Kraut & Rüben

Zugegeben, man kann gut leben ohne über solche im Prinzip nutzlosen Details Bescheid zu wissen. Doch so, wie es oft Skurrilitäten sind, die das Leben eines Menschen faszinierend machen, sind es die irrelevanten Kuriositäten, die eine Stadt lebendig machen.

Beispielsweise die Tatsache, dass in Wien im Jahr 1848 jener Kandelaber "zum Tode verurteilt" und vernichtet wurde, an dem der Leichnam des Kriegsministers Latour aufgeknüpft gewesen war. Oder dass im Jahr 1965 Fachleute den Verbleib von 100.000 Büroklammern in Wiener Amtsstuben untersuchten und dabei herausfanden, dass nur 20.000 zweckentsprechend verwendet worden waren. Ebenso viele dienten als Spiel­markenersatz bei Kartenspielen beziehungsweise als Schreibmaschinentypenreiniger. Die restlichen Klammern wurden beim Telefonieren verbogen oder von Kindern verschluckt, kamen als Zahnstocher oder Schraubenzieher zum Einsatz, und stolze 1112 Stück endeten als Sicherheitsnadeln an Damenstrümpfen.

Zusammengetragen hat diese und ähnliche Fakten der in Erdberg lebenden Sachbuchautor und Comic-Texter Harald Havas – ein "echter Wiener" im besten Sinn des Wortes, der ebenso stolz auf seine ungarisch-tschechisch-deutsch-katholisch-evangelisch-jüdische Herkunft verweist wie auf die Tatsache, der Enkel eines der beiden Erfinder der Kokoskuppel zu sein. Und damit ein ebenso charmanter "Mischmasch" ist wie die von ihm gesammelten Wissensschätze über Wien.

Wien wäre anders, wenn...

Kurioses über seine Heimatstadt hat auch Prof. Dr. Franz Hawla nach hartnäckiger Durchforstung einschlägiger Archive herausgefunden.  Nach seinem ersten Wienführer "Wien – nicht nur – für Wiener" beschäftigte sich der gelernte Jurist und ambitionierte Historiker mit der Frage, wie Wien wohl heute aussehen würde, wenn alle großtrabenden Pläne der Obrigkeit ausgeführt worden wären.

Von denen gab es genug. So wurden für das Rathaus über 25 verschiedene Standorte diskutiert, für einen war sogar schon die Baugrube ausgehoben – von den Wienern das "Kommunalloch genannt", - bis man sich für den jetzigen Ort entschied. Auch die Votivkirche hätte eigentlich vor dem Oberen Belvedere stehen sollen, neben dem Parlament wäre Feldmarschall Radetzky hoch zu Ross zu sehen, und am Zentralfriedhof gäbe es eine pneumatische Leichenbeförderung à la "Rohrpost", wenn... ja wenn man die vielen Vorhaben und Pläne dann nicht doch anders verwirklicht hätte als ursprünglich angedacht.

Hundertwasserhaus im 3. Wiener Gemeindebezirk

Hundertwasserhaus, Vienna, Austria (Bild: Doug Pearson / AllPosters)

Bandlkramer & Wasserer

Zu den ebenso kuriosen wie liebenswerten Seiten Wiens zählt die Liebe seiner Bewohner zur Musik, und da wieder ganz speziell zum Wienerlied. "Die Verherrlichung einer Stadt ist keineswegs so selten, wie die Wiener glauben", schreibt Stasi Lohr in ihrem mittlerweile vergriffenen Buch über Wien uns seine Lieder: "Auch die Bewohner von Paris, Neapel, New York und Berlin preisen ihre Stadt. Aber die Wienerische Mischung ist halt anders und etwas Besonderes.... denn die Liedertexte sind so etwas wie moderne Märchen".

Märchen, die unter anderem von Berufen erzählen, wie es sie in dieser Form nur in Wien gegeben hat: Wäschermadln mit kurzem Rock und "keck chaussirten" Wadeln, Bandlkramer, die Zwirn und Schneiderzubehör verkauften, Lavendelweiber, die im Sommer mit ihren Büscherln durch die Straßen zogen, und last, but not least, die von den Wienern mit liebevollem Tadel bedachten Strawanzer, deren Hauptbeschäftigung im ziellosem Flanieren durch die engen Gassen der Stadt bestand.

Im Gegensatz zu Wäschermadln und Bandlkramern gibt es die Strawanzer immer noch. Und seit neuestem auch eine StrawanzerIn: So heißt nämlich die Beilage zur Obdachlosenzeitung "Augustin", die ihrerseits wieder eine Kuriosität darstellt: Mit 70.000 verkauften Exemplaren pro Monat ist sie allen Wiener Raunzereien zum Trotz eine der erfolgreichsten Straßenzeitungen der Welt – und der beste Beweis dafür, dass Wien und die Wiener in jeder Beziehung "anders" sind.

Kurioses Wien

Erscheinungsjahr: 2010Gewicht: 235 gr / Abmessung: 18,5 cmVon Havas, Harald

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stones17, am 29.12.2011

Kommentare


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Sascha am 13.01.2013

Sorry, auf einer Dachterrasse in Wien natürlich ;-)

Sascha am 13.01.2013

… und ich habe Silvester 2012 über den Dächern gefeiert … schee woars :-)

Guglhupf am 03.01.2012

Und wo, wenn nicht in Wien, findet ein Autor problemlos zwei Dutzend Formulierungen für die simple Aufforderung, sich zu entfernen?

"Woot o" über "Maschier" weiter zu "Putz di" bis" Dradi" oder "Verzupf di" bis zu den längeren Versionen wie "Haudi iwa d' Häisa" zum "Hupf in Gatsch und schlog a Wöön" bis zum Legenderen "Baba und foi net".

Krimifreundin am 01.01.2012

Ich bin jetzt überzeugt, meine nächstes Reiseziel wird Wien sein.
DH und LG v Ruth

Textdompteuse am 31.12.2011

Wien macht mich immer neugieriger!

Daumen hoch

jofl am 31.12.2011

Wunderbar! Wieder eine Idee für ein Geschenk an meinen in Wien studierenden Sohn! (Ich komme drauf zurück, versprochen ;-)) Daumen hoch …

renzmarketing am 30.12.2011

Super Artikel, der Wien exakt beschreibt. Da fällt mir der Spruch ein: "Was ist das Schönste für den Wiener im Ausland? Die Fahrkarte nach Wien!"

Merlin am 30.12.2011

Müßte ich in der Stadt wohnen, käme nur Wien oder Köln in Frage.

LG Merlin



Autor seit 3 Jahren
51 Seiten
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