Zentralfriedhof Wien
Der Wiener Zentralfriedhof zählt zu den größten Friedhofsanlagen Europas und wurde 1874 eröffnet
Es lebe der Zentralfriedhof
„Der Tod, das muss ein Wiener sein“ singt Georg Kreisler. Und tatsächlich haben die Wiener ein ganz besonderes Verhältnis zum Sterben. Bester Beweis: der Zentralfriedhof in Simmering. Zu Allerheiligen wird dort der Toten gedacht. Doch im Sommer verwandelt sich die Begräbnisstätte zum beliebten Ausflugsziel. Und die Ehrengräber werden zur Touristen-Attraktion.
Dass die Wiener im Vergleich zu anderen Großstädtern eine besonders enge Beziehung zum Tod haben, sei zwar ein Klischee – aber ausnahmsweise eines, das stimmt, meint die Autorin Hanne Egghardt. Und liefert gleich passende Beispiele: Beim Heurigen kippt die sprichwörtliche Wiener Gemütlichkeit gern in eine abgrundtiefe Tod-Traurigkeit. Die sterblichen Überreste der Angehörigen des Kaiserhauses ruhen in Grüften, in denen ein eleganter Hauch von Ewigkeit weht. Ganze Museen mit Kuriositäten und Skurrilitäten rund um den Tod verbreiten wonnige Schauer. Und eine „schöne Leich“, wie das repräsentative Begräbnis mit großer Trauergemeinde genannt wird, gibt immer noch Anlass zum Schwärmen. Egghardts Fazit: Die Todessehnsucht hat in Wien Heimatrecht. Und das sei eigentlich nur logisch: Denn die Wiener lieben das Leben. Also lieben sie auch den Tod, die andere Seite des Lebens.
Aphrodisiakum für Nekrophile
Besonders deutlich wird das am Zentralfriedhof. Mit einer Fläche von 2,4 Quadratkilometern und mehr als 300.000 Gräbern, in denen 3 Millionen Menschen bestattet sind, ist er nicht nur die größte Begräbnisstätte Europas, sondern auch ein beliebtes Ausflugsziel. „Aphrodisiakum für Nekrophile“ nannte ihn André Heller. Und tatsächlich scheint sich niemand an der Präsenz des Todes (und der Toten) zu stören. Die parkähnliche Anlage gilt vielen Wienern als idealer Ort zum Spazieren und zum Flanieren, als perfekter Treffunkt für intime Rendezvous oder sommerliche Picknicks mit Kind und Kegel. Man labt sich vor den Friedhofstoren an Würstelständen, kauft beim Blumenhändler den obligaten Sonntagsstrauß für die Frau Mama und kommt mit ein wenig Glück noch gratis in den Genuss höchster Kunst. Dann nämlich, wenn sich Philharmoniker und Chorsänger aus der Staatsoper am Rand offener Gräber mit schmalzigen „Averln“ (Gounods „Ave Maria“) oder gestrichenen Trauermärschen etwas dazu verdienen.
Selbst gejagt wird zwischen Kreuzen, Grabsteinen und Laternen: Jeden Herbst pirscht die Simmeringer Jägerschaft über den Zentralfriedhof und sorgt dafür, dass die Zahl der Hasen und Fasane nicht überhandnimmt.
Sparsarg & Schöne Leich
Ein Spaziergang durch die Gräberreihen zeigt aber auch: Für die Ewigkeit ist den Wienern nichts zu teuer. Mit der „schönen Leich“, einer Beisetzung in großem Stil mit prunkvollem Kondukt, professionellen Grabrednern und opulentem Leichenschmaus, erweisen sie ihren Nächsten die letzte Reverenz. Immerhin die Hälfte aller Hinterbliebenen entscheidet sich für das kostspielige „Begräbnis erster Klasse“. Gespart wird lieber anderswo. Und das schon seit ewigen Zeiten. Als Kaiser Joseph II. 1785 den „Sparsarg“ verordnete, einen wieder verwendbaren Sarg mit Klappe auf der Unterseite, durch die der Tote ins Grab befördert werden konnte, stieß er auf erbitterten Widerstand. So genial die Erfindung auch war, die Wiener lehnten sie strikt ab, machten ihrer Entrüstung in Tumulten und Protestmärschen Luft und zwangen den Herrscher, seine Verordnung wieder zurückzunehmen.
Mit einer anderen Verordnung hatte die Obrigkeit mehr Glück. Obwohl der Eröffnung des ersten wirklich interkonfessionellen Friedhofs im Jahre 1874 bewegte Kontroversen vorausgingen, fand man einen Kompromiss. Heute gibt es in der Simmeringer Totenstadt neben dem katholischen Teil und den Ehrengräbern fünf weitere „Stadtviertel“: Die alte und die neue israelitische Abteilung, die zusammen rund ein Drittel des gesamten Friedhofareals einnehmen, die evangelische Abteilung, die russisch-orthodoxe Abteilung, die Gedenkanlage für die Opfer im Kampf um Österreichs Freiheit 1934 – 45 und den „Friedhof der Roten Armee“, wo die Grabinschriften in cyrillischer Schrift eingemeißelt sind.
Österreichisches Pantheon
Gleich bei Tor 3, dem prunkvollen, 1905 von Max Hegele gestalteten Hauptportal, beginnt die „City“, in der die Reichen und Berühmten ihre letzte Adresse gefunden haben. Von „Ruhe“ ist in diesem österreichischen Pantheon kaum die Rede, denn die Allee mit ihren Ehrengräbern ist der meistbesuchte Platz des Friedhofs. Beim Aufseher am Haupttor liegt ein Detailplan auf, ein Wegweiser zu den Ruhestätten großer Persönlichkeiten wie Johannes Brahms, Johann Strauß Vater und Sohn, Ludwig van Beethoven, Franz Schubert, Arthur Schnitzler, Curd Jürgens oder Helmut Qualtinger, von dem der wunderbare Ausspruch stammt: „In Wien musst’ erst sterben, bevor sie dich hochleben lassen. Aber dann lebst’ lang.“ Nicht alle Gräber der V.I.P.-Abteilung beinhalten auch denjenigen, der draufsteht. Manchmal handelt es sich um ein reines Denkmal – wie bei Wolfgang Amadeus Mozart, der auf dem Friedhof St. Marx in einem Massengrab beerdigt wurde und dessen mutmaßlicher Schädel sich im Mozarteum in Salzburg befindet.
Zu einer wahren Pilgerstätte für Fans aus aller Welt hat sich in den vergangenen Jahren das überlebensgroße Ehrengrab von Johann Hölzel alias „Falco“ entwickelt. „Österreichs einziger Popstar“ verstarb am 6. Februar 1998. Und auch von ihm ist eine typisch österreichische Songzeile geblieben: „Muss ich erst sterben, um zu leben?“.
Erst wann´s aus wird sein
Unbeabsichtigt hat der Falke damit einen Bogen zum Wienerlied geschlagen. Denn auch dort ist der Tod allgegenwärtig und tritt immer dann auf, wenn man ihn am wenigsten erwartet. Beim Heurigen etwa, wenn die Wellen der Gemütlichkeit und Weinseligkeit am höchsten schlagen. Nicht grausam, nicht furchterregend, sondern als geradezu selbstverständliche Tatsache, als Freund. „Erst wann’s aus wird sein, mit aner Musi und an Wein...“ ist eine Erinnerung an den Tod, die sich ebenso leicht singt wie „Verkauft’s mei G’wand, i fahr in Himmel“, oder das alte Fiakerlied: „Und kummt’s amol zum O’fahrn, und wir i dann begrab’n, dann spannt’s ma meine Rapp’n ein und führt’s mi übern Grab’n...“ Geradewegs Richtung Zentralfriedhof. Denn dort sind die echten Wiener zuhause. Wenn´s erst einmal wirklich aus ist ...
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Barbara