Positives Denken - nein, danke (Bild: PublicDomainPictures / Pixabay)

Die Grundhaltung

Die Grundhaltung

Als Einstieg in den Ausstieg aus dem positiven Denken ist es wichtig, dass Sie möglichst schnell die passende Grundhaltung entwickeln. Stellen Sie sich ab jetzt mehrmals pro Stunde folgende Fragen:

  • Wer bin ich eigentlich wirklich?
  • Habe ich im Leben alles erreicht, was ich wollte?
  • Könnte ich nicht viel glücklicher sein?
  • Sind diese ganzen flüchtigen Augenblicke des Glücks nicht reiner Selbstbetrug?

Sie werden sich wundern, wie schnell positives Denken fast automatisch aus Ihrem Kopf verschwindet und Sie nach einiger Zeit auch gar nicht erst wieder belästigt.

Einen noch besseren Effekt - Stichwort Haltung - erreichen Sie, wenn Sie bei dieser Denkübung die Schultern hängen lassen, den Kopf senken und mehrere Minuten mit leerem Blick zur Erde starren.

Falls Sie an einem Morgen etwas verkatert aufwachen, weil Sie einen über den Durst getrunken haben, freuen Sie sich: es gibt kaum einen besseren Moment, um mit dem Üben zu beginnen.

Wichtig: Stellen Sie sich diese Fragen insbesondere auch, wenn Sie nachts aufwachen. Und keine Sorge, wenn Sie diesen Ratgeber befolgen, wird das in kürzester Zeit der Fall sein. Falls Sie wider erwartend aber Probleme mit dem Wachbleiben oder dem nächtlichen Aufwachen haben, empfehle ich Ihnen den Ratgeber zum Thema "Schlaf" aus dieser Artikelserie.

Mit allen Sinnen

Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass Sie schöne Erinnerungen und Gedanken auf eine ganz bestimmte Art und Weise in Ihrem Gedächtnis abgespeichert haben? Große, helle, farbige Bilder. Satte Klänge, gute Gefühle. Kopfkino par excellence, eben. Und Sie: mittendrin.

Der erfahrene Therapeut spricht hier übrigens von Submodalitäten, damit das Ganze noch etwas eindrucksvoller klingt.

Aber es ist ja schließlich Ihr Kopf, nicht wahr? Beginnen Sie damit, Ihre Gedanken einer gründlichen Renovierung zu unterziehen und versuchen Sie einmal folgendes:

  • Nehmen Sie sich einen dieser guten Gedanken, den Sie endlich loswerden möchten und versetzen Sie sich ganz in die Situation.
  • Sobald Sie bemerken, dass sich ein gutes Gefühl einstellt, treten Sie aus dem Bild heraus, schieben Sie es weit von sich weg und drehen Sie die Farbe heraus.
  • Wenn Sie bis jetzt weder Gewitterwolken noch ein fernes Donnergrollen in das Bild eingebaut haben, ist jetzt der richtige Moment dafür.
  • Sagen Sie innerlich zu sich selbst: "So glücklich war ich damals eigentlich gar nicht".
  • Zum Schluss stellen Sie sich jetzt noch einen großen Gospelchor im Hintergrund vor, der, begleitet von einer traurigen Musik in D-Moll, singt: "Genau! So glücklich warst Du gar nicht. Oh nooooooo!"

Nach nur wenigen Tagen wird es Ihrem Gehirn bereits automatisch gelingen, sämtliches positives Denken in dieses deutlich realistischere Setting zu bringen.

Negatives Umdeuten

Falls Sie schon einmal mit einem Therapeuten, einem Coach oder einem Kommunikations- bzw. Persönlichkeitstrainer zu tun hatten, ist Ihnen der Begriff des "Reframings" oder zu Deutsch "Umdeutens" sicherlich schon einmal begegnet.

Dabei deutet der Therapeut/Coach/Trainer eine Situation oder ein Verhalten, das vom Klienten als belastend empfunden wird, positiv um.

Ein Beispiel: Sie sind nicht zu faul zum Aufräumen. Sie sorgen lediglich auf heldenhafte Weise dafür, dass Ihnen neben Ihrem stressigen Job, den Streits mit Ihrem Ehemann und der Versorgung der vier kleinen Kinder noch genug Zeit für Ihre Affäre bleibt.

Ziel ist es also, dem Klienten zu neuen Sichtweisen auf sein Problem und einer gewissen Versöhnung mit dem als negativ empfundenen Gefühl zu verhelfen.

Diese Technik wird übrigens auch sehr gerne von Verkäufern eingesetzt. Eine Wohnung ist nicht klein, sondern gemütlich. Das Haus liegt auch nicht direkt neben der Startbahn des Flughafens, es ist nur unheimlich verkehrsgünstig gelegen. Und der Wohnungsmarkt ist auch nicht im Keller. Die Einstiegschancen sind gerade einfach unglaublich günstig.

Oder wie ein beliebter Spruch im Verkauf lautet: Man muss den Kunden so schnell über den Tisch ziehen, dass er die Reibungshitze als Nestwärme empfindet.

Natürlich sind solche Versuche, die Welt in einem besseren Licht erscheinen zu lassen, Unsinn. Oder wie Al Bundy, der Patriarch der "schrecklich netten Familie" es einmal treffend formulierte: Es ist nicht das Kleid, das Dich fett macht. Es ist das Fett, das Dich fett macht." Positives Denken hilft in solchen Fällen einfach nicht weiter.

Die Technik an sich kann aber sehr hilfreich sein, um endlich dem Teufelskreise des positiven Denkens zu entfliehen, wenn sie nur richtig angewendet wird.

Ein paar Anregungen für das tägliche Leben:

  • Sie fahren nicht mit einem Aufzug, sie sind vielmehr in einer Todesfalle gefangen.
  • Heute ist auch nicht Ihr Geburtstag, sie sind Ihrem unabwendbaren Tod schon wieder ein Jahr näher gekommen.
  • Sie sind nicht wohlhabend. Vielmehr sind Sie ein Ziel für Diebe, Räuber und Mörder geworden.
  • Sie denken auch nicht plötzlich negativ. Nein, Sie sind einfach erwachsen und dem Leben gegenüber realistisch geworden.

Experimentieren Sie mit alltäglichen Situationen, die Möglichkeiten sind schier endlos.

Teilen Sie Ihre Gedanken mit Anderen

Sie kennen sicher das bekannte Bonmot von E. M. Forster: Wie soll ich wissen, was ich denke, bevor ich höre, was ich sage?

In diesem Sinne sollten Sie auf keinen Fall darauf verzichten, Ihre Umwelt an den neu gewonnenen Erkenntnissen über das positive Denken teilhaben zu lassen.

Im Wesentlichen kann das zwei, für Ihre Weiterentwicklung weg vom positiven Denken, sehr hilfreiche Konsequenzen haben:

  1. Sie werden auf Gleichgesinnte treffen. Solche Menschen können Ihnen hilfreiche Tipps geben, wie Sie Ihre negativen Gedanken noch weiter perfektionieren können. Darüber hinaus werden sie Sie in Ihrer Überzeugung bestärken, auf dem richtigen Weg zu sein.
  2. Sie kommen mit Menschen in Kontakt, die Ihnen widersprechen. Die darauf folgenden hitzigen Diskussionen, unversöhnlichen Streitereien und andere negative Konsequenzen von Mobbing bis Kontaktabbruch werden Ihnen das sichere Gefühl vermitteln, dass Sie sich nicht getäuscht haben: die Welt ist wirklich ein zutiefst unfreundlicher Ort.

Sie kennen sicherlich viele Menschen, die von diesem Ratgeber genauso profitieren könnten wie Sie und die Sie gerne an dieser Erfahrung teilhaben lassen möchten. In diesem Sinne bedanke ich mich fürs Teilen dieses Artikels.

Nachwort

Falls Sie lachen mussten – großartig.

Wenn Sie sich dagegen jetzt fragen, wozu dieser Text gut sein soll und was mit Anti-Therapie gemeint ist, hier noch ein paar erläuternde Worte. Viele Menschen mit körperlichen oder seelischen Beschwerden fühlen einen gewaltigen und manchmal nur schwer zu ertragenden Leidensdruck.

Die Fähigkeit, das Leben mit etwas entspannter Abgeklärtheit und Humor zu nehmen, ist ihnen abhanden gekommen. Trauer, Wut, Schmerz und Scham bestimmen große Teile ihrer Gefühlswelt.

Die Zahl der gelesenen Selbsthilfe-Ratgeber füllt ein halbes Bücherregal. Nur besser fühlen sie sich nicht. Im Gegenteil, die Verzweiflung steigert sich eher noch, weil man mit den "drei Schritten zum Glück" oder den "10 goldenen Regeln zur perfekten Partnerschaft" dem Ziel eines schöneren Lebens nicht einen Millimeter näher gekommen ist. "Sorge Dich nicht - lebe" klingt wie ein höhnischer Kommentar zur eigenen Situation.

Häufig beginnt der Klient dann eine Psychotherapie mit der Vorstellung, der Therapeut möge ihm nach kurzem Nachdenken über sein Problem eine Gebrauchsanweisung überreichen, die, nur konsequent genug befolgt, alle Probleme zum Verschwinden bringt. Diese Hoffnung erfüllt sich natürlich nicht und kann gerade zu Beginn der Therapie zu großer Frustration führen. Damit gilt es für den Therapeuten umzugehen.

Nicht erst seit Paul Watzlawicks "Anleitung zum Unglücklichsein" setzen Therapeuten und Coaches Witz und Humor ein, um ihren Klienten neue Perspektiven auf Ihre Krankheit zu eröffnen und verschüttete Ressourcen wieder zugänglich zu machen. Statt mit erhobenem Zeigefinger Ratschläge zu erteilen, bringen Sie voller Wertschätzung Lachen und Freude in das Leben der Erkrankten zurück. Sie verhelfen Ihnen so zu mehr Akzeptanz für Ihre Situation. Außerdem versetzen Sie sie in die Lage, neue Lösungen für ihre Probleme zu finden. Wer schon einmal Sessions mit Therapeuten wie Richard Bandler oder dem leider bereits verstorbenen Frank Farrelly erlebt hat, weiß wovon ich spreche.

Darüber hinaus kann ein überzeichnetes "Anti-Beispiel" gelegentlich sehr hilfreich sein, um einen Einstieg in die Frage nach besseren Wegen zu finden. Daher mein Appell an Sie: denken Sie einmal absichtlich so richtig negativ - und genießen Sie das Gefühl zu wissen, dass Sie es absichtlich getan haben.

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