Aufklärung und ReligionEs war mir lange Zeit ein Rätsel, warum die Menschen glauben, warum im Namen Gottes, Allahs und dergleichen so viel Unrecht geschieht und warum viele gläubige Menschen auf dem Recht bestehen, dass ihr Glaube der einzig richtige Weg bzw. das einzig Wahre sei.

Da Gott nicht konkret greifbar ist und keine rationalen Gründe für seine Existenz vorhanden sind, muss es andere Gründe geben, warum die Menschen glauben.

Aus meiner Sicht passen deshalb alle diese Gründe in eine der im Nachfolgenden aufgeführten Kategorien.

1. Kategorie: Missdeutung von Naturphänomenen aufgrund mangelhaften Wissens

Für die Steinzeitmenschen wie den Neandertaler und die Menschen der Frühzeit waren Begriffe wie Wissenschaft und Forschung noch unbekannt und lebten mit und in der Natur ohne einen Schutz wie wir ihn heute zum Beispiel in Form von Häusern kennen. Sie waren den Naturgewalten schutzlos ausgeliefert und sahen sich in der fernen Vergangenheit einer beeindruckenden, unverständlichen Umwelt gegenüber. Überall lauerten Gefahren und es geschahen Dinge, die die Steinzeitmenschen nicht verstanden und die ihr Leben beeinflussten. 

Die Menschen der Frühzeit kannten noch keine Wissenschaft im heutigen Sinne und waren den Naturgewalten mehr oder weniger schutzlos ausgeliefert. Sie personifizierten die Natur - Donner und Blitz waren die Folge des Zorns der Götter, damit Regen fiel, wurde der Regentanz aufgeführt. Als logische Konsequenz musste man versuchen, sich den Göttern gefällig zu machen. Da man sich die Götter wie Menschen vorstellte, die nur entsprechend mächtiger waren, versuchte man sie mit Bestechung wie z.B. kleinen Gaben, Geschenken oder anderen Opferdarbringungen zu besänftigen.

Dieser Zugang zu Gott erscheint heutigen Gläubigen wie ein naiver Irrtum. Sie machen sich aber oft nicht klar, dass Religion niemals neu erschaffen wurde, sondern immer auf alten Glaubensinhalten aufbaut. Man kann das in der Bibel sehr schön nachvollziehen. Im Alten Testament herrscht ein primitives, archaisches Götterbild vor: der Herr ist egoistisch, rachsüchtig, ungerecht und launisch. Trotzdem lassen die Evangelisten Jesus vom Gott der Väter reden und tun gleichzeitig so, wie wenn dieser Gott auf einmal liebend, gerecht, sanftmütig und ausgeglichen wäre. Eine erstaunliche Wandlung.

Seit Beginn der Neuzeit - und damit mit dem Aufkommen der Wissenschaft - musste sich die Religion kontinuierlich zurückziehen. Mit wachsendem Verständnis der Natur und ihrer Gesetzmäßigkeiten war immer weniger Platz und Notwendigkeit für das Eingreifen Gottes erforderlich. Kein Mensch glaubt heute noch ernsthaft, dass Gott den Regen macht - selbst der frommste Christ sitz lieber vor dem Fernseher und hört sich den Wetterbericht an. Aber trotz allem wird auch heute noch mit vorzeitlichen Ritualen in Gottesdiensten und Prozessionen um gute Ernte, gutes Wetter und dergleichen gebeten - als ob da oben einer am Wasserhahn sitzt und diesen nach Lust und Laune auf- und zudreht. Hier wird auf zwei Ebenen gelebt und gedacht, die sich vollkommen widersprechen. In Wirklichkeit ist aber die Idee "Gott als Erklärung für die Natur heranzuziehen" schon lange überfällig und unbrauchbar geworden.

2. Kategorie: Überlieferung, Erzählung, Tradition, Heilige Schrift, Autoritäten, Vorbilder, Erziehung

Christ, Jude oder Muslim wird man nicht von selber - man wird dazu gemacht. Ohne eine entsprechende Erziehung von Kindesbeinen an, kämen die wenigsten Menschen auf die Idee, an absurde Dinge zu glauben wie zum Beispiel, dass sich Oblaten tatsächlich in den Leib Christi verwandeln, dass die Erde erst vor ein paar tausend Jahren entstanden ist oder dass die Bewohner einer abgelegenen Küstenregion des Mittelmeeres etwas Besseres sind, als alle anderen Bewohner des Universums. Nein, solche komplizierten Dinge muss man mühsam lernen! Dass Äpfel vom Baum herunter fallen und nicht hinauf, bekommt ein durchschnittliches Menschenkind mit der Zeit von selbst mit. Glaubensinhalte dagegen und das spezielle Gefühl diese anzunehmen, müssen von frühester Kindheit an trainiert werden. Deshalb geben sich die Religionsgemeinschaften auch die allergrößte Mühe, den Glauben ihren Kinden möglichst früh, nachhaltig und intensiv einzutrichtern. Dies ist vergleichbar mit den Banken: Wer schon als Kind beim Weltspartag dabei war, wird mit großer Wahrscheinlichkeit auch als Erwachsener ein Konto bei der Sparkasse besitzen.

Wer hingegen seine Kinder ohne diesen gläubigen Schnickschnack erzieht, wird schnell feststellen, dass sich freies Denken und eine kritische Einstellung in Bezug auf diffizile Glaubensinhalte ganz von selbst Entwickeln - wie etwa bei der erwähnten Frage bezüglich der lebensmitteltechnischen Zusammensetzung der Hostie nach der Wandlung.

Menschen, die außerhalb einer religiösen Tradition aufwachsen, haben selten ein Bedürfnis nach echter Religiosität. Wer jedoch religös erzogen wurde, wechselt nur in ganz seltenen Fällen die Glaubensrichtung. Sollte man aber nicht meinen, dass Menschen, die auf der Suche nach Gott sind, in großer Zahl zu der einen, richtigen Religion wechseln, denn die eine, richtige, die sollte ja schon deutlich erkennbar sein unter all den Irrlehren - oder etwa nicht? Zumindest hat schon Lessing seinen Nathan diese Frage in Form der berühmten Ringparabel stellen lassen...

3. Kategorie: Wunschdenken und die Frage nach dem Sinn des Lebens, nach Sicherheit, nach Trost in schweren Zeiten usw.

Bereits Voltaire bemerkte: "Gäbe es Gott nicht, so müsste man ihn erfinden". Viele Philosophen glauben, dass der Mensch das tatsächlich getan hat. Feuerbach formulierte es so: "Der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde", also mit Eigenschaften, die ein Gott unbedingt haben sollte. So ist Gott auch tatsächlich überreichlich mit Eigenschaften - die sich die Menschen wünschen - ausgestattet: Er ist allmächtig, allwissend, allgegenwärtig, im Himmel, in unseren Herzen, er ist zornig, sanftmütig, rächend, vergebend, für alle Menschen da, dreifach und einig, Herr der Heerscharen, Friedensfürst und vieles mehr. Und dabei beschränkt sich diese kleine Aufzählung nur auf die Eigenschaften des Gottes in der Bibel. Es ist leider unmöglich herauszufinden, welche der widersprüchlichen Eigenschaften Gottes nun zutreffen. Betrachten wir einmal die militärische Seite Gottes. Das Volk Israel hat in der Zeit des Alten Testaments sowohl großartige militärische Siege errungen als auch entsetzliche Niederlagen erfahren. Hat jetzt Gott ihnen beim Massakrieren ihrer Feinde geholfen, wie es geschrieben steht? Und warum hat er dann die Niederlagen zugelassen? Oder ist ihm dagegen das Morden ein Greuel? Immerhin heißt ja eines der zehn Gebote "Du sollst nicht töten"! Warum hat er dann sein Volk nicht daran gehindert, die Bevölkerung ganzer Landstriche auszulöschen und sich dabei stolz auf seine Hilfe zu berufen?

Hier kommt man nicht weiter, ohne die merkwürdigsten Hilfkonstruktionen bemühen zu müssen. Was ist mit Gottes Liebe? Ist sie tatsächlich allumfassend und das Christentum liegt falsch, wenn es lehrt, dass manche Menschen in die ewige Hölle kommen müssen? Oder ist es mit der Liebe nicht so weit her und die Hölle ist Realität, wie die Bibel vielfach lehrt? Auch hier kommen wir nicht wirklich weiter, denn zweifellos neigen Menschen dazu, Gott mit menschlichen Eigenschaften zu beschreiben. Viele Gläugibe suchen sich dann die ihnen am passendsten erscheinenden Eigenschaften heraus und behaupten felsenfest, dass Gott eben diese Eigenschaften und keine anderen besitzt.

Dies ist vergleichbar mit dem gläubigen Christen, der nach einem langem friedvollem Leben wieder erwarten nicht vor den Pforten des Himmels, sondern vor den Pforten der Hölle steht. Dort angekommen staunt er nicht schlecht, als der Teufel Fressgelage veranstaltet, alle Menschen in Saus und Braus leben, Spaß haben, sich vergnügen und in Luxus schwelgen. Selbst Petrus und Paulus sind unter den Feiernden. Verwundert schaut sich der Christ um und kann es nicht fassen. Plötzlich entdeckt er hinter einer dicken Glasscheibe lodernde Flammen, Folter, Schreie und Menschen, die erbärmliche Plagen erleiden müssen. Sofort fragt er den Teufel: "Sag mal, was ist denn mit den Leuten hinter der Glasscheibe los?" Da antwortet der Teufel: " Ach das, das sind die Katholiken, die wollen das so!"

4. Kategorie: Die Realität ist nicht immer das, was sie zu sein scheint

Ausgehend von neuen Erkenntnissen in der Hirnforschung sollten Grenzerfahrungen, Visionen, Offenbarungen und ähnliche Dinge neu bewertet werden. Hierher gehören relativ neue Erkenntnisse aus der Gehirn- und Wahrnehmungsforschung. Es gibt Menschen, die Gott "gesehen" bzw. "erfahren" haben und zwar nicht im üblichen metaphorischen Sinne, sondern durch eine konkrete, persönliche Gotteserfahrung, die sich ihnen direkt erschlossen hat und nicht indirekt über ein vages "Wirken", mit dem der normale gläubige Mensch zufrieden sein muss. Was steckt in diesem Fall dahinter? Wir hatten doch festgestellt, dass sich Gott nicht direkt nachweisen lässt und manche Menschen glauben ja nicht einmal, dass es ihn überhaupt gibt!

Verschiedene wissenschaftliche Projekte haben gezeigt, dass es Zustände der Gehirnaktivität bzw. des Bewusstseins gibt, in denen die betreffende Person vollkommen überzeugt ist, eine andere Person oder Präsenz wahrzunehmen. Versuchspersonen gaben zu Protokoll, die Erlebnisse seien absolut realistisch, wobei die Zustände, die zu solchen Erlebnissen führen, beliebig reproduzierbar sind!

Es steht daher außer Frage, dass es Vorgänge im menschlichen Gehirn gibt, die von den Betroffenen als Gotteserfahrung erlebt werden und dass dies vorkommen kann. Sind denn dann alle Gotteserfahrungen lediglich Produkte unseres eigenen Gehirns?

Wir können das niemals herausfinden, denn diese Erlebnisse sind von den Betroffenen nicht von der Realität unterscheidbar. Schon vor Jahrzehnten wurden an Hühnern entsprechende Experimente durchgefüht. Hierbei pflanzte man den Hühnern an bestimmten Stellen Elektroden ins Gehirn. Schaltete der Versuchsleiter nun einen schwachen Strom ein, reagierte das Huhn so, als müsse es einen imaginären Feind abwehren. Für das Huhn war der Feind also zweifellos vollkommen real.

Auch in manchen Filmen wird mit der Vorstellung gearbeitet, dass wir niemals wissen können, ob wir gerade die Realität erleben. Wissen wir denn, ob wir diesen Text hier lesen oder das nur träumen? Wenn wir aus einem Traum aufwachen, sind wir dann auch wirklich wach oder träumen wir nur, wir seien aufgewacht?

Was ist Wahrheit, fragte sich schon Pontius Pilatus. Fragen sich Menschen nach einer Vision oder einer Offenbarung denn auch, ob das jetzt Wirklichkeit war? Heute wissen wir, dass sie unbedingt darüber nachdenken und nicht alles glauben sollten.

Weitere interessante Aspekte zu diesen Themen sind in den folgenden Artikeln zu finden...

... aber auch in Filmen wie A beautiful MindMatrix oder I am Legend werden entsprechende Fragestellungen beleuchtet.

Hans, am 04.01.2010
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Bildquelle:
Reisefieber (Die heilige Kuh in Indien)

Autor seit 7 Jahren
59 Seiten
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