Ein Genre ganz anderer Art der Literatur entwickelte sich etwa seit Ende der 1990er Jahre und wird primär von Frauen für Frauen geschrieben. Natürlich stehen sie in der Tradition von früheren Werken etwa von Gaby Hauptmann und anderen, doch zeichnen sie sich besonders durch eine Leichtigkeit, ja geradezu einer vordergründigen Oberflächlichkeit, aus und werden unter der selbstironisch pejorativen Bezeichnung Chick-Lit vertrieben. Das Sujet dieser belletristischen Erzählungen besteht eigentlich stets aus einer Protagonistin auf der Suche nach dem großen Liebesglück, die häufig zugleich Karriere, Familie und ein gehöriges Stück Chaos unter einen Hut bringen möchte. Zumeist spielt die Geschichte in Großstädten, wo es so etwas wie eine »Szene« und »Schickimicki« gibt. Zu den berühmtesten dieser Romane dürfte »Schokolade zum Frühstück« von Helen Fielding gehören.

Nun scheint sich aber die Autorin Amelie Sommerfeld ganz offenbar gefragt zu haben »wieso das eine oder das andere wenn man doch auch beides haben kann?« Chick-Lit auf dem Lande geht doch auch und so bringt sie kurzerhand Chaos, Slapstick, Liebesdramen, kleine und große Alltagskatastrophen, sowie Schickimicki in – oder zumindest unmittelbar vor – die Alpen, nämlich in die direkte Umgebung von Rosenheim. Wobei: Inwiefern sie dabei die Schickimicki-Welt literarisch von außen in diese Alpenrand-Beschaulichkeit bringt oder sich nur eines dort offenbar sich selbst inszenierenden und zelebrierenden Schickimicki-Versuchs bedient sei an dieser Stelle einmal dahingestellt.

Dass Sommerfeld in Ihrem Roman »Fernsehstars küssen auch nicht besser« mit reichlich Lokalkolorit und sicherlich einem großen Maße an Selbstbeobachtung und Selbstironie mit einfließen lässt, wird dem aufmerksamen Leser schon bald klar; gerade das macht den Text so erfrischend lesenswert. Doch eins nach dem andern.

Alpen-Chick-Lit

Sicherlich war Amelie Sommerfelds oberstes Ziel nicht eine ganz neue, ganz eigene Literaturgattung zu schaffen und doch könnte man analog zu den Alpenkrimis, die inzwischen fast schon inflationär entstehen, nun vielleicht von Alpen-Chick-Lit sprechen – mal sehen was sich in Zukunft noch daraus entwickeln wird …

Die Handlung

Im Chick-Lit Roman »Fernsehstars küssen auch nicht besser« begegnet uns gleich zu Beginn die Protagonistin der Geschichte, deren Name Magdalena Schneider wir erst etwas später erfahren, eine 26-jährige, die beschlossen hatte (mal wieder) umzuziehen. Aus der Stadt sollte es nun aufs Land gehen, dreißig Kilometer ins Hinterland. Als junge Frau mit leichtem Hang zum Chaos, auf sich selbst gestellt, meistert sie den Umzug mit Kisten und schrottreifem Auto, verzweifelt, fluchend, von den Männern dieser Welt enttäuscht und voller Vorfreude auf Ihr neues Zuhause. Auf einen alten, etwas heruntergekommenen aber bezahlbaren Bungalow aus den 1960er Jahren fiel die Wahl. Als freie Journalistin einer Provinzzeitung leidet sie unter chronischem Geldmangel, genießt aber auch die Freiheiten die Ihr dieser Job bietet. Mit Männern scheint sie ihre Probleme zu haben. Nicht dass sie mit Männern im allgemeinen nichts anzufangen wüsste, ganz im Gegenteil. Die Hormone haben sie durchaus ganz schön im Griff. Einzig bei der Wahl der Männer hat sie kein so ganz glückliches Händchen: »Der letzte große Liebeskummer hatte mir gewaltig zugesetzt, fast ein Jahr lang war ich nur noch ein Wrack gewesen. Mein Beuteschema bestand nämlich grundsätzlich aus gutaussehenden Typen, die sich erst viel zu spät als Arschlöcher outeten«

Auch sonst mag sie nicht so Recht dem Bild einer heute 26-jährigen entsprechen. Nicht die aktuellen Charts haben es ihr angetan, sondern Musik der 1970er Jahre, Bands wie Led Zeppelin und T. Rex, Fernseher besitzt sie keinen, Schickimicki-Getue ist ihr zu blöd und ein kühles Bier zieht sie jedem Prosecco vor. Auch mit aktueller Mode hat sie nicht sonderlich viel am Hut und fällt als »Neue« mit ungebändigter Lockenmähne und Peace-T-Shirt in dem kleinen Ort schnell auf. Unter anderem auch Chris, der ihr nach einer Autopanne mit seinem alten Motorrad zu Hilfe kommt und dabei gleich bei ihrer ersten Begegnung Magdalenas Hormone etwas durcheinander bringt. Doch er ist nicht der einzige. Denn da ist noch Charlie, der sie mit seinem weißen Lamborghini beinahe über den Haufen gefahren hätte. Sowohl optisch als auch bezüglich des Lebensstiles stellt Charlie das genaue Gegenteil von Chris dar: Überheblich, selbstverliebt und selbstinszenierend, offenbar zu Wohlstand gekommen und nun ein Schickimicki-Dasein zelebrierend. Stets mit großer extravaganter schwarzer Brille unterwegs lässt er die Puppen tanzen, sowohl im Familienbetrieb des verstorbenen Vaters, den er gemeinsam mit seiner Mutter führt, als auch außerhalb. Neben seiner Tätigkeit im Unternehmen spielt er sich als Fernsehstar auf, nachdem er Teil einer jener inhaltslosen Reality-Soaps wurde, wie sie zuhauf im Privatfernsehen zu sehen sind, was seiner bodenständigen aber gefährlich energischen Mutter deutlich missfällt. »[…] trotzdem hatte er zugesagt, als man ihm vor einigen Monaten angeboten hatte, bei einer eigenen TV-Show vor der Kamera zu stehen. ›Glamour und heiße Schlitten‹, eine Art Reality-Sendung, für die er sich ein Playboy-Image zulegte und dieses auch ausgiebig zelebrierte«. Nicht nur sein Spitzname »Brillen-Charlie«, auch viele andere Eigenheiten, etwa sein Vorhaben einen eigenen Hit zu produzieren, weisen doch sehr stark darauf hin, dass diesem Charlie im Buch eine real existierende, sich gleichfalls selbst zum Promi machende Person mit ebenfalls zusammengesetztem Spitznamen, jedoch keine schwarze Brille tragend, zu einem guten Teil Pate stand …

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Zwei unterschiedliche Typen und dazwischen Magdalena. Keine Dreiecksgeschichte im eigentlichen Sinne, doch Magdalena ist zeitweise hin- und hergerissen und kann sich der Faszination von Brillen-Charly, der eigentlich gut bayerisch Josef Mitterhuber heißt, nicht entziehen, obwohl ihr genau das Schickimicki-Leben zuwider ist.

Missverständnisse, kleinere Dramen, Zerwürfnisse, Alltagschaos, immer wieder ein zur Ordnung rufender Chef, das bildet das Kerngerüst der Geschichte, die wie jede Chick-Lit Geschichte natürlich auch ein »End« hat. Ob dieses »Happy« ist oder nicht? Lesen Sie's doch selbst …

Fazit

Mit dem Chick-Lit Roman »Fernsehstars küssen auch nicht besser« liefert Amelie Sommerfeld eine neue, erfrischend leicht lesbare Geschichte rund um Liebe, Leiden, Eifersucht, Alltagskatastrophe, Chaos und Glück. Sie bedient sich dabei einer ungekünstelten gut lesbaren Sprache, die durch Schlichtheit, Witz und Ironie ganz unverkrampft die Leserin (aber durchaus auch den Leser!) mitnimmt in eine Welt, die bei genauerer Betrachtung gar nicht so außergewöhnlich ist, lediglich die Realität wird an der einen oder andere Stelle ein wenig überzeichnet. Erzählt wird diese Geschichte zum einen Teil in Ich-Perspektive aus der Sicht von Magdalena, zum anderen Teil aus neutraler Erzählperspektive, die aber eigentümlich wirkt, als sei auch in diesem Fall Magdalena die Erzählerin. Dies ist jedoch keinesfalls störend, vielmehr erscheinen die Handlungen an denen die Protagonistin nicht beteiligt ist, genauso vertraut wie diejenigen, an denen sie unmittelbar Teil hat. Vor allem im ersten Drittel des Buches verzichtet Sommerfeld auf allzu ausgeschmückte Bilder. Während etwa bei Jörg Maurer in zwei Absätze ausgekostet werden würde, wie eine Person an eine Handynummer gekommen ist, so ist das Sommerfeld nicht wichtig. Er hat sie, ruft an, das genügt. Und in der Tat, hier genügt es tatsächlich. Im Laufe des Buches bleibt der Sprachstil zwar im wesentlichen gleich, doch scheint er sich mit der Fortentwicklung der Geschichte ebenso mit zu entwickeln. Die Verflechtungen der Personen untereinander werden komplexer und die Sprache etwas blumiger als wolle sie den Leser ermahnen »jetzt kannst du das Buch noch nicht weg legen!« und das gelingt ihr auch.

Sicherlich darf man diesen Roman nicht mit den großen Klassikern vergleichen, hierfür ist er aber auch nicht geschrieben. Auf der anderen Seite gehört er aber auch nicht zur austauschbaren Massenware wie jene Groschenromane oder Reality-Doku-Soaps im Privatfernsehen. Amüsant und unterhaltsam, genau das Richtige für zwischendurch oder als Strandlektüre. Und irgendwie kommen einem all diese Menschen bekannt, ja vielleicht die eine oder andere Person gar vertraut vor. Vielleicht fällt es gerade deshalb auch so schwer, das Buch aus der Hand zu legen, es könnte ja auf einer der nächsten Seiten der eigene Nachbar beschrieben sein, erst Recht wenn er in oder um Rosenheim wohnt.

Natürlich gehört in einen guten Chick-Lit Roman auch immer ein Schuss Erotik, so auch bei Sommerfelds »Fernsehstars küssen auch nicht besser«. Angenehm dabei ist, wie sie zwar Andeutungen macht, dabei jedoch nie darüber hinaus geht oder gar ins Billige, Plumpe abgleitet. Wer will, darf sich die Geschichte an diesen Stellen einen Augenblick lang selbst im Kopf weiterspinnen, doch mehr benötigt die Handlung nicht. »Charlie fixierte ihr Dekolleté, das sich nur wenige Zentimeter von seinem Gesicht entfernt befand. Der Ausschnitt des Kleides saß so tief, dass er fast ihre Nippel sehen konnte. In seiner Lendengegend wurde es ziemlich heiß«. An anderer Stelle »Seine Mutter hob skeptisch eine Augenbraue. ›Ist das eine deiner Fernsehweiber?‹ ›Das ist deine neue Assistentin.‹ ›Jessas ... Wo hast du die denn aufgetrieben? Nein, sag es mir nicht. Ich kann mir schon denken, wie das Vorstellungsgespräch abgelaufen ist‹ Sie betonte dieses Wort etwas anzüglich und Charlie wusste, dass sie es auch so meinte«.

Einige Stellen im Text, lassen erahnen, das Amelie Sommerfeld auch im Theatergenre zuhause ist. So finden sich immer wieder kleinere Passagen, die sich zweifelsohne gut auf der Bühne jener kleinen, der Provinzkomödien verschriebenen Theatergruppen, von denen es in letzter Zeit erfreulicherweise wieder immer mehr gibt, machen würden. »Mitterhuber! Meine Geduld ist nicht unerschöpflich! Das Tier ist damals einfach abgehauen – wundert mich ehrlich gesagt nicht – und hat bei unserem Bürgermeister im Vorgarten seine Mopsdame geschwängert. Unter Kidnapping verstehe ich was anderes.«

In diesem Sinne meine Damen, denken Sie stets daran und seien Sie gewarnt: »Fernsehstars küssen auch nicht besser!«

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