Die Kriminalgeschichten von Donna Leon spielen in Venedig

Venedig, einst Traumziel vieler Frischvermählter, hat bis heute nichts von seiner Anziehungskraft verloren. Immer noch ist die leise vor sich hin bröckelnde Stadt an der Adria mit Beinamen "La Serenissima" (Die Durchlauchtigste) Ziel tausender und abertausender Touristen. Zu jeder Jahreszeit sind der Dom von San Marco, Markusplatz, Dogenpalast, Rialto- und Seufzerbrücke von mit Reiseführern bewehrten Menschenmassen bevölkert. Seit einigen Jahren jedoch sind immer mehr Menschen, ebenfalls mit richtungweisender Lektüre ausstaffiert, jenseits der berühmten Sehenswürdigkeiten anzutreffen. Ihr Ziel sind enge dunkle Gässchen und schmuddelige Ecken, also Orte, an welchen Stadtväter und Tourismusmanager lieber keine Fremden sehen würden. Ebenso wie wenig anheimelnde, von außen völlig unscheinbare Restaurants, welche so versteckt liegen, dass wohl kaum ein Fremder zufällig vorbei kommt, es sei denn, er hat sich hoffnungslos verlaufen, was im Gewirr der Gassen und Kanäle zuweilen angeblich auch Einheimischen passieren kann.

Krimifans

Bei dieser Spezies handelt es sich nicht um Pauschaltouristen oder Studienreisende, sondern um Fans der Krimiautorin Donna Leon. In ihren 22 bisher erschienenen Romanen mit dem kriminalpolizeilichen Ermittler Guido Brunetti und seinem Assistenten Sergente Vianello ist der Leser nicht nur dem Verbrechen auf der Spur, sondern erlebt in der Fantasie Venedig fast real. Donna Leon, eine gebürtige US-Amerikanerin, schildert in ihren Krimis die Schauplätze so exakt, dass Touristen Venedig mit dem Auge des Protagonisten erleben. Zum anderen weiß die Wahl-Venezianerin so plastisch das italienische Lebensgefühl auszumalen, sei es in der Kochkunst, der Welt der Musik und bildenden Kunst sowie der Literatur, dass in so manchem Leser das Gefühl erweckt wird, selbst einmal Teilhaber der "ars vivendi" nach italienischem Vorbild zu werden.

Fernsehfilme

Verfilmungen für das Fernsehen der Romane, welche die polarisierten Lebenssituationen äußerst bildgewaltig zeigen, haben diesen Trend noch verstärkt: auf der einen Seite das Leben der Reichen und Schönen (oft böse und korrupt), auf der anderen Seite die Underdogs (oft auch böse) und die heimelige Privatatmosphäre der Menschen wie du und ich (fleißig, korrekt, umweltbewusst). Aus all diesen Zutaten wurde der Stoff, aus dem die Träume sind, gewebt und auch von findigen Leuten prompt bedient. So gibt es bereits mehrere Bücher mit eigenen Stadtplänen und ein Kochbuch. In Toni Sepedas Lektüre "Mit Brunetti durch Venedig" folgt der Fan seinem Idol auf zwölf beschriebenen Rundgängen mit detailliertem Kartenmaterial und Hinweisen auf die passenden Romanpassagen. So kann es dann doch passieren, dass der ermüdete, hungrige Tourist in den oben erwähnten Lokalitäten landet.

Kleine Stärkung zwischendurch

In einem echten Bacaro, einer traditionellen Weinstube, kann sich der Reisende mit einer Ombra, einem Gläschen Wein oder mit einem Cicchetto, einer sonstigen kleinen alkoholischen Stärkung und mit kleinen Appetithäppchen dem Commissario nahe fühlen. Im echten Lokal Do Mori, nahe der Rialtobrücke, könnte sich der fiktive Kommissar auf dem Wege nach Hause durchaus für den Kampf gegen das Böse stärken.

Falsche Drehorte

Folgt der geneigte Leser seinem exakten Krimistadtplan, so wird er oft verwundert sein, dass die Kulisse, welche er aus dem Fernsehfilm kennt, nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Die oft gezeigte Dachterrasse mit Blick auf den Canale Grande wird nicht zu finden sein, ebenso wenig das Polizeigebäude, die Questura. Brunettis Dienststelle liegt angeblich im Viertel Castello. Der charakteristische Säulengang der Film-Questura befindet sich tatsächlich neben der Franziskanerkirche Chiesa San Francesco della Vigna. Am Ende dieser Gasse ist ein reales Polizeirevier untergebracht: ein schlichtes weißes Gebäude.

So wird auf diesem Trip der Krimifreund auch ein wenig zum Ermittler: immer auf der Suche nach der Wirklichkeit hinter dem Augenscheinlichen.   

Bildnachweis: Daniel Stricker/Pixeio.de

Muecke05, am 06.12.2011
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Bildquelle:
W. Zeckai (Wie macht man eine Lesung erfolgreich?)
© Elisabeth R. Meier (photographer) (Ich schreibe ein Drehbuch)

Autor seit 3 Jahren
16 Seiten
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