Mit dem Plastikhuhn auf Brautschau im Ausland

Wie ernst die Sendung ihre Protagonisten nimmt, beweist die Eingangssequenz: Einer der vier deutschen Singles stolpert über einen ebenso simpel gestrickten, wie schnulzigen Vorstellungstext. Unerbittlich reiht SAT1 ein Outtake an das Nächste, was den unglücksseligen Andreas natürlich alles andere als im besten Licht erscheinen lässt. Das ist ebenso schäbig wie billig, ganz frei nach dem Motto: Hauptsache der Zuschauer lacht über unsere schrulligen Kandidaten!

Das Konzept von "Auf Brautschau im Ausland" lässt sich rasch zusammenfassen: Korpulente und wenig schlagfertige Single-Männer werden auf Frauensuche geschickt. Ins Ausland, wie es großspurig heißt. Allerdings nicht nach Frankreich, Schweden, Argentinien oder Kanada, wo selbstbewusste Frauen abseits erschütternder Armut leben, sondern nach Thailand, auf die Philippinen oder Rumänien. Denn dort warten unzählige junge, attraktive Frauen auf die erstbeste Gelegenheit, den Slums, der Perspektivenlosigkeit und der erdrückenden Armut zu entfliehen. Selbst ein Hartz-IV-Empfänger verwandelt sich so vor Ort in einen wohlhabenden Märchenprinzen aus dem sagenhaft reichen Westeuropa. Die Frauenrechtsorganisation TERRE DES FEMMES formuliert dies folgendermaßen:

"Zwischen Deutschland und den von Sat. 1 ausgesuchten Heimatländern der Frauen wie Thailand, Russland oder den Philippinen herrscht ein großes wirtschaftliches Gefälle, das die Kandidaten der Sendung für die Frauen attraktiv wirken lassen."

 

Solo-Schmusebär

Bereits nach wenigen Minuten der ersten Folge rutscht einem der Kandidaten beim Betreten seines für einheimische Verhältnisse luxuriösen, für deutsche hingegen biederen Hotelzimmers der einzige sozialkritische Kommentar heraus: Im Hotel Luxus pur, während draußen die Armut herrscht, sinniert er, was wie ein Fremdkörper in dem auf Harmlosigkeit und Augenzwinkern getrimmten Sendungsformat wirkt. Kurz darauf hat der "schüchterne Schmusebär Sascha" (O-Ton) seine Bedenken wieder vergessen.

Vornehmlich wohl deshalb, weil er in einem Café mit gleich drei Filipinas verabredet ist, die ihn nicht bloß etwas nervös machen, sondern heillos überfordern. Sascha, der nach eigenen Angaben noch nie eine Freundin hatte, was die wiederholte Bezeichnung als "Schmusebär" paradox erscheinen lässt, ist hin und weg, als sich die ebenso eloquente, wie attraktive Studentin Jennifer neben ihm niederlässt. Leider spricht und versteht sie nur Englisch, was Sascha erfolglos nach verständlichen englischen Wörtern ringen lässt. Ihre freundlichen Aufforderungen, er möge doch einfach irgendetwas sagen, fruchten nicht. Wie auch, taucht doch plötzlich Date Nummer 2 auf, eine weniger anspruchsvolle, dafür offenherziger gekleidete potenzielle Partnerin. Ehe sich die beiden noch so richtig warmgeschwiegen haben, schwebt die nächste exotische Schönheit ins Café. Viele männliche Zuschauer dürften an dieser Stelle mit der Entscheidung ringen, ob sie Mitleid mit oder unverhohlenen Neid auf Sascha verspüren sollten, der nicht so recht weiß, was er mit den drei wunderschönen Frauen anfangen soll. Seine aus Deutschland mitgebrachten Pralinen sind auf dem Flug ebenso rasch geschmolzen wie sein Selbstvertrauen. Die Bauchbinde informiert den Zuschauer hämisch: "Hat vergessen, dass Schokolade schmilzt".

Natürlich bietet der "milde Münsterländer" (O-Ton) reichlich Platz für armselige Scherze: Deutlich übergewichtig – was ihn für "Schwer verliebt" geradezu prädestinierte -, Muttersöhnchen, keinerlei Erfahrungen mit Frauen, zurückhaltend und mit ein paar Brocken Hauptschulenglisch ausgestattet. Ein Traummann! Nicht für die Frauen, wohlgemerkt, sondern für ein seine Protagonisten genüsslich durch den Kakao ziehendes TV-Format wie "Auf Brautschau im Ausland". In Folge 2 scheint ihm das große Glück zu winken: Da lernt er die zierliche Christina kennen, als er sie auf offener Straße nach dem Weg fragt. Und welch' unglaublicher Zufall: Die Filipina spricht Deutsch! Zwar nicht fließend, aber gut genug um sich die Frage zu stellen, wie groß hierfür wohl die Wahrscheinlichkeit sein mag. Größer oder kleiner als jene, mitten in Deutschland einen Passanten anzuquatschen, der Filipino spricht? Spontan verabreden sich die beiden zum Plantschen am Strand, obwohl Christina nicht schwimmen kann. Gefallen würde die unablässig lachende Filipina dem "schüchternen Schmusebären" schon. Doch ihr Geständnis, bereits zweifache Mutter zu sein, lässt Sascha die Kinnlade in Slowmo runterklappen. Vielleicht auch nur eine Schutzbehauptung der kleinen Frau, die neben dem über hundert Kilo wiegenden Deutschen zerbrechlich wie ein Porzellanpüppchen wirkt.

 

Bärige Bastelbayern

Weitaus ärger noch erwischt es den durchaus sympathischen Andreas: Er wird sowohl von den Sendungsmachern, als auch seinen Mitmenschen regelrecht vorgeführt. Das Schlimme daran: Dessen scheint sich der naiv wirkende Single gar nicht bewusst zu sein. An ihm kann die ansonsten völlig hilflos durchs Bild staksende Moderatorin ihren nicht vorhandenen Witz auslassen. "Das sieht ja richtig wild aus hier!", attestiert sie beim obligatorischen Erstbesuch, da im Wohnzimmer die Wäsche zum Trocknen hängt. Genüsslich fingert sie dabei an einem der frisch gewaschenen Slips herum. Wäre sie nicht gar so bieder, könnte sie eine Anzüglichkeit hinterher schicken. Stattdessen hämmert sie ihn mit peinlichen Fragen in die Couch und freut sich über die Kastanienmännchen des "bastelnden Bayernfans" (O-Ton), die er in Thailand seiner künftigen Holden schenken möchte.

Später am Flughafen scheitert Andreas an den Anweisungen der Dame am Schalter, wie er seinen Koffer korrekt aufs Förderband legen müsse. Das ist peinlich – und deshalb Grund genug, ihn mit eigenen Worten beschreiben zu lassen, wie peinlich das war. Selbst die Reisenden hinter ihm in der Warteschlange machen sich über ihn lustig. Als Andreas ein paar Bücher aus dem Koffer nimmt um nicht Übergewicht zahlen zu müssen, merkt einer der Reisenden süffisant an: "Du sollst nicht lesen, sondern Frauen kennenlernen". Unausgesprochener Nebensatz: "Nimm lieber Gummis mit!"

An Bord der Maschine frischt der Nebenmann – zufälligerweise ein perfekt Deutsch sprechender Australier - sein Schulenglisch auf. Helfen wird es Andreas freilich nicht, wenn er hübsche Thailänderinnen mit: "Yu ar bjuti, wandafull" zu umgarnen versucht.

Egal: Der abwechselnd als "treue Trachtenträger" und "bärige Bayer" beschriebene Andreas dient ohnehin nur als Zielscheibe des Spotts. Bei der Landung in Thailand wird bezeichnenderweise "Samurai" von der EAV eingespielt. Ein Lied, das vom Sextourismus handelt. Reizend.

 

TeutonischeToilettenkunde

Vergleichsweise sanft werden die beiden anderen Singlemänner angefasst, was wohl mit ihrem durchaus selbstbewussten Auftreten zusammenhängen dürfte. Da wäre zum einen der "treue Traktorliebhaber" Jürgen, ein Bauer, der das "r" wie ein Brite rollen lässt und sich eine Frau für die schönsten Nebensachen der Welt wünscht: Waschen, kochen, bügeln. Seine Mutter hätte zwar lieber eine, nun ja, Nicht-Ausländerin als Schwiegertochter, die Hauptsache ist aber ohnedies, dass sie zupacken könne. Gleich nach der Ankunft in Rumänien verliebt sich Traktorfreund Jürgen in eine hübsche Einheimische, die von der Sprecherin als "rassige Königin" und später als die "charismatische Crina" bezeichnet wird. An dieser Stelle muss vermerkt werden, dass die ständigen Alliterationen nicht nur auf die Nerven zu fallen beginnen, sondern völlig willkürlich gewählt erscheinen. An der zurückhaltenden Ostschönheit Crina ist nun wirklich rein gar nichts "charismatisch". Im Sinne der Alliteration musste aber eine mit dem Buchstaben "c" beginnende Eigenschaft gefunden werden, ganz gleich ob passend oder nicht.

Ebenso unpassend ist das alkoholhaltige Eier legende Plastikhuhn, das Jürgen beim Besuch von Crinas Familie präsentiert. Den Rumänen gelingt nicht einmal ein gequältes Lächeln, derart konsterniert reagieren sie auf die Peinlichkeit. Zum Drüberstreuen darf ein Schuss deutsche Überheblichkeit nicht fehlen. Beim Anblick des Plumpsklos im Garten der ärmlichen Familie merkt Jürgen an, dass in Deutschland die Toiletten im Haus seien. Für diese wertvolle Information werden die Rumänen bestimmt dankbar sein, die das Konzept einer Wasserspülung im Haus wohl kaum auf Grund Geldmangels, sondern wegen fehlenden Wissens umzusetzen versäumten.

Der "musikalische Macho" Harry passt so gar nicht in die Sendung. Nach eigenen Angaben hatte er (gleichzeitig?) eintausend Frauen im Bett und zeugte bislang acht Kinder mit acht Frauen. Und da er nicht auf den Mund gefallen ist, erhält die Moderatorin keine Gelegenheit für platte Witzeleien. Stattdessen rollt sie nur mit den Augen, als er sein eher schlichtes Frauenbild in die Kamera plappert. Trotzdem wünscht sie ihm viel Glück und umarmt ihn, ehe es für ihn Richtung Russland losgeht. Früher war das eine Strafe für Deutsche – heute ist es eine für russische Frauen.

Das Schlimmste an "Auf Brautschau im Ausland" ist aber die augen- und ohrenscheinliche Lustlosigkeit, mit der diese Sendung produziert wird. Angefangen von einer völlig überforderten Moderatorin über die meist unpassend gewählte musikalische Untermalung und die unzähligen Alliterationen bis hin zu einer Sprecherin, die die Texte monoton wie die Sprachausgabe von Windows herunterliest, steckt kein Funke Kreativität oder ehrliches Interesse an den Kandidaten oder den fremden Kulturen in dem Sendungsformat. Vielmehr werden die Singlemänner zum Gaudium des Publikums vorgeführt und exotische Locations als Frauenmärkte mit Selbstbedienung und Gratisproben präsentiert. Als nächstes wünscht sich der Artikelautor übrigens die Sendung: "Auf Hirnschau in SAT1", wenngleich die Suche wohl erfolglos sein dürfte …

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