Sind von sexuellem Missbrauch nur Kinder betroffen? Und ist der Täter immer ein Erwachsener? Es gibt keine festgelegten Definitionen zu diesem Begriff. Je nach Arbeitsschwerpunkt werden beide Taten unterschiedlich betrachtet. Das macht eine genaue Klärung schwierig.
Wo fängt sexueller Missbrauch an?
von Stefanie_Vogel
In den Medien wird immer wieder vom sexuellen Missbrauch geredet. Doch kaum ein Reporter macht sich die Mühe zu erklären, was damit gemeint ist.
Was ist sexueller Missbrauch?
Es ist schon schwer, eine einheitliche Begriffsbestimmung zu finden. Noch schwieriger wird es, zu klären, wo der sexuelle Missbrauch überhaupt anfängt. Gehört eine Berührung am Arm schon dazu? Oder erst das Tätscheln des Pos?
In der heutigen Zeit scheint der Gedanke vorzuherrschen, dass sexueller Missbrauch nur Kindern geschieht. Bei erwachsenen Opfern wird scheinbar eher von sexueller Nötigung oder Vergewaltigung gesprochen. Doch dies ist zu einseitig gedacht. Mal abgesehen von der grammatikalischen Tatsache, dass ein sexuelle „Missbrauch“ den Gedanken nahelegt, dass es auch einen „richtigen“ sexuellen Gebrauch geben könnte, zeigen sich bei der Begriffsbestimmung noch andere Unklarheiten:
Das Strafgesetzbuch definiert sexuellen Missbrauch als oralen, analen und genitalen Geschlechtsverkehr. Dagegen steht das geisteswissenschaftliche Verständnis von Luise Hartwig, die sexuellen Missbrauch folgendermaßen beschreibt: „Jede unerwünschte, gewaltsame geschlechtliche Handlung, wie verbale und sexistische Belästigung, Exhibitionismus, Anstiftung zur Prostitution, Herstellung, Verkauf und Konsum pornographischen Materials mit Kindern sowie alle Handlungen, bei denen es zu keinem körperlichen Kontakt (noncontact) kommt“. Die Definitionen reichen also weit auseinander und widersprechen sich. Das Gesetz geht nicht unbedingt von Kindern als Opfern aus. Die Psychologie dagegen schon und unterstützt damit auch das Verständnis der Bevölkerung zu diesem Thema.
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Versuch eines Punkterasters
Immer wieder wird versucht, ein bestimmtes Raster für die Identifikation sexueller Übergriffe anzulegen. Doch diese Raster haben meist gehörige Lücken.
Verschiedenen Professionen versuchen immer wieder Definitionen durch Punkteraster zu entwickeln, die auch gleichzeitig klären sollen, wo sexueller Missbrauch anfängt. So gibt es den Ansatz, dass unter den sexuellen Missbrauch alle sexuellen Handlungen fallen, mit denen das Opfer nicht einverstanden ist. Aber was ist Einverständnis? Ein Kind kann diesbezüglich nicht frei entscheiden und/oder die Konsequenzen seiner Entscheidung überblicken.
Andere Thesen gehen von einem Altersunterschied zwischen Opfer und Täter von mindestens fünf Jahre aus. Dies schließt sexuelle Gewalt zwischen Gleichaltrigen automatisch aus. Also wäre ein sexueller Missbrauch von einem 16-Jährigen an einer 13-jährigen nicht möglich.
Ein Anderer Punkt beschäftigt sich mit dem Schaden für das Opfer. Nur wer als Opfer wirklich geschädigt wurde, ist Opfer eines sexuellen Missbrauchs geworden. Aber was ist eine Schädigung? Geht es um den Geist oder den Körper? Und nicht alle Taten hinterlassen Spuren, wie zum Beispiel die sogenannten „leichten Formen“. Verbaler Belästigung führen bei vielen Menschen nicht zu irgendeinem Schaden.
Auch wird versucht, sexuellen Missbrauch an eine Art Abhängigkeitsverhältnis zu koppeln. Demnach hat der Täter eine übergeordnete Position zu dem Opfer und kann diese dazu nutzen, seine Tat zu vollziehen. Bei Kindern als Opfern und Erwachsenen als Täter kann dies noch leicht nachvollzogen werden. Doch was ist, wenn der Täter ein gleichaltriges Kind ist? Auch diese können andere Kinder nämlich sexuell missbrauchen.
Zuletzt sei auf die Opferperspektive eingegangen. Hiernach ist Opfer eines Missbrauchs, wer sich als Opfer wahrnimmt. Was ist aber dann in jenen Fällen, in denen sich die Opfer in Selbstverleugnung üben? Ist dann der Missbrauch gar nicht passiert? Gerade Männer lehnen es oft ab, sich als Opfer zu sehen.
Sexueller Missbrauch spielt sich in Grauzonen ab
Da es also keine einheitliche Definition und auch keine lückenlosen Raster gibt, finden sich die meisten Vorfälle im Graubereich wieder.
Es scheint tatsächlich sehr schwer zu sein, Taten als sexuellen Missbrauch zu erkennen. Kaum ein Vorkommnis lässt sich 100%ig einer Definition oder Raster zuordnen. Die meisten anderen spielen sich in den typischen Grauzonen ab und wirken im ersten Moment vielleicht wie ganz normale Interaktionen. Da kann mal eine Hand zufällig „ausrutschen“ oder man hat einen anzüglichen Witz gemacht. War doch alles nicht ernst gemeint. Nur selten fordert ein Täter direkt sexuelle Handlungen ein. Deshalb sind sich die Opfer oft gar nicht bewusst, was gerade mit ihnen geschieht. Vielen wird dies erst lange Zeit später klar.
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