Cold Reading im Fernsehen - Lie to me, The Mentalist und Psych

Im Fernsehen gibt es derzeit eine ganze Reihe an Serien, die sich mit dem Thema beschäftigen. Die Fernsehserie Lie to me greift direkt auf die Forschungsergebnisse des amerikanischen Psychologen Paul Ekman zurück, der die Mikroausdrücke des menschlichen Gesichts erstmals im Detail untersuchte. Die Serie versucht dem Publikum die Wissenschaft dahinter auf unterhaltsame Art und Weise näher zu bringen. Am Beispiel der Protagonisten und Prominenter wie Bill Clinton wird dem Zuschauer etwas über Körpersprache und Gesichtsausdrücke beigebracht. Die Helden der etwas populäreren Serien  The Mentalist und Psych  setzen dieselbe Technik ein, erklären ihre Fähigkeiten aber nicht oder umschmücken sie sogar mystisch. Auch sie benutzen Cold Reading, das Lesen von Körpersprache und Gesichtsausdrücken in Verbindung mit statistischen Wahrscheinlichkeiten, um ihre Gegenüber zu manipulieren und Mordfälle zu lösen.

Das Unterbewusstsein - Wie frei sind wir wirklich?

Wir unterliegen häufig der Illusion unser Leben perfekt unter Kontrolle zu haben. Jeder Schritt unseres Lebens ist selbstbestimmt und folgt einer inneren - nur uns selbst bekannten - Logik. Umso enttäuschender wirkt die Erkenntnis, dass dem keineswegs so ist.

Unsere Gedanken sind mental programmiert, durch Erziehung und soziales Umfeld wurde uns eine Kultur und ihre Denkweise einverleibt. Die Kleidung, die wir tragen, was wir als höflich oder unhöflich empfinden, unser Verhältnis von Nähe und Distanz, sogar unsere Vorstellung von Zeit, sie sind kulturell und von unserem gesellschaftlichen Umfeld geprägt.

Das jedoch ist erst der Anfang. Psychoanalytiker in der Tradition Sigmund Freuds beschäftigen sich seit jeher mit dem Phänomen des Unterbewusstseins. Moderne Neurowissenschaftler treiben die Forschung auf eine neue Spitze und stellen den freien Willen an sich in Frage. Jede Entscheidung, die wir treffen, jedes Wort, das wir sagen, aktiviert eine tief verwurzelte und für uns nicht beobachtbare Reaktion in unserem Unterbewusstsein.

Der Clou am Cold Reading besteht nun darin, dass diese Abläufe zwar für uns selbst nicht steuerbar sind, jedoch nach außen Spuren hinterlassen. Ein erfahrener Meister dieser Techniken beobachtet unsere Kleidung, unsere Verhaltensweisen und leitet davon Rückschlüsse auf unsere Position in der Gesellschaft, unsere Herkunft und unser Selbstbild ab. Er beobachtet die Reaktionen unseres Körpers, die während des Denkens über unsere Muskeln nach außen offenbart werden. Diese Muskelbewegungen jedoch sind nicht bewusst gesteuert. Unser Körper weiß nicht, dass wir die Unwahrheit sagen wollen, und verrät darum unser wahres Inneres. Ein begabter Cold Reader kann somit den Eindruck erwecken mehr von uns zu kennen als wir selbst, denn er greift tiefer als unsere bewussten Gedanken, er liest und deutet auch die Signale unseres Unterbewusstsein.

Die Körpersprache und Mikroausdrücke - Sie verraten uns

"Man lügt wohl mit dem Munde; aber mit dem Maule, das man dabei macht, sagt man doch noch die Wahrheit"

Friedrich Nietzsche

Laufen wir gebückt oder machen wir uns größer als wir sind? Was geschieht mit unseren Händen und Armen? Verschränken sie sich in einer ablehnenden Abwehrhaltung? Fangen sie plötzlich an nach den Haaren zu greifen und ganz ohne unser Wissen mit ihnen zu spielen? Insbesondere plötzliche Veränderungen in der Körpersprache zeigen unterbewusste Reaktionen auf eine Veränderung in der Umwelt und sind beim Cold Reading Gold wert.

Die ausdrucksstärkste Region unseres Körpers ist jedoch das Gesicht. Die Wahrheit ist uns sprichwörtlich ins Gesicht geschrieben. Eine Vielzahl nahe beieinander liegender Muskeln ermöglichen eine schier unendliche Vielzahl an Gesichtsausdrücken. Und nichts lässt sich so wenig bewusst steuern wie unsere Mimik. Selbst künstliche Gesichtsmimik fällt auf: Ein künstliches Lächeln z.B. verrät sich dadurch, dass nur der Mund lächelt. Beim echten Lächeln jedoch heben sich die Mundwinkel und gleichzeitig entstehen sogenannte Lachfalten rechts und links der Augen. Die Augen lachen mit. Bei einem falschen Lächeln entstehen diese Lachfältchen nicht.

                        Quelle: WikimediaCommons

Ein falsches Lächeln erstirbt auch sofort nachdem der Moment vorüber ist, während ein echtes Lachen für einen Moment verweilt. Wer diese Mikroausdrücke - oder Mikroexpressionen - erkennen und deuten kann, ist wie ein lebender Lügendetektor. Aber es ist nicht einfach. Das gesamte Gesicht reagiert wie ein Kunstwerk und nimmt die unterschiedlichsten Formen an. Mundwinkel heben oder senken sich, synchron oder nur rechts oder links, Lippen sind zusammngekniffen oder nicht, die Kieferposition verrät unsere Gefühlsregung, Augenbrauen heben sich oder schieben sich zueinander,... Die Augen sind ebenso ein Tor in die Seele. Verengte Pupillen können beispielsweise auf Erregung hindeuten.

Und dies ist nur ein kleiner Ausschnitt möglicher Reaktionen. Wer mehr über Gesichtsausdrücke erfahren möchte sollte sich nicht scheuen Fachliteratur zu konsultieren.

Das 1978 zuerst publizierte Facial Action Coding System ist ein unter Psychologen weltweit verbreitetes Kodierungsverfahren zur Beschreibung von Gesichtsausdrücken.
Autor seit 4 Jahren
13 Seiten
Laden ...
Fehler!