Wieso ist denn das Plastik so hell und verblasst?

Als der Wagen noch neu war, sah das Plastik noch top aus. Wieso ist das heute nicht mehr so?

Schauen Sie sich das Plastik einmal vom Nahen an. Jeder kennt die herkömmliche Oberflächenstruktur von Stoßstange und Seitenleiste. Es ist eine grobe Oberfläche. Wieso ist sie grob? Na, das hat den Vorteil, dass man kleine Kratzer und dergleichen gar nicht so schnell wahrnimmt auf groben Oberflächen. Und genau an diesen Stoßleisten passieren solche Dinge.

Wissen Sie noch, wie sich das neue Plastik anfühlte? Trotz grober Oberfläche war es doch irgendwie glatt, nicht war? Und nun? Rau... und spröde... Woran liegt das?

Umwelteinflüsse, wie Sonnenlicht oder Staubkörner in der Luft, treffen auf das Plastik und bearbeiten es. Die chemische Struktur des Kunststoffes verändert sich dahingehend, dass sich an der Oberfläche winzig kleine "Zacken" bilden und aufstellen. Diese Zacken brechen nun das Sonnenlicht anders als "gesundes" Plastik, das Plastik wirkt also auf das menschliche Auge weiß. In Wirklichkeit steckt die Farbe also noch im Kunststoff, nur leider UNTER der rauen Oberfläche.

Lichtreflektion

Also, was tun?

Das Plastik hat einen gesunden Kern, die Farbe steckt drin. Die Oberfläche versaut das Bild, hmm. Man könnte nun die Oberfläche abschmirgeln, doch man möchte doch die alte Oberflächenstruktur des Plastiks behalten, nicht wahr? Also hilft nur eins: Die kleinen Zacken müssen weg. Doch wie? Und wohin? Ganz einfach! Sie werden angeschmolzen! So können sich die Zacken wieder in die Oberfläche "zurücklegen" und die Defekte gleichzeitig ausbessern. Das Plastik wird also zum einen von seiner rauen Oberfläche befreit, zum anderen werden feinste Risse und Poren wieder gefüllt. Klasse, nicht!?

Wie gehe ich vor?

Der Einfachkeit halber benutzen wir zum Anschmelzen der Oberfläche einen Heißluftföhn. Dieser bietet eine konstante Temperatur, das ist wichtig, um das Plastik nicht zu verbrennen.

Sie haben keinen Heißluftföhn? Fragen Sie ruhig einmal in Ihrer Nachbarschaft oder bei Freunden und Bekannten. Ich denke, es wird sich jemand finden lassen, der einen solchen Heißluftföhn besitzt. Ansonsten: unter diesem Textabschnitt finden Sie Angebote von Amazon. Ein einfacher, günstiger Heißluftföhn und für diejeigen, die mehr vorhaben: Ein "teurer" Heißluftföhn mit Einstellmöglichkeiten. Für unser Plastik sind beide Geräte vollkommen in Ordnung.

Mit einem herkömmlichen Föhn, einem Haartrockner also, geht es NICHT! Versuchen Sie es gar nicht erst, die Temperatur eines Haarföhns ist bei Weitem zu gering! ;-)

Im Folgenden erkläre ich Ihnen Schritt für Schritt, wie Sie mit dem Heißluftföhn arbeiten sollten, um ein optimales Ergebnis zu erzielen. Halten Sie sich an diese Anleitung, dann sollte nichts schief gehen und Sie freuen sich umso mehr über das fabelhafte Ergebnis.

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Schritt 1 - Das Säubern

Bevor Sie mit dem Anschmelzen beginnen können, muss die Oberfläche gereinigt werden, damit nicht womöglich Schmutzpartikel oder andere störende Dinge mit in das Plastik gebrannt werden.

Nehmen Sie hierzu am besten handelsübliches Geschirrspülmittel und einen Schwamm. Durch das Spülmittel werden, neben Schmutz und Staub, sämtliche Fette und Wachse gelöst. Fette können bei hoher Temperatur den Schmelzvorgang negativ beeinflussen. Das Ergebnis sind unschöne Flecken, die sich nur sehr schwer bis gar nicht beheben lassen.

Nach dem Putzen mit klarem Wasser gründlich abspülen und gut trocknen lassen.

Schritt 2.1 - Das Schmelzen - mit einstellbarem Heißluftföhn

Nun kommt es ganz darauf an, welche Art von Heißluftföhn Sie besitzen.

Besitzen Sie einen Heißluftföhn, bei dem Sie die Temperatur und die Gebläsestärke nicht einstellen können? Dann springen Sie direkt zu Schritt 2.2.

 

Alles sauber und trocken? Na dann können Sie loslegen!

Stellen Sie den Heißluftföhn folgendermaßen ein:

  • Gebläsestärke: ca. 1/3 der Gesamtleistung des Gebläses (zur Veranschaulichung: Man sollte mit dieser Gebläsestärke Sandkörner vom Boden aus ca. 10cm Entfernung wegblasen können)
  • Hitze: Vorsichtig herantasten, es kommt auf Ihren Kunststoff an! Der Standard sind ca. 500°C bis 600°C, doch fangen Sie besser mit 400°C an und fahren mit dieser Anleitung fort.

So, geben Sie dem Föhn ca. 2-3 Minuten, um die gewünschte Temperatur zu erreichen. Manche Modelle besitzen einen Knopf, um sich die aktuell erreichte Temperatur anzeigen zu lassen.

Zum Schmelzen: Halten Sie den Föhn vorerst ca. 20cm entfernt vom Kunststoff und machen kleine kreisförmige Bewegungen. Man sollte niemals mit dem Luftstrahl auf einer Stelle verharren, so kann man das Plastik zu stark anschmelzen. Gehen Sie niemals näher als 5cm an das Plastik heran. Sollte bei einem Abstand von 5cm noch zu wenig geschehen, erhöhen Sie die Temperatur des Föhns.

An dieser Stelle sei gesagt: Als erstes würde ich persönlich bei Teilen wie Seitenschwellern, Frontlippe, Heckansatz oder Stoßleisten anfangen. Es gibt Kunststoffe (z.B. Spiegel oder Kennzeichenabdeckungen), die aus einem anderen Kunststoff gerfertigt sein können, auch wenn man es auf den ersten Blick nicht erkennt. Diese sind gehärtet und lassen sich nicht anschmelzen. Wenn sie also ihre Plastikteile schwarz bekommen haben und sich dann auf einmal an einem bestimmten anderen Teil nichts tut, erhöhen Sie nicht die Temperatur! Es kommt irgendwann der Punkt, wo das Plastik auf einmal blubbert und verbrennt, anstatt schwarz zu werden.

 

Arbeiten Sie sich in dieser Weise langsam in eine Richtung vor und schauen Sie, was passiert.

Wenn Sie sich über das gesamte Plastik vorgearbeitet haben, lassen Sie es für ca. 2 Minuten ruhen. Sollten jetzt noch Spuren vom Schmelzvorgang zu sehen sein, sprich hellere Flecken zwischen den angeschmolzenen Flächen, dann wiederholen Sie den Vorgang und erhöhen die Temperatur des Föhns um ca. 20°C. Noch immer nicht das gewünschte Ergebnis erreicht? Dann erneut die Temperatur erhöhen. Für den Abstand zum Werkstück werden Sie schnell ein Gefühl entwickeln, gehen Sie jedoch nie näher als 5cm heran.

Sobald die bearbeitete Fläche einheitlich schwarz ist, müssen Sie den Vorgang nicht mehr wiederholen. Haben Sie von Anfang an die richtige Temperatur eingestellt, sollte 1 Durchgang bereits genügen. Gehen Sie nun zu den anderen Kunststoffteilen über.

Schritt 2.2 - Das Schmelzen - mit nicht einstellbarem Heißluftföhn

Sie besitzen also ein Gerät mit nicht einstellbarem Gebläse und einer konstanten Temperatur? Kein Problem, hiermit klappt es auch.

Stellen Sie den Föhn an und geben Sie ihm 2-3 Minuten, um die Betriebstemperatur zu erreichen.

Nun gehen Sie in kleinen, kreisfömigen Bewegungen näher mit dem Föhn an das Plastik heran, bis sich die ersten Stellen dunkel verfärben. Verharren Sie niemals länger auf einer Stelle, hierdurch können Sie das Plastik zu Stark anschmelzen bzw. es sogar verbrennen. Dadurch entstehen unschöne Flecken, die sich nur sehr schwer bis gar nicht beseitigen lassen.

Verfärben sich die ersten Stellen dunkel, gehen sich noch wenige Zentimeter näher an das Plastik heran und fahren Sie mit den kleinen, kreisförmigen Bewegungen fort. 

Haben Sie sich bis zum Ende der gesamten Fläche vorgearbeitet, geben Sie dem Plastik 2 Minuten zum Ruhen. Sind nun noch hellere Stellen zu sehen oder wirkt das gesamte Kunststoffteil gescheckt, dann müssen sie den Vorgang wiederholen. Gehen Sie dieses Mal etwas näher an das Plastik heran.

Haben Sie einmal ein Gefühl für den Abstand und die Geschwindigkeit der Föhnführung bekommen, sind die anderen Kunststoffteile in Nullkommanix bearbeitet.

Schritt 3 - Die Versiegelung

Hat alles bis hierher funktioniert? Prima!

Nun sollte man das Plastik jedoch versiegeln, damit es nicht wieder derart schnell ausbleicht. 

Dazu eignet sich am besten eine herkömmliche Kunststoff-Autopflege, wie sie z.B. im Baumarkt (in der Auto-Abteilung) zu finden ist.

Nehmen Sie einen fusselfreien Lappen (z.B. Microfasertuch) und die Kunststoffpflege zur Hand und reiben sie sämtliches Plastik, das Sie bearbeitet haben, damit ein.

Je nach Kunststoffpflege benutzen Sie ein Gel, ein Spray oder vorgetränkte Pflegetücher. Halten Sie sich an die Gebrauchanweisung, dann machen Sie es in jedem Fall richtig.

Schritt 4 - Die Bewunderung

Jetzt ist alles erledigt und Sie können sich Zeit nehmen, das Ergebnis zu bestaunen. Nicht zu glauben, dass das Plastik wieder so gut aussieht, nicht wahr?

Das Ergebnis sollte nun wesentlich länger halten und das Plastik sollte seinen Farbton für eine längere Zeit behalten.

Schaden kann es jedoch nicht, die Kunststoff-Teile ca. alle 4 Wochen mal wieder mit der Pflege einzureiben. 

Ich hoffe, Ihnen hat diese Anleitung geholfen und bedanke mich für's Lesen.

Ich freue mich über jeden Kommentar (am Ende dieses Artikels).

 

Für Folgeschäden, die durch Nachmachen dieser Prozedur auftreten, kann und werde ich selbstverständlich keine Haftung übernehmen. Sämtliche Beispielfotos entstammen meiner Digitalkamera und unterliegen dem geltenden Urheberrecht. Sie sind ohne meine ausdrückliche Erlaubnis nicht zu kopieren oder anderweitig zu benutzen.

ReadMeJones, am 31.07.2011

Kommentare


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ReadMeJones am 16.06.2014

Dann erklär uns mal, wieso etwas an Kunststoffstühlen funktioniert, was beim Auto nicht funktionieren soll? Also manche Kommentare hier...

Ich zwinge keinen, das hier nachzumachen. Ich hab's so gut wie ich es für möglich halte beschrieben, mit Warnhinweisen. Kunststoff ist nicht Kunststoff. Wenn ein Kunststoff am Auto blass ist, dann ist es mit hoher Wahrscheinlichkeit ein alter Kunststoff und bei 90% dieser blassen Kunststoffe funktioniert das Anschmelzen.
Das Foto ist auch kein Fake, zwar noch nicht das Ergebnis und fleckig, aber im nächsten Gang sind die Flecken weg (Vorsicht, statt mit Volldampf drauf).

Denjenigen, bei denen das hier geklappt hat, hoffe ich geholfen zu haben und an den Rest: Schmiert euch weiter euer 3-Tage-Gel auf die Leisten.

Grüße
ReadMeJones

Andreas am 16.06.2014

Das nächste mal nimmst Du dann einen Schweißbrenner?
Das kannste an Kunststoffstühlen im garten machen, aber doch nicht am Auto. Und schon gar nicht im Innenraum eines PKW. Fleckig und scheckig wird das werden.
Keine Tolle Idee und je öfter ich den Text lese, glaube ich, Du nimmst uns hier gerade hoch :-)

ReadMeJones am 22.05.2014

Wenn alles geklappt hat, freue ich mich gern auch über positive Rückmeldungen.

Gote am 22.05.2014

Ja also da ist jemand wirklich Kompetent auf dass Problem eingegangen und hat es so erklärt dass auch ich mir dass zutraue. Sehr toll erklärt. Vielen Dank

ReadMeJones am 09.05.2013

Dass die Struktur sich nur stellenweise verändert, ist nicht normal. Immerhin ist so ein Kunststoffteil in aller Regel homogen. Es muss also an etwas anderem liegen. Eventuell nicht richtig saubergemacht bzw. entfettet? Ein Foto wäre hilfreich.

redbaron am 09.05.2013

Also ich habe das an meinem Motorrad versucht, aber das Ergebnis war leider nicht gut. Zwar wurde der Kunssstoff dunkler, leider aber auch sehr fleckig. Mehrfaches Wiederholen und näher heran gehen half nichts. Dadurch ist nun nur stellenweise die Struktur der Oberfläche verändert, was nicht schön aussieht. Nun bin ich ratlos. Vermutlich muss ich mir die Teile wohl neu kaufen. Mit einer Kunsstoffpflege wäre das wohl nicht passiert. Schade.

ReadMeJones am 16.04.2013

Das ist natürlich leicht, mich hier als "Grobmotoriker" zu bezeichnen, danach alles, was ich hier empfehle als "Käse hoch drei" abzustempeln und als letzte Danksagung so einen Tipp mit Essig zu hinterlassen.
Essig enthält bekanntermaßen Ethansäure, was das von dir als "ungefährlich" eingestufte Verfahren hier doch etwas in Frage stellt. Hinzu kommt, dass es absolut keine Grundlage für diese Theorie gibt. Wer A sagt, muss auch B sagen: Wieso sollte das funktionieren? Wenn du nicht genau weißt, was ich meine, kannst du dir ja ein Beispiel nehmen... zum Beispiek an mir, denn ich habe in diesem Artikel klar genannt, warum mein Verfahren funktioniert und welche Gefahren bestehen.

Aber trotz all dem gratuliere ich zur eigenen Meinung, sonst fällt mir dazu gerade nichts ein.

Wolf am 14.04.2013

Ich rate Euch, macht den Mist bloß nicht beim Kunststoffrahmen eines
z.b. nachgerüsteten Glas-Hub-Schiebedach.
Denn mit unkontrollierter Heißluft verzieht sich der Kunststoff und man
kann die Dichtigkeit des Daches für immer vergessen.

Was für ein "Grobmotoriker, der derartiges als Kunststoffpflege
empfiehlt !




Bildquelle:
Bild: Axel Alm (Nord-Ostsee-Kanal: Meist befahrener künstlicher Seeweg der Welt)

Autor seit 3 Jahren
16 Seiten
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