Imperialismus war kein Phänomen des 19. Jahrhunderts

Kolonialisierung gab es bereits in er Antike. So gründeten beispielsweise Phönizier und Griechen zahlreiche Siedlungen im Mittelmeerraum. Im Mittelalter waren es vor allem die Völker aus dem Norden, die letztlich bis Neufundland vorstießen und lange vor Christoph Kolumbus Nordamerika entdeckten. Dieser erreichte den Kontinent erst 1492 auf der Suche nach einem neuen Handelswegs nach Indien. Den ursprünglichen Landweg hatten zuvor die Osmanen blockiert. Alle neuen Entdeckungen und Gründungen erfolgten also keineswegs nur aus Neugier. Dafür waren diese Reisen viel zu teuer und riskant. Stets stand die Notwendigkeit hinter den Entdeckern, die eigentliche Triebfeder hinter so gut wie allen neuen Entwicklungen.

Das Wettrennen um die "Neue Welt"

Nach der Entdeckung der neuen Welt kam es bald zu einem Wettrennen um die dort vorhandenen Reichtümer. Während sich Spanier und Portugiesen zunächst vor allem im Süd- und Mittelamerika sowie die südlichen Teile Nordamerikas kümmerten, konzentrierten sich Briten, Franzosen und Holländer auf den Norden. Zwischen den verschiedenen Mächten kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen. Insbesondere die nur schwer zu schützenden Handelsrouten wurden immer wieder zu Zielen von Angriffen seitens Konkurrenten und Piraten. Auch an Land kam es zu Kriegen, in denen auch immer wieder Ureinwohner als Bundesgenossen eingesetzt wurden. Doch auch gegen diese kam es letztlich zu Kämpfen, wenn sie der Ausbeutung ihrer Heimat nicht tatenlos zusehen wollten. In allen amerikanischen Landesteilen kam den sich eigentlich in der Unterzahl befindenden Europäern zugute, dass die verschiedenen Stämme häufig verfeindet und zudem waffentechnisch deutlich unterlegen waren. Schlimmer aber waren die neuen und dem Immunsystem der Ureinwohner unbekannten Krankheitserreger, die ganze Stämme dahinrafften. In Nordamerika konnten sich die Briten schließlich gegen alle Konkurrenten durchsetzen.

The Rhodes Colossus

The Rhodes Colossus (Bild: Edward Linley Sambourne (1844–1910))

Afrika und Asien im Visier der europäischen Mächte

Doch nicht nur hier wurden Kolonien errichtet, auch Afrika und Asien gerieten schnell in den Fokus der Kolonialmächte. Der schwarze Kontinent bot Bodenschätze, Siedlungsland und Sklaven. Diese wurden in die USA exportiert, die sich 1776 von Großbritannien losgesagt hatten. Im Süden der ehemaligen Kolonien wurden diese vor allem auf den Baumwollplantagen eingesetzt. Der Nordwesten Afrikas wurde von Frankreich beherrscht. Belgien war im Kongo präsent, Großbritannien in Ägypten, im Sudan und Südafrika. Angola und Mosambique waren in portugiesischer Hand. Italien kontrollierte zur selben Zeit Lybien. Das deutsche Reich herrschte vor dem ersten Weltkrieg über Kamerun. Ost- und Südwestafrika. Aufstände gab es hier genauso wie in anderen Teilen der Welt. Die Briten kämpften einen verlustreichen Krieg gegen die Zulus in Südafrika. Nach dem Aufstand der Herero und Nama gegen die deutsche Herrschaft in Südwestafrika töteten die deutschen Truppen ca. 85.000 Aufständische inklusive ihrer Frauen und Kinder.

Das russische Reich konzentrierte sich auf umliegende Gebiete, vor allem auf den Balkan, die Mongolei, die Mandschurei und den nahen Osten. In Afghanistan, Tibet und Persien stieß die russische Einflusssphäre auf die der Briten, was immer wieder zu Spannungen führte. Heftiger noch aber waren die Auseinandersetzungen mit Österreich-Ungarn um den Balkan, die letztlich zum ersten Weltkrieg führen sollten. Im Osten gab es Kämpfe mit dem japanischen Kaiserreich, die die Japaner letztlich für sich entscheiden konnten. Diese stießen auch mit den Briten zusammen, die inzwischen Indien und Hongkong besetzt hielten. In China hatten die acht Staaten Großbritannien, Deutschland, Italien, Österreich-Ungarn, Japan und die USA Handelsstützpunkte errichtet, um die noch freien Märkte zu erschließen. Sie gerieten dabei mehrmals in Streit mit dem chinesischen Kaiser, dem es vor allem um die Wahrung der ursprünglichen Kultur seines Reiches ging. Es kam zu mehreren Auseinandersetzungen, darunter der berühmte Boxeraufstand von 1900. Letztlich konnte sich Ausländer allerdings militärisch durchsetzen und die weiter Öffnung der Märkte erzwingen.

Die USA konzentrierten sich neben Mittelamerika auf den Pazifikraum, was mittelfristig zu Spannungen mit Japan führten. Hawaii, Samoa, Guam und die Philippinen wurden zu den wichtigsten Stützpunkten.

Das schwierige Erbe des Imperialismus

Die Herrschaft über große Teile der Welt brachte den Kolonialmächten sowohl Vor- als auch Nachteile ein. Besonders zu Beginn bedeuteten die neu entdeckten Länder einen plötzlichen Zuwachs an Ressourcen und neuen Märkten. Die Rohstoffe konnten im frisch industrialisierten Westeuropa rasch verarbeitet und wieder verkauft werden. Billige Arbeitskräfte und Sklaven in den Kolonien selbst sicherten den Wohlstand ihrer Herren. Die auf diese Art eroberten Gebiete konnten den Europäern häufig nicht viel entgegen setzen, auch wenn es immer wieder zu blutigen Aufständen und kleineren Siegen kam. Teilweise wurden ganze Völker ausgerottet oder zumindest stark dezimiert. Zu den zum großen Teil sehr rücksichtslosen und brutalen Vorgehensweisen trug . das Bild bei, dass man in Europa von den Eingeborenen hatte. Diese wurden als deutlich unterlegen und unterentwickelt wahrgenommen. Die Staaten sahen sich daher weniger als Ausbeuter, sondern als Bringer der Zivilisation und des christlichen Glaubens.

Langfristig konnte dieses System nicht fortbestehen. Die Widerstände wuchsen und es wurde zunehmend teuer, Kolonien zu unterhalten. Dazu kam, dass sie militärisch nur sehr schwer zu halten waren. Nach und nach wurden sie daher aufgegeben, auch wenn das Zeitalter der Kolonien nicht mit dem Ende des Imperialismus endete. Erst in den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg wurden die letzten Kolonien in die Unabhängigkeit entlassen. Relikte dieser Zeit finden sich aber auch heute noch. So ist aus dem britischen Empire das Commonwealth erhalten geblieben, ein freiwilliger Zusammenschluss zwischen Großbritannien und 53 souveränen Staaten aus den ehemaligen Kolonien. Die Königin von England ist heute noch Staatsoberhaupt von 16 dieser Staaten, unter anderem von Kanada, Neuseeland und Australien.

Doch während das Commonwealth ein friedlicher Zusammenschluss ist, führen die alten Grenzziehungen bei Aufgabe der Kolonien heute in vielen Teilen der Welt zu weiteren Kriegen. Ob Afrika, der nahe Osten oder Asien – die überall schwelenden oder offen ausbrechenden Konflikte lassen sich sehr häufig auf die koloniale Vergangenheit zurückführen. So hat Europa zwar eine Zeit lang massiv von seinen Kolonien profitiert, mit ihnen aber auch ein schwieriges und konfliktbelastetes Erbe erschaffen.

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