Geleitwort und Vorwort

Mit dem vorliegenden Buch geben, wie es im Geleitwort von Karl Kardinal Lehmann heißt, angesehene und bedeutende katholische Theologinnen und Theologen in theologisch fundierter und gut zu verstehender Sprache einen Überblick über die geistige und geistliche Grundlegung unseres christlichen Glaubens. Das Buch will, wie es die Herausgeber Walter Fürst und Jürgen Werbick im Vorwort formulieren, in diesem Sinne Leitfaden und Lesebuch für Glaubende sein, ebenso für Suchende, Fragende und Nichtchristen, denen es wichtig ist, das Selbst- und Glaubensverständnis der Christen angesichts der Erfahrungen und Herausforderungen der Gegenwart verlässlich kennen zu lernen. Dabei betonen die Herausgeber, dass es nicht darum gehe, das "Katholische" gegen das "Evangelische" zu profilieren. Dies widerspreche dem universellen, genuin ökumenischen Sinn des Katholischen, der vom speziellen Selbstverständnis der römisch-katholischen Kirche und Konfession zu unterscheiden sei. Es gehe also in diesem Buch um die Vertiefung des Glaubenswissens sowohl im konfessionellen, römisch-katholischen Verständnis als auch im universellen, ökumenischen Sinn des Katholischen.

Zur Einführung

Im einleitenden Teil des Buches findet man Beiträge über die wesentlichen Aspekte des christlichen Glaubens aus der Perspektive des von den Herausgebern skizzierten Verständnisses des Katholischen. So wird im Abschnitt unter der Überschrift "Glaubenslehre – Glaubensleben" verdeutlicht, was mit dem christlichen Glauben an Gott gemeint ist. Auf einen kurzen Nenner gebracht, ist das Ziel gelebten Glaubens die Versöhnung der Menschen mit Gott und untereinander, da dieses die Voraussetzung eines gelingenden Lebens sei.

Im Abschnitt mit der Überschrift "Katholisch und ökumenisch" erfährt man, dass das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) einen Weg zur Einheit der Kirchen vorgezeichnet hat, der sich von dem in der Zeit davor leitenden Gedanken der Rückkehr der anderen Christen zur einen römisch-katholischen Kirche deutlich unterscheidet, nämlich den Weg der inneren Erneuerung aller Kirchen.

Im Abschnitt mit der Überschrift "Biblische Offenbarung und die nichtchristlichen Religionen" wird kritisch angemerkt, dass es immer wieder zu einem religiösen "Imperialismus" des Christentums gegenüber anderen religiösen Überzeugungen gekommen sei, und betont, wie bereichernd für den christlichen Glauben die Begegnung mit dem Judentum, aber auch mit den nichtbiblischen Religionen sein könne. Im elften und letzten Abschnitt der Einleitung wird unter der Überschrift "Glaube, Hoffnung, Liebe" die christliche Grundhaltung dargelegt. Daran orientiert sich auch der inhaltliche Aufbau des Buches. Im ersten Kapitel geht es also um den Glauben.

Erstes Kapitel: Glauben

Im Kapitel über den Glauben ist das Thema des ersten Abschnitts das Glaubensbekenntnis. Hier geht es zunächst um die Anrede Gottes als Vater und Schöpfer. Diese sei gleichbedeutend mit dem Glauben an einen aus dem Nichts ins Dasein rufenden personalen Schöpfergott. Weiter wird gezeigt, was es genau bedeutet, dass Gott seiner Welt und den Menschen wohlwollend zugewandt sei. Das heißt: So wie ein Mensch, der einen anderen Menschen liebt, in seinem geliebten Gegenüber Neues zur Entfaltung bringt, so dass in diesem auflebt, was zuvor nicht oder nur verdeckt da war, so bringe Gott durch seine Zuwendung zu den Menschen bei diesen Neues hervor, nämlich zunächst "sein" Volk Israel und dann die christliche Kirche.

Im zweiten Abschnitt geht es um Glaubenszeugen. Hier wird geschildert, wie im Urchristentum Jüngergemeinden und reisende Missionare – Wandercharismatiker - versuchten, das Christentum weiter zu verbreiten, wobei der Apostel Paulus ihr großes Vorbild war, und es wird hervorgehoben, dass Frauen im Urchristentum eine mindestens ebenso wichtige Rolle gespielt hätten wie Männer. Später sei jedoch die zur christlichen Botschaft gehörende Vorstellung fundamentaler Gleichheit von Mann und Frau durch die Konstruktion des sozialen Geschlechts überformt bzw. verformt worden – nach dem Motto: Mensch=Mann.

Im dritten Abschnitt wird der Weg zum Glauben thematisiert. Hier geht es um Evangelisierung als Verkündung der Botschaft von Gottes rettender Nähe in Jesus Christus. Dabei gelte, dass, indem der verkündete christliche Glaube Menschen, Situationen und Kulturen verwandelt, er sich auch selbst wandelt, allerdings ohne in seinem Wesenskern ein anderer zu werden – gemäß dem Motto: Wer sich nicht wandelt, kann nicht sich selbst bleiben. Religiöser Fundamentalismus und erstarrter Hierarchismus der kirchlichen Amtsausübung seien folglich Belege für Fehlentwicklungen des kirchlichen Glaubensvollzuges.

Zweites Kapitel: Hoffen

Im Kapitel über das Hoffen geht es zunächst im vierten Abschnitt um die Kirche. Hier wird noch einmal detailliert geschildert, dass die Entstehung von Kirche als Gemeinschaft derer, die von Gott berufen und in eine Nachfolge gestellt werden, zunächst in der Geschichte des Volkes Israel geschehen sei. Das Volk Israel vertrete also in seinem Bund mit Gott die Menschheit. Und die Berufung des Bundesvolkes geschehe wiederum über die Berufung einzigartiger Menschen. Genaugenommen sei jedoch jeder Mensch als Ebenbild Gottes dazu aufgerufen, Stellvertreter Gottes auf Erden zu sein und Verantwortung für seine Mitmenschen und die gesamte Schöpfung zu übernehmen. Zum Verhältnis von Juden und Christen wird festgestellt, dass die Juden für die Christen die älteren Brüder im Glauben seien und dass der Glaube Jesu an den einen Gott Juden und Christen eine, dass aber andererseits der Glaube an Jesus Christus sie trenne.

Weiter wird ein Einblick in die hauptamtlichen Ämter und Dienste sowie in die Aufgaben der Laientheologen in der katholischen Kirche gegeben. Und zwar habe in der katholischen Kirche die geistliche Gemeindeleitung, das Priesteramt, den Rang eines Sakraments. Daneben gebe es eine zunehmende Zahl von Laientheologen und Laientheologinnen, die in den pastoralen Dienst gehen, und von nichtpriesterlichen Theologen und Theologinnen, die in den verschiedenen Bereichen der Kirche tätig seien. Sie verkörperten eine "Theologie des Volkes".

Es werden auch die Folgen des Priestermangels aufgezeigt, die vor allem darin bestehen, dass immer mehr nichtpriesterliche Theologen und Theologinnen die Aufgaben der Gemeindeleitung anstelle des am Ort fehlenden Pfarrers übernehmen. Kritisch wird dazu angemerkt, dass die gesamtkirchlichen Rahmenbedingungen wie die Verpflichtung der Priester zum Zölibat und der Ausschluss der Frauen von der Weihe zum priesterlichen Dienst eine grundsätzliche Lösung dieses Problems verhindern würden.

Im fünften Abschnitt erfährt man Näheres über die Sakramente als die äußeren Ausdrucksformen des Glaubens. Hier wird verdeutlicht, warum auch die Ehe ein Sakrament ist. Ihr Vorbild sei nämlich die Treue und Zuwendung Gottes zum Menschen. Dabei wird eingeräumt, dass die menschliche Liebe sich zwar an der Dauerhaftigkeit und Unbedingtheit der göttlichen Liebe orientieren, aber dennoch scheitern kann. Das bedeute auch, dass die Unauflöslichkeit der Ehe zwar eine Zielvorstellung sei, aber kein - gegen das Wohl der Ehepartner – erzwingbares materielles Recht.

Im sechsten Abschnitt geht es um die Bedeutung des Gebets im christlichen Glauben. So sei ein Gebet zunächst ein Ausweg aus der Sprachlosigkeit angesichts einer existenziellen Notlage. In einem Gebet könne man Gott aber auch danken und ihn loben für glückliche Erfahrungen, die man im Leben macht.

Im siebten Abschnitt wird unter der Überschrift Kirchenjahr und Festzeiten der Stellenwert des Sonntags und der Feiertage im christlichen Glauben verdeutlicht. Hier erfährt man, dass die Feier des Sonntags ihren Ursprung nicht im biblischen Schöpfungsbericht hat, sondern in der Auferstehung Jesu "am ersten Tag der Woche" (Mk 16.2). Insofern sei der Sonntag "wöchentliche Osterfeier" und damit Fundament und Kern des ganzen liturgischen Jahres.

Drittes Kapitel: Lieben – Achter Abschnitt: das Gebot der Liebe

In diesem Kapitel geht es zunächst im achten Abschnitt um das Gebot der Liebe und die damit verbundenen anderen Gebote (Thora, Zehn Gebote, Hauptgebot Jesu). Und zwar beinhalte das Hauptgebot Jesu die an das Volk Israel gerichtete Aufforderung, Gott zu lieben. Gleichzeitig heißt es: Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst. Zum Gebot der Nächstenliebe gehöre auch das Verbot des Hasses und der Rache. Deshalb sei das Gebot der Nächstenliebe auch ein Gebot der Feindesliebe. Zudem beziehe sich das Gebot der Nächstenliebe auch auf den Fremden und damit letztlich auf jeden Menschen. Grundlage des Doppelgebotes von Gottes- und Nächstenliebe sei, dass Gott selbst die Liebe ist, dass sie sein Wesen ist.

Ausführlich wird der Ursprung von Israels Gesetz und seiner vielen Gebote beschrieben. Und zwar sei es Gott – Jahwe – selbst, der Israel seine Gesetze und Gebote gebe. Dabei wende sich Gott bei der Übermittlung des Dekalogs, der Zehn Gebote, direkt an sein Volk. Der Dekalog bilde das "Grundgesetz", das "Fundament", auf dem die weiteren Gebote ruhen. Bei deren Offenbarung bediene sich Gott allerdings der Vermittlung durch Mose.

Wie hier betont wird, bedeutet die Herkunft des Rechts von Gott, dass der Staat kritisierbar wird, weil auch der König an das Recht gebunden ist, und der Autor folgert daraus, dass in Israel so zum ersten Mal in der Geschichte totalitären Staatsmechanismen eine konsequente Absage erteilt wurde. Man könne deshalb auch sagen, dass nicht nur das Christentum, sondern auch unsere abendländische demokratische Rechtsordnung auf diesem Fundament stehe. Bei der Auslegung des Dekalogs würden sich wiederum die Unterschiede zwischen Judentum und Christentum zeigen. So trete Jesus anders als Mose nicht nur als Vermittler zwischen Gott und den Menschen auf, sondern spreche mit seiner eigenen Autorität.

An anderer Stelle werden – um in die Moderne zu springen - die Entartungen der Vorstellungen von Gnade und Rechtfertigung in der modernen Leistungsgesellschaft geschildert. Hier entschuldige man sich, bitte aber nicht etwa andere um Entschuldigung. Von Gottes Gnade wolle man schon gar nicht mehr abhängig sein, man wolle frei sein und übernehme daher die Verantwortung für sich selbst. Wo sich aber der Mensch – so wird hier kritisiert – für immer mehr und schließlich für praktisch alles selbst verantwortlich erkläre, auch dafür, ob sein Leben glückt oder misslingt, ob er dem Leistungsdruck standhält, da drohe Gnadenlosigkeit, ein gnadenloser Rechtfertigungsdruck, und es herrsche allenfalls eine Scheinfreiheit. Gottes Gnadenangebot mache deshalb der menschlichen Freiheit keine Konkurrenz, sondern sei vielmehr ihr letzter tragender Grund.

Drittes Kapitel: Lieben - Neunter Abschnitt: Alltag

Im neunten Abschnitt wird die "Bewährung" der Liebe im Alltag thematisiert. Glück: Zunächst findet man eine aufschlussreiche Betrachtung der Beziehung zwischen menschlichem Glück und christlichem Glauben. Dabei wird davon ausgegangen, dass Glück in zweierlei Hinsicht eine Grenzerfahrung sein kann. So sei zum einen Glückserfahrung Sinnerfahrung, aber stehe im Schatten des Scheiterns und der Enttäuschung bzw. drohender Sinnlosigkeit. Insbesondere Liebesglück aber provoziere die tiefe Sehnsucht, dass es nicht verloren geht und dass wirklich alles "gut wird". Dies führe zur zweiten Sichtweise des Glücks als Grenzerfahrung, nämlich zur Vorstellung, dass Glück letztlich ein Geschenk ist, nämlich ein Geschenk Gottes.

Freiheit: Weiter wird die Bedeutung der Freiheit des Menschen aus christlicher Perspektive präzisiert. Hier wird daran erinnert, dass die Einforderung der Freiheit gegenüber kulturellen, ökonomischen, politischen, sozialen und kulturellen Strukturen, Institutionen und Normen schon seit langer Zeit ein zentrales Anliegen der Menschen ist. Dabei müsse jedoch berücksichtigt werden, dass "freiheitsfreundliche" sozio-kulturelle Bedingungen nicht automatisch Freiheit erzeugen, sondern nur den Rahmen abgeben für Freiheit im Sinne der prinzipiellen Möglichkeit des Menschen, sein Wollen und Wählen aus Gründen zu bestimmen, die aus vernünftiger Einsicht kommen. Dies sei gleichbedeutend mit der Vorstellung einer Freiheit des Menschen zur Wahl zwischen "gut" und "böse", die Gott den Menschen gegeben habe.

Liebe und Sexualität: Bei der Analyse von "Liebe und Sexualität" aus christlicher Perspektive wird hervorgehoben, dass die Fähigkeit zu lieben und Liebe anzunehmen, das sei, was uns als Menschen auszeichnet, und dass Liebe Ausdruck unserer Seele sei, dass Liebe und Seele sich gegenseitig beeinflussen und bereichern. Ausdruck dieser Beziehung sei auch eine beseelte Sexualität. In diesem Zusammenhang wird Kritik geübt an Reglementierungen in diesem Bereich, die seelenlos seien und deshalb Moralismus.

Angst und Vertrauen: Hinsichtlich der religiösen Dimension von Angst und Vertrauen wird darauf verwiesen, dass das stärkste Bollwerk gegen lebenseinschnürende Ängste ein solide verankertes Urvertrauen ist, das normalerweise in der Beziehung zwischen Mutter und Säugling aufgebaut werde, und dass eine wechselseitige Angewiesenheit von "normalem" Grundvertrauen und jenem religiös-existenziellem Vertrauen bestehe, das der Mensch Naturmächten, Ahnen und Göttern entgegenbringe. Dazu würden allerdings keine Gottesbilder passen, die Angst einflößen.

Macht und Ohnmacht: Aus christlicher Perspektive erscheint die Ausübung von Macht als bedeutsam und unerlässlich, aber auch als ambivalent und gefährlich, da sie oft das Erleben von Ohnmacht bei anderen nach sich zieht. Hier wird geschildert, wie Kinder und Jugendliche Macht und Ohnmacht erleben und wie diese Erfahrungen auch ihr Gottesbild prägen. Insbesondere gehe es dabei um die Frage nach der Verantwortung Gottes für das Leid in der Welt. Viele Jugendliche seien aber auch davon beeindruckt, wie Jesus die bekannten Modelle von Macht und Ohnmacht auf den Kopf gestellt habe. In der Gegenwart gelte es angesichts der hierarchischen Struktur der Kirche den Umgang der kirchlichen Amtsträger mit Macht immer wieder kritisch zu hinterfragen.

Drittes Kapitel: Lieben – Zehnter Abschnitt: Gesellschaft

Im zehnten Abschnitt – dem für mich wichtigsten Teil des Buches - werden unter der Überschrift Gesellschaft aus christlicher Perspektive gesellschaftliche Dimensionen der Liebe erörtert.

Dialog mit der Welt von heute: Hier geht es zunächst um den Willen der katholischen Kirche zum Dialog mit der Welt von heute, den das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) in der Pastoralkonstitution GAUDIUM ET SPES (GS) dokumentiert hat. Und zwar wollte die Kirche – so der Autor - durch dieses Angebot zum Dialog den Ruch des "Anti-Modernismus" loswerden, der sich seit dem späten Mittelalter herausgebildet hatte, und sie habe damit tatsächlich Abschied genommen vom Anspruch auf Vorherrschaft über die Welt.

Anknüpfend an diese Bereitschaft zum Dialog seien der Kirche und ihren Einrichtungen neue Rollen zugefallen, nämlich zum einen die Rolle einer "vermittelnden Institution" zwischen Zivilgesellschaft und gesellschaftlichen Institutionen und zum anderen die Rolle von "Bewegungsverbänden", die sich aus dem in der religions-pluralistischen Gesellschaft neu zu bestimmenden Staat-Kirche-Verhältnis ergebe. Für den Autor wäre hier das Optimum ein freier Staat, der allen Konfessionen und Religionen grundsätzlich gleiches Recht gewährt. Im Kontext der europäischen Integration könnte die Kirche in besonderem Maße zur Entfaltung einer von Glaube, Hoffnung und Liebe beflügelten solidarischen Rationalität beitragen, die die wissenschaftlich-technische Rationalität der Aufklärung übersteige.

Person, Individuum und Gesellschaft: Weiter wird das Verhältnis von Person, Individuum und Gesellschaft verdeutlicht. Hier wird davon ausgegangen, dass einerseits dem Menschen als Person eine einmalige, unverwechselbare Individualität zukommt, dass aber andererseits der Mensch ein gesellschaftliches Wesen ist und deshalb seine Individualität nur in der Beziehung zu anderen realisieren kann. Hinzu kämen die Moralfähigkeit des Menschen und seine Erfahrung der Transzendenz. Und zwar liege in der Transzendenzerfahrung das religiöse Moment menschlichen Personseins begründet. Moralisches Subjekt könne der Mensch nur sein, wenn ihm ein Raum, eine Sphäre der Freiheit zur Selbstfestlegung und Selbstbestimmung zur Verfügung stehe. Aus dem Umstand, dass die Menschen die Grundbedingungen ihres Personseins nur in der Gesellschaft anderer verwirklichen können, ergebe sich die soziale Grundnorm, sich diese Bedingungen wechselseitig zu gewährleisten. Die Menschen müssten sich mit anderen Worten wechselseitig Menschenrechte einräumen, nämlich Freiheitsrechte, politische Partizipationsrechte und Sozialrechte.

Gemeinwohl: Weiter wird dem Wandel des Begriffs Gemeinwohl nachgegangen, der seit jeher ein Zentralbegriff der kirchlichen Staats- und Gesellschaftslehre gewesen sei. Und zwar habe das Zweite Vatikanische Konzil vor dem Hintergrund fundamentaler gesellschaftlicher Veränderungen eine Vorstellung von Gemeinwohl als Dienstwert entwickelt, demzufolge das Gemeinwohl den einzelnen Mitgliedern einer Gruppierung zugutekommen muss, aber dadurch auch einen Selbstwert für die Gruppe erhält. Insofern besitzt der Gemeinwohltopos für den Autor die Funktion eines kritischen Korrektivs gegenüber den realen gesellschaftlichen Verhältnissen und ist deshalb einer einseitig individualistischen oder einseitig kollektivistischen Vorstellung der Beziehung von Individuum und Gesellschaft vorzuziehen.

Ehe und Familie: Hinsichtlich der Frage, welche Bedeutung Ehe und Familie heute noch besitzen, wird zunächst festgestellt, dass Ehe und Familie als praktizierte und praktizierbare Lebensformen zunehmend gefährdet sind, dass sie aber andererseits als Leitbilder immer noch hoch im Kurs stehen. De facto würden Ehe und Familie einem Funktions- und Bedeutungswandel unterliegen, aber keinem Funktionsverlust. Man könne deshalb weiterhin von der Familie als "Keimzelle der Gesellschaft sprechen. Der Lebensbereich Ehe und Familie sei aber auch aufs Engste mit der Suche nach Lebenssinn und Lebensglück und infolgedessen mit religiösen Sinngehalten verknüpft. In der biblisch-christlichen Tradition würden ferner Ehe und Familie als gottgewollt betrachtet, wobei es jedoch nicht die "christliche Ehe und Familie" gäbe, sondern allenfalls aus dem Glauben gestaltetes Ehe- und Familienleben. Aber das christliche Liebesgebot sei generell dessen Gestaltungsprinzip.

Solidarität und Subsidiarität: Bei der Analyse der Begriffe Solidarität und Subsidiarität wird auf individualistische oder kollektivistische Entartungen der Vorstellung von Solidarität hingewiesen und letztere als potenziell totalitärer Solidarismus bezeichnet. Diesen wird eine Solidarität im Sinne einer von Wohlwollen getragenen Liebe gegenübergestellt. Aus den Grenzen der realen Möglichkeiten der Solidarität ergebe sich das Prinzip der Subsidiarität. Das heißt: Was die Erfüllung bestimmter Aufgaben betrifft, haben die kleineren sozialen Einheiten immer Vorrang vor den größeren.

Option für die Armen: Daran anschließend wird die überragende Bedeutung dargelegt, die der Option für die Armen, der Bekämpfung der Armut, in den Schriften des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) zukomme. Und zwar sei hier die materiale und sozial-politische Dimension des biblischen Armutsbegriffs erneut rezipiert und aktualisiert worden. Der davon abgeleitete Optionsbegriff wurde, wie der Autor zeigt, zur Grundlage der südamerikanischen Befreiungstheologie und führte allgemein zu einem neuen Diskurs über das solidaritätsstiftende und gesellschaftsverändernde Potenzial christlicher Glaubenspraxis. Hier seien vor allem der Zusammenhang zwischen der Option für die Armen und der Herstellung von Gerechtigkeit sowie das damit verbundene Verhältnis zwischen Freiheit und Gleichheit thematisiert worden.

Arbeit: Hinsichtlich der Frage nach der Bedeutung der Arbeit für den Menschen wird ein Bekenntnis zu frei gewählter, schöpferischer und heilsamer Arbeit formuliert. Und es wird in diesem Zusammenhang scharfe Kritik am Zwang zur Arbeit geübt, dem Arbeitslose unterliegen, an der Reduzierung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf auf ein "Frauenproblem", an der Ausbeutung der Natur durch den Menschen sowie an der immer stärkeren Missachtung der Grenze zwischen Privatleben und Erwerbsarbeit.

Kirche und Politik: Beim Thema "Verhältnis von Kirche und Politik" geht es speziell um die Erwartungen der Kirche gegenüber der politischen Ordnung, also um das politische Engagement der Kirche. Wesentlich seien hier das Eintreten für Religionsfreiheit und andere Menschenrechte, der Einsatz für sozial gerechte Verhältnisse im Kontext der Globalisierung und für einen Frieden in Gerechtigkeit. Diese Forderungen würden die katholische Soziallehre bestimmen. Der Autor betont in diesem Zusammenhang den politisch u.U. auch subversiven und gerade darin Freiheit garantierenden Charakter des Glaubens.

Kirche und Geld: Beim Thema "Verhältnis von Kirche und Geld" wird zunächst dargelegt, wie das Geld aufgrund seiner hohen Bedeutung zum Fluch werden kann und dass von solchen Fehlentwicklungen – wie der Ablasshandel gezeigt hat – auch die Kirche betroffen ist. Als positives Gegenbeispiel dazu wird die kirchliche Sozialethik ins Feld geführt, denn diese gehe grundsätzlich von einer "Sozialpflichtigkeit" des Geldes aus und problematisiere deshalb die lokal und global ungerechte Verteilung von Geld. "Geld" sei für die Kirche aber nicht nur ein ethisches Problem, sondern auch ein theologisches, da Geld aufgrund seiner enormen Bedeutung mitunter als ein neuer Gott, als Götze im biblischen Sinn, bezeichnet werde. Und zwar treffe diese Sichtweise dann tatsächlich zu, wenn der Wert der Person grundsätzlich mit dem Geldwert (Preis) gleichgesetzt werde.

Naturwissenschaft und Religion: Das Verhältnis von Naturwissenschaft und Religion lässt sich nach Ansicht des Autors vielleicht am besten mit einem Bild beschreiben. Danach ist der Naturwissenschaftler wie ein Fischer im Meer der Wirklichkeit, und durch die ständige Verbesserung seiner Fangmethoden macht er immer neue, oft überraschende Fänge. Aber nie fische er das Meer selbst. Dieses sei aber für Fischer, Netz und Fang die Bedingung ihrer Möglichkeit. Alles sei ein Indiz für das Meer, für das umfassende Ganze, von dem die Religion spricht, wenn sie Gott sagt.

Bioethik: Hinsichtlich der Entwicklung einer Medizin- und Bioethik wird festgestellt, speziell die Bioethik sei eine Antwort auf die stürmischen Entwicklungen in den Biowissenschaften. Stichworte sind hier Gentechnik und die sich abzeichnende Möglichkeit, Menschen zu klonen. Was die konkrete Ausgestaltung der Bioethik betreffe, gebe es verschiedene Positionen. Inzwischen würden aber immer mehr Autoren, vor allem auch Theologen, einen Ansatz vertreten, der die verschiedenen Positionen integriert. Dieser könne beschrieben werden als eine relative Anthropozentrik. Das heißt: Hier geht es nicht nur um die Interessen und den Schutz des Menschen, sondern allen Lebens.

Hinsichtlich der Ausbildung konkreter Verhaltensweisen (Normen) auf dem Gebiet der Bioethik habe sich insbesondere in der kontinentaleuropäischen Bioethik ein Ansatz durchgesetzt, der von der Strukturganzheit der Handlung ausgeht. Danach ist eine Handlung dann gut, wenn all ihre Strukturelemente gut sind. Und ob etwas gut ist, entscheidet sich wiederum daran, ob es menschlich ist. In diesem Sinne würden die deutschen Bischöfe von der Menschenwürde als gemeinsamem, transkulturell akzeptiertem Prinzip zur ethischen und rechtlichen Bewertung der Biowissenschaften ausgehen.

Friede, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung: Abschließend wird den Zusammenhängen von Friede, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung nachgegangen. Und zwar wird hier betont, dass der Einsatz für Friede, weltweite Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung Verwirklichung der universalen Heilssendung der Kirche, oder vielmehr beider Kirchen, sei, wobei der Zusammenhang zwischen diesen Problemfeldern unbedingt zu beachten sei. Das heißt: Kein Friede unter den Völkern ohne weltweite Gerechtigkeit und ohne Friede und Gerechtigkeit keine Bewahrung der Schöpfung.

 

- Dem ist aus meiner Sicht eigentlich Nichts hinzuzufügen. Aber ich möchte abschließend zwei wichtige Einsichten formulieren, die ich persönlich aus diesem Buch gewonnen habe:

  • Der Mensch kann nicht oder nur in begrenztem Maße sein Glück selber schmieden. Glück ist ein Geschenk Gottes.
  • Das entbindet den Menschen nicht von der Verantwortung für die Schöpfung, die Gott ihm anvertraut hat.
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