Die öffentliche Verwaltung und das Niederdeutsche - Platt snacken mit de Verwaltung

Der Schutz der einzelnen Regional- und Minderheitensprachen erstreckt sich nicht bundesweit, sondern lediglich auf die Regionen, in denen diese Sprachen üblicherweise vorkommen. Für das Niederdeutsche oder auch Plattdeutsche gelten die Bestimmungen der Sprachencharta in den Bundesländern Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein, in Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Sachsen-Anhalt. In den drei letztgenannten Bundesländern gilt allerdings eine abgemilderte Form der Sprachencharta (genauer gesagt Abschnitt zwei der Charta), nach der die Minderheitensprache dort lediglich einem besonderen Schutz unterliegt.

Abschnitt drei der Charta gilt in allen anderen der genannten Bundesländer und somit im Hauptverbreitungsgebiet der Niederdeutschen Sprache. Daraus ergeben sich weitreichende Konsequenzen für die öffentlichen Verwaltung, die Polizei und die Justiz.

Mein Plattdeutsch-Lehrer hatte also tatsächlich geltendes Europäisches Recht auf seiner Seite, als er nach einem Polizeibeamten verlangte, der Platt mit ihm sprechen konnte.

Was für die Kommunikation mit der Polizei gilt, muss natürlich auch für alle anderen Bereiche des öffentlichen Lebens gelten. Im Teil 3 in den Artikeln 8-10 der Charta ist detailliert geregelt, wozu sich die Bundesrepublik gegenüber den Minderheitensprachlern in den Bereichen Bildung, Justizbehörden und Verwaltung verpflichtet.

Kurz gesagt haben Sprecher der Niederdeutschen Sprache generell das Recht, alle ihre Obliegenheiten gegenüber Behörden und Justiz in Plattdeutscher Sprache abzuwickeln. Sie können Schreiben in Niederdeutscher Sprache nicht nur an Behörden senden, sondern haben sogar das Recht, die Antwort auf Plattdeutsch zu bekommen. Man kann also Zeugenaussagen gegenüber Polizei und Gerichten ebenso auf Platt machen, wie man mit allen anderen Behörden und Ämtern auf Plattdeutsch kommunizieren kann.

Medien, Kultur, Wirtschaft und soziales Leben - Mok mal de Kiekschapp an

Die Verpflichtungen aus Teil drei der Sprachencharta erstrecken sich noch weiter. Die Artikel 11-13 befassen sich mit dem Verhältnis der Minderheitensprachen zum öffentlichen Leben.

Demnach muss in den Verbreitungsgebieten der Minderheitensprache dafür Sorge getragen werden, dass diese in den Medien Stattfindet. Entweder müssen Hörfunk- und Fernsehsender für die Sprache geschaffen werden, oder es muss gewährleistet werden, dass im normalen Programm Sendungen für die jeweilige Sprachminderheit angeboten werden. Ferner haben es die Länderregierungen den Zeitungen zu erleichtern oder sie dazu zu ermutigen, Artikel in den Minderheitensprachen anzubieten. Im Fall des Niederdeutschen können diese Vorgaben als erfüllt angesehen werden. Sowohl Plattdeutsche Talkshows in den öffentlich rechtlichen Fernsehprogrammen, als auch entsprechende Hörfunksendungen werden regelmäßig ausgestrahlt. In Regionalzeitungen gibt es Plattdeutsche Kolumnen.

In den Bereich von Artikel zwölf, in dem es um kulturelle Einrichtungen wie Bibliotheken, Museen, usw. geht, fällt z.B. das Ohnsorg-Theater in Hamburg. Es erhält Subventionen, die sich derzeit auf 1,6 Millionen Euro pro Spielzeit belaufen.

Die Wirtschaft betreffend existieren ebenfalls Schutzvorschriften für die Minderheitensprachen. So ist es beispielsweise nicht gestattet, in Verträgen und Geschäftsbedingen Klauseln zu schreiben, die den Gebrauch der Minderheitensprache ausschließen oder erschweren. Urkunden und Verträge müssen in der Minderheitensprache aufgesetzt werden dürfen und Informationen zu Sicherheitsbestimmungen und Verbraucherrechten müssen in der Minderheitensprache verfügbar sein. In diesen Fällen gelten allerdings Einschränkungen, die besagen, dass diese Vorgaben nur bei Zumutbarkeit umzusetzen sind. Eine recht schwammige Formulierung, deren Auslegung sicher im Einzelfall zu Schwierigkeiten führen dürfte. Außerdem beziehen sich die Bestimmungen zum Schutz der Minderheitensprachen im wirtschaftlichen leben nur auf Bereiche, die dem staatlichen Einfluss unterliegen. So kann eine staatliche Bank verpflichtet sein, das Ausfüllen von Überweisungsträgern in der Regionalsprache zu ermöglichen, eine private Bank jedoch nicht.

Ist Plattdeutsch ein Dialekt oder eine Sprache - Plattdütsch is eene spraak, keen Dialekt

Da die Sprachencharta ausdrücklich auch das Niederdeutsche schützt, ergibt es sich, dass Plattdeutsch, anders als beispielsweise Sächsisch oder Bayrisch, nicht als Dialekt sondern als eigenständige Sprache gewertet wird.

Was macht Plattdeutsch zu einer Sprache? Zunächst einmal muss man wissen, dass das Niederdeutsche selbst in viele unterschiedliche Dialekte zerfällt. Typischerweise ist die Bildung von Dialekten eine Eigenschaft von Sprachen. Darüber hinaus besitzt das Niederdeutsche sowohl einen Wortschatz als auch eine Grammatik, die sich in erheblichem Maße vom Hochdeutschen unterscheiden.

Unter Sprachwissenschaftlern wie Juristen ist die Eigenständigkeit des Niederdeutschen gegenüber dem Hochdeutsche zwar nicht unumstritten, da es aber in die Europäische Sprachencharta aufgenommen wurde, sind die dortigen Vorschriften gleichwohl bindend.

Deutsche Fassung der Sprachcharta.

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Rene_Junge, am 01.10.2012
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Autor seit 4 Jahren
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