Verblendung 2011 - Sony Pictures

Man kann es nicht mehr lesen: In seinen letzten drei oder vier Filmen habe der im Jahre 1962 geborene Filmregisseur David Fincher, dessen frühe Karrierestationen u.a. eine Tätigkeit für George Lucas´ Trickschmiede "Industrial Light & Magic", Werbefilme für Heineken, Coca Cola, Levi´s sowie Videoclips für Madonna, Michael Jackson, Aerosmith und die Rolling Stones umfassten, die Qualität seiner ersten Spielfilme nicht mehr erreicht. Der letztes Jahr verstorbene Loriot, Gott habe ihn bitte besonders selig, würde dazu wohl sagen: Ach was.

Das Pech des frühen Maestro

"Seven"Denn "Seven" ("Sieben") war einer der abyssalsten Thriller aller gescheiten (und ist es bis heute), "Fight Club" ein im etymologischen Sinn des Wortes geradezu diabolisch genialer, dämonologischer Trip durch die Eingeweide einer Zeitgefühlslage, möglicherweise das Empfinden einer ganzen Generation, deren filmischer Repräsentant und Protagonist unter Schizophrenie Kassandra´scher Provenienz litt; dessen pandoranisches Unterbewußtsein die Kellertür insomnisch aufriß, um historisch hyperproaktiv fatale Jung´sche Kettenreaktionen zu entzünden, geschichtstendenziell fragwürgende Präventivschläge teils negativdialektisch-systemhygienischer, teils atavistisches Blutgeflüster bedienender Natur, die am Ende konsequenter- und bedrückenderweise auf ihn selbst zurückfielen.

"Fight Club"Kurz: Sowas muß man erstmal toppen. Fincher hatte also das "Pech", schon am Beginn seiner Karriere als Hollywood-Regisseur zwei weit herausragende Filme zu inszenieren, mit der zu erwartenden Folge, künftig nur noch daran gemessen zu werden. Ein Schicksal, das er übrigens mit Ridley Scott teilt, der auch immer wieder die Meßlatte seiner Meisterwerke "Alien" und "Blade Runner" unter die Nase gehalten bekommt, zweier Edelsteine der Filmgeschichte, die genreprägend und stilbildend wirkten und in ihrer gesamtkünstlerischen Geschlossenheit und Makellosigkeit, ihrer auf jeder filmhandwerklichen Ebene, von der Lichtdramaturgie über den Schnitt, die Musik, Toneffekte, Besetzung et al. beeindruckenden Exzellenz nur schwer zu erreichen sind. Von Regisseuren solche großkalibrigen Knüller in Serie zu erwarten hieße, einen Goldmedaillengewinner darum zu ersuchen, nicht nur bei den olympischen Spielen, sondern doch bitte auch in Zivil tagtäglich neue Rekorde aufzustellen. Immer mit der Ruhe.

Von glühendem Sex zur Beziehungsroutine?

In Finchers Beziehung zum Medium ist sicher auch eine gewisse Routine gedrungen, was in seinem Fall allerdings bedeutet, immer noch überdurchschnittliche Filme zu machen, frei von thematischer Sauermolke und sklerotischer Kurbelei. Finchers Remake der schwedischen Stieg Larsson-Verfilmung "Verblendung" (des ersten von drei Teilen) ist eines der wenigen, das Filmfans über die Masse an bloß Wiedergekäutem sicher hinwegtrösten dürfte. Denn es ist komprimierter, flüssiger und spannender als die Vorlage. Vielleicht sollte man statt von Routine eher von Reife sprechen, der Gelassenheit eines Regisseurs, der nichts mehr beweisen muß.

Zur Story von "Verblendung"

Journalist Mikael Blomkvist (Daniel Craig), Herausgeber des Magazins "Millenium", plant eine Enthüllungsgeschichte über den Unternehmer Wennerström, läßt sich dabei aber falsche Beweise unterjubeln und verliert im anschließenden Gerichtsprozeß den Großteil seiner Ersparnisse. Aus der geplanten Auszeit vom Geschäft wird allerdings nichts, da er vom Großindustriellen Henrik Vanger einen äußerst lukrativen Auftrag erhält:

Blomkvist soll das Verschwinden von Vangers Nichte Harriet im Jahre 1966 neu aufrollen. Vanger geht aufgrund seiner Verwandschaft, deren weit verzweigte Geschichte von Brutalität, Altnazis, Antisemitismus und Vergewaltigung durchsetzt ist, von einem Mord aus und will seiner nun schon seit Jahrzehnten geplagten Seele endlich Frieden gönnen. Unterstützung erhält Blomkvist bei seinen Recherchen von der Computerexpertin und Hackerin Lisbeth Sallander (Rooney Mara), einer in ihrem Sozialverhalten recht eigenwilligen Außenseiterin, die sich aufgrund traumatischer Erfahrungen eine aggressiv-misanthropische psychische als auch mithilfe von schrillen Mode-Morsecodes Distanzwarnungssignale aussende Schutzkleidung überstreift, sobald sie vor die Tür geht. Im Auftrag Vangers sollte sie Blomkivst auf den Zahn fühlen; sie verliebt sich in ihn im Zuge der Recherchen, die beide immer näher an den Täter heranführen.

Zwei Meister vereint

Drehbuchkünstler Steven Zaillian ("Schindler´s Liste", "Gangs Of New York", "The Falcon And The Snowman") und Regisseur Fincher packen schon die erste halbe Stunde prallvoll mit Informationen und Details zur Geschichte der Vangers, die vom Zuschauer einiges an Aufmerksamkeit verlangen. Bei einer Laufzeit von 158 Minuten blieb ihnen auch nichts anderes übrig, als die Handlung des Buches kräftig zu komprimieren.

Die US-Version hat dem schwedischen Film einen dichteren Plot sowie dank der strafferen Inszenierung Finchers etwas mehr Spannung voraus. Auch die Gewalt ist drastischer ausgefallen als bei Oplev. Sawisten, Hostelianer und auch Sevenanten werden die entsprechenden Szenen zwar sicher mit unbewegter Miene zur Kenntnis nehmen, für zartere Nervenkostüme ist "The Girl With The Dragon Tattoo", so der Originaltitel, aber ein stellenweise hartes Brot. Die Schnittrhythmik ist ebenso virtuos wie die Landschaftspanoramen Finchers, die gewohnt triste, düstere Farbgebung sowie der minimalistische elektronische Soundtrack von Trent Reznor ("Nine Inch Nails") und Atticus Ross, langjähriger Wegbegleiter Reznors als Produzent. Mit Rooney Mara als Lisbeth Sallander hat Fincher zudem einen Goldfisch geangelt. Ihr Telefon wird sie in nächster Zeit sicher wachhalten. Noomi Rapace´ Darstellung war kantiger, burschikoser (und nicht weniger brillant), Mara hingegen läßt mehr Verletzlichkeit und still schreienden seelischen Aufklärungsbedarf durch den Vorhang der Pupillen schwelen. Craig ist Profi genug um zu wissen, daß es trotz der Stellenbeschreibung "Männliche Hauptrolle" in diesem Film hauptsächlich um Sallander geht, weshalb er sich zurückhält und professionell gezügelt agiert. Stellan Skarsgard darf einmal mehr als Abgrund mit Bubenmaske auftreten, Christopher Plummer als Henrik Vanger sein dichtes Faltenlabyrinth zur tieferen Lektüre anbieten. Fans der schwedischen Version kommen um Finchers Neuverfilmung nicht herum; Krimifans dürfen sich über einen handwerklich blitzproperen Thriller der A-Klasse freuen.

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"Verblendung" läuft seit dem 12. Januar 2012 im Kino.

Produktion: Columbia Pictures/Metro-Goldwyn-Mayer/Yellow Bird Films/Scott Rudin Productions

Verleih Deutschland: Sony Pictures Releasing

Offizielle Film-Website

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