1. Der Hype

Es gibt verschiedene Arten des Hypes, die ich nach Intensität unterscheiden würde. Da hätten wir den Mini-Hype, den wir etwa im Falle von "50 Shades Of Grey" antreffen. Die Verfilmung eines Buches, Comics, oder wie in diesem Falle eines Selbsthilfe-Pornos für angegraute Hausfrauen, deren Gatten längst unter "durchbügeln" die nämliche Wäschepflege verstehen und raten müssten, welchem Geschlecht ihre Frau angehört, wurde wenige Wochen lang durchs globale Medien-Dorf getrieben. So lange, bis die vom Hype neugierig Gewordenen den ursprünglich als Fan-Fiction zu "Twilight" verfassten Roman tatsächlich lasen oder gar den Film (Safeword: "Laaangweilig"!) durchschliefen. In einem Arbeitszeugnis würde man von: "Hat sich bemüht" sprechen.

Erfolgreicher als die nur kurze Zeit währenden Mini-Hypes sind die must-see-Hypes wie "Der Herr der Ringe" oder besagte "Twilight"-Filme. Hierbei wird suggeriert, man müsste diese Filme gesehen haben, da es sich um einmalige Medienphänomene unserer Zeit handle. Hierbei lässt sich der Hype ebenso wie die Filmreihen in die Länge ziehen, die nicht selten dazu neigen, ein einziges Buch auf zwei Filme aufzuteilen. Doppelt hält besser, insbesondere bei den Einspielergebnissen. Der Nachteil: Ist der Vorlagenstoff erschöpft, gilt es eine Pause einzulegen. Bis zum unvermeidlichen Remake oder Prequel.

Star Wars hingegen schuf eine neue Form des Hypes: Den Dauer-Hype. Bereits Monate vor "The Force Awakens" wurde über die Teaser-Trailer spekuliert, geschrieben, fabuliert und tranquiliert. Liefen 2015 eigentlich noch andere Filme in den Kinos? Millionen fieberten dem US-Filmstart am Donnerstag, den 17. Dezember entgegen, und Überraschung: Der Film brach nicht bloß sämtliche Rekorde, sondern erhielt hymnische Kritiken. Von Fans. Und von Journalisten, die sich mit kritischen Tönen nicht um ein Interview oder eine Einladung zum nächsten "Star Wars"-Filmstart bringen wollten. Ganz im Sinne des Sonc Contests klopften sich Produzenten und Medienvertreter gegenseitig auf die Schultern und versicherten einander, dass dies der tollste Film aller Zeiten sei. Bis zum nächsten "Star Wars"-Teil natürlich, der auf jeden Fall noch toller sein würde.

Und wisst ihr, was mich am meisten nervt? Überall, buchstäblich überall wird man mit "Star Wars" genervt. Ich korrigiere mich: Es handelt sich nicht um keinen Dauer-Hype, sondern einen "WHAT THE FUCK???"-Hype. Bei jedem Öffnen einer Website habe ich Angst, von neuen "Was Sie noch nicht über Star Wars wussten!"-Pseudo-Artikeln wie eine Kellnerin auf dem Oktoberfest bedrängt zu werden. Eltern Minderjähriger sollten ihre Rotzlöffeln übrigens nicht zum Einkaufen mitnehmen: Sie laufen Gefahr, dutzende sinnlose mit dem "Star Wars"-Emblem aufgepeppte Lebensmittel oder "Star Wars"-Spielzeug kaufen zu müssen, um ihre Kinder von einem Heulkrampf abzuhalten.

Ebensolcher hätte beinahe mich selbst übermannt, als ich unschuldige Gedanken hegend bei "Amazon" shoppen wollte. Die gesamte Startseite (!) war starwarsifiziert worden. Und das mitsamt grausamsten Wortspielen, bei denen sogar Mario Barth zusammenzucken würde. Da wurde etwa mit dem Slogan: "Bauen Sie Ihr dunkles Imperium zu Hause" geworben. Herzlichen Dank auch für den Hinweis, dass ich einfacher Lohnsklave in einem versifften, dunklen Drecksloch hausen muss.

Oder, und das ist kein Witz, das stand wirklich so da: "Backe, backe Kuchen, Darth Vader hat gerufen". Tatsächlich? In welchem Teil hat er das gerufen? "Star Wars: Episode I – Die dunkle Schokolade"?

Weitere Kostprobe gefällig? "Luke, ich bin dein Vater – zieh dir was Ordentliches an". Damit wurde Kleidung für Kleinkinder beworben, darunter ein Jabba-the-Hutt-Kostüm, womit man seinem Wonneproppen wohl signalisieren möchte, dass er doch mal ein paar Kilo abnehmen möge, der faule dreijährige Sack. Und was möchte man mit einem Prinzessin-Leia-Kostüm ausdrücken? "Ich hoffe, mein Mädchen wird eine selbstbewusste Prinzessin, die ein ums andere Mal gerettet werden muss und ihren eigenen Bruder leidenschaftlich küsst?"

Enttäuschenderweise fanden sich unter dem grandiosen Titel: "Einen großen Krieger du suchst" keine Dildos in Form eines lustig blinkenden Laserschwertes.

Umso erfreulicher jedoch die feministische Botschaft an Kundinnen: Mit "Die schöne Seite der Macht" wurden Kosmetika und Mode beworben. Dies passt übrigens wunderbar in ein Film-Universum, das in sechs (in Zahlen: 6) Teilen ganze vier Frauenrollen hatte, darunter eine, die mit zwei Dialogzeilen ihr Auslangen fand.

Selbst "Star Wars"-Fans müssen zugeben, dass der Hype nicht bloß einen Zacken, sondern ganze Galaxien zu aufgeblasen ist. Es ist ja schön, wenn Leute Freude an einer bestimmten Filmreihe haben. Aber wenn diese praktisch die gesamten Medien auf Jahre hinweg (hierzu gleich mehr) in Geiselhaft nimmt, rettet mich nicht einmal ein veritables Stockholm-Syndrom vor einer Überreizung.

Falls sich auch noch die selbsternannte Königin Europas im Bundestag hinstellt und sagt: "Ich … bin … eure … MUTTI!", garantiere ich für nichts mehr. Und seid versichert, dass dies keine leere Drohung ist: Ich bin Nasenpopelsammler.

2. Hype ohne absehbares Ende

"Dauer-Hype? Jetzt übertreibst du aber!", mag der eine oder andere "Star Wars"-Fan nun einwerfen.

"Tue ich nicht", werfe ich zurück.

Selbst falls sich James Cameron, Steven Spielberg und Ridley Scott zusammenfänden, um gemeinsam einen neuen "Indiana Jones"-Teil zu produzieren, würde ihr Projekt im "Star Wars"-Schatten stehen. Warum? Ganz einfach: Es wird künftig jedes Jahr mindestens ein neuer "Star Wars"-Film erscheinen.

Kein Witz. 2015 hatten wir "The Force Awakens", 2017 wird "Star Wars: Episode VIII", 2019 "Episode IX" erscheinen. Und da Disney immerhin 4 Milliarden Dollar für die Rechte an Star Wars hingeblättert und das Interesse an Zeichentrickfilmen, die ja bloß den Grundstein für das Imperium legten, längst verloren hat, kann man da ruhig noch "Rogue One" 2016 und einen Film über Han Solo 2018 dazwischen reinquetschen. Ach ja, und falls jemand denken sollte: "Mir egal, dann glotz ich halt wieder TV" – die TV-Serie "Star Wars: Underworld" scharrt in den Startlöchern. Über die auf "Star Wars" basierenden Computerspiele, Bücher und Comics muss ich wohl kein Wort verlieren. Na gut, vielleicht über die Computerspiele. Bestimmt ließe sich ein phantasievolles, actionreiches Weltraumspektakel rund um das Star-Wars-Universum entwickeln. Aber wozu, wenn man mit "Dancing with the Star Wars" Millionen und Abermillionen verdienen kann?

Ich meine, wer von uns hat damals nicht "Star Wars" gesehen und sich nichts sehnlicher gewünscht, als Han Solo den Ententanz performen zu sehen? Was mich zum nächsten Punkt bringt …

3. Zu viel Brei verdirbt die Köche

Lasst mich mit einer kurzen Anekdote aus meinem erbärmlichen Leben (kann mich bitte jemand einfach erschießen? Ich zahle auch dafür) erkären, was ich damit meine. Ich wuchs in finanziell bescheidenen Verhältnissen auf. Schokolade war deshalb etwas ganz Besonderes für mich. So besonders, dass ich sie manchmal wie ein Eichhörnchen versteckte, um sie in noch schlechteren Zeiten genießen zu können. Im Gegensatz zu Eichhörnchen merkte ich mir aber nicht alle Verstecke, was zu erstaunlichen Schokolademutationen führte; das nur nebenbei eingestreut. Heute lebe ich zwar immer noch in bescheidenen Verhältnissen, Schokolade ist jedoch zum Massengut geworden. Ich könnte mir jeden Tag eine Tafel kaufen, und es gibt ca. 360 Tage im Jahr, da mache ich das auch. In meiner nostalgisch verzerrten Erinnerung schmeckte die Schokolade in der Kindheit besser. Vermutlich enthielt sie damals weniger Kakaoanteil als heute und bestand größtenteils aus Verpackungsmaterial und zermahlenen Büroklammern, aber der Punkt ist der, dass sie damals für mich ein Luxusgut darstellte, während ich heute immer welche im Schrank habe. Und eben deshalb schmeckt sie nicht mehr so wie früher.

Ähnlich verlief es mit "Star Wars": Da gab es zwischen den Filmen der Original-Trilogie drei Jahre Wartezeit, was gerade angesichts des Cliffhanger-Schlusses von "Das Imperium schlägt zurück" an Sadismus wider die Fans erscheint. Sicher: Es gab zwischen den ersten drei Teilen sowie in der Zeit bis zu den Prequels (Warnung: Auch hiervon soll noch die Rede sein!) allerlei Specials oder idiotische TV-Serien wie die "Ewoks". Freilich bedeutete dies hoffnungsfrohes Warten auf den nächsten Teil. Durch das erbarmungslose Auswalzen einer an sich dünnen Plotidee bedeutet dies heute, dass jedes Jahr mindestens ein "Star Wars"-Film in den Kinos anlaufen wird. Kaum ist der eine gestartet, beginnen die Dreharbeiten für den nächsten.

Das zumindest für mich Erstaunliche dabei ist: Die Fans können nicht genug vom stets Selben bekommen. Wirft man einen Blick aufs Superhelden-Universum, kommt man als Nicht-Fan ohnehin aus dem Staunen nicht mehr heraus: Jedes Jahr laufen mehrere Superhelden-Verfilmungen, darunter Absurditäten wie Reboots (Spiderman, Batman) oder "Man Of Steel", ein Superman-Film der sich weigert, seinen Helden beim Namen zu nennen (ernsthaft! Nur ein einziges Mal im Film weist ein typischer Geek darauf hin, dass Clark Kent "wie ein Superman" sei. Andererseits wäre angesichts der plumpen religiösen Symbolik der einzige passende Name ohnehin "Jesus" gewesen). Und praktisch jeder dieser Filme spielt mindestens eine Milliarde ein, wiewohl der Plot (Superheld muss alleine oder im Verbund mit anderen Superhelden einen wahnsinnigen Widersacher oder böse Aliens besiegen) in ca. 99% der Filme exakt derselbe ist.

Das Fatalste daran ist die Signalwirkung an Hollywood: "Mehr davon! Aber bitte exakt Dasselbe, nur mit Orangenspalten statt Kirsche obenauf, das ist mir Originalität und Abwechslung genug". Warum also sollten sich Drehbuchautoren und Regisseure groß den Kopf über den Plot zerbrechen, wenn Weltraumschlachten, CGI-Welten und Dialoge aus der Seifenopernfabrik genügen, um unzählige Milliarden einzuspielen? Die meisten dieser Milliarden werden übrigens via Merchandising eingenommen, was wiederum zum nächsten Punkt überleitet …

4. "Star Wars" ist ein Verkaufsvehikel

George Lucas war nicht nur der Erste, der erkannte, dass man weder eine Frisur, noch halbwegs passende Klamotten benötigt, sondern auch jenes clevere Bürschchen, das wusste, wie man eine Cash Cow so richtig zum Wiehern bringt. Für "Star Wars" verzichtete er auf seine Gage und sicherte sich die Merchandising-Rechte, was für das damals produzierende Studio 20th Century Fox vermutlich ungefähr so klang: "Wie, dieser Typ verzichtet auf die ganze Kohle und glaubt, er könnte mit Spielzeug für den Film Geld machen? Hahaha! Miss Manypenny, setzen Sie den Vertrag mit der Zusatzklausel "Der Unterzeichnete hat einen Schuss in den Socken und möchte lieber Merchandising-Rechte als blanke Kohle" auf. Ach, und dann besorgen Sie uns bitte den teuersten Schampus! Wir möchten darauf anstoßen, einen naiven Trottel so richtig übers Ohr gehauen zu haben!"

Shyamalan'scher Plot Twist: Die Bosse bei 20th Century Fox dürften sich Jahre später wie ein "Human Centipede" gegenseitig in die Ärsche gebissen haben. Innerhalb von knapp 30 Jahren setzte Lucas mit Merchandising gut 20 Milliarden Dollar um. Milliarden. Das ist mehr als das jährliche Bruttoinlandsprodukt der meisten afrikanischen Staaten. Zugegeben: Dafür werden viele dieser Staaten von Gestalten regiert, die erstaunliche Ähnlichkeit mit Darth Maul aufweisen.

Das Problem daran ist freilich, dass die Filme darauf ausgerichtet sind, möglichst viel Merchandising-Artikel unters Volk zu bringen. Entsprechend harmlos werden die Filme inszeniert, um Kinder und Jugendliche zu erreichen. Dies führte unter anderem zur Erschaffung Jar Jar Binks, dessen "Humor" zwischen dem Spaßfaktor des Fingereinklemmens in der Autotür und einem Ick-hab-ne-Fräundin-Witz Mario Barths zu verorten ist. Gewiss: Das "Star Wars"-Universum lässt sich in Punkto Figuren beliebig erweitern, nicht jedoch in der Weiterentwicklung der Story, die sich im "Gut gegen Böse"-Kampf festgebissen hat. Daran alleine ist nichts ehrenrührig: Die meisten Geschichten schildern einen solchen Konflikt. Allerdings dient die stets selbe Story als Platzhalter für neue SIth Lords, Rebellen oder Alien-Kreaturen.

So sehr ich den ersten "Star Wars"-Film auch schätze, so unumwunden muss man doch feststellen, dass die Story denkbar unoriginell war. Gewiss: Die Form des Erzählens war erfrischend neu, aber gerade die Einstufung als Science Fiction führte zum grotesken Missverständnis, "Star Wars" wäre typischer Vertreter dieses Genres. Ironischerweise war es Disney, die zwei Jahre nach Lucas' Geniestreich auf den fahrenden Zug aufspringen wollten und aus dem düsteren Science-Fiction-Drama "Das Schwarze Loch" eine bizarre Mischung aus "2001" und "Spaceballs" mit dreisten Anleihen bei "Star Wars" machten. Erfolg: Ein veritabler Bauchfleck, aus dem sowohl Disney, als auch die meisten anderen Studios lernten: Ernsthafte Science Fiction spielt nur einen Bruchteil dessen ein, was alberne SF-Travestien. Selbst James Bond zog es in "Moonraker" ins Weltall, wo er Bösewichte ins Vakuum kalauerte.

Wohin die Reise gehen würde, zeigte Lucas 1983 mit "Rückkehr der Jedi-Ritter". Nachdem "Das Imperium schlägt zurück" sowohl unter Kritikern, als auch unter Fans oftmals als bester Teil der Original-Trilogie gefeiert wird, spielte er weitaus weniger als Teil 1 ein – Grund genug für Lucas, aus dem ungewöhnlich düsteren zweiten Teil zu lernen und sowohl Story, als auch Charaktere zu infantilisieren. Safeword: Ewoks. Mit den Prequels übetraf sich Lucas gewissermaßen selbst: Drei Filme damit zu verschwenden, die Entwicklung eines faszinierenden Bösewichts vom nervigen Klugscheißerkind zum nervigen Leonardo DiCaprio-Wannabe zu zeichnen, war an Uninspiriertheit kaum zu toppen. Und trotzdem spielten die Filme jeweils eine Milliarde ein. Dabei ähnelten bereits die Filmplakate zu "Star Wars: Episode II – Angriff der Klonkrieger" verdächtig jenen von "Vom Winde verweht". Nicht, dass dies ein Zufall wäre, hatte sich Lucas doch bereits für seine berühmten Lauftexte von der SF-Serie "Flash Gordon", na, sagen wir mal, "inspirieren" lassen. Urteilt selbst:

Bekanntlich sollte man aber überall auch das Gute sehen. Lucas hat sich aus der Produktion der "Star Wars"-Filme zurückgezogen, was uns künftig hoffentlich Dialogzeilen der Marke: "Anakin, you're breaking my heart!" (Originalzitat Padme, kurz bevor sie allen Ernstes an gebrochenem Herzen stirbt – das ist kein Spoiler, sondern so ziemlich das Dümmste, was jemals über die Leinwand flimmerte) ersparen wird. Was uns wiederum zum für mich absolut Nervigsten an "Star Wars" bringt.

5. Ich schaue mir trotzdem jeden neuen "Star Wars" an

Ja, ich habe Jar Jar gehasst und ihm den Y2K-Bug an den Hals gewünscht, ich habe mich über Darth Vaders Dahinscheiden geärgert, während allerlei uninteressante Charaktere weiterleben durften, ich habe George Lucas‘ Dialoge durchlitten, die Love Story zwischen Anakin und Padme abgesessen (Übrigens: Bin ich der Einzige, der sich dabei die Frage stellte, ob George Lucas ein Außerirdischer ist, der keine Ahnung von zwischenmenschlicher Liebe hat?), den Gehirnschwurbel um die unbefickte Empfängnis Anakins ertragen, und ich habe mich immer wieder wie ein Tourette-Syndromler selbst dafür beschimpft, schon wieder diesen Mist geguckt zu haben.

Und trotzdem werde ich mir auch den neuen "Star Wars" anschauen. Und den nächsten. Und den übernächsten. Mein Leben ist offenbar noch weitaus erbärmlicher, als ich es selbst befürchtet hätte.

Autor seit 6 Jahren
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