer Arbeit auf.
Doch eines Tages wendete sich das Blatt. Die Wirtschaftskrise machte sich auch in der Firma bemerkbar. Plötzlich musste an allen Ecken und Enden gespart werden. Es wurde gemunkelt, dass Mitarbeiter entlassen werden sollten. Aus dem Gerücht wurde bittere Realität. Auch Katrin K. - die langjährige Chefsekretärin - bangte um ihren Arbeitsplatz. Argwöhnisch beobachtete sie ihre junge Kollegin Annika, die stets in den höchsten Tönen gelobt wurde. Die Kleine war sehr beliebt in der Firma und in der Chefetage hatte sich Annika einen guten Ruf gemacht.
Katrin K. spürte, dass Annika für sie eine ernste Bedrohung darstellte. Sie selbst war 20 Jahre lang in dieser Firma tätig. Sie konnte nicht zulassen, dass sie ihren Platz als Chefsekretärin einem „jungen Küken“ überlassen sollte. Die attraktive Fünfzigjährige ahnte, dass ihr Job auf dem Spiel stand, nachdem weitere Entlassungen folgten. Systematisch versuchte sie, Annika auszustechen. Sie reichte wichtige Dokumente an den Chef nicht weiter, die ihre junge Kollegin sorgfältig zusammengestellt hatte. Sie manipulierte Annikas fehlerfreie Geschäftspost, bevor sie diese zur Unterschrift vorlegen konnte, und streute böse Gerüchte in der Firma, dass Annika scharf auf den Chef wäre.
Als Annika dieses Gerücht zu Ohren kam, suchte sie die Aussprache mit der Chefsekretärin. Katrin K. stritt jedoch alles ab. Stattdessen intrigierte sie heimlich weiter gegen ihre vermeidliche Konkurrentin. Der Chef war sehr erbost, denn die Fehler in Annikas Geschäftsbriefen häuften sich.
Annika versuchte ihrem Vorgesetzten begreiflich zu machen, dass es Katrin K. sei, die ihre Arbeit vorsätzlich sabotierte. Doch der Unternehmer ließ nichts auf seine langjährige Chefsekretärin kommen. Er glaubte Annika kein Wort.
Die junge Frau ging nicht mehr voller Elan in die Firma. Sobald sie die Chefetage betrat, wurde getuschelt. Hinter ihrem Rücken wurden haarsträubende Geschichten über sie erzählt. Katrin K. machte alsbald auch keinen Hehl mehr daraus, dass sie Annika loswerden wollte. Knallhart schleuderte sie der jungen Frau die Wahrheit ins Gesicht. Abermals versuchte die junge Frau, ihren Vorgesetzten davon in Kenntnis zu setzen. Doch Annika stieß diesbezüglich bei ihm auf taube Ohren. Er wollte nichts von diesen „infamen Unterstellungen“ hören, machte er ihr mehr als deutlich klar.
In ihrer Not vertraute sich Annika einer anderen jungen Kollegin an. Diese heuchelte jedoch nur Mitleid, lief kurz darauf zum Chef, um diesem zu erzählen, das Annika die Chefsekretärin schlecht machte. Er zitierte Annika sofort zu sich und legte ihr nahe, die Ränkespiele umgehend zu unterlassen.Verzweifelt versuchte die junge Frau ihrem Vorgesetzten klar zu machen, dass sie das Opfer war, dass sie gemobbt wurde. Doch er maßregelte Annika abermals und drohte ihr, sie umgehend aus der Firma zu werfen, wenn sie weitere Verleumdungen aussprechen würde.
Annika versuchte tapfer durchzuhalten, der Intrigantin die Stirn zu bieten. Doch eines Tages riss es der jungen Frau förmlich den Boden unter den Füßen weg. Als sie wie jeden Morgen kurz vor Sieben die Chefetage betrat, spürte sie förmlich die eisige Kälte, die ihr entgegenschlug. Im Laufe des Tages fielen Wörter wie Schlampe, Flittchen, billige Hure. Die männlichen Mitarbeiter sahen sie süffisant grinsend an. Einer dieser griff Annika im Gang sogar unter den Rock. Sie verpasste ihm eine schallende Ohrfeige und lief abermals ins Chefzimmer. Aufgeregt erzählte die junge Frau dem Boss von dem ungeheuerlicheren Vorfall. Dieser allerdings lehnte sich in seinem Sessel zurück, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und bedachte Annika mit einem langen Blick.
Er meinte tatsächlich, sie sollte nicht die prüde Unschuld vom Lande spielen. Sie hätte sich die Misere selbst zuzuschreiben. Die junge Frau war einen kurzen Moment sprachlos. Sie war soeben sexuell belästigt wurden und ihren Chef schien dies völlig kalt zu lassen. Laut machte Annika ihren Unmut Luft. Der Vorgesetzte legte schweigend ein Foto auf den Tisch.
Annika japste nach Luft. Das Foto zeigte eine junge Frau - ja, es war ihr Gesicht, jedoch war sie es nicht - beim Sex mit zwei Männern. Entsetzt versuchte sie ihrem Vorgesetzten klarzumachen, dass nicht sie die Frau auf diesem Foto sei. Er allerdings glaubte ihr kein Wort, denn für ihn zählte nur, was er sah.
Verstört verließ die junge Frau das Chefzimmer. Auf dem Gang standen die Mitarbeiter, die wohl jeden Ton des Gespräches mitgehört hatten. Tränenblind lief Annika an ihnen vorbei. Das Blut rauschte in ihren Ohren. Wie eine Trunkene taumelte sie vorwärts. Sie sah nicht das ausgestreckte Bein, welches sie zu Fall brachte. Das hässliche Lachen jedoch klingt ihr noch heute in den Ohren.
Kommentare
Danke, Alexandra. Ich kann sehr gut nachfühlen, was ihr durchgemacht habt. Ein wichtiges Thema, was viele angeht, doch es wird verschwiegen. Ein weiterer Artikel von mir zum Thema - http://pagewizz.com/schulangst-und-ih...
LG Kerstin
Mein Sohn wurde monatelang in der Schule gemobbt. Es schauen wirklich fast alle weg, und ohne Unterstützung vor Ort (in der Schule sollte dies der Lehrer sein) kommt kein Kind da alleine raus. Und vor lauter Scham wird geschwiegen.
Es ist schlimm! Die ganze Familie leidet.
Guter Artikel Kerstin *Daumenhoch*
Das "wegschauen" der Allgemeinheit wird weniger das Problem sein. Viel eher ist das Schweigen der Mobbingopfer die Problematik. Denn solange diese schweigen, aus Scham oder Angst, kann ihnen keine Hilfe zuteil werden.
Hallo Kerstin, Danke für diese Artikel !
Es ist grauenvoll was Menschen erleben müssen, aber solange es Mobber gibt, gibt es auch Opfer. Darum muss die Allgemeinheit noch mehr Informiert werden damit Sie nicht mehr wegschaut, sondern sich gegen Mobber solidarisieren.
weiter so, Gruß Roland
Wahnsinnig wichtiger Artikel! Danke Kerstin.