Glaube (Bild: geralt/pixabay.com)

Was bedeuten Glaube, Liebe, Hoffnung?

 

  • Glaube/Glauben bedeutet zunächst, dass man etwas für wahrscheinlich hält, dass man darauf vertraut, dass etwas existiert. Beim religiösen Glauben wird daraus Gewissheit. Das heißt, man ist fest davon überzeugt, dass etwas wahr ist, dass z.B. Gott wirklich existiert und immer schon existiert hat. Glaube ist deshalb an der Vergangenheit orientiert. Symbol des religiösen Glaubens ist das Kreuz.

 

  • Liebe ist das stärkste Gefühl, das Menschen empfinden können, und bedeutet, allgemein betrachtet, große Zuneigung und Wertschätzung. In religiöser Perspektive stehen die Liebe zwischen Gott und den Menschen sowie die Nächstenliebe im Vordergrund. Liebe ist immer gegenwartsbezogen, also in der Gegenwart erfahrbar. Symbol der Liebe ist das Herz.

 

  • Hoffnung ist die Erwartung, dass etwas Wünschenswertes eintreten wird. Man kann hier auch von der Zuversicht sprechen, dass sich etwas zum Guten wenden wird. Hoffnung ist also zukunftsgerichtet. Im religiösen Kontext geht es um die Hoffnung auf Auferstehung und das ewige Leben sowie auf die Wiederkehr Christi. Es geht hier aber auch um die Hoffnung darauf, dass Gott Menschen, die in Not sind, helfen wird. Am deutlichsten kommt diese Hoffnung bekanntlich im Gebet zum Ausdruck. Das Symbol der Hoffnung ist der Anker.

Liebe (Bild: geralt/pixabay.com)

Hoffnung (Bild: Nemo/pixabay.com)

Die Einheit von Glaube, Liebe, Hoffnung

Im Christentum bilden Glaube, Liebe, Hoffnung eine untrennbare Einheit. Sie sind die sogenannten christlichen bzw. göttlichen Tugenden. Das heißt: Es sind die Tugenden, die den Gläubigen durch die Taufe in die Seele "eingegossen" und damit von Gott geschenkt worden sind. Es sind also Gaben Gottes. Dabei kommt der Liebe die höchste Bedeutung zu. So heißt es im Neuen Testament im 1. Brief des Paulus an die Korinther: "Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei, am größten jedoch unter ihnen ist die Liebe.”(Paulus, 1 Kor 13,13) Fast gleichlautend heißt es bereits im Alten Testament im letzten Satz des Hohen Liedes der Liebe: "Es bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei, am größten aber ist die Liebe."

Die eingegossenen bzw. göttlichen Tugenden sind im Gegensatz zu den Zehn Geboten keine konkreten Handlungsanweisungen, sondern sie sind von Christen verlangte Einstellungen bzw. innere Haltungen. Die menschlichen Tugenden wurzeln also in den göttlichen. Dies kommt zum Ausdruck in der Ergänzung der göttlichen Tugenden Glaube, Liebe, Hoffnung durch die vier aus der Philosophie Platons übernommenen sogenannten Kardinaltugenden Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung. Man kann auch sagen: Durch diese Ergänzung werden die christlichen Tugenden konkretisiert. Wenn man sich mit den christlichen Tugenden beschäftigt, muss man die Kardinaltugenden immer mitdenken. Aus der Verbindung mit den Kardinaltugenden erschließt sich folglich die besondere Bedeutung der drei christlichen Tugenden Glaube, Liebe, Hoffnung für die Gläubigen, und vielleicht, so könnte hinzufügen, nicht nur für die Gläubigen. Denn man kann die Kardinaltugenden als moralische Grundfähigkeiten des Menschen betrachten, also als Fähigkeiten, die sich jeder Mensch aneignen sollte, um ein gelingendes, ein sinnerfülltes Leben, und das heißt auch, ein Leben in Harmonie mit seinen Mitmenschen, führen zu können.

Klugheit (Bild: MiroAlt/pixabay.com)

Die Kardinaltugenden Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Mäßigung

 

  • Klugheit kann man als die Fähigkeit definieren, die Dinge richtig einzuschätzen, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Gefordert sind hier folglich Urteilsfähigkeit und Einfühlungsvermögen.

 

  • Mit Gerechtigkeit ist gemeint, dass man jedem Menschen das zukommen lassen sollte, was er benötigt, um ein menschenwürdiges Leben führen zu können. Es geht hier also um die Übernahme von Verantwortung für andere. Folglich besteht hier eine starke Affinität zur Nächstenliebe.

 

  • Wesentlich bei der Tapferkeit ist die Bereitschaft, sich für eine Sache, die man als gut und richtig erkannt hat, mit vollem Engagement einzusetzen und dabei auch persönliche Risiken in Kauf zu nehmen. Gefordert ist hier also persönlicher Mut.

 

  • Mäßigung bedeutet, dass der Mensch danach streben sollte, zwischen den unterschiedlichen Anforderungen, die in den einzelnen Lebensbereichen an ihn gestellt werden, einen "gesunden Ausgleich" zu finden, also beispielsweise das rechte Maß zu finden von Arbeit und Erholung, Konsum und Askese, Gefühl und Verstand, Strenge und Milde. 

 

Insgesamt handelt es sich bei den Kardinaltugenden um menschenfreundliche, und das heißt, von Liebe getragene, Einstellungen und Verhaltensweisen und damit um Tugenden, die vielleicht niemals wichtiger waren als in der von Krisen und Kriegen erschütterten Gegenwart.

Gerechtigkeit (Bild: Nemo/pixabay.com)

Tapferkeit (Bild: Nemo/pixabay.com)

Mäßigung (Bild: Nemo/pixabay,com)

Die sieben Tugenden als Gegenpol zu den sieben Hauptsünden

Dass die Tugenden, um die es hier geht, hochaktuell sind und nichts Verstaubtes oder Altmodisches, wird noch deutlicher, wenn man die sogenannten Hauptsünden in die Betrachtung mit einbezieht. Das heißt: In der christlichen Glaubenslehre bilden die drei göttlichen Tugenden Glaube, Liebe, Hoffnung sowie die vier Kardinaltugenden Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Mäßigung den Gegenpol zu den sogenannten sieben Hauptsünden bzw. –wie man sie auch drastisch nennt - Todsünden, nämlich Stolz (Hochmut, Übermut, Eitelkeit), Geiz (Habgier), Neid (Eifersucht, Missgunst), Zorn (Wut, Rachsucht), Wollust (Ausschweifung, Genusssucht), Völlerei (Gefräßigkeit, Maßlosigkeit, Selbstsucht), Faulheit (Feigheit, Ignoranz, Trägheit des Herzens). Und dieser Gegensatz prägt, wie Mahatma Gandhi gezeigt hat, auch die moderne Welt. Nur dass hier die sieben Hauptsünden bzw. Todsünden in anderer Form erscheinen, nämlich als "Reichtum ohne Arbeit, Genuss ohne Gewissen, Wissen ohne Charakter, Geschäft ohne Moral, Wissenschaft ohne Menschlichkeit, Religion ohne Opferbereitschaft, Politik ohne Prinzipien."

Was ist Barmherzigkeit?

Es fehlt noch das vierte religiöse Kernelement, dessen allegorische Darstellung die Kuppel der Frauenkirche ziert, nämlich die Barmherzigkeit. Der christlichen Lehre zufolge ist Barmherzigkeit eine Eigenschaft Gottes, die dieser auf den Menschen überträgt, und zwar, indem er ihm vor Augen führt, was Barmherzigkeit heißt, nämlich bedingungslose Liebe zum Menschen. Von besonderer Bedeutung sind hier das Gleichnis vom verlorenen Sohn und das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Die hier von Gott gezeigte Barmherzigkeit wird dann zur Handlungsmotivation des gläubigen Menschen. Dieser ist gefordert, die göttliche Barmherzigkeit durch bestimmte Tätigkeiten nachzuahmen und weiterzugeben. Und zwar geht es dabei um sieben Tätigkeiten, die sich auf den Körper beziehen, also um sieben "leibliche Werke der Barmherzigkeit", und um sieben Tätigkeiten, die sich auf den Verstand beziehen und deshalb "geistige Werke der Barmherzigkeit" darstellen. Barmherzigkeit ist also mehr als reines Mitleid, sie beinhaltet ein aktives Element.

Die sieben leiblichen Werke der Barmherzigkeit sind: die Hungrigen speisen, den Dürstenden zu trinken geben, die Nackten bekleiden, die Fremden aufnehmen, die Kranken besuchen, die Gefangenen besuchen, die Toten begraben. Die sieben geistigen Werke der Barmherzigkeit sind: die Unwissenden lehren, den Zweifelnden recht raten, die Betrübten trösten, die Sünder zurechtweisen, die Lästigen geduldig ertragen, denen, die uns beleidigen, gerne verzeihen, für die Lebenden und die Toten beten.

Barmherzigkeit und Gerechtigkeit

Kardinal Walter Kasper, einer der einflussreichsten Denker im Vatikan, hat in einem Interview mit der "Zeit" und in einem Buch die Vorstellung von Barmherzigkeit und den Werken der Barmherzigkeit weiter verdeutlicht und damit auch aktualisiert. Und zwar besteht für ihn ein enger Zusammenhang zwischen Barmherzigkeit und – der Kardinaltugend - Gerechtigkeit, wobei es seiner Meinung nach um zwei Dimensionen von Gerechtigkeit geht, nämlich um Gerechtigkeit im Verhältnis von Täter und Opfer nach einer Straftat und um soziale Gerechtigkeit. So bedeuten im ersten Fall Barmherzigkeit und Gerechtigkeit, dass ein Täter zwar seine gerechte Strafe erhält, dass aber nicht endgültig der Stab über sein Leben gebrochen wird, sondern dass er auch eine Chance zur Einsicht, zur Umkehr und, soweit möglich, zur Wiedergutmachung erhält. Für Kasper geht also Barmherzigkeit über Gerechtigkeit hinaus, indem sie auf die Person schaut und ihr immer wieder eine Chance gibt.

Was die Verbindung von Barmherzigkeit mit sozialer Gerechtigkeit betrifft, so beruft sich Kasper explizit auf Papst Franziskus und dessen Kritik an der kapitalistischen Wirtschaftsordnung. In diesem Zusammenhang habe der Papst – so Kasper – nicht gesagt, dass alle gleich viel haben sollen. Der Papst habe vielmehr gefordert, dass alle genug zum Leben haben sollen. Gerechtigkeit in diesem Sinne ist – so Kasper – die Grundlage gesellschaftlichen Zusammenlebens, und der Staat habe dafür zu sorgen, dass es diese Gerechtigkeit gibt, dafür habe er eine Rechtspflicht. In Verbindung mit der Vorstellung von sozialer Gerechtigkeit ist Barmherzigkeit also – so könnte man daraus folgern – weitaus mehr als Mitleid oder das Verteilen von Almosen, sie ist wirklich tätige Nächstenliebe. Für Papst Franziskus ist, wie ich noch hinzufügen möchte, die Barmherzigkeit die Kraft, die den Menschen und die Welt vor dem moralischen Verfall noch retten könnte. Er hat deshalb die Barmherzigkeit zu seinem Programm gemacht.

Fazit

Die vier Tugenden, die in der Kuppel der Dresdner Frauenkirche allegorisch dargestellt sind, nämlich Glaube, Liebe, Hoffnung und Barmherzigkeit, stellen - in Verbindung mit den Kardinaltugenden Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Mäßigung - moralische Leitlinien dar, an denen sich Christen bei ihrem Denken und Handeln orientieren sollten. Man wird jedoch, wie ich gezeigt habe, diesem "Tugendkatalog" in seiner Bedeutung nicht gerecht, wenn man ihn auf den religiösen Bereich beschränkt, weil es sich hier um das ethische Fundament für ein gedeihliches Zusammenleben aller Menschen handelt, ob sie nun Gläubige oder Nicht-Gläubige, Christen oder Nicht-Christen sind. Und ein solches ethisches Fundament, das ihm Halt und Sicherheit gibt, benötigt gerade der orientierungslos gewordene Mensch der Gegenwart. Ich möchte abschließend auch noch einmal an eines der leiblichen Gebote der Barmherzigkeit erinnern, nämlich an das Gebot, die Fremden aufzunehmen. Diesem Gebot Folge zu leisten, ist ja notwendiger denn je.

Bildnachweis

Alle Bilder: pixabay.com

Autor seit 3 Jahren
105 Seiten
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