Die Schwabenkinder – Kindersklaven - Kleine Zeugen einer dunklen europäischen Epoche

Zu wenig bot die heimische Ackerfurche, als dass man in Teilen Tirols, des Vorarlbergs und der Schweiz hätte ohne Armut überleben können. Die Folge war, dass seit Beginn des 17. Jahrhunderts die Kinder der Armen jedes Jahr über die Allgäuer Alpen hinweg in die Bodenseeregion sowie Richtung Ravensburg geschickt wurden, wo sie Dienste als Knecht bzw. Magd auf  Höfen zu verrichten hatten oder zum Vieh hüten eingesetzt wurden. Das Alter der Schwabenkinder, wie sie genannt wurden, lag in der Regel bei 6 bis 14 Jahren, so dass schon die Alpenüberquerung eine unmenschliche Tortur sein musste und voller Risiken war, zumal der Proviant für die Reise ebenso spärlich ausfiel, wie die "Ausrüstung", die sich im Wesentlichen auf das beschränkte, was die Schwabenkinder ohnehin am Leibe trugen. Sie überquerten im März die Alpen, eine Zeit in der Schnee und Kälte ein Durchkommen äußerst schwierig machte.

Die Schwabenkinder – wie Vieh gehandelt - Auf Kindermärkten wurden die Schwabenkinder feilgeboten

Der Gedanke daran lässt einen erschaudern. Es gab tatsächlich Kindermärkte, auf denen die Schwabenkinder wie auf Viehmärkten vorgeführt wurden und um die hart gefeilscht wurde. Jedes Jahr war mit etwa 6000 Schwabenkindern aus den Alpenregionen zu rechnen, die dann nach Ravensburg, Wangen, Tettnang, Überlingen, Pfullendorf oder Waldsee auf die Märkte gebracht wurden. Dort konnten sie für die Arbeit im Stall, auf dem Feld oder auch zur Unterstützung bei der Hausarbeit erworben werden. Entsprechend war die Stellung die dei Schwabenkinder hatten und nicht selten wurden sie wohl zu Dingen genötigt, die weder ihrem Alter noch ihrer eigenen Würde Respekt zollten. Mädchen kamen oftmals als junge schwangere Frauen nach Hause zurück, sofern sie sich dies trauten. Genügend Fälle gab es, bei denen sich die werdenden Mütter aus lauter Scham ledig ein Kind in sich zu tragen, in den Suizid flohen. Andererseits gab es aber auch Mädchen, die als junge Frauen in der Gegend ihre große Liebe fanden oder zur Familie eine gute Beziehung aufbauten und da blieben. Ebenso erging es einigen Jungen, die nach einiger Zeit in der Fremde bei ihren Herren einen Beruf erlernten und sich selbst später dort ein neues Zuhause aufbauten und ihr Glück versuchten.

Die Rolle der Eltern von Schwabenkindern - Schwere Entscheidungen und persönliches Leid

Auch in jener Zeit, in der Kinder noch nicht in dem Maße als eigene Persönlichkeiten betrachtet wurden, darf man davon ausgehen, dass die Entscheidung ein Kind wegzugeben keinesfalls eine emotional leichte gewesen wäre. Vielmehr war es der verzweifelte Versuch einen Weg zu finden, der den Kindern eine Perspektive für eine Zukunft gibt. Keinesfalls konnte es gesichert sein, dass die Schwabenkinder in ihren "neuen Familien" ebenso herzlich aufgenommen werden würden, wie man es von der eigenen gewohnt war, und in der Tat war dies auch eher seltener der Fall. Für die Mehrzahl der Dienstherren galten sie als rechtlose Sklaven, die ihren Dienst für den sie bestimmt waren, zu verrichten hatten. Dies sollte erst im Jahre 1914 ein wenig abgemildert werden, als auch für die Schwabenkinder die allgemeine Schulpflicht eingeführt wurde.

Es gibt einige verstreute Aufzeichnungen über die Schwabenkinder wovon die erste vom Ende des 18. Jahrhunderts stammt. Josef Rohmer berichtet in seinem Buch "Uiber die Tiroler.  Ein Beytrag zur Österreichischen Völkerkunde" von 1796 "… der Bube [ist] gezwungen, außer seinem Mutterlande Nahrung und Verdienst zu suchen. … die Anzahl der Knaben, welche alljährlich im Frühling […] aus den Pfarreien Delf (Telfs), Nasereit, Imst, Lermos, Reuti, Vils, Tannheim zum Pferde-, Kühe-, Schafe-, Ziegen-, Schweine- und Gänsehüten nach Schwaben ziehen, zuverlässig auf 700 angegeben".

Uiber die Tiroler

Uiber die Tiroler (Bild: Zum vergrößern auf das Bild klicken)

In "Der Landarbeiter", 1913, Nr.5 ist zu lesen "Wie jedes Frühjahr, so kommen auch heuer am 28. März die Tiroler Hütekinder in Friedrichshafen durch den 'Hütekinderverein' zum 'Verkauf'."

Die Schwabenkinder: Die Geschichte des Kaspanaze - Bewegendes Buch von Elmar Bereuter

Mit den Schwabenkindern haben sich in den letzten Jahren einige Autoren beschäftigt, darunter Othmar Franz Lang. Die Geschichte der Kaspanaze Meser sowie der anderen Schwabenkinder erzählt Elmar Bereuter auf bewegende Art und Weise. Er stellt die Beweggründe, die eigenen Kinder in die Fremde zu schicken dar, die Ängste, die Nöte und ab und zu auch ein paar heitere Zeilen, die einen wieder kurz durchatmen lassen. Dies ist auch nötig, denn einmal mit Lesen begonnen, fällt es schwer dieses Buch wieder aus der Hand zu legen.

 

 

Efes, am 17.11.2011

Kommentare


DrJunia am 03.11.2012
Danke für den schönen Beitrag! Habe mir das Buch von E. Bereuter gleich bestellt!
AlphaBeta am 12.08.2012
Hehe, für den super Artikel hat sich den Klein-Efes auch redlich verdient :-)
Efes am 12.08.2012
Vielen Dank für diesen nachträglichen Editor's Choice!! Klein Efes freut sich wie immer ;-)
Efes am 08.08.2012
Dass es doch öfters thematisiert wurde, als Theaterstück und Hörspiel war mir nicht bewusst, ist aber doch interessant, da demnach doch ein Interesse an diesem dunklen Kapitel besteht. LG Efes
Grace am 08.08.2012
Vor einer halben Ewigkeit hab ich mal ein Theaterstück über das Thema gesehen: Die Autorin hatte ihre eigenen Erfahrungen als Schwabenkind auf die Bühne gebracht. Alle Darsteller haben gnadenlos im Lechtaler Dialekt gesprochen (am Anfang hab ich kein Wort verstanden, aber dann ging es und die schauspielerische Leistung war hervorragend). Das Stück war weder kitschig noch zu sehr auf die Tränendrüse gedrückt - es war wohl das Beste, was ich jemals gesehen hab (vor allem Regie und Darsteller). Hat mir noch besser gefallen, als der Film. Später hab ich dann mal in einem Radio-Hörspiel ein Schwabenkind gespielt, da hab ich mich natürlich informiert - heftig. In der Schule haben wir darüber übrigens nichts gelernt - dabei wäre es wirklich wichtig. P.S: Danke für den Artikel
Efes am 08.08.2012
Daher kann man nur nochmals dazu raten, auch im Schulunterricht diese Themen und nicht nur "die ganz großen" zu behandeln. Das ein persönliches Gespräch mit einem "Schwabenkind" besonders bleibende Eindrücke hinterlässt, kann ich mir bestens vorstellen. LG Efes
MonikaHermeling am 08.08.2012
Buch und Film berühren und schockieren. Ich hatte Gelegenheit mich mit einem erfolgreichen Mann, der ein Schwabenkind ist, unterhalten zu dürfen. Diese Schilderungen gehen selbst gestandenen Journalisten unter die Haut. Stichworte sind: Analphabetismus, sexueller Missbrauch, uneheliche Kinder, harte Feldarbeit unter bestialischen Bedingungen, keine Wiedergutmachung, sondern warten auf die biologische Lösung. Ein Thema, dass unbedingt bearbeitet werden muss.
Efes am 07.08.2012
Ich denke auch, dass man auf solche Schicksale aufmerksam machen muss. Es sind keinesfalls alte Geschichten, die uns nicht mehr zu interessieren haben, schließlich ging das noch bis etwa 1950 so. Ich denke auch, dass solche Umstände in der Schule thematisiert werden sollten, schon alleine (natürlich nicht nur) deshalb, damit die Kinder sich darüber bewusst werden, in was für einer Zeit, bei allen Schwierigkeiten die definitiv existieren, sie leben. LG Efes




Bildquelle:
Barbara Lechner-Chileshe (Warum gibt es unterschiedliche Haut- und Augenfarben?)

Autor seit 3 Jahren
308 Seiten
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