Die Übungsvorbereitungen

Im Morgengrauen läuft Dirk H., der 2. Vormann des Seenotkreuzers NIS RANDERS, mit seinem Privatboot von Maasholm in die Geltinger Bucht, um Suchziele, bestehend aus Personen-Dummys und einer Jolle, auf verschiedenen Positionen auszulegen. Niemand ausser ihm und dem Übungsleiter weiß etwas von dieser Mission.



Etwa eine Stunde später wird es dann auf der nördlichsten Rettungstation der DGzRS (Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger) in der Ostsee auf welcher ein Rettungskreuzer stationiert ist, sehr lebendig: Überall sieht man Männer und Frauen in der roten Kleidung der Seenotretter geschäftig hin- und herlaufen, denn heute steht eine Rettungsübung an.

Maasholm ist eine sog. Doppelstation, auf welcher neben einem Seenotkreuzer (SK), die NIS RANDERS, auch ein Seenotrettungsboot (SRB), die FRANZ STAPELFELDT liegt. Neben der 8 Mann starken Stammbesatzung des Seenotkreuzers versehen 10 freiwillige Rettungsmänner und -frauen ihren Dienst auf dem Kreuzer und dem Rettungsboot.

Pünkltich um 0730 verlassen die NIS RANDERS und die FRANZ STAPELFELDT die Station Maasholm und nehmen Kurs Gelting-Mole, wo für alle Übungteilnehmer eine Einweisung erfolgen soll. Schwerpunkt dieser Übung ist die Leitung einer Suchaktion. Diese erfolgt durch einen sogenannten OSC (On-Scene-Coordinator), welcher die Koordination aller in einem Seenotfall vor Ort befindlichen Einheiten übernimmt.

An diesem Tag nimmt an der Übung neben den Rettungseinheiten der DGzRS auch das Polizeiboot GLÜCKSBURG teil, denn die Aufgabe des OSC kann auch Schiffen der Polizei oder Marine übernommen werden. 

Um 0930 ist das Briefing beendet und alle Einheiten begeben sich auf die zugewiesenen Positionen. Die Geltinger Bucht ist mit 6 Bft. aus NO recht unruhig und die Kartenarbeit unter Deck auf dem kleineren Seenotrettungsboot ist nichts für einen empfindlichen Gleichgewichtssinn. Der 1. Vormann des Rettungskreuzers und Übungsleiter, Rolf D., greift nach dem Hörer einer der Seefunkanlagen und kündigt auf dem allgemeinen Not- und Anrufkanal im UKW-Seefunk 16 sowie dem für die Übung ausgewählten Arbeitskanal 77, in deutscher und englischer Sprache der Schifffahrt die Übung an, damit sie nicht mit einem Ernstfall verwechselt wird.

Die Rettungsübung beginnt

Während alle beteiligten Einheiten auf ihren Positionen liegen, wird an Bord die Zeit mit Routinearbeit verbracht.

Um 1017 wird die Ruhe auf Kanal 77 durch einen Anruf von Bremen Rescue unterbrochen. Hinter dem Rufzeichen "Bremen Rescue" (korrekt: Bremen Rescue Radio) verbirgt sich niemand anderes als die Küstenfunkstelle der DGzRS in Bremen. Im selben Raum der Küstenfunkstelle befindet sich auch das MRCC (Maritime Rescue Coordination Centre) - die Seenotleitung.

Alle bei "Bremen Rescue" eingehenden Notmeldungen kommen somit direkt auf den Tisch der Seenotleitung, welche alle erforderlichen Maßnahmen einleitet.

Wie in der Realität, wird nun auch bei dieser Übung eine Rettungseinheit angerufen und mit der Aufgabe betraut, die Rettung einzuleiten und zu koordinieren.

Alle DGzRS-internen Funkgespräche, so auch die Alarmierung, werden auf einem ausschließlich für die DGzRS reservierten Arbeitskanal durchgeführt. Dieser Kanal liegt auch im VHF-Seefunkbereich, ist jedoch auf den Funkgeräten der Sport- und Berufsschifffahrt nicht verfügbar.

Die FRANZ STAPELFELDT erhält jetzt Kenntnis, dass ein am frühen Morgen mit drei Anglern ausgelaufenes Angelboot seit einigen Stunden vermisst wird. Die Seenotleitung in Bremen teilt alle zu diesem Zeitpunkt vorliegenden Daten mit. Jedes Detail ist wichtig und kann den Ausgang eines SAR-Einsatzes (SAR = Search and Rescue) entscheidend beeinflussen. 

Es ist somit von großer Bedeutung, dass ein zu meldender Notfall so viel Informationen wie möglich enthält, denn nur so können die Seenotretter das Suchgebiet optimal festlegen.

Anhand der vorherrschenden Wind- und Strömungsverhältnisse berechnen die Spezialisten vom MRCC das Suchgebiet. Dieses wird nun als Vorgabe an die FRANZ STAPELFELDT übermittelt. Sie übernimmt jetzt die Aufgabe des OSC und ist damit Koordinator für die Durchführung der SAR-Maßnahmen vor Ort.

Noch während der Mann am Funk auf der FRANZ STAPELFELDT die übermittelten Informationen wiederholt, beginnt ein anderer Kollege die Eckpunkte des Suchgebietes sowohl in die Papier- als elektronischen Seekarten einzutragen.

Die Größe des Suchgebietes, die vorherrschenden Wind- und Strömungsverhältnisse, sowie der Umstand, dass die zu suchenden Personen völlig unerfahren sind und keine seemännischen und nautischen Kenntnisse besitzen (auch diese Informationen sind von großer Bedeutung), veranlassen die Besatzung der FRANZ STAPELFELDT die Suche nicht alleine, sondern unter Einbeziehung weiterer Fahrzeuge durchzuführen.

Dazu kommt es darauf an festzustellen, wie viele Schiffe sich an der Suche beteiligen können. Dank dem automatischen Schiffsidentifizierungssystem AIS genügt dem Vormann der FRANZ STAPELFELDT, Andreas D., ein Blick auf die elektronische Seekarte, um die in Frage kommenden Schiffe zu identifizieren.

Zusätzlich zur Nutzung des AIS kann es nötig sein, über Funk anzufragen ob und welche Schiffe sich im oder in der Nähe des Suchgebietes aufhalten, denn außer den Fahrzeugen welche aufgrund der Ausrüstungspflicht AIS-Transponder an Bord haben müssen und somit identifizierbar sind, können z.B. auch Sportboote in die SAR-Maßnahme mit einbezogen werden.

Anhand der Lage des Suchgebietes und der Situation des Notfalles, legen die Spezialisten an Bord der FRANZ STAPELFELDT nun das durchzuführende Suchverfahren fest.

Die Rettungsmänner entscheiden, die Suche in parallelen Streifen (Parallel Sweep Search PS) durchzuführen, d.h. das Gebiet wird in "Bahnen" unterteilt und die einzelnen Bereiche den an der Suche beteiligten Schiffe zugewiesen. Dieses Verfahren wird meist dann eingesetzt, wenn der Standort des zu suchenden Objektes unsicher und das Suchgebiet groß ist. Über Funk erhalten jetzt alle einbezogenen Schiffe ihre Ausgangspositionen sowie Anweisungen für den zu fahrenden Kurs und die Geschwindigkeit bei der Suche.

Während alle Sucheinheiten ihre Ausgangspositionen anlaufen, verfolgen die Männer auf der FRANZ STAPELFELDT ihre Bewegung auf der elektronische Seekarte. Dieses ist möglich, da die Seekartenplotter in der Lage sind, Radar- und AIS-Informationen als Overlays auf die Seekarte zu projizieren. Der Navigator erhält somit auf einen Blick Informationen über das Seegebiet und die darauf befindliche Schiffahrt.

Jede Sucheinheit übermittelt nach Erreichen der Ausgangspositionen ihren Status an die FRANZ STAPELFELDT.

Die Suche nach den Schiffbrüchigen

Nur wenige Augenblicke später kommt das Kommando den ersten Suchstreifen abzufahren.

In gleichmäßigem Abstand voneinander laufen die Schiffe nun mit 3 kn auf ihrem Track. Angespannt halten die Besatzungen Ausschau nach dem vermissten Boot und eventuell im Wasser treibenden Personen. Auch die FRANZ STAPELFELDT selbst läuft im Suchverband mit. Während zwei Mann

unter Deck die Operation leiten und die Seenotleitung in Bremen ständig über die Lage informieren, halten der Rudergänger und ein weiterer Mann im Außenfahrstand Ausguck.

Als alle Schiffe das Ende des Suchgebietes erreicht haben, wird nach festgelegtem Muster auf Gegenkurs gegangen, um den nächsten Streifen abzufahren. Obwohl die Sicht gut ist, fordert der Wellengang mit 1 m auf den kleineren Booten den Ausguck besonders, denn im Wasser treibende Personen sind bei dieser Wellenhöhe für einen niedrig stehenden Beobachter auf mittlere Distanz nur noch sehr schwer auszumachen.

Plötzlich meldet sich das SRB JENS FÜERSCHIPP über Funk: FRANZ STAPELFELDT wir haben in 11 Uhr zwei Personen gesichtet, Entfernung ca. 2 Kabellängen!" Noch während diese Information übermittelt wird, legt der Mann am Ruder der JENS FUERSCHIPP "den Hebel auf den Tisch" und das Rettungsboot läuft mit 20 kn auf die Position der beiden im Wasser treibenden "Personen" zu, um sie zu bergen.

Rettungseinsatz erfolgreich abgeschlossen

Bereits nach wenigen Minuten meldet die Besatzung, dass die beiden "Schiffbrüchigen" wohlbehalten an Bord sind. Im Ernstfall würde nun an Bord des Rettungsbootes die medizinische Erstversorgung stattfinden und je nach Zustand der Personen dann entschieden werden, ob die weitere Versorgung an Bord des Rettungskreuzer stattfindet oder sogar die Abbergung durch einen Helikopter der Bundesmarine erforderlich ist. Auch diese Aktionen werden bei der DGzRS regelmäßig in Zusammenarbeit mit den Sea King Helicoptern geübt.

Da zu diesem Zeitpunkt aber nur zwei der drei vermissten Personen gefunden sind, läuft der Suchverband auf seinem Kurs weiter, um nach der letzten Person sowie dem Boot zu suchen. Parallel dazu informieren die Kollegen auf der FRANZ STAPELFELDT Bremen Rescue über den Stand der Suche.

Nur kurze Zeit später sichtet die Besatzung des im Suchverband mitlaufenden Tochterbootes des Seenotkreuzers NIS RANDERS die letzte Person. In unmittelbarer Nähe befindet sich auch das kieloben treibende Boot der drei vermissten Angler.

Der Ausgang der Suche wird sofort an die Seenotleitung in Bremen übermittelt, welche auch die Aufgabe übernehmen würde, die Angehörigen über den Ausgang der Rettungsaktion zu informieren.

Im weiteren Verlauf des Tages werden alle anderen Einheiten die Aufgabe des OSC in weiteren Übungen wahrnehmen.

Am Ende des ereignisreichen Tages sitzen alle Besatzungen der teilnehmenden Schiffe zur abschließenden Besprechung bei einer leckeren Erbsensuppe beisammen. Die Übung erfährt vom Leiter Rolf D. eine positive Bewertung und alle sind sich einig, dass dieser Tag ein weiterer Erfolg im Ausbildungsprogramm der DGzRS war!

coastartist, am 31.07.2012

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coastartist (Mobilfunktelefon vs. Seefunk)
Bild: Axel Alm (Nord-Ostsee-Kanal: Meist befahrener künstlicher Seeweg der Welt)

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