"If you're going to San Francisco, / be sure to wear some flowers in your hair. / If you come to San Francisco, / Summertime will be a love-in there." Als Scott McKenzie diesen Hit 1967 sang, war die Hippiebewegung in den USA auf ihrem Höhepunkt angelangt. Der Song wurde zum Leitmotiv einer ganzen Generation von 18- bis 25-Jährigen, und er beschreibt ein Lebensgefühl, das es bis zu jener Zeit noch nie gegeben hatte. Die Verklemmtheit und Prüderie der Nachkriegsjahre wurde von einer Welle aus Freiheitsgefühl, Unbeschwertheit und dem unbändigen Drang zur Selbstverwirklichung weggespült.

Im Nachhinein scheint diese Selbstverwirklichung vor allem aus frei und unbekümmert gelebter Sexualität zu bestehen: Was in San Francisco, seit jeher Amerikas hedonistischster Stadt, im Stadtteil Haight-Ashbury, der Hippie-Hochburg, seinen Ausgang nahm, überflutete bald schon große Teile der westlichen Welt. "Make Love, not War" lautete die Aufforderung, geschlossen gegen den verhassten Vietnamkrieg zu Felde zu ziehen - und sich stattdessen den fleischlichen Freuden zu widmen - mit einer bis dato unbekannten Intensität und Offenheit.

Auf den Zug der neuen Bewegung sprangen auch Journalisten, Schriftsteller und Verleger - und brachten, die Gunst der Stunde nutzend, zahlreiche Magazine heraus, die sich auf Sex in allen Variationen stürzten und die ausgiebigen Schilderungen mit zahlreichen Fotos bereicherten. Sex sells - vermutlich wurde dieser Slogan auch in jenen Jahren geprägt. Die Magazine waren vor allem eines: explizit und bunt. Zum ersten Mal konnte, wer wollte, am Kiosk Zeitschriften kaufen, in denen der nackte Körper geradezu kultisch verehrt und verherrlicht wurde. Selbst der Penis, Tabukörperteil erster Güte, wurde auf einmal gesellschaftsfähig und darstellungswürdig in allen Aggregatsformen.

Da die Abbildungen von Genitalien mit der Zeit freilich ein wenig eintönig wurden, denn der Variantenreichtum von Penis und Vagina hält sich letztlich doch in überschaubaren Grenzen, wurden die Körper künstlerisch aufgemotzt: mit grellbunten Farben in psychedelisch anmuntender Umgebung, bildtechnisch verfremdet, mit Comicelementen angereichert. Auch das war damals eine neue Erfahrung: Über Sex konnte man tatsächlich lachen.

Die wilden und - im Rückblick geradezu - unschuldigen Jahre ruft ein knallbunter Bildband aus dem Kölner Taschen Verlag in Erinnerung: "The Psychedelic Sex Book", zusammengestellt von Paul Krassner und Eric Godtland. Krassner, Jahrgang 1932, gehörte schon fast zu den Oldies der Sexszene, in die er hineintauchte und deren aktives Mitglied er wurde. Freimütig beschreibt er, wie es damals auf den einschlägigen Parties zuging - und was abging. Und wenn man seinen Worten Glauben schenken will, war er Teilnehmer der ersten durchorganisierten Gruppensexparty, aus denen später die Swingerclubs hervorgingen.

Das liest sich amüsant und, ja, auch ein bisschen mit Nostalgie im Augenwinkel: Erfahrungsberichte aus einer Dekade, in der schöne neue Welten entdeckt wurden, auf die spätestens mit dem Aufkommen von Aids dunkle Schatten fielen. Die dazugehörigen Bilder sind schrill, explizit, die meisten mit geringem künstlerischen Anspruch, einige wenige witzig und originell. Und ein bisschen rührend ist es schon zu sehen und zu lesen, wie die Elterngeneration, naiv und abenteuerlustig, sich daran machte, den eigenen und andere Körper zu erforschen.

© Rainer Nolden

 

Eric Godtland und Paul Krassner, Psychedelic Sex, hrsg. von Dian Hansen, deutsch, englisch und französisch, Taschen Verlag Köln, 408 Seiten, 49,90 Euro. 

Psychedelic Magazine 1970
Psychedelic Magazine 1970

Psychedelic Magazine 1970 (Bild: Taschen Verlag)

Eve Magazine 1970
Eve Magazine, 1970 (Bild: Taschen ...

Eve Magazine, 1970 (Bild: Taschen Verlag)

Rainer, am 18.05.2015
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