Von der Öffentlichkeit fast unbemerkt, wurde in Deutschland eine Organspende-Reform beschlossen. Im Rahmen dieser soll jeder Bürger ab 16 Jahren zu Organspenden nach ihrem Tod ermuntert werden. Oder, wie es SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier gewohnt zartfühlend formulierte: Man werde "den Menschen etwas mehr auf die Pelle rücken". Der interessanteste Aspekt von Diskussionen rund um Organspenden, wird freilich wieder einmal völlig ausgespart. Dieser soll nachfolgend näher beleuchtet werden, wenn es um die Frage geht, wem der eigene Körper eigentlich gehört. Gewiss: Auf den ersten Blick erscheint diese Fragestellung lächerlich. Ich möchte Sie, werter Leser, dennoch bitten, sich ein paar Minuten Zeit zum Lesen dieses Artikels zu nehmen. Der springende Punkt tangiert einen sehr, sehr wichtigen Punkt in Bezug auf die Widersprüchlichkeit des Konstruktes Staat, nämlich jenen, ob individuelle Freiheit und der Staat - egal, welcher Prägung - koexistieren können. Die Antwort mag nicht unbedingt überraschen: Nein, dies ist nicht möglich.

All den Beteuerungen in Bezug auf unsere angeblich unveräußerlichen Grundrechte - die natürlich wiederum vom Staat vergeben werden - zum Trotz, sind wir keineswegs Herren unserer eigenen Körper. Bleiben wir kurz beim Thema Organspenden: In vielen Staaten, darunter Deutschland, herrscht ein Mangel an Spendernieren, dazu kommen jahrelange Wartezeiten, die viele Patienten nicht überleben. Dabei läge die Lösung dieser Problematik wahrlich auf der Hand: Wäre es gesunden Menschen erlaubt, eine ihrer Nieren zu verkaufen, könnte wartenden Patienten binnen kürzester Zeit geholfen werden. Natürlich mag und wird die Vorstellung, aus "niederen" Gründen einen Teil des Körpers zu verkaufen für Abscheu sorgen. Aber was spricht nun tatsächlich dagegen, völlige Freiwilligkeit zur Organentnahme vorausgesetzt? Nüchtern betrachtet handelt es sich um einen automatisierten Erregungsreflex: "Das ist widerlich!", oder: "Was ist mit der Menschenwürde?", dürften die gängigsten Einwände lauten. Doch wer hat das moralische Recht, über den Körper eines anderen zu verfügen? Eigene Vorstellungen von Menschenwürde, Moral, Anstand oder Ethik sind, wie die Geschichte zeigt, nicht unbedingt der beste Maßstab für eine Gesellschaft. Was früher als "abartig", "pervers", "abscheulich", ja, "unmenschlich" galt, unterzog sich mitunter einem dramatischen Wertewandel und gilt mittlerweile als salonfähig. Erinnert sei etwa an die unsägliche Hetze gegen Homosexuelle. Die Vorstellung, als Mann einen anderen Mann zu lieben, mag vielen Menschen widerwärtig erscheinen. Doch sollte eine persönliche Vorliebe oder Abneigung Grundlage dafür sein, die Freiheiten der Mitmenschen zu beschneiden?

In einer sehr ähnlichen Weise stehen der Besitz, Verkauf und Konsumation bestimmter Substanzen unter Strafe. Dabei werden Gesundheitsgründe vorgeschoben, die sich selbst bei entfernter Betrachtung als lächerlich entpuppen. Alkohol, Tabak oder Medikamente können mindestens genauso gesundheitsschädigend wirken, wie illegale Drogen. Dabei sind es gerade jene Verbote, die illegale Drogen zu einem weltweiten Problem mit tausenden Toten und Millionen Strafgefangenen werden ließen. Ein anschauliches Beispiel für die Absurdität dieser Verbote liefert die von 1919 bis 1933 in den USA gesetzlich verankerte Prohibition. Erst das Verbot der heute illegalen Drogen führte zu einem wahren Drogenkrieg, der alljährlich tausende Menschen das Leben kostet. Wohlgemerkt: Nicht auf Grund des Drogenkonsums, sondern bei den Bandenkriegen jener Drogenkartelle, die beim legalen Verkauf bestimmter Drogen gar nicht erst existierten. Ganz zu schweigen von den Nebenwirkungen, wie Prostitution, Verbrechen oder den oft gesundheitsschädlichen gestreckten Drogen bzw. Ersatzdrogen. Nun soll keinesfalls die schädliche Wirkung mancher Drogen abgestritten werden. Prinzipiell stellt sich aber die Frage: Wenn jeder Mensch über seinen eigenen Körper verfügen darf, weshalb kann er bestraft werden, wenn er ihm eine verbotene Substanz zuführt? Die Antwort ist simpel: Da wir in Wahrheit gar nicht über unsere eigenen Körper verfügen dürfen.

Massen an StaatseigentumDie Reihe an Beweisen für diese These kann beliebig fortgesetzt werden. Besonders offensichtlich ist beispielsweise die Kriminalisierung von Prostitution. Die Ablehnung gegenüber dieser Form des Einkommenserwerbs beruht zur Gänze auf moralischen Standpunkten, während die Gesetzeslage wiederum einen Schwarzmarkt schafft, der erst zu den angeprangerten Missständen wie Zwangsprostitution, Gewalt und Übertragung von Geschlechtskrankheiten führt. In einem Freien Markt stellten diese Probleme die raren Ausnahmen dar, nicht die Regel, wie es in unserem System der Fall ist. Dass es sich bei der Ächtung von Prostitution um ärgerliche Auswüchse von Doppelmoral handelt, ist evident, stellt diese doch bei nüchterner Betrachtungsweise lediglich eine Dienstleistung wie jede andere dar.

Abschließend sei noch eine besondere Form der Enteignung des Körpers genannt, nämlich die Besteuerung. Was vielen Menschen nicht klar ist: Steuern werden nicht mit Geldscheinen, sondern mit Lebenszeit bezahlt. In Österreich und Deutschland liegt die Abgabenquote durchschnittlicher Arbeitseinkommen bei rund 50% - dabei ist etwa die Umsatzsteuer noch gar nicht inkludiert, womit die tatsächlich Abgabenquote weitaus höher liegt. Doch bleiben wir bei den 50%. Was bedeutet dies konkret? Angenommen, Sie arbeiten 38 Stunden pro Woche in einem unselbstständigen Dienstverhältnis, so sind Sie gezwungen, 19 Stunden davon ausschließlich für den Staat zu arbeiten. Natürlich wird daraufhin das Argument geltend gemacht, wonach diese Abgaben in Straßen, Schulen, Sozialhilfen, etc. "investiert" werden. Aber von Freiwilligkeit kann hierbei selbstverständlich keine Rede sein, ganz zu schweigen von den verheerenden moralischen Implikationen, die sich aus einem auf Zwang und Drohungen basierenden System unweigerlich ergeben (hierzu soll in einem späteren Artikel eingegangen werden).

 

Conclusio: Man drehe und wende es wie man wolle, wir sind keinesfalls Herrscher über unsere eigenen Körper, sondern allenfalls vom Eigentümer Staat geduldete Untermieter. Sollten Sie, werter Leser, schlüssige Gegenargumente finden, bitte ich Sie um entsprechende Kommentare.

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rainerinnreiter, am 03.06.2012

Kommentare


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jofl am 09.06.2012

Tipp: Der sehr schöne und zu Herzen gehenden Film über das Thema „Organspende“: „Beim Leben meiner Schwester“ mit unter anderem Cameron Diaz, Abigail Breslin, Sofia Vassilieva und Eric Baldwin.

rainerinnreiter am 07.06.2012

@ Alice
Die Kosten für medizinische Versorgung, Ausbildung, Pharmazeutika, etc. sind deshalb so horrende, weil es keinen Freien Markt und somit keine Wettbewerbssituation gibt, die einerseits für raschere Entwicklungen, andererseits für geringere Kosten sorgen würde. Gerade der Staat sorgt ja eben erst dafür, dass alles so bleibt wie es ist, es also eine privilegierte Kaste, einen wegbrechenden Mittelstand sowie eine Unterschicht gibt, die das System alimentiert.

Alice_Alphabet am 06.06.2012

Ja, aber für ein paar Milliarden Menschen kommt eine Nierentransplantation sowieso nicht in Frage, weil das medizinische Umfeld nicht stimmt. Wer keinen Zugang zu High-Tech-Medizin hat, weil es sie entweder nicht gibt oder sie nicht finanzierbar ist, kann auch mit der Niere nix anfangen. Und selbst, wenn die Transplantation machbar wäre (z.B. im Ausland), dann fallen ca. 400 Euro pro Monat lebenslang für die Immunsupression an. Eine Nierentransplantation kommt ohnehin nur für einen Bruchteil der Weltbevölkerung in Frage.

rainerinnreiter am 05.06.2012

"Du findest 3000 Euro für eine Niere teuer?"
Für ein paar Milliarden Menschen sind 3000 Euro quasi unerschwinglich. Insofern: Ja. Aber egal, es handelt sich nur um unbedeutende Überlegungen, die ohnehin keine Rolle spielen.

Alice_Alphabet am 04.06.2012

Hallo Rainer,

die Diskussion nimmt jetzt Schlenker, die ich nicht mehr mitmachen will, weil ich nicht mehr ausufern mag. Ich bin eh schon genug.

Deshalb nur noch eine konkrete Frage: Du findest 3000 Euro für eine Niere teuer? Hast du da auch einen Smiley vergessen? Ich fand den Betrag lächerlich.

rainerinnreiter am 04.06.2012

Teil 2:

"Wir leben in einer Welt, in der einige Wenige durch Vermehrung ihres Kapitals anderen die Lebensgrundlage entziehen."
Das ist nur die halbe Wahrheit. In den Medien und in der Politik wird natürlich der böse Neo-Liberalismus (für den es übrigens keine einheitliche Definition gibt) für alles Übel verantwortlich gemacht, insbesondere den ach so schlimmen Freien Markt. Tatsächlich ist es aber so, dass die extremen Ungleichheiten eben NICHT durch den bösen Kapitalismus verursacht werden, sondern durch das exakte Gegenteil. Welche Politik betreiben denn die USA und zunehmend auch die EU? Klientelpolitik für die großen, untrennbar mit der Politik verwobenen Unternehmen und Lobbyisten, Abschottung der Märkte, unzählige Gesetze und Verordnungen, die darauf abzielen, Konkurrenz auszuschalten. Glaubst du, in einem wirklich Freien Markt gäbe es gerade einmal eine Handvoll Erzeuger (normierter) Energiesparlampen? Oder riesige Agrar-Konglomerate? Oder Trawler, die ganze Meeresgebiete leerfischen, weil doch eh alles so schön gratis ist?
Wir haben nicht ein zu viel, sondern ein zu wenig an Kapitalismus in seiner reinsten Form. Ich weiß, es gibt auch hierfür keine Definition. Meiner Ansicht nach heißt Kapitalismus: Friedliches Handeln. Ich schneide dir die Haare für einen Zehner, du akzeptierst und bezahlst nach vollendeter Dienstleistung. Was ist daran verkehrt? Brauchen wir dafür einen gigantischen Staatsapparat und eine Unzahl an Gesetzen, die kein Mensch sich merken, geschweige denn erfüllen kann? "Wenn diese Leute dann noch danke sagen müssen, dass sie den Menschen, die auf der Geldseite stehen, noch die Organe verkaufen dürfen, ist das nur zynisch."
Zynisch ist es deshalb, weil Vermögen größtenteils nicht durch gute Arbeit, sondern durch gute Kontakte zur Politik aufgehäuft werden.
Im Übrigen: Ist es weniger zynisch, arme Leute verrecken zu lassen, weil sie sich dank allerlei Gesetze, Zölle, Preisabsprachen, etc. keine lebensrettenden Medikamente leisten können?

"Ich bin dafür, dass es hier wenigstens theoretisch eine Grenze gibt und dafür nehme ich den Vorwurf der Hochnäsigkeit gerne in Kauf. Praktisch gibt es die Grenze ohnehin nicht."
Doch, diese Grenze verläuft dort, wo eine Gruppe Menschen sich anmaßt, die individuellen Freiheiten friedlicher Menschen immer weiter einzuengen.

rainerinnreiter am 04.06.2012

@ Alice
"Was für ein absichtliches Missverstehen und verdrehen ist das denn?"
Da hätte ich natürlich einen Smiley hinzufügen sollen um zu zeigen, dass mein Kommentar nicht ernst gemeint war.

"Was dagegen einzuwenden ist, wenn es im Einverständnis erfolgt? Weil Einverständis unter Druck kein Einverständnis ist. "
Nein, weil es um das Prinzip an sich geht. Das Prinzip lautet: Wie weit darf und soll eine Gruppe Auserwählter in die Leben anderer Menschen eingreifen? Und ich finde es ärgerlich, dass diese grundlegende Frage überhaupt nicht angesprochen wird, sondern allenfalls debattiert wird, ob diese Eingriffe weit genug gehen. Ich weiß natürlich, dass dies eine exotische Vorstellung ist und öffentlich unmöglich diskutiert werden kann, weil wir darauf konditioniert sind, den Staat und seine Vertreter als unsere Beschützer zu sehen.

"Ein lebenswichtiges Organ kann man nur spenden, wenn man den eigenen Tod in Kauf näme (das wäre dann der nächste Schritt und ich bin mir sicher, dass manche auch ihr Herz spenden würden, um ihrer Familie ein besseres Leben zu ermöglichen). "
Und wenn es so wäre: Wo hört die Bevormundung des Einzelnen auf? Wenn es mein Leben ist, sollte ich es nicht so führen dürfen, wie es mir passt, solange ich niemandem damit schade?

"Was wäre der gerechte Preis für sowas? In Moldawien gehen Nieren um 3000 Euro."
Ich kenne den "gerechten" Preis nicht, weil es keinen "gerechten" Preis gibt. Dieses Gewäsch von wegen "Gerechtigkeit" gibt es nur in einem restriktiven System. Ein Apfel kostet 20 Cent, weil Leute bereit sind, dafür 20 Cent zu bezahlen und es genug Nachschub gibt.
Oder andersrum: Eine Spenderniere ist deshalb so teuer, weil es auf Grund des Verkaufsverbotes sehr wenige gibt. Und gerade ärmere Menschen würden davon - wie überhaupt von einem Freien Markt (und, nein: Was wir haben ist KEIN Freier Markt!) - extrem profitieren. Durch ein hohes Angebot würden die Preise sinken.

Alice_Alphabet am 04.06.2012

"Ja, das wäre wirklich schlimm, wenn Menschen nicht mehr entführt und umgebracht werden würden, sondern einem legalen Geschäft nachgehen könnten ..."

Was für ein absichtliches Missverstehen und verdrehen ist das denn?




Bildquelle:
Gerd Altmann / pixelio.de (Mobbing - Wenn Schüler unter einem Pädagogen leiden)
Kuscheltier (Tunnel-Menschen - ein Leben in Dunkelheit)

Autor seit 3 Jahren
729 Seiten
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