Der Purpurschnitter

Der Purpurschnitter (Bild: auf Amazon zeigen)

Was also vor sich geht

Am Ufer der Leine in Hannover werden nach und nach sieben rechte Männerfüße angeschwemmt. Die ermittelnde Polizei tappt im Dunklen, krause Theorien werden bemüht, Übernatürliches von dubiosen Moorgestalten beschworen. Schließlich bastelt sich bald jeder seine Theorie zurecht, basierend auf Hörensagen oder Erfundenem, Gelesenem: "Wenn ich richtig informiert bin, befanden sich an jedem Fuß auch unterschiedlich lange Stücke des Wadenbeinknochens, manchmal auch vom Schienbein. Man kann demzufolge davon ausgehen, dass den Betroffenen nicht nur der Fuß, sondern das Bein bis zum Knie amputiert wurde."

Mit dem Auffinden der fachgerecht abgeschnittenen Männerfüße beginnt zeitgleich ein Alptraum für Lilly Leberecht, der Hauptfigur: "Warte, warte nur ein Weilchen, dann kommt Haarmann auch zu dir. Mit dem kleinen Hackebeilchen macht er Hackefleisch aus dir...", singt ihr eine verstellte Stimme wieder und wieder durch das Telefon vor. Die Dynamik des Bösen, die Winkelzüge des Täters, die Psychologie des Verbrechens beherrschen nach und nach die Erzählung, verstricken Lilly in ein Labyrinth aus Verdächtigungen, Irrwegen und Vergangenem, Bedrohlichen und Ausweglosen:

"Aus dem Birkenhain krächzten die Raben. Schwarze, düstere Schar. Durchbohrte mich mit Hungeraugen. Was war Traum? Was Wirklichkeit in dieser stürmischen, unheiligen Nacht?

Aus dem Schilf hörte ich ein Fauchen. Klägliches Seufzen. Gezeter und lautes, hohles Weinen wie Babygeschrei, das nicht endet. Unsichere Schritte tapsten raschelnd durch Laub. Körperlose, die Frieden nicht fanden? Es wimmerte von Osten, von Westen, von Nord. Ein Geisterchor der vom Höllenreich sang?"Das ist Nachtgetier....."

 Die Herangehensweise

"Der Purpurschnitter" vereinigt in außergewöhnlicher Weise eine spannende, detailreich und technisch brillant umgesetzte Krimihandlung mit einer überaus poetischen und anmutigen Sprache, die es dem Leser erlaubt, sich in jene zauberhaft verwunschene, düstere und geheimnisvolle Moorlandschaft, jene Märchenlandschaft hineinzuversetzen. Die anmutige Leichtigkeit, welche Gloria Frost in die teils komisch humorvollen, teils aberwitzigen Dialoge legt, lassen die menschlichen Abgründe, die Tiefen und Nischen des Bösen ab und an verblassen. Die wortgewaltige und bildreiche Sprache ist ein verlässliches Gerüst dieses Kriminalromans, der eben mehr ist als bloß ein weiterer Vertreter seines Genres, da sich hier in wunderbarer Weise eine vortreffliche, spannungsgeladene Geschichte mit einer kunstvollen Sprache verbindet:

"Hannover glich einem verwunschenen Märchenland. In der Fußgängerzone glitzerten und funkelten die Adventsbeleuchtungen der Geschäfte um die Wette. Vom Weihnachtsmarkt wehte uns schon der Geruch nach Rumpunsch, Schmalzgebackenem, gerösteten Bratwürsten und anderen Leckereien in die Nase. Der Nikolaus stand mit seinem Pappesel vor einer riesigen Tanne und wartete auf Eltern, die ihren Nachwuchs fotografieren lassen wollten. Sternenbekränzte Girlanden überspannten die Altstadt, die uns in vergangene Jahrhunderte zurückversetzte. Arm in Arm schlenderten wir durch die Knochenhauergasse, am Leineufer vorbei, verharrten mit wohligem Schauer in der Roten Reihe. In einem dieser windschiefen Häuser, die sich unter dem Schneehimmel duckten, hatte seinerzeit Haarmann den Jungen im Blutrausch die Kehle durchgebissen, sie anschließend wahrscheinlich zu Wurst und Sülze verarbeitet, wenngleich er Letzteres bis zu seiner Hinrichtung abgestritten hatte.."

Es ist dieser unaufgeregte und zugleich verführerische Sprachduktus, der in den Bann zieht und nicht mehr loslässt:"Dann lege ich mich auf die Wiese hinter dem Burghof, folge mit großen Augen den weißen Schlieren am Horizont, die gen Süden ziehen, pflücke einen Strauß Vergissmeinnicht, werfe ihn dem Wind hinterher. Vielleicht trägt er die Blumen ja bis ans Mittelmeer, wo Adrian am Strand sitzt und sich daran erinnert, dass er jeden Morgen in seinem Ranzen nach meinen Vergissmeinnicht suchte. Vielleicht." 

Die Autorin Gloria Frost

In einem Interview mit den "Peiner Nachrichten" beschreibt Gloria Frost ihre Intention:

"In meinem Kopf entstehen laufend neue Geschichten, die ich zu Papier bringen muss", und weiter: "Es ist faszinierend, wenn man bei Dämmerlicht in seinem Sessel sitzt und sich schaudern kann. Aber ich muss mich in Sicherheit wiegen können..." 

Als Mitglied der Kriminalschriftstellerinnenvereinigung "Die mörderischen Schwestern", sowie im "Syndikat", hat die in Iselde bei Hannover geborene Gloria Frost sich erste Anerkennung und Respekt erworben durch Beiträge in diversen Anthologien, Erzählungen wie "Das kalte Grauen", "Im Schattenreich" und dem Lyrikband "Mondgeflüster", einer Sammlung außergewöhnlicher Gedichte,wovon einzelne schon vertont wurden.

Will man Gloria Frost nach der Intention ihres Schreibens befragen, so definiert die Autorin ihre Beweggründe, ihre Herangehensweise, ihren Stil mit entwaffnender Direktheit: "Bücher sind wie Kinder. Selten verläuft die Geburt kurz und schmerzlos. Kaum, dass die Babys das Licht der Welt erblicken, lässt ihnen Mutter Liebe und Fürsorge angedeihen, fördert und fordert sie nach bestem Wissen und Gewissen, damit sie groß und stark werden. Hegt ihre Brut, umsorgt sie, bügelt jeden Fehler aus, sobald sie ihn entdeckt, weicht bei Tag und Nacht nie ohne schlechtes Gewissen von ihrer Seite, hat kaum noch Zeit für andere Interessen, steckt all ihr Herzblut in die heranwachsenden Geschöpfe. Irgendwann sind sie flügge, verlassen das heimische Nest.Die Mutter bleibt zurück, hofft, dass Söhne und Töchter den rechten Weg ins Leben und die Bücher den rechten Weg zu den Lesern finden. Und sie wünscht nichts so sehr, wie: dass ihre leiblichen Kinder und ihre kopfgeborenen Kinder stets "on the sunny side of the street" wandeln und Erfolg haben werden. Manchmal klappt's"

Was ihr mit dem Thriller "Der Purpurschnitter" auf außergewöhnliche Art und Weise gelungen ist!

 

Wege

 

njrottensteiner, am 03.02.2013
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Bildquelle:
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