In welcher Branche duzt man sich?

Wenn ich hin und wieder eine Stellenanzeige lese, die mit flotter Schreibe mögliche, zukünftige Kollegen direkt mit "Du" anspricht, empfinde ich persönlich das weder als modern oder jung noch als lässig, sondern vielmehr als respektlos. Das mag jetzt eine Altersfrage sein, aber schließlich fordert man kein anderes Kind zum Spielen auf, sondern sucht einen qualifizierten Mitarbeiter.

Leider hat es sich in den letzten Jahren in einigen Branchen eingebürgert, sich direkt zu duzen, vor allem in jenen, die mit Social Media zu tun haben. Das muss der Facebookvirus sein.:-)

Aber es gab auch in der Vergangenheit immer schon Branchen, die ziemlich direkt zum Du übergingen, z.B.:

 

Kunst/Musik

Medien

Werbeagenturen

IT und Computerbranche

Callcenter

 

Grundsätzlich gilt in der Arbeitswelt, dass sich unter gleichgestellten Kollegen oder langjährigen Mitarbeitern geduzt werden darf (nicht muss!). Vorgesetzte sollten allerdings auch immer mit "Sie" angesprochen werden. Nach wie vor bietet der ältere Mitarbeiter dem Jüngeren das "Du" an. Aber selbst diese bewährte Knigge-Regel wird außer Kraft gesetzt, wenn man schon in Vorstellungsgesprächen gesagt bekommt, dass sich in der Abteilung untereinander geduzt wird. In einigen Firmen legt man auch Wert darauf, dass man teilweise in der Freizeit etwas gemeinsam unternimmt.

 

Zwischen den Zeilen gelesen

Nun fragt man sich natürlich, was diese Anzeigen überhaupt sollen. Unterschwellig wird mir als Leser damit suggeriert, dass man vorwiegend junge (flexible) Leute sucht. Handelt es sich also um eine verkappte Altersdiskriminierung?

Angesichts der Tatsache, dass man in der heutigen Arbeitswelt schon ab 40 Jahren zum alten Eisen zählt (sofern man nicht in der Chefetage sitzt), ist dies in meinen Augen nur ein weiterer Schritt, um an möglichst günstige Arbeitskräfte zu kommen. Natürlich fordern Berufseinsteiger und junge Menschen nicht so viel Gehalt wie ein Profi mit jahrzehntelanger Erfahrung. Aber ob man dem Unternehmen damit einen Gefallen tut? Das steht auf einem anderen Blatt. Viele Konzerne erwirtschaften heute ihre Dividende auf dem Rücken von Minijobbern - das darf man nicht vergessen!

Kein Weg zurück

Was tun, wenn einem das "Du" aber nun so gar nicht gefällt? Natürlich darf man höflich darauf aufmerksam machen. Allerdings ist die Gefahr, daraufhin nicht eingestellt zu werden umso größer (mangelnder Teamgeist heißt es dann hinter vorgehaltener Hand). Oder man schließt solche Anzeigen von vorne herein aus und erspart sich die spätere Enttäuschung. Denn was tun, wenn man sich mit einigen Kollegen später nicht mehr so gut versteht? Was wiederum eine neue Frage aufwirft: Fördert man auf diese Weise nicht auch späteres Mobbing? Mich würde interessieren, ob man dazu schon mal eine Studie gemacht hat.

Autor seit 5 Monaten
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